{"id":4981,"date":"2025-04-03T12:11:12","date_gmt":"2025-04-03T12:11:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/4981\/"},"modified":"2025-04-03T12:11:12","modified_gmt":"2025-04-03T12:11:12","slug":"man-darf-nicht-schreiben-was-die-leute-hoeren-wollen-kreuzer-online","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/4981\/","title":{"rendered":"\u00bbMan darf nicht schreiben, was die Leute h\u00f6ren wollen\u00ab \u2014 kreuzer online"},"content":{"rendered":"<p>Willkommen in Madsacksen. Der Medienkonzern aus Hannover hinter der LVZ hat 2024 die \u00e4hnlich gro\u00dfe S\u00e4chsische Zeitung (in Mittel- und Ostsachsen SZ genannt) mit Sitz in Dresden \u00fcbernommen. Seit Oktober leiten LVZ-Chefredakteurin Hannah Suppa und SZ-Chefredakteurin Annette Binninger eine Gemeinschaftsredaktion. Wir treffen die beiden in Suppas Leipziger B\u00fcro zum ersten gemeinsamen Interview. Es geht um Medienvielfalt, Lokaljournalismus und die AfD bei Wasser, Cappuccino und Cola Zero.<\/p>\n<p><strong>Das Kartellamt musste der Fusion zustimmen. Was entgegnen Sie denen, die durch die Zusammenlegung die Medien- und Meinungsvielfalt in Sachsen gef\u00e4hrdet sehen?<\/strong><\/p>\n<p>HANNAH SUPPA: Das ist ein Vorwurf, den das Redaktionsnetzwerk Deutschland\u00a0(\u00fcberregionale Redaktion von Madsack, die Inhalte f\u00fcr verschiedene Regionalzeitungen liefert, Anm. d. Red.) seit Jahren h\u00f6rt. Ich verstehe, woher das kommt, aber ich sehe es anders. Am Ende ist es so, dass wir alles tun, um den Journalismus finanzierbar zu halten. Wie schaffen wir es, dass die Leute informiert bleiben? Aus Studien wei\u00df man, dass es demokratiegef\u00e4hrdend ist, wenn niemand mehr ins Kommunalparlament schaut. Die Frage ist also: Wie k\u00f6nnen wir das erhalten und wo ist Ver\u00e4nderung notwendig?<\/p>\n<p>ANNETTE BINNINGER: Man darf auch nicht vergessen, dass wir von der S\u00e4chsischen <br \/>Zeitung vorher die bundespolitischen Inhalte auch vom Tagesspiegel hatten. Das h\u00f6chste Ziel von uns ist die Absicherung von lokalem, regionalem Journalismus. Unser Autorengremium ist jetzt viel gr\u00f6\u00dfer \u2013 und zu sagen, dass die Meinungsvielfalt abnimmt, ist mir zu kurz und zu platt. Wir k\u00f6nnen jetzt sogar mehr Geschichten an den Start bringen.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Nach der \u00dcbernahme der S\u00e4chsischen Zeitung durch die Madsack Mediengruppe im vergangenen Jahr gibt es seit Oktober eine Gemeinschaftsredaktion von S\u00e4chsischer Zeitung und Leipziger Volkszeitung. Wie lautet Ihre bisherige Bilanz? <\/strong><\/p>\n<p>BINNINGER: Es war eine aufregende Zeit. Ich finde, dass wir uns erstaunlich schnell gefunden haben. Es klingt jetzt \u00fcberschw\u00e4nglich, aber wir haben uns schon gefreut, wie schnell die Kollegen miteinander ins Arbeiten gekommen sind.<\/p>\n<p>SUPPA: Wir reden inzwischen mehr \u00fcber Inhalte und weniger \u00fcber Strukturen. Was uns geholfen hat, uns schnell als Team zu finden, ist die Tatsache, dass beide Zeitungen ein gleiches Verst\u00e4ndnis von gutem Journalismus im Regionalen haben. So hat sich auch schnell ergeben, auf welche Themen wir Schwerpunkte setzen wollen. Am 30. Oktober haben wir alle Kolleginnen und Kollegen beider Zeitungen zu einem \u00bbTag der Redaktion\u00ab eingeladen.<\/p>\n<p>BINNINGER: Manche haben sich da das erste Mal gesehen. Man darf ja nicht vergessen: Wir waren mal Konkurrenten, vor allem in dem Bereich, in dem wir nun die Gemeinschaftsredaktion haben \u2013 bei Landespolitik, Wirtschaft und investigativer Recherche.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Wo sind Probleme aufgetaucht, die Sie nicht erwartet hatten?<\/strong><\/p>\n<p>BINNINGER: Uns hat sicherlich in die Hand gespielt, dass am 1. September Landtagswahlen in Sachsen waren. Da denkt man direkt in Themen und Geschichten. Und die Kolleginnen und Kollegen haben gleich gemerkt, wie es ihnen hilft, wenn die Arbeit auf mehrere Leute verteilt wird: dass wir dann direkt mehr und gute Geschichten schneller online haben.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Andererseits ging es damit aber auch sofort von Konkurrenz auf Miteinander.<\/strong><\/p>\n<p>BINNINGER: Ja, alle kannten sich in der Landespolitik, manche schon seit zehn, zwanzig Jahren. Nat\u00fcrlich gab es da erst mal ein vorsichtiges Abtasten. Aber innerhalb k\u00fcrzester Zeit haben die Kollegen ins gemeinsame Arbeiten hineingefunden.<\/p>\n<p>SUPPA: Inzwischen haben wir in der Politik mehr Themen, als wir jemals drucken k\u00f6nnten. Fr\u00fcher hatten wir aus Leipzig zwei Kollegen f\u00fcr die Landespolitik, jetzt sind es sechs. Dadurch steigt auch die Bandbreite an Themen, die wir bearbeiten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Frau Binninger, was haben Sie seit Oktober \u00fcber Leipzig gelernt?<\/strong><\/p>\n<p>BINNINGER: Ich habe mich vor allem darauf konzentriert zu verstehen, wie die Leipziger Volkszeitung funktioniert, habe viel von den Kollegen gelesen. Welche lokalpolitischen Themen hier wichtig sind, wie die Region tickt oder auch Gastro-Geschichten \u2026<\/p>\n<p>SUPPA: Du hast schon eine gute Weinbar kennengelernt!<\/p>\n<p>BINNINGER: Ja, genau, ich bekomme jedes Mal etwas Neues auf der Karli gezeigt.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Und was haben Sie, Frau Suppa, Neues \u00fcber Dresden gelernt? <\/strong><\/p>\n<p>SUPPA: Ich n\u00e4here mich der Stadt wie Annette vor allem \u00fcber Themen. Da bekommt man schnell ein Gef\u00fchl daf\u00fcr, was die Stadt bewegt. Die S\u00e4chsische Zeitung hat eine wundervolle Dachterrasse, von der aus man \u00fcber die ganze Stadt blicken kann \u2013 und auf Anhieb sieht, wie sch\u00f6n diese Stadt ist.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Zur\u00fcck zur Zeitung. Wie gelingt es Ihnen, <\/strong><strong>die sehr unterschiedlichen Lesergruppen <\/strong><strong>in den beiden gro\u00dfen St\u00e4dten und auf dem Land zu erreichen? <\/strong><\/p>\n<p>SUPPA: Das ist mein Hauptthema, seit ich in Leipzig bin. Es treibt mich um, immer wieder klarzumachen, dass es unterschiedliche Perspektiven geben kann \u2013 je nachdem, ob man beispielsweise in der Stadt rund um den Ring wohnt oder in kleineren St\u00e4dten in der Region. Schauen wir hier nach Leipzig auf die Debatte zum Umbau der Stadt des City-Rings. Es ist unsere Aufgabe als Medium, nicht nur eine Perspektive rauszugreifen, sondern auch zur Kenntnis zu nehmen, dass es Menschen gibt, die darauf angewiesen sind, mit dem Auto in die Innenstadt zu pendeln. Verschiedene Blickwinkel einzunehmen, halte ich f\u00fcr elementar.<\/p>\n<p>BINNINGER: Jeder Mensch hat Bed\u00fcrfnisse, muss arbeiten, sich fortbewegen. Aber anhand dessen k\u00f6nnen wir sagen, was f\u00fcr die Leser interessant ist. Wenn wir auf dem Dorf sind, wo kein Bus mehr f\u00e4hrt, w\u00e4re es zynisch, als Alternative Fahrradfahren anzubieten. Aber deswegen ist ja der Lokaljournalismus so wichtig, weil er auf die Vielfalt der Perspektiven und der Lebensrealit\u00e4ten vor Ort Antworten geben kann.<\/p>\n<p>SUPPA: Selbst die Gro\u00dfst\u00e4dte Leipzig und Dresden unterscheiden sich, was die Debatten angeht \u2013 und doch werden \u00e4hnliche Themen in der Verkehrspolitik oder in der Wohnraumfrage diskutiert. In der Fl\u00e4che Sachsens sind die Probleme und Herausforderungen, die die Menschen haben, oft auch wiederkehrend: Infrastruktur, Nahversorgung, Anbindung und vieles mehr.\u00a0<\/p>\n<p>BINNINGER: Es geht darum, sensibel wahrzunehmen, was die Menschen in ganz Sachsen au\u00dferhalb der Gro\u00dfst\u00e4dte bewegt. Ich glaube, wir haben da einen gro\u00dfen Bedarf, diese Unterschiede deutlich zu machen. Gerade, wenn wir wissen wollen, warum die AfD gew\u00e4hlt wird, lohnt es sich, genauer hinzuschauen und hinzuh\u00f6ren, was au\u00dferhalb der Gro\u00dfst\u00e4dte diskutiert wird. Jetzt bekommen wir das noch sensibler mit und erhalten damit ein gro\u00dfes Bild von Sachsen \u2013 von Zittau bis Bautzen, von Pirna bis Dresden, von Torgau bis D\u00f6beln.\u00a0<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Wie kommen Sie in der Redaktion zu diesen verschiedenen Perspektiven?<\/strong><\/p>\n<p>BINNINGER: Wir sind gerade dabei, \u00fcberall viele j\u00fcngere Leute aufzubauen und in die Redaktionen zu bringen. Die sollen auch nicht nur gepr\u00e4gt sein vom Journalismus der letzten Jahre, sondern ihre eigenen Perspektiven, ihre Alltagserfahrungen, Interessen und damit ihre Geschichten einbringen. Wir sind mitten in einem Generationswechsel, der uns dabei hilft, auch j\u00fcngere Leserinnen und Leser anzusprechen.<\/p>\n<p>SUPPA: Die LVZ hat sich in den letzten Jahren extrem verj\u00fcngt, was uns sehr freut. F\u00fcr den l\u00e4ndlichen Raum gelingt es uns auch gut, neue Reporterinnen und Reporter zu gewinnen \u2013 aber sie sind dort nicht immer verwurzelt, sondern haben Leipzig als privaten Fixpunkt. Ich denke aber: Wenn man als Journalist mit einem offenen und unvoreingenommenen Blick auf die Menschen zugeht, \u00fcber die man berichtet, kann man das auch aus Regionen, die einem nicht naheliegen.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Es gibt Landkreise in Sachsen, wo 40 Pro<\/strong><strong>zent der Menschen AfD w\u00e4hlen. Wie gehen Sie mit denen um, als Leserinnen und Leser, f\u00fcr die Sie schreiben, aber auch als Akteure, \u00fcber die Sie schreiben?<\/strong><\/p>\n<p>BINNINGER: Wir beobachten diese politische Entwicklung bereits seit vielen Jahren, nicht erst seit Aufkommen der AfD. In Sachsen hat bereits davor die verfassungsfeindliche NPD f\u00fcr Aufsehen gesorgt. Ich glaube: Ein wichtiger Punkt ist, dass wir als Redaktion immer Kurs gehalten haben im Sinne der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, die auch f\u00fcr unsere Arbeit die Basis ist. Menschenw\u00fcrde, Freiheit, Demokratie, soziale Gerechtigkeit, auch die<br \/>im Grundgesetz verankerte Pressefreiheit \u2013 das sind wichtige Kriterien, an denen jeder politische Akteur gemessen wird.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Auch die AfD.<\/strong><\/p>\n<p>BINNINGER: Der s\u00e4chsische AfD-Landesverband ist vom Verfassungsschutz als \u00bbgesichert rechtsextremistisch\u00ab eingestuft. Das ist eindeutig. Wichtig ist aber grunds\u00e4tzlich: Man darf nicht den Fehler machen, zu schreiben, was die Leute h\u00f6ren wollen. Aber man darf auch nicht den Fehler machen, sich gar nicht mit den Themen zu besch\u00e4ftigen, die dazu f\u00fchren, dass diese Partei gew\u00e4hlt wird. Bei der NPD hat man klar gesagt: Das ist eine Gruppe Neonazis, die stellen wir als Wahlbewerber gar nicht vor, berichten aber trotzdem \u00fcber sie, wer dort wie agiert. Mit dem Aufkommen von Pegida und der AfD ist es komplexer geworden. Da muss man sehr genau \u00fcberlegen, wie man das angeht. Bei der Landtagswahl haben wir viele lokale Diskussionsforen angeboten. Aber auch das ist \u00fcber die Jahre schwieriger geworden, die Stimmung ist inzwischen aggressiver. Man tut aber politischen Parteien am rechten Rand keinen gr\u00f6\u00dferen Gefallen, als wenn man sie nicht einl\u00e4dt. Wir setzen uns damit auseinander und gehen die Themen argumentativ an. Deshalb mache ich mir auch keine Sorgen, dass regionaler Journalismus weiterhin eine Zukunft haben wird \u2013 gerade in dieser unmittelbaren politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung sind wir unverzichtbar und nicht ersetzbar.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Wie ist das f\u00fcr Ihre Kolleginnen und Kollegen vor Ort?<\/strong><\/p>\n<p>BINNINGER: Das ist nicht immer leicht. Ich habe in den letzten zehn Jahren immer wieder erlebt, wie Kollegen angegangen, bespuckt, vor den Redaktionen abgefangen wurden. Ich habe wirklich gro\u00dfen Respekt davor, dass die Kollegen dennoch Kurs gehalten haben.<\/p>\n<p>SUPPA: Wichtig ist es, zu differenzieren. Als der SPD-Abgeordnete Matthias Ecke vor der Europawahl angegriffen wurde, war es richtig, dar\u00fcber gro\u00df und viel zu berichten. Aber wir haben auch berichtet, dass ein AfD-Politiker in Leipzig mehrmals angegangen und verletzt wurde. Der eine \u00dcbergriff ist nicht schlimmer als der andere zu werten.<\/p>\n<p>Wir hatten in den letzten Jahren mit vielen Protesten zu tun, von Corona bis hin zu den<br \/>Energiepreisen. Da kann man ja nicht sagen, die sind alle rechtsradikal, nur weil in einer Ecke die Fahne der Freien Sachsen weht, sondern muss genau hinschauen: Wer demonstriert da genau \u2013 und warum?<\/p>\n<p>BINNINGER: Als Pegida angefangen hat, vor zehn Jahren, wollten wir die Leute zu Wort kommen lassen. Das waren nicht alles Nazis, da gab es anfangs noch eine gro\u00dfe gesellschaftliche Durchmischung. Die pauschale Ausgrenzung hat dann dazu gef\u00fchrt, dass sich die andere Seite dahinter verschanzt hat.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Das Sich-dahinter-Verschanzen, das Beleidigt-sein-Wollen und Sich-ausgegrenzt-F\u00fchlen sind ja nun aber im gro\u00dfen Stile da. <\/strong><\/p>\n<p>BINNINGER: Das stimmt. Die Fronten verh\u00e4rten sich auf jeden Fall, das merkt man. Aber wir m\u00fcssen trotzdem immer wieder das Gespr\u00e4ch suchen.<\/p>\n<p>SUPPA: Wir reden keinem nach dem Mund. Wir schauen genau hin, was die Fakten sind. Wir benennen klar, wenn es um Extremismus geht, aber fragen bei lokalen und regionalen Themen auch die AfD, was die dazu sagt, und skandalisieren nicht pauschal.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Kleiner Themensprung: Die Taz stellt im <\/strong><strong>Herbst ihre gedruckte Tageszeitung <\/strong><strong>ein. Wie h\u00e4ufig sprechen Sie \u00fcber diesen Schritt?<\/strong><\/p>\n<p>SUPPA: Im Moment ist das noch kein Thema. Aber nat\u00fcrlich m\u00fcssen wir dar\u00fcber<br \/>nachdenken, wie ein rein digitales Gesch\u00e4ftsmodell f\u00fcr so ein Medienhaus wie unseres in der Zukunft aussehen kann. Unsere Kollegen von der M\u00e4rkischen Allgemeinen Zeitung in Brandenburg haben erste Print-Ausgaben eingestellt und bieten Lokaljournalismus rein digital an \u2013 beispielsweise im Landkreis Prignitz. Die Print-Ausgabe zuzustellen, rentiert sich dort einfach nicht mehr. Nun gibt es eine digitale Ausgabe als E-Paper, eine News-App und neue Newsletter vor Ort. Die Leserinnen und Leser wurden auf dem Weg von den Kollegen der MAZ eng begleitet.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Frau Binninger, Sie sind 1997 nach Dresden gekommen und in verschiedenen Funktionen vor Ort in die Position der Chefredakteurin reingewachsen. Sehen Sie das als Vorteil?<\/strong><\/p>\n<p>BINNINGER: Ich wollte eigentlich nur zwei, drei Jahre bleiben. Mich hat die Stadt schon immer fasziniert \u2013 1984 habe ich Dresden das erste Mal auf einer Klassenfahrt erlebt. Seitdem begeistert und fesselt mich, was hier und in ganz Sachsen an Transformation abl\u00e4uft. Langweilig ist das bisher nicht geworden. Wenn es in Ostdeutschland etwas Spannendes gibt, dann ist es Sachsen. Dresden ist mein Zuhause geworden. Nat\u00fcrlich war es f\u00fcr mich zum Start als Chefredakteurin hilfreich, dass die Kollegen mich kannten und mir vertraut haben. Aber im Sinne der Ver\u00e4nderung kann es auch von Vorteil sein, von au\u00dfen zu kommen und eben nicht in gewachsenen Beziehungen zu stehen.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Frau Suppa, Sie sind dagegen im Dezember 2020 nach Leipzig gekommen und mussten sofort da sein als Chefredakteurin einer regionalen Tageszeitung.<\/strong><\/p>\n<p>SUPPA: Mein gr\u00f6\u00dftes Problem war, dass ich mitten in der Pandemie gekommen bin und zwar in dem Monat, in dem Sachsen die h\u00e4rtesten Ma\u00dfnahmen beschlossen hat. Doch als Chefredakteurin mit so vielen klugen und gut vernetzten Lokalreportern im Team habe ich schnell reingefunden \u2013 in die Stadt, das Land und unsere Redaktion. Als Journalistin hat man ja auch andere Zug\u00e4nge zu vielen Menschen der Stadt. Und Leipzig ist eine wahnsinnig spannende Gro\u00dfstadt, hier macht es besonders Spa\u00df, Lokaljournalismus neu zu denken. Die Stadt der Friedlichen Revolution hat sehr viel Charisma und einen gro\u00dfen Stolz \u2013 zu Recht. Manchmal unke ich mit Kollegen, dass hier in Sachsen in einer Woche so viel passiert wie in Niedersachsen in vier Monaten nicht.<\/p>\n<p>BINNINGER: Ich habe auch gedacht, irgendwann kommen wir mal in der Normalit\u00e4t des Westens an, aber da sind wir immer noch nicht. Zum Gl\u00fcck!<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Apropos: Wie oft bekommen Sie beide noch zu h\u00f6ren, dass Sie ja eigentlich aus dem Westen kommen? <\/strong><\/p>\n<p>SUPPA: Zum Start in Leipzig habe ich einige solcher Briefe und Nachrichten bekommen. Da waren auch viele Beleidigungen dabei. Ich kann die Vorbehalte auch erst mal verstehen, wir haben nun auch eine Unterrepr\u00e4sentanz von Ostdeutschen in F\u00fchrungspositionen. Jedoch ist es mir immer wichtig gewesen, die Geschichte der Menschen in den ostdeutschen L\u00e4ndern zu<br \/>verstehen \u2013 ich habe vorher in Brandenburg gearbeitet und habe, glaube ich, inzwischen ein gutes Gef\u00fchl daf\u00fcr entwickelt, wo die Ungerechtigkeiten liegen und wo die Menschen besonders sensibel sind. Daf\u00fcr ein Ohr und ein Auge zu haben und das in den Journalismus einflie\u00dfen zu lassen, ist essenziell.<\/p>\n<p>Und dann gab es nach wenigen Monaten bei der LVZ auch einen tollen Moment: Ein Leser, der mich f\u00fcr meine Herkunft kritisiert hatte, sagte, nachdem er erste Texte von mir gelesen hatte, er habe das Gef\u00fchl, ich w\u00fcrde die Ostdeutschen verstehen. Ein gr\u00f6\u00dferes Kompliment kann ich mir da nicht vorstellen.<\/p>\n<p>BINNINGER: Ich habe nun mein halbes Leben in Westdeutschland, die zweite H\u00e4lfte in Ostdeutschland verbracht. Das, was Hannah gerade erz\u00e4hlt hat, hatte ich vor vielen, vielen Jahren, als ich bei den Dresdner Neuesten Nachrichten als Redakteurin anfing. Ich kannte niemanden und bin mit dem Papierstadtplan durch Dresden gefahren, um rechtzeitig zu meinen Gespr\u00e4chspartnern zu kommen. Das war ein komplett neuer Blick und ich glaube, der tut manchmal auch im Lokaljournalismus gut. Der Vorwurf, aus dem Westen zu kommen, erreicht mich nur noch selten \u2013 wenn ich politische Kommentare schreibe, die dem einen oder anderen nicht gefallen, wird daf\u00fcr ein Grund gesucht. Inzwischen ist es ja wirklich schwer zu sagen, wer Ostdeutscher und wer Westdeutscher ist. Bei vielen Gespr\u00e4chen habe ich das Gef\u00fchl, dass das bei Leuten unter 40 oder sogar 50 inzwischen kaum noch eine Rolle spielt.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Biografie: <\/strong><\/p>\n<p><strong>Hannah Suppa<\/strong> ist seit Dezember 2020 Chefredakteurin der LVZ. Die 1983 in Hannover Geborene hat einen Magister in Deutscher Philologie, Politikwissenschaft und Zivilrecht sowie einen Master in Digital Journalism. Seit ihrem Volontariat ging es f\u00fcr sie in der Madsack Mediengruppe nach oben.<\/p>\n<p><strong>Annette Binninger<\/strong> wurde 1968 in Mannheim geboren und studierte Politikwissenschaft, Germanistik und Soziologie. Seit 1997 lebt und arbeitet sie in Dresden, erst bei den Dresdner Neuesten Nachrichten, von 2003 bis 2005 als Pressesprecherin des S\u00e4chsischen Wirtschaftsministeriums und seitdem f\u00fcr die S\u00e4chsische Zeitung. Dort war sie seit 2012 Politikchefin und seit 2016 Teil der Chefredaktion, ehe sie im Juni 2024 Chefredakteurin wurde. Seit Oktober leiten beide die Gemeinschaftsredaktion von LVZ und S\u00e4chsischer Zeitung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Willkommen in Madsacksen. 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