{"id":496358,"date":"2025-10-13T21:28:24","date_gmt":"2025-10-13T21:28:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/496358\/"},"modified":"2025-10-13T21:28:24","modified_gmt":"2025-10-13T21:28:24","slug":"das-leben-eines-grossen-versoehners-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/496358\/","title":{"rendered":"Das Leben eines gro\u00dfen Vers\u00f6hners \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Seinen 95. Geburtstag im Juni hat er noch erlebt. Am Montagmorgen, dem 13. Oktober, ist Friedrich Magirius gestorben. Auch wenn es in den letzten Jahren still geworden ist um den Mann, der 2022 Ehrenb\u00fcrger der Stadt wurde: Vergessen war er nicht. Denn er geh\u00f6rte zu den pr\u00e4genden Gestalten der Friedlichen Revolution in Leipzig.<\/p>\n<p>Damals war er Superintendent in Leipzig-Ost und\u00a0\u2013 gemeinsam mit dem 2014 verstorbenen Christian F\u00fchrer \u2013 Pfarrer an der Nikolaikirche. Und damit geradezu in einer pr\u00e4destinierten Funktion als Vermittler zwischen den alten Machthabern und den jungen Revolution\u00e4ren. Nicht ahnend, dass er so nach einer langen kirchlichen Laufbahn auch noch in die Politik geraten k\u00f6nnte.<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/832b016b1e8b4712ad82dbbb69fda1dd.gif\" alt=\"\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/leben\/gesellschaft\/2025\/10\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/leben\/gesellschaft\/2025\/10\/1\"\/><\/p>\n<p>Das geschah schon bald. Denn da ihn beide Seiten respektierten, war er der richtige Mann, der dann ab Januar 1990 zum Leiter der Runden Tische wurden, die im Neuen Rathaus tagten.<\/p>\n<p>In seinem 2017 im Mitteldeutschen Verlag erschienenen Erinnerungsbuch <a href=\"http:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2017\/04\/Die-sehr-zurueckhaltenden-Erinnerungen-des-Vermittlers-Friedrich-Magirius-174442\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eGelebte Vers\u00f6hnung\u201c<\/a> formulierte er es so: \u201eSchlie\u00dflich wurde die Bitte an mich herangetragen, ab Januar die Moderation dieses Runden Tisches der Stadt Leipzig zu \u00fcbernehmen. Die Idee kam von den B\u00fcrgerrechtlern, die sich mit den fr\u00fcheren Genossen auf mich geeinigt hatten. Mir wurde bedeutet, dass ich als jemand gesch\u00e4tzt werde, der zuh\u00f6ren kann und zu vermitteln versucht. Mir wuchs eine Aufgabe zu, die ich mir selbst nie gesucht h\u00e4tte.\u201c<\/p>\n<p>Doch er meisterte die Aufgabe. Denn genau diese Eigenschaften waren es, die den Runden Tisch funktionieren lie\u00dfen, die den geordneten \u00dcbergang der Stadtverwaltung \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich machten. Interessen ausgleichen, kontr\u00e4re Positionen zu einer L\u00f6sung f\u00fchren. Sorgsam, zugewandt. Auf einmal war ein Mann gefragt, der sich nicht so gern nach vorne dr\u00e4ngte. Ein Vermittler eben, als der sich Magirius ein Leben lang verstand.<\/p>\n<p>Keiner, der st\u00fcrmt und dr\u00e4ngt<\/p>\n<p>\u201eDenn ich bin ja keiner, der st\u00fcrmt und dr\u00e4ngt\u201c, schrieb er. \u201eAber wo die Herausforderung am gr\u00f6\u00dften ist, wollte ich gern dabei sein.\u201c<\/p>\n<p>Vermitteln war auch vorher schon sein Metier gewesen, engagierte er sich als Pfarrer in Dresden f\u00fcr die Aktion S\u00fchnezeichen, was ihm in Polen gro\u00dfe Anerkennung verschaffte. Ab 1982 wirkte er als Superintendent an der Nikolaikirche, wusste also, wie man mit den M\u00e4chtigen umging. Das Gespr\u00e4ch offen hielt, selbst wenn die Konflikte nicht l\u00f6sbar schienen.<\/p>\n<p>Und dass der Runde Tisch bald ganz andere Aufgaben zu bew\u00e4ltigen hatte, wurde ja schon nach den ersten Sitzungen des deutlich, nachdem Oberb\u00fcrgermeister Bernd Seidel zur\u00fcckgetreten war und auch gleich noch die erst im Mai gew\u00e4hlte neue Stadtverordnetenversammlung geschlossen zur\u00fccktrat. Das waren ja bekannterweise die gef\u00e4lschten Wahlen gewesen, welche die Ereignisse des Jahres 1989 erst so richtig ins Rollen gebracht hatten.<\/p>\n<p>\u201eWir standen vor einem Berg von Problemen, die wir praktisch l\u00f6sen mussten: Wasserwirtschaft und Stadtreinigung, die Fortf\u00fchrung der Kliniken, die Neuordnung des Schulwesens, die Entstehung neuer Wirtschaftsstrukturen, die Messe und schlie\u00dflich die Abwicklung der Stasi.\u201c<\/p>\n<p>Letztlich fungierte der Runde Tisch bis zu den Kommunalwahlen im Mai 1990 als eine provisorische Stadtverwaltung, gr\u00fcndete extra 24 Kommissionen, die \u00fcber die Geschehnisse in der Verwaltung berichteten.<\/p>\n<p>\u201eDie Aufgabe am Runden Tisch der Stadt Leipzig nahm mich so in Anspruch, dass ich weder Zeit noch Gelegenheit hatte, mir Gedanken \u00fcber die n\u00e4chsten Schritte in meinem Leben zu machen.\u201c<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich hatte er in der Zeit zwei Jobs, denn seine Arbeit als Superintendent lief ja weiter. Und dann sollte er auch noch in die Politik: \u201eTats\u00e4chlich dr\u00e4ngte man mich in die Kommunalpolitik. Am Runden Tisch wurde ich von mehreren Beteiligten bekniet, f\u00fcr die anstehenden kommunalen Wahlen zu kandidieren.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Friedrich_Magirius-2024-00004749.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-635297 size-full\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Friedrich_Magirius-2024-00004749.jpg\" alt=\"Friedrich Magirius w\u00e4hrend einer Gedenkansprache im November 2024. Foto: Jan Kaefer\" width=\"5472\" height=\"3648\"  \/><\/a>Friedrich Magirius w\u00e4hrend einer Gedenkansprache im November 2024. Foto: Jan Kaefer<br \/>\nErster und letzter Stadtpr\u00e4sident<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich war es am Ende Hinrich Lehmann-Grube, der aus Leipzigs Partnerstadt Hannover nach Leipzig gekommen war, der ihn best\u00e4rkte darin, f\u00fcr den Stadtrat zu kandidieren. \u201eMein Bischof, der mich nach Leipzig geholt hatte, schrieb mir in einem Brief, dass er \u00fcber meine Entscheidung, in die Politik zu gegen, sehr ungl\u00fccklich sei.\u201c<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich amtierte Magirius bis zu seiner Emeritierung 1995 weiter als Superintendent. Zur Wahl am 6. Mai 1990 trat er als unabh\u00e4ngiger Kandidat\u00a0\u2013\u201eListe 25 Magirius\u201c \u2013 an und wurde gew\u00e4hlt. Und er wurde nicht nur einfacher Stadtrat. Denn am 30. Mai w\u00e4hlte ihn der 128-k\u00f6pfige Stadtrat dann zum ersten und einzigen Stadtpr\u00e4sidenten. \u201eDie gro\u00dfe Mehrheit war der Meinung, ich sollte die Erfahrung der Leitung des Runden Tisches in die neue Aufgabe einbringen. Ich nahm die Wahl an.\u201c<\/p>\n<p>Bis 1994 bekleidete er dieses Amt, unterst\u00fctze damit den zum neuen OBM gew\u00e4hlten Hinrich Lehmann-Grube bei der Neujustierung der Stadtverwaltung. Und ging dann 1995 tats\u00e4chlich in den Ruhestand. Die Arbeit als Stadtpr\u00e4sident in diesen fr\u00fchen 1990er Jahren hatte es in sich: \u201eAls Stadtpr\u00e4sident von Leipzig trug ich nun in besonders herausgehobener Position politische Verantwortung f\u00fcr die Stadt, die am Boden lag. Die wirtschaftliche Situation war desolat. Die Stadtkassen waren leer. Viele H\u00e4user verrotteten vor sich hin. Die Menschen waren \u00fcberfordert von dem ihnen \u00fcbergest\u00fclpten neuen System. Oft konnten wir nur improvisieren.\u201c<\/p>\n<p>Manchmal sollte man sich einfach wieder an diese Jahre des Neubeginns erinnern. Dass sein Amt als Stadtpr\u00e4sident 1994 endete, hat mit der damals verabschiedeten neuen s\u00e4chsischen Gemeindeordnung zu tun, welche die Doppelspitze OBM\/Stadtpr\u00e4sident abschaffte. Seitdem hat allein der Oberb\u00fcrgermeister den Vorsitz in der Stadtverordnetenversammlung.<\/p>\n<p>In den Folgejahren wurde es nach und nach stiller um ihn. Auch wenn sein Wirken nicht vergessen war. 2005 bekam er die Ehrenb\u00fcrgerw\u00fcrde von Leipzigs Partnerstadt Krakow verliehen, im selben Jahr die Ehrenmedaille der Stadt Leipzig. Der Stadtsch\u00fclerrat, an dessen Gr\u00fcndung er beteiligt war, k\u00fcrte ihn zum Ehrenmitglied. Und 2022 <a href=\"http:\/\/www.l-iz.de\/politik\/engagement\/2022\/02\/der-stadtrat-tagte-friedrich-magirius-wird-ehrenbuerger-und-frauen-haben-es-trotzdem-schwer-videos-433448\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">verlieh ihm dann der Stadtrat die Ehrenb\u00fcrgerw\u00fcrde der Stadt Leipzig<\/a>. Einem gro\u00dfen Vers\u00f6hner, als der er sich selbst immer sah.<\/p>\n<p>Am 13. Oktober ist er nach einem mehrt\u00e4gigen Krankenhausaufenthalt friedlich eingeschlafen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Seinen 95. Geburtstag im Juni hat er noch erlebt. Am Montagmorgen, dem 13. 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