{"id":497836,"date":"2025-10-14T11:15:30","date_gmt":"2025-10-14T11:15:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/497836\/"},"modified":"2025-10-14T11:15:30","modified_gmt":"2025-10-14T11:15:30","slug":"erinnerungsorte-berlin-647-kilometer-gott-sei-dank","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/497836\/","title":{"rendered":"Erinnerungsorte \u2013 Berlin 647 Kilometer \u2013 Gott sei Dank!"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img312607\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/312607.jpeg\" alt=\"Neun Meter hoch und rund 50 Tonnen schwer ist das Denkmal \u00bbDeutsche Einheit\u00ab auf einem Parkplatz der Bundesautobahn 2 bei Helmstedt (Niedersachsen).\"\/><\/p>\n<p>Neun Meter hoch und rund 50 Tonnen schwer ist das Denkmal \u00bbDeutsche Einheit\u00ab auf einem Parkplatz der Bundesautobahn 2 bei Helmstedt (Niedersachsen).<\/p>\n<p>Foto: dpa | Jens Wolf<\/p>\n<p>Bereits in der Nacht auf den 3.\u2005Oktober 1990 setzten zahlreiche Gemeinden, Vereine und Initiativen mit der Pflanzung eines Baumsetzlings oder der Errichtung eines Gedenksteins ein Denkmal f\u00fcr die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten\u00ab, schreibt Anne Kaminsky, Vorsitzende der Bundesstiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur, in ihrer Einleitung zum hier vorzustellenden Band. Der sich als Einladung versteht, \u00bbdie Vielzahl und Vielfalt der Erinnerungszeichen zu entdecken und den \u00f6ffentlichen Raum als Spiegel gesellschaftlicher Auseinandersetzung mit der Geschichte der Einheit zu lesen\u00ab. Vielzahl ja. Aber Vielfalt? <\/p>\n<p>Lena Ens hat 250\u2005\u00bbOrte des Erinnerns an die deutsche Einheit\u00ab aufgesucht. Das erste Foto des selbstredend reich illustrierten Bandes (schlie\u00dflich will man dokumentieren) zeigt einen Findling, gleich den allseits bekannten und allerorten in Deutschland zu findenden Bismarck-Steinen (Kanzler der ersten deutschen Einheit, 1871), der in diesem Fall indes der sogenannten Wiedervereinigung gewidmet ist. Hier in Itzehoe, einer Kleinstadt in Schleswig-Holstein, aber zuhauf zu finden in ganz Deutschland. So viel zur Vielfalt respektive Einfalt.<\/p>\n<p>Den Band er\u00f6ffnet ein historischer Exkurs aus der Feder von Robert Gr\u00fcnbaum, geb\u00fcrtiger Leipziger (Jg.\u20051967) und seit 2001 stellvertretender Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Bundesstiftung: \u00bbVon der Revolution zur Einheit \u2013 Ein deutsches Jahr\u00ab. Er beginnt mit dem welthistorischen \u00bbMissverst\u00e4ndnis\u00ab, das SED-Politb\u00fcromitglied G\u00fcnter Schabowski auf einer internationalen Pressekonferenz am 9.\u2005November 1989 verzapfte. \u00bbZu Tausenden str\u00f6mten sie an die Grenz\u00fcbergangsstellen in Berlin und erzwangen deren \u00d6ffnung. Noch am selben Abend hoben sich die Schlagb\u00e4ume \u2013 ohne Plan, ohne Befehl, ohne Gewalt. Kein Schuss fiel. Stattdessen liefen die Menschen einfach los. Erst zaghaft, dann entschlossener. Sie dr\u00e4ngten \u00fcber die Grenze, riefen, lachten und weinten vor Gl\u00fcck. Sie feierten ein spontanes Volksfest auf dem Kurf\u00fcrstendamm und tanzten auf der Mauer.\u00ab<\/p>\n<p>Nachdem Gr\u00fcnbaum in chronologischer Folge die Ereignisse vom Herbst\u2005\u201989 \u00fcber die Volkskammerwahlen am 18.\u2005M\u00e4rz 1990, die W\u00e4hrungsunion am 1.\u2005Juli, die Zwei-plus-Vier-Gespr\u00e4che und den am 31.\u2005August des Jahres unterzeichneten und am 20.\u2005September von Volkskammer und Bundestag verabschiedeten Einigungsvertrag rekapituliert hat, beginnt die alphabetische Auflistung der Erinnerungsorte f\u00fcr die deutsche Einheit, akribisch von der Historikerin Lena Ens erstellt.<\/p>\n<p>Baden-W\u00fcrttemberg macht den Anfang, gefolgt von Bayern. H\u00e4sslich graue Felsbrocken, eingemei\u00dfelt darin das Datum des Beitritts der DDR zur Bundesrepublik, verspr\u00fchen weder Jubel, Frohsinn noch Euphorie und transportieren auch keinerlei Botschaft an die Menschheit. Als \u00bbDenkzeichen\u00ab getitelt ist ein von Maria Vill und David Mannstein aufgestellter Streckmetallzaun, der dereinst die Grenze zwischen der DDR und der Bundesrepublik markierte \u2013 \u00fcbrigens, gefertigt vom \u00bbKlassenfeind\u00ab, der Firma Krupp. Und im \u00bbPark der Deutschen Einheit\u00ab im oberbayerischen Burghausen werden zwei Originalsegmente der Berliner Mauer pr\u00e4sentiert.Auch nicht sehr originell, die gibt\u2019s in jeder gr\u00f6\u00dferen deutschen Stadt.<\/p>\n<p>Dergleichen in ganz Westdeutschland, vom S\u00fcden bis hinauf in den Norden, Hessen und Schleswig-Holstein. Vielfach sind Tafeln und Steine, die zu Zeiten des Kalten Krieges den \u00bbVolksaufstand\u00ab am 17.\u2005Juni 1953 in der DDR feierten, lediglich mit dem Datum der \u00bbWiedervereinigung\u00ab erg\u00e4nzt worden, ohne jeglichen Kommentar. Das l\u00e4sst tief blicken in die Seele der Br\u00fcder und Schwestern westliche der Elbe. Und was kann aussagekr\u00e4ftiger sein als der auf Einheitsbrocken in Baden-W\u00fcrttemberg gemei\u00dfelte Hinweis: \u00bbBerlin 647\u2005Kilometer\u00ab. Gott sei Dank! Vielerorts wurden \u00bbFriedens-\u00ab und \u00bbVereinigungsb\u00e4ume\u00ab gepflanzt, zumeist deutsche Eiche und Linde. Und wie viele Pl\u00e4tze der deutschen Einheit gibt\u2019s inzwischen?! Ungez\u00e4hlt. <\/p>\n<p>In Niedersachsen, unweit der Gedenkst\u00e4tten zur deutschen Teilung in Helmstedt und Marienborn, ragt direkt an der Bundesautobahn\u20052, auf schweren Granitbl\u00f6cken ruhend, eine neun Meter hohe gusseiserne Figur in den Himmel, informiert Lena Ens. \u00bbDer franz\u00f6sische Bildhauer Josep Castell schuf zwei ineinander verschlungene H\u00e4nde, die auf zerborstenen Mauerresten ruhen.\u00ab Der Ossi denkt da erst mal an das Symbol f\u00fcr die Sozialistische Einheitspartei Deutschland (SED), hervorgegangen aus einer anderen Art von Einheit \u2013 der Arbeiterklasse 1946, als Lehre aus deren Niederlage 1933 aufgrund ihrer Spaltung. Hm.<\/p>\n<p>Ja, wie steht es eigentlich um die Erinnerungsmale in Ostdeutschland? Auch hier wurde Lena Ens f\u00fcndig. \u00bbAus Freude \u00fcber die Wiedervereinigung fertigte der ehemalige Gie\u00dfmannsdorfer Steinmetz Herbert K\u00fcchler aus eigenen Mitteln einen Gedenkstein zur Erinnerung an die deutsche Einheit und platzierte diesen am Ortseingang\u00ab, erf\u00e4hrt man. Und versinkt zugleich in Trauer. Des wackeren Mannes Arbeit im Brandenburgischen Luckau mutet wie ein Grabstein an. Womit er kein Alleinstellungsmerkmal beanspruchen kann. Etliche andere Erinnerungsmale der \u00bbWiedervereinigung\u00ab von Suhl bis Rostock strahlen ebenfalls Friedhofsatmosph\u00e4re aus. Vielleicht sollte man das aber nicht \u00fcberinterpretieren.<\/p>\n<p>In Bad Doberan, einer Kleinstadt westlich von Rostock, erinnert auf einer Wiese ein Gedenkstein an Michail Gorbatschow, ohne den der 3.\u2005Oktober 1990 undenkbar w\u00e4re. Der letzte KPdSU-Generalsekret\u00e4r w\u00fcnschte: \u00bbDer deutschen Nation Gl\u00fcck Gedeihen Frieden im vereinten Europa.\u00ab Ohne Kommasetzung. Origineller ist eine Installation in Waren\/M\u00fcritz der K\u00fcnstler Dagmar Korintenberg und Wolf Kipper, die Forderungen der DDR-B\u00fcrger und B\u00fcrgerinnen im Herbst 1989 aufgreift.<\/p>\n<p>Berlin gl\u00e4nzt ebenfalls nicht mit Kreativit\u00e4t und Einfallsreichtum. Im Westteil der Stadt gelten Skulpturen der US-Pr\u00e4sidenten Ronald Reagan (\u00bbMr.\u2005Gorbatschow, tear down this wall!\u00ab, 1987) und George\u2005W. Bush Senior (der 1990 Margaret Thatcher und Fran\u00e7ois Mitterrand die Angst vor einem neuen Gro\u00dfdeutschland austreiben musste) als Erinnerungsmale zur deutschen \u00bbWiedervereinigung\u00ab. Und nat\u00fcrlich wird ebenfalls per Skulptur und Gedenktafel dem \u00bbKanzler der Einheit\u00ab, Helmut Kohl, gedankt.  Die \u00bbEinheitswippe\u00ab, die als Freiheits- und Einheitsdenkmal schon vor einem Jahrzehnt vor dem Berliner Schloss aufgestellt werden sollte, bleibt hingegen ein Phantom. Gott sei Dank.<\/p>\n<p>Kurzum, wir haben Lena Ens und der Stiftung Aufarbeitung ein h\u00f6chst aufschlussreiches Kompendium zu verdanken.<\/p>\n<p class=\"wp-block-ppi-ndarticlecommet\">Lena Ens: Orte des Erinnerns an die deutsche Einheit. Metropol-Verlag, 246\u2005S., geb., 24\u2005\u20ac.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Neun Meter hoch und rund 50 Tonnen schwer ist das Denkmal \u00bbDeutsche Einheit\u00ab auf einem Parkplatz der Bundesautobahn&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":497837,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1825],"tags":[296,129,76587,29,30],"class_list":["post-497836","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-berlin","tag-berlin","tag-ddr","tag-deutsche-einheit","tag-deutschland","tag-germany"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115372237670492600","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/497836","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=497836"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/497836\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/497837"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=497836"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=497836"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=497836"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}