{"id":498771,"date":"2025-10-14T19:42:16","date_gmt":"2025-10-14T19:42:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/498771\/"},"modified":"2025-10-14T19:42:16","modified_gmt":"2025-10-14T19:42:16","slug":"mitbauen-an-einer-welt-mit-herz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/498771\/","title":{"rendered":"Mitbauen an einer Welt mit Herz"},"content":{"rendered":"<p>\u201eDilexit nos\u201c \u2013 so lautet der Titel der letzten Enzyklika von Papst Franziskus. Er erinnerte uns an die Liebe Gottes, die sich in Jesus Christus gezeigt hat: einzigartig und un\u00fcberbietbar. Viele sagten, der Papst habe uns mit diesem Text sein geistliches Testament vermacht. Tats\u00e4chlich ist er kurz nach der Ver\u00f6ffentlichung gestorben. Ich muss gestehen, dass ich zun\u00e4chst an die Frage dachte:\u202fWie passt eine Betrachtung zur Herz\u2011Jesu-Verehrung in Zeiten, in denen es an so vielen Stellen brennt \u2013 Kriege, eine Atmosph\u00e4re von Gewalt und Hass, die zunehmende Polarisierung in Kirche und Gesellschaft? Und dann dieses Thema? Dennoch kann ich nicht leugnen, dass mir die Herz\u2011Jesu\u2011Verehrung etwas bedeutet: Am Herz\u2011Jesu\u2011Fest 1993 wurde ich zum Priester geweiht. Doch liefert dieses Thema heute Antworten auf die dr\u00e4ngenden Fragen unserer Zeit, oder ist es lediglich ein religi\u00f6ser \u201eZuckerguss\u201c?<\/p>\n<p>In einem Kommentar las ich dann einen Satz, der f\u00fcr mich ein Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis des Textes wurde: der Papst habe die Christinnen und Christen ermutigen wollen, der Welt, wie sie ist, das Herz wiederzugeben. Das scheint mir auch die Botschaft f\u00fcr diesen Gottesdienst zu sein. Wir erinnern uns an unseren Auftrag, der Welt das Herz wiederzugeben. Gott selbst ver\u00e4ndert zun\u00e4chst den Menschen. Der Heilige Geist Gottes gibt dem Menschen sein Herz zur\u00fcck.<\/p>\n<p>In einem alten Film wird von zwei armen M\u00e4nnern erz\u00e4hlt, die aufgrund ihrer Gutm\u00fctigkeit im Leben nicht weiterkommen. Immer wieder geben sie das, was sie besitzen, weg. Selbst gehen sie leer aus. Eine Erfahrung, die viele machen: der Gute ist der Dumme. Wenn ich an andere denke, gehe ich selbst leer aus. Der eine von den beiden kommt nun eines Tages auf den Gedanken, seine Seele zu verkaufen. Von diesem Tag an gelingt ihm alles. Er steigt auf, wird reicher und reicher, kommt zu hohen Ehren und stirbt als Konsul, reichlich mit Geld und Gut ausgestattet. Als er seine Seele, sein Herz, verkauft hatte, gab es keine R\u00fccksicht mehr, keine Menschlichkeit, keinen Skrupel. Alles wird dem Gewinn, dem Erfolg untergeordnet. Der Mensch z\u00e4hlt nicht mehr. Wer keine Seele, kein Herz, mehr hat, ist in den Augen der Welt oft ein Gro\u00dfer, aber im Grunde nur noch eine Fassade: ohne menschliches Inneres mehr, alles ist leerer Schein. Menschen geben ihre Seele, ihr Herz, hin, wenn sie nur noch auf Kosten anderer leben.<\/p>\n<p>Ich glaube, dass jeder von uns in gewisser Weise zu dieser Lebenshaltung neigt. Jeder Mensch hat Bereiche in seinem Leben, in denen er Gefahr l\u00e4uft, seelenlos zu werden \u2013 seine Seele, das hei\u00dft seine Menschlichkeit, zugunsten scheinbar gro\u00dfer Ziele oder anderer Lebensinhalte zu verkaufen. Das sind die Momente, in denen ich nur noch an mich selbst denke, in denen ich vor anderen mehr sein m\u00f6chte, als ich wirklich bin, in denen ich eine Fassade errichte oder mich auf Kosten anderer verwirkliche.<\/p>\n<p>Gott gibt mir meine Seele, mein Herz, zur\u00fcck. Er l\u00e4sst mich wieder menschlich werden, er zeigt mir, was in meinem Leben wirklich wichtig ist. Dass es m\u00f6glicherweise besser ist, klein zu bleiben, aber ehrlich und menschlich. Gott gibt unserer Welt die Seele zur\u00fcck. Wo Menschen mit dem Geist Gottes nichts zu tun haben wollen, z\u00e4hlt die Menschlichkeit nicht. Da ist Trennung, Abgrenzung, Gewinnstreben, am Ende Krieg und Gewalt.<\/p>\n<p>Als der Heilige Geist an Pfingsten auf die J\u00fcnger und auf die Menschen herabkommt, verstehen sie sich. Die Menschen aus den fernsten Erdteilen, sie alle sind vereinigt im Lobe Gottes. So entsteht die Kirche: die erste wirkliche globale Gemeinschaft durch den Geist Gottes. In der Kirche bin ich zu Hause, egal, wo ich herkomme. In der Kirche darf es keine Fremden geben. So gibt die Kirche der Welt ihre Seele zur\u00fcck. Papst Franziskus hat uns dazu gemahnt, der Welt das Herz zur\u00fcckzugeben. Ich nehme dieses geistliche Testament mittlerweile sehr ernst.<\/p>\n<p>\u201eDilexi te\u201c \u2013 so hei\u00dft der vor wenigen Tagen ver\u00f6ffentlichte Text von Papst Leo XIV.: \u201eIch habe dir meine Liebe zugewandt.\u201c Er schlie\u00dft an die Botschaft von Papst Franziskus nicht nur vom Titel her nahtlos an. Sein Blick geht besonders auf die Armen dieser Welt, denen sich unser Herz \u00f6ffnen muss. Papst Leo spricht einen Mentalit\u00e4tswechsel an. Im Grunde benennt er die Probleme einer Welt ohne Herz: Menschen suchen zu oft ihr Gl\u00fcck in Wohlstand, Ansammlung von Reichtum und Luxus. Christinnen und Christen sollen der Welt ihr Herz geben, damit es zu gerechten und menschenw\u00fcrdigen Lebensverh\u00e4ltnissen kommen kann. Gott selbst nimmt Partei f\u00fcr die Armen dieser Welt. Jesus selbst steht an der Seite der Armen, er \u00f6ffnet besonders ihnen sein Herz. Der Einsatz f\u00fcr die Armen geschieht auf zweierlei Weise.<\/p>\n<p>Die eine ist die Barmherzigkeit. Sie fragt nicht nach Schuld oder den Gr\u00fcnden f\u00fcr die Armut eines Menschen, sie wendet sich jedem zu und versucht der Not abzuhelfen. Diese Barmherzigkeit wird es immer geben m\u00fcssen, ohne Barmherzigkeit wird die Welt herzlos werden. Mitleid gilt den Menschen in all ihren Notlagen \u2013 in materieller wie geistiger Armut, in Krankheit und Gefangenschaft, in den Migrationsbewegungen unserer Zeit, in der Bildungsarmut; es gilt den Geringsten unter uns.<\/p>\n<p>Die andere Weise ist das Bem\u00fchen um Gerechtigkeit. Der Welt ihr Herz zur\u00fcckzugeben bedeutet immer auch, sich f\u00fcr gerechte Strukturen einzusetzen. Papst Leo erinnert in diesem Zusammenhang an die katholische Soziallehre: Es geht darum, Strukturen der S\u00fcnde und der Ungerechtigkeit zu erkennen und zu \u00fcberwinden. Als Papst Franziskus den Satz pr\u00e4gte:\u00a0\u201eDiese Wirtschaft t\u00f6tet\u201c, wurde er vielfach kritisiert \u2013 von manchen als naiv l\u00e4cherlich gemacht.<\/p>\n<p>Papst Leo greift den Satz \u201eDiese Wirtschaft t\u00f6tet\u201c auf \u2013 als Mahnung, dass wirtschaftliches Handeln ohne Menschlichkeit zerst\u00f6rerisch wirkt. Nicht \u00fcberall gilt das Gesetz der sozialen Marktwirtschaft, das der katholischen Soziallehre zugrunde liegt. Es muss der Stachel gesetzt werden, der bewusst macht, dass weltweit andere Gesetze gelten.<\/p>\n<p>Es gibt auch im Blick auf unser Land und unsere Gesellschaft den berechtigten Hinweis, dass Geld die Moral am Ende \u00fcberwindet. Zu viele Menschen bleiben auch hierzulande auf der Strecke. In diesem Bem\u00fchen um gerechte Strukturen d\u00fcrfen die Armen nicht nur Objekte der Barmherzigkeit sein, sie sind Subjekte des Miteinanders. Mir bleibt nicht erspart, daran zu erinnern, dass sie dies auch in der Kirche weitgehend nicht sind. Barmherzigkeit und das Bem\u00fchen um Gerechtigkeit sind Grundbedingungen, der Welt das Herz wiederzugeben.<\/p>\n<p>Wir feiern diesen Gottesdienst im Mainzer Dom. Ich habe in anderem Zusammenhang schon einmal auf ein Faktum hingewiesen, das ich heute gerne wiederhole. In einer der Seitenkapellen des Mainzer Doms liegt einer meiner gro\u00dfen Vorg\u00e4nger begraben: Wilhelm Emmanuel von Ketteler. Er war Bischof von Mainz zwischen 1850 und 1877. Bereits nach seiner Priesterweihe als Kaplan in Beckum zeigte er ein hohes Interesse an der sozialen Frage. Armut, Krankheit, mangelnde Bildung, eine Politik, die sich nicht an der Menschenw\u00fcrde, sondern am Profit orientierte, und viele andere Gr\u00fcnde wurden von ihm bald als Ursachen f\u00fcr das Leid vieler Menschen beschrieben. Dass er sich auch als Politiker in der Nationalversammlung engagierte, w\u00e4re heute nicht mehr m\u00f6glich. Er vertrat eine f\u00fcr seine Zeit typische Auffassung von der engen Verbindung zwischen Staat und Kirche. Hintergrund seines Selbstverst\u00e4ndnisses war nat\u00fcrlich auch der Kulturkampf, der kirchliche Vertreter aus jeder politischen Stellungnahme heraushalten wollte. Nach einer Predigt in Kevelaer wurde er wegen Versto\u00dfes gegen diese sogenannten \u201eKanzelparagraphen\u201c zu zwei Jahren Haft verurteilt. Die Kirche sollte sich um das Seelenheil sorgen, staatliche Angelegenheiten habe sie nicht zu er\u00f6rtern. In seinen Jahren als Bischof wandte er sich verst\u00e4rkt der Arbeiterfrage zu und erinnerte die Besitzenden an die Sozialpflichtigkeit des Eigentums, das durch die \u00dcbernahme von Verantwortung f\u00fcr das Gemeinwohl auch zum sozialen Zusammenhalt und zum allgemeinen Frieden beitrage. Als Bischof blieb er lange in Mainz, sein Ruf auf die gro\u00dfen Bischofsst\u00fchle Freiburg, Breslau und K\u00f6ln scheiterten am Einspruch der Regierenden. F\u00fcr Mainz war dies ein Segen. Viele soziale Einrichtungen tragen bis heute seinen Namen, er hat sich einen guten Ruf erworben als Arbeiterbischof und als einer der Gr\u00fcndungsv\u00e4ter der Katholischen Soziallehre.<\/p>\n<p>Zwar gibt es heute weder einen Kanzelparagraphen noch einen Kulturkampf. Doch den Hinweis, die Kirche und der Bischof sollten sich auf ihr Kerngesch\u00e4ft \u2013 die Seelsorge und das Seelenheil \u2013 beschr\u00e4nken, h\u00f6re ich seit Jahren immer wieder. Manchmal bereitet es mir Freude, gerade der Nachfolger dieses Bischofs zu sein. Und \u00fcber den Vorwurf, der Bischof von Mainz und sein Bistum seien linksradikal, wird Bischof Ketteler im Himmel sicher noch l\u00e4cheln.<\/p>\n<p>Er hat die Seelsorge nicht vernachl\u00e4ssigt und gleichzeitig konnte er die soziale Seite des Evangeliums nicht verschweigen. Auch Papst Franziskus und heute Papst Leo werden sich \u00e4hnlichen Vorw\u00fcrfen aussetzen m\u00fcssen. Wenn der Grund f\u00fcr die Kritik darin besteht, dass sich die Kirche an die Seite der Armen stellt, werden wir dies gut aushalten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Heute feiern wir als Kirche, als Caritas. Wir lassen uns an unsere Aufgabe erinnern, der Welt das Herz wiederzugeben, f\u00fcr Barmherzigkeit und Gerechtigkeit gleicherma\u00dfen einzutreten. Und wir werden uns nicht scheuen, den politischen Anspruch des Evangeliums zu benennen. Wir ermahnen nicht nur andere, wir schauen auch auf unsere M\u00f6glichkeiten und Grenzen. Aber wir wollen mitbauen an einer Welt mit Herz. Dazu m\u00f6ge Gott unsere Arbeit segnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u201eDilexit nos\u201c \u2013 so lautet der Titel der letzten Enzyklika von Papst Franziskus. Er erinnerte uns an die&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":498772,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1847],"tags":[3364,29,548,663,3934,30,13,2052,14,15,12,4544],"class_list":{"0":"post-498771","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-wiesbaden","8":"tag-de","9":"tag-deutschland","10":"tag-eu","11":"tag-europa","12":"tag-europe","13":"tag-germany","14":"tag-headlines","15":"tag-hessen","16":"tag-nachrichten","17":"tag-news","18":"tag-schlagzeilen","19":"tag-wiesbaden"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115374230457219162","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/498771","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=498771"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/498771\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/498772"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=498771"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=498771"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=498771"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}