{"id":498686,"date":"2025-10-14T18:58:11","date_gmt":"2025-10-14T18:58:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/498686\/"},"modified":"2025-10-14T18:58:11","modified_gmt":"2025-10-14T18:58:11","slug":"essen-im-urlaub-wenn-der-fresstourismus-zur-plage-wird-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/498686\/","title":{"rendered":"Essen im Urlaub: Wenn der Fresstourismus zur Plage wird"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcberf\u00fcllte Markthallen, \u00fcberteuerte Weinbars, Tortellini to go: In Europas Gro\u00dfst\u00e4dten boomt der Genusstourismus. Doch die \u201eFoodication\u201c geht oft auf Kosten der Anwohner, die ihre eigenen Viertel nicht mehr wiedererkennen.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Bislang war man in Bologna sehr stolz auf die diversen Beinamen der Stadt \u2013 auf den erhabenen \u201edie Gelehrte\u201c (la Dotta), wegen der uralten Universit\u00e4t; auf den eleganten \u201edie Rote\u201c (la Rossa), wegen des pr\u00e4chtigen Farbenspiels der Hausfassaden. Und auf den hedonistischen \u201edie Fette\u201c (la Grassa), wegen der exzellenten lokalen K\u00fcche. Doch seit Kurzem gibt es einen neuen Beinamen. Und der ist so gar nicht nach dem Geschmack der Bologneser. Er lautet \u201eStadt der Schneidebretter\u201c (Citt\u00e0 dei taglieri) und verweist darauf, dass immer mehr Delikatessengesch\u00e4fte im historischen Marktviertel zu Imbissbuden mutieren, mit Tischen und Hochtischen die engen Gassen verstopfen und die namensgebenden Bretter mit Aufschnitt und K\u00e4se an Touristen verticken.<\/p>\n<p>Das Ph\u00e4nomen tr\u00e4gt den Namen \u201eFoodification\u201c. Der Neologismus leitet sich ab von \u201eGentrification\u201c und beschreibt eine Entwicklung, bei der alteingesessene Gesch\u00e4fte, Handwerksbetriebe, <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/iconist\/essen-und-trinken\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/iconist\/essen-und-trinken\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Restaurants<\/a>, aber auch die Bewohner selbst und mit ihnen organisch gewachsene Strukturen von einem gastronomischen Angebot aus ihren Stadtvierteln verdr\u00e4ngt werden, das sich nahezu ausschlie\u00dflich an Touristen richtet. Zu beobachten ist es nicht nur in Bologna, sondern auch in vielen anderen europ\u00e4ischen St\u00e4dten. Darunter Venedig und Florenz, <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/paris\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/paris\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Paris<\/a> und Lyon, Barcelona und Bilbao, um nur einige zu nennen, die besonders unter der Last des Overtourism \u00e4chzen.<\/p>\n<p>Denn naturgem\u00e4\u00df handelt es sich bei der Foodification um eine Tochter des Massentourismus. So geben immer mehr Menschen an, dass \u201ekulinarische Erlebnisse\u201c zu den Hauptgr\u00fcnden z\u00e4hlen, warum sie sich auf Reisen begeben. Laut italienischer Landwirtschaftskammer hat der \u201eturismo enogastronomico\u201c (das Pr\u00e4fix \u201eeno\u201c steht hier f\u00fcr Wein) dem Land allein in den ersten vier Monaten des Jahres 2025 \u00a0Einnahmen von neun Milliarden Euro eingebracht. Darauf ist man in Italien stolz, wie man \u00fcberhaupt sehr stolz ist auf die eigene K\u00fcche und deren weltweite Beliebtheit.<\/p>\n<p>Dennoch regt sich auch unter Italienern Widerstand. \u201eEs ist schon bald sieben Jahre her, dass wir gemeinsam auf einer Caf\u00e9-Terrasse in unserem Wohnviertel in Turin sa\u00dfen und uns fragten: Seit wann sind hier rundherum eigentlich nur noch Lokale?\u201c, sagt Marco Perruca. Gemeinsam mit seinem Freund Paolo Tessarin gr\u00fcndete er ein Kollektiv und ver\u00f6ffentlichte mit ihm das B\u00fcchlein \u201eFoodification, come il cibo si \u00e8 mangiato le citt\u00e0\u201c \u2013 auf Deutsch: Wie das Essen die St\u00e4dte aufgefressen hat. \u201eEs gab Zeiten, da reiste man, um eine Ausstellung oder ein Konzert zu besuchen, und nutzte die Gelegenheit, um danach die lokale K\u00fcche zu entdecken\u201c, f\u00fcgt Paolo Tessarin an. \u201eHeutzutage wird diese erste Etappe einfach \u00fcbersprungen.\u201c<\/p>\n<p>Das Argument der Aufwertung <\/p>\n<p>Dabei betonen die beiden, dass sich ihre Kritik weniger gegen die Touristen selbst richte, sondern viel mehr gegen die Politik, die diesen Tourismus der Food-Courts, Food-Touren, Coffee- oder Wine-Walks, Streetfood-Festivals und \u00c4hnlichem auch noch mit dem Argument unterst\u00fctze, dass er helfen w\u00fcrde, vernachl\u00e4ssigte Viertel aufzuwerten. \u201eIn erster Linie bewirkt er, dass dort die Mieten und Immobilienpreise ansteigen, die Menschen sich die Wohnungen nicht mehr leisten k\u00f6nnen und wegziehen m\u00fcssen\u201c, sagt Perruca. Stattdessen ziehen Craftbeer-Pubs, Vinotheken mit Weinen aus biodynamischem Anbau und Coffeeshops mit Baristas in Ledersch\u00fcrzen ein \u2013 alle mit einem Angebot, das sich die bisherigen Anwohner kaum leisten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ein bezeichnendes Beispiel ist die Stadt Lyon, die sich gerne als die kulinarische Hauptstadt Frankreichs (und also der Welt) versteht. In der weitgehend von alteingesessenen Einwohnern befreiten Altstadt ist die Dichte an vermeintlich \u201eauthentischen\u201c Bouchons, wie die lokaltypische Variante des Bistros genannt wird, inzwischen so hoch, dass f\u00fcr andere Arten von Gewerbe kaum Platz bleibt. Dabei scheint es keine Rolle zu spielen, dass auf den Speisekarten bisweilen auch K\u00e4sefondue oder Cr\u00eapes stehen, also Gerichte, die mit der lokalen Tradition kaum etwas zu tun haben.<\/p>\n<p>In Dublin wiederum werden sogenannte Pub Crawls angeboten: Schw\u00e4rme von Touristen st\u00fcrmen ein Pub, kippen ein Pint Guinness hinunter und eilen dann weiter zum n\u00e4chsten. \u00c4hnlich gro\u00dfe Gruppen dr\u00e4ngen sich in den engen, \u201eBacari\u201c genannten Lokalen der Aperol-Spritz-Stadt Venedig, um eine \u201eombra con cicchetto\u201c zu bestellen \u2013 ein Aperitif mit H\u00e4ppchen, der einst der Inbegriff venezianischer Gelassenheit war. Doch so sehr sich die Venezianer auch dar\u00fcber beklagen: Das ist noch gar nichts im Vergleich zu den baskischen St\u00e4dten San Sebastian und Bilbao, wo die Gastro-Touristen l\u00e4ngst die Ortsans\u00e4ssigen aus den Pintxo-Bars (die baskische Version der Tapas-Bar) verdr\u00e4ngt haben. In Barcelonas ber\u00fchmter Markthalle La Boqueria d\u00fcrfen inzwischen keine Gruppen von 15 oder mehr Personen gleichzeitig eintreten, weshalb manche besonders schlaue Reiseveranstalter die Teilnehmerzahl ihrer F\u00fchrungen auf maximal 14 Personen begrenzen.<\/p>\n<p>Pizza, Burger, Kebab \u2013 etikettiert als \u201ekoscher\u201c<\/p>\n<p>Im ehemaligen j\u00fcdischen Getto in Rom werden Trattorien mit traditioneller r\u00f6misch-j\u00fcdischer K\u00fcche zunehmend von Lokalen verdr\u00e4ngt, die Pizza, Burger, Kebab, Sushi oder alles auf einmal anbieten \u2013 und das dann als \u201ekoscher\u201c etikettieren. Und in Turin, Heimatstadt der Buchautoren Perruca und Tessarin, er\u00f6ffnete im bislang stark von Einwanderern aus Osteuropa und Afrika bewohnten Viertel rund um den Markt Porta Palazzo ein glitzernder Food-Court namens Mercato Centrale. \u201eDas ist ganz typisch f\u00fcr eine Stadtpolitik, die \u00f6ffentliche R\u00e4ume zuerst gewisserma\u00dfen aufgibt und verwahrlosen l\u00e4sst, schlie\u00dflich eine private Firma beauftragt, und diese unterst\u00fctzt, indem sie soziale Einrichtungen schlie\u00dft und Parkpl\u00e4tze f\u00fcr Touristenbusse errichtet\u201c, sagt Perruca.<\/p>\n<p>Dass die Foodification nicht nur Europa betrifft, berichtet die \u201eNew York Times\u201c. In einem k\u00fcrzlich dort erschienenen Artikel \u00fcber das kulinarische Angebot in Mexiko-Stadt beklagt eine Einheimische, dass in ihrer Stadt inzwischen alles voll sei mit \u201eCocktailbars, Weinbars, Naturweinen und all diesen New-York-Style-Restaurants\u201c. Und dass es irgendwann wohl keine Rolle mehr spielen werde, ob man in New York ist oder in Mexiko-Stadt.<\/p>\n<p>Noch vor wenigen Jahren galt der sogenannte Gastro-Tourismus als etwas durch und durch Positives, dazu geeignet, die regionale landwirtschaftliche Erzeugung sowie die lokale Wirtschaft und Kultur zu unterst\u00fctzen. Heute aber wirkt es, als sei selbst der Qualit\u00e4tstourismus zum Opfer des Massentourismus geworden. Das zeigt sich an einem weiteren ortsfremden Trend, der sich neben den inflation\u00e4ren Schneidebrettern in Bologna breitmacht: Immer h\u00e4ufiger werden Tortellini und Tortelloni, die beiden Stars der lokalen Pasta-K\u00fcche, in Spitzt\u00fcten \u201eto go\u201c angeboten, als handle es sich um Chicken-Nuggets oder Fritten. Auch das steht im Gegensatz zu den Gewohnheiten der mehrheitlich b\u00fcrgerlich gesinnten Bologneser, die ihre geliebte Pasta wie alle Italiener traditionsgem\u00e4\u00df ausschlie\u00dflich am Tisch und im Sitzen zu sich nehmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u00dcberf\u00fcllte Markthallen, \u00fcberteuerte Weinbars, Tortellini to go: In Europas Gro\u00dfst\u00e4dten boomt der Genusstourismus. 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