{"id":501693,"date":"2025-10-15T22:37:11","date_gmt":"2025-10-15T22:37:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/501693\/"},"modified":"2025-10-15T22:37:11","modified_gmt":"2025-10-15T22:37:11","slug":"der-film-the-mastermind-erzaehlt-von-einem-kunstraub-als-ruheloses-irreversibles-scheitern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/501693\/","title":{"rendered":"Der Film \u201eThe Mastermind\u201c erz\u00e4hlt von einem Kunstraub als ruheloses, irreversibles Scheitern"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">Ein junger Mann plant einen Kunstraub, und er ist, so will es der Filmtitel, ein Genie. \u201eThe Mastermind\u201c beginnt dann auch tats\u00e4chlich mit Bildern, die ansatzweise kriminelle Kompetenz vermitteln, wenn auch nur im Kleinen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">James Blaine \u201eJB\u201c Mooney testet bei einem Familienausflug in das \u00f6rtliche Museum einer Kleinstadt in Massachusetts die Sicherheitsbedingungen und klaut recht beh\u00e4nde eine kleine, wohl nicht allzu wertvolle Figur aus einer Vitrine. Nach etwa 15 Filmminuten aber ist klar, der Titel ist Ironie, und der Mann w\u00e4re in \u201eOcean\u2019s Eleven\u201c und jedem anderen US-Heistmovie der letzten hundert Jahre sofort aus der Gang geflogen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">Au\u00dferdem stellt \u201eThe Mastermind\u201c in den ersten Minuten seine eigentliche Hauptfigur vor: das Setting. Der Kunstraub findet statt im Jahr 1970, und die Regisseurin <a href=\"https:\/\/taz.de\/Episodenfilm-von-Kelly-Reichardt\/!5385579\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Kelly Reichardt und ihr Setdesigner Anthony Gasparro, der seit \u201eCertain Women\u201c (2016)<\/a> Reichardts Kulissen baut, haben eine Welt in erdigen Braunt\u00f6nen erschaffen, die \u2013 von Wohnungseinrichtungen bis zu Cordsakkos \u2013 authentisch anmutet.<\/p>\n<p>      Zeitbild der USA<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-6\" pos=\"5\">In seinem letzten Akt, nachdem alles schiefgegangen ist, macht \u201eThe Mastermind\u201c dann vollends klar, dass die Dekade hier nicht nur selbstzweckhafte Dekoration ist, sondern dass es der Regisseurin um ein Zeitbild der USA geht. Ihr Film beginnt mit dem Klau US-amerikanischer Stillleben und endet mit Polizeigewalt auf einer Antivietnamkriegsdemo.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-7\" pos=\"6\">Von Anfang bis Ende aber steht ein konstantes Scheitern. JB Mooney ist Tischler und ehemaliger Kunststudent, der in stillem \u00c4rger \u00fcber die Diskrepanz zwischen seinem wenig glanzvollen Leben und dem unbedingten Willen, mit wenig Aufwand zu viel Geld zu kommen, zu existieren scheint. Mooney reiht sich ein in das Ensemble von Slackerfiguren, die das Werk der Independent-Filmemacherin Kelly Reichardt bev\u00f6lkern. Menschen, die in den L\u00fccken und an den R\u00e4ndern existieren \u2013 aber nicht mit dem Glamour der \u00fcberzeugten Au\u00dfenseiter, sondern weil sie nicht anders k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"7\">Das Herz, das diese Filme f\u00fcr ihre Figuren haben, die weder Helden noch Antihelden sind, sondern den Mythos des Helden sozusagen aussitzen, ist gro\u00df. JB Mooney allerdings ist der Erste, der latent wie ein hilfloser Unsympath wirkt. Josh O&#8217;Connor (\u201eChallengers\u201c, \u201eThe Crown\u201c) spielt den gl\u00fccklosen Kunstdieb mit hochgezogenen Schultern und einer wieder einmal ausgepr\u00e4gten k\u00f6rperlichen Pr\u00e4senz.<\/p>\n<p>      Wollen und Wirklichkeit sind unvereinbar<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-11\" pos=\"9\">Im K\u00f6rperausdruck manifestiert sich die frustrierende Unvereinbarkeit von Wollen und Wirklichkeit. Und die ebenfalls ausgepr\u00e4gte Eitelkeit ist hier der Motor f\u00fcr Selbstblindheit und Gedankenlosigkeit. Mooney stolpert von einem wurstigen Fuck-up zum n\u00e4chsten, und die Momente, in denen O\u2019Connor im Gesicht seiner Figur subtil bedrohliche Momente der Selbsterkenntnis aufscheinen l\u00e4sst, nehmen zu, je weiter sie sich verrennt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-12\" pos=\"10\">Der Plan, eine Handvoll Gem\u00e4lde des K\u00fcnstlers Arthur Dove zu stehlen, ist nachl\u00e4ssig zusammengebaut. JB Mooney heuert ein paar M\u00f6chtegern-Gangster an, die ziehen sich Netzstr\u00fcmpfe \u00fcber den Kopf, nehmen die Bilder von der Wand und laufen zur\u00fcck zum Auto. Ein irreales Unterfangen, aber basierend auf einem realen Kunstraub im Jahr 1972 im Worcester Art Museum in Massachusetts. In der Wirklichkeit hat es wenigstens f\u00fcr zwei Gauguins, einen Picasso und einen Rembrandt gereicht.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-14\" pos=\"11\">JB Mooney hat sich auf die Idee versteift, Bilder von Arthur Dove zu stehlen. Sein Vater, zu allem Ungl\u00fcck auch noch ein ehemaliger Richter, ist dann auch entsprechend unbeeindruckt und fragt sich am Esstisch, was der ganze Quatsch soll \u2013 unwissend, dass der Dieb mit am Esstisch sitzt: \u201eMan kann sich kaum vorstellen, dass sich all der Aufwand f\u00fcr diese abstrakten Bilder lohnen soll.\u201c<\/p>\n<p>      Stille Comedy<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-16\" pos=\"13\">Tut er auch nicht. Der Aufwand selbst ist dann aber vollends stille Comedy. Die Raubszene liegt in der Filmmitte. Die Kunstdiebe werden nat\u00fcrlich entdeckt, klar, wenn man mitten am Tag in einem Museum Gem\u00e4lde von der Wand nimmt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-17\" pos=\"14\">Allerdings nicht vom Wachmann, der schl\u00e4ft, sondern von einem jungen M\u00e4dchen, das in den Museumsr\u00e4umen umhergeht und die ausgestellten Kunstwerke in einem affektierten Franz\u00f6sisch beschreibt: \u201eennuyeux\u201c, \u201ed\u00e9prav\u00e9\u201c, \u201efactice\u201c. Den Gedanken, dass eine Figur hier \u00fcber das Genre spricht, das in diesem Moment mit den Mitteln des Au\u00dfenseiterkinos sanft unterlaufen wird, legt die Montage zumindest nahe.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-18\" pos=\"15\">Die Kunstr\u00e4uber schaffen es mit Ach und Krach, die Bilder in den Kofferraum zu verfrachten. Danach geht es vollends bergab: JB Mooney bekommt \u00c4rger mit den lokalen Mafiosi, und die zweite H\u00e4lfte des Films zeigt das Superhirn auf einer ziellos m\u00e4andernden, actionarmen Flucht durch die USA der siebziger Jahre. Ein Durch-die-Gegend-Reisen, das in den Filmen Reichardts ziellos wirkt.<\/p>\n<p>      Von etwas wegwollen<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-20\" pos=\"17\">Auch wenn die Figuren, wie in \u201eOld Joy\u201c oder \u201eMeek\u2019s Cutoff\u201c ein Ziel haben oder, wie hier, von etwas wegwollen. Die Richtung, die das Leben nehmen soll, ist weder vor noch auf der Leinwand klar, und entsprechend perforiert werden die \u00fcblichen filmischen Erz\u00e4hlkonventionen, die ja immer voraussetzen, dass die Menschen, von denen erz\u00e4hlt wird, eine beschreibbare Entwicklung und damit eine Geschichte durchlaufen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-21\" pos=\"18\">In \u201eThe Mastermind\u201c sind diese Konventionen durchgestrichen, und es entsteht eine zuerst irritierende Dynamik, wie eigentlich immer in diesem Werk, das die g\u00e4ngigen Geschwindigkeiten und Rhythmen der Genres, auf die es sich jeweils bezieht, radikal ausbremst (das Roadmovie in \u201eOld Joy\u201c und \u201eWendy and Lucy\u201c, den Western in \u201eMeek\u2019s Cutoff\u201c und <a href=\"https:\/\/taz.de\/Feministischer-Western-First-Cow\/!5782127\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">\u201eFirst Cow\u201c<\/a>, den Politthriller in \u201eNight Moves\u201c).<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-22\" pos=\"19\">Die Erz\u00e4hlung gerinnt sozusagen. Der Mastermind f\u00e4hrt ziellos durch die Landschaft, telefoniert mit seiner entt\u00e4uschten Frau (Alana Haim), ist aber in Sorge vor allem um sich selbst. Die Figur verstummt mehr und mehr, die gro\u00dfe Klappe wird leise. Und wo vorher ein Heist-Plot die Struktur vorgegeben hat \u2013 Planung, Durchf\u00fchrung, Konsequenzen \u2013, gibt es jetzt nur noch einen statischen Zustand zu sehen, der bed\u00e4chtig ausgemalt wird: ruheloses, irreversibles Scheitern.<\/p>\n<p>      Spr\u00f6de Bewegungslosigkeit<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-24\" pos=\"21\">Diese vorgebliche Bewegungslosigkeit l\u00e4sst die Filme von Kelly Reichardt dem ersten Eindruck nach sehr spr\u00f6de wirken. Wenn man diese Bewegungslosigkeit aber annimmt, ger\u00e4t man in einen Raum der Kontemplation und in sich ruhenden Konzentriertheit.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-25\" pos=\"22\">\u201eThe Mastermind\u201c ist ein Film der kleinsten Gesten, und Kelly Reichardt ist eine der subtilsten Fil\u00adme\u00adma\u00adche\u00adr*in\u00adnen zurzeit. Das Wichtige geschieht in den L\u00fccken, und man bekommt auch hier wieder viel Leerlauf, T\u00e4tigkeiten, die im Genrekino eigentlich als nicht erz\u00e4hlw\u00fcrdig gelten, und Warten vor Augen gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Der Film<\/p>\n<p class=\"bodytext first paragraph last\"><strong>\u201eThe Mastermind\u201c.<\/strong> Regie: Kelly Reichardt. Mit Josh O\u2019Connor, Alana Haim u. a. USA 2025, 110 Min.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-27\" pos=\"23\">Und das alles im Falle von \u201eThe Mastermind\u201c sp\u00e4testens ab dem letzten Filmdrittel wie in Zeitlupe. Reichardt vermeidet dabei die Manierismen des Slow Cinema. Die Langsamkeit dieser Bilder ist kein Selbstzweck und eigentlich nicht einmal ein Stilmittel, sondern Voraussetzung, um das aufscheinen zu lassen, was gezeigt werden soll.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-28\" pos=\"24\">Die Geschichten Reichardts geschehen an den R\u00e4ndern, und zwar nicht in den in ihrem Dagegensein heroischen Subkulturen, sondern dort, wo gl\u00fccklose Durchschnittsmenschen versuchen, dem Leben und der Gesellschaft, in der sie leben m\u00fcssen, ein Gl\u00fcck abzupressen. Hinter der ruhenden Oberfl\u00e4che dieser Filme verbirgt sich so etwas wie eine realistische, weil durch kein unterhaltsames Drama \u00fcberh\u00f6hte Tragik. Oder auch ein tragischer Realismus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ein junger Mann plant einen Kunstraub, und er ist, so will es der Filmtitel, ein Genie. \u201eThe Mastermind\u201c&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":501694,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1771],"tags":[1778,29,214,30,95,1777,215],"class_list":{"0":"post-501693","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kino","8":"tag-cinema","9":"tag-deutschland","10":"tag-entertainment","11":"tag-germany","12":"tag-kino","13":"tag-movie","14":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115380580729936254","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/501693","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=501693"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/501693\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/501694"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=501693"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=501693"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=501693"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}