{"id":501539,"date":"2025-10-15T21:14:15","date_gmt":"2025-10-15T21:14:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/501539\/"},"modified":"2025-10-15T21:14:15","modified_gmt":"2025-10-15T21:14:15","slug":"roman-baerenzaehne-aus-dem-richtigen-holz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/501539\/","title":{"rendered":"Roman \u201eB\u00e4renz\u00e4hne\u201c: Aus dem richtigen Holz"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">Eine Wildnis wie die Montanas kann man sich hierzulande eigentlich kaum vorstellen. Auf einer Fl\u00e4che so gro\u00df wie Deutschland lebt zwischen Rockies und Pr\u00e4rie nur etwa eine Million Menschen \u2013 einsamer ist es nur in Alaska und im angrenzenden Wyoming und dort leben bekannterma\u00dfen beinahe ausschlie\u00dflich B\u00e4ren.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Die Gebirgsz\u00fcge, die den Bundesstaat im S\u00fcdwesten durchziehen, tragen klangvolle Namen wie Crazy Mountains, Sweet Grass Hills oder Beartooth Range. Es ist eine Wildnis, in der man gut verschwinden kann, wenn man will, in der das Amerika der Gegenwart nie vollst\u00e4ndig Fu\u00df fassen konnte, so scheint es.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">Nicht wenige Wildwest-Klischees haben in den heutigen Reservaten Montanas ihren Ursprung und befeuern Sehns\u00fcchte vom modernen Leben erm\u00fcdeter Gro\u00dfst\u00e4dter nach Autonomie, Abenteuer und Rugged Individualism. Und auch Callan Wink erz\u00e4hlt in seinem neuen Roman \u201eB\u00e4renz\u00e4hne\u201c eine Story, die zun\u00e4chst so manche arkadische Tr\u00e4umerei zu bedienen wei\u00df.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-5\" pos=\"4\">Die beiden ungleichen Br\u00fcder Thad und Hazen leben off the grid, abseits des zivilisatorischen Koordinatensystem, in einer windschiefen Holzh\u00fctte am n\u00f6rdlichen Ende des riesigen Yellowstone Nationalparks. Sie jagen Elche und B\u00e4ren, gehen Fliegenfischen, Holzf\u00e4llen und zetteln gelegentlich Schl\u00e4gereien in \u00f6rtlichen Dive-Bars an.<\/p>\n<p>Der Roman<\/p>\n<p class=\"bodytext first paragraph last\"><strong>Callan Wink:<\/strong> \u201eB\u00e4renz\u00e4hne\u201c. Aus dem Englischen von Hannes Meyer. Suhrkamp, Berlin 2025. 253 Seiten, 25 Euro<\/p>\n<p>      Der Vater vererbt Schulden<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"6\">\u201eHast du schon mal dr\u00fcber nachgedacht, dass die Welt untergehen k\u00f6nnte, w\u00e4hrend du hier drau\u00dfen bist, und du kriegst \u00fcberhaupt nichts davon mit?\u201c, beschreibt Hazen diese Binnenexistenz, an der das wirkliche Amerika wie ein geteilter Fluss vorbeiflie\u00dft. Doch mit dem Tod des \u00fcberlebensgro\u00dfen Vaters findet das einfache Leben inmitten dieser Ansel-Adams-haften Idylle ein j\u00e4hes Ende.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-9\" pos=\"7\">Denn wie so \u00fcblich im \u201eLand of the Free\u201c hinterl\u00e4sst der Vater nicht nur eine emotionale Leere, sondern auch einen un\u00fcberschaubaren Schuldenstand, und schnell sind es Banken und Anw\u00e4lte statt Grizzlyb\u00e4ren, vor denen sich Hazen und Thad f\u00fcrchten m\u00fcssen. Um ihr Elternhaus nicht zu verlieren, sehen sich die Br\u00fcder gezwungen, im Nationalpark wildern zu gehen sowie Geweihe und Kultobjekte indigener Kulturen zu stehlen, die man teuer an Zugezogene verkaufen kann \u2013 wenn man sich nicht von Parkrangern erwischen l\u00e4sst.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-11\" pos=\"8\">Wink erz\u00e4hlt die Geschichte wie einen modernen Western: Es gibt einen gro\u00dfen Heist, berittene Widersacher, die ein oder andere Damsel in Distress. Es gibt neureiche Fremde, die an \u00d6ltycoons erinnern, einen zwielichtigen Wilderer und sch\u00f6ne Beschreibungen der \u00fcberw\u00e4ltigenden Landschaft. Es gibt keine Handys, weder Hillary, Kamala noch MAGA, keine Demokraten und Republikaner, keinen 6. Januar, 7. Oktober, wohl aber den 4. Juli gibt es \u2013 aber auch nur, um etwas aus Jux in die Luft zu jagen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-12\" pos=\"9\">Pastoraler Eskapismus also? Nein, denn wie die Literatur von John Steinbeck oder <a href=\"https:\/\/taz.de\/Schriftsteller-Cormac-McCarthy-tot\/!5935304\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Cormac McCarthy<\/a> ist \u201eB\u00e4renz\u00e4hne\u201c auch eine pr\u00e4zise Milieustudie und beschreibt das Schicksal der wei\u00dfen Arbeiterklasse, die \u00fcber den Rand der Gesellschaft ins Nichts gest\u00fcrzt ist. Mit beinahe 90 Prozent wei\u00dfer Bev\u00f6lkerung ist kaum ein US-Bundesstaat ethnisch so homogen wie Montana.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-13\" pos=\"10\">Das Ende der Montanindustrie hat gro\u00dfe Teile der l\u00e4ndlichen Bev\u00f6lkerung in wirtschaftliche Schwierigkeiten gest\u00fctzt. Es sind die Menschen, die traditionell konservativ und meist gegen ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen w\u00e4hlen, die f\u00fcr die politischen Eliten der Ost- und Westk\u00fcste nach der Stimmabgabe unsichtbar werden und wie Thad nicht selten in die Opiatabh\u00e4ngigkeit getrieben werden.<\/p>\n<p>      Atemlos erz\u00e4hlt<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-15\" pos=\"12\">Callan Winks Erz\u00e4hltempo ist bisweilen rasant, manchmal scheint die Charakterzeichnung eher mit Thads schwerem Spalthammer als der feinen Klinge vorgenommen und manchmal fehlt den Antagonisten wie in einem Western von John Wayne nur noch der schwarze Hut zur korrekten moralischen Einordnung.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-16\" pos=\"13\">Und obwohl kurz, hat die Geschichte doch L\u00e4ngen, ist trotz der knappen Sprache nicht immer ausreichend erz\u00e4hl\u00f6konomisch gestrafft und Wink rettet den Plot vielleicht das ein oder andere Mal zu oft mithilfe eines Deus Ex Machina (Grizzlies! Bisonsch\u00e4del! M\u00fctter!). Vielleicht h\u00e4tte sich der Roman <a href=\"https:\/\/taz.de\/Short-Stories-in-Deutschland\/!6075461\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">kondensiert in eine Short Story<\/a> oder eben als l\u00e4ngeres Erz\u00e4hlwerk weniger atemlos gelesen. Denn auch das Ende wirkt ein wenig wegerz\u00e4hlt, als h\u00e4tte sich der Autor vor einem zu drastischen Schluss geniert.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-17\" pos=\"14\">Eine gewisse Distanz zu den Protagonisten wird man nie richtig los und vielleicht hat das auch mit der \u00dcbersetzung des Texts zu tun. Thad und Hazen sprechen den selben Montana-Drawl wie Heath Ledger in \u201eBrokeback Mountain\u201c.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-18\" pos=\"15\">Es ist Sprache, die von einer Wildnis geformt ist, die es hierzulande schlicht nicht gibt, die sich als atemlose K\u00fcrze und Hemds\u00e4rmeligkeit in die Sprache der Menschen einschreibt \u2013 die wie bei Thad und Hazen auch zur Sprachlosigkeit f\u00fchren kann, denn die beiden kommunizieren oft mittels Gewalt. Erst sp\u00e4ter wird klar, dass Gewaltlinien auch die Biografien ihrer Eltern durchziehen, Traumata, die angedeutet werden, jedoch die Oberfl\u00e4che der Geschichte nie recht durchsto\u00dfen.<\/p>\n<p>      Kein Entkommen vor der Gegenwart<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-20\" pos=\"17\">\u201eB\u00e4renz\u00e4hne\u201c ist auf eine Weise ein Abgesang auf eine Lebensweise, die zwar l\u00e4ngst von \u00f6konomischen Realit\u00e4ten eingeholt wurde, jedoch immer noch \u00fcber gro\u00dfe Wirkmacht im politischen und kulturellen Diskurs der Vereinigten Staaten verf\u00fcgt: der Glaube daran, dass man es auf eigene Faust schaffen kann \u2013 solange man aus dem richtigen Holz geschnitzt ist. \u201eDon\u2019t tread on me\u201c hei\u00dft das dann, oder \u201eSic semper tyrannis\u201c.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-21\" pos=\"18\">Callan Winks Geschichte zeigt, dass die moderne Tyrannei auch den letzten Fleck der Erde noch heimsuchen kann und es vor den totalen Zw\u00e4ngen der Gegenwart kein Entkommen gibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Eine Wildnis wie die Montanas kann man sich hierzulande eigentlich kaum vorstellen. 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