{"id":503122,"date":"2025-10-16T12:00:47","date_gmt":"2025-10-16T12:00:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/503122\/"},"modified":"2025-10-16T12:00:47","modified_gmt":"2025-10-16T12:00:47","slug":"fotografin-diane-arbus-wie-der-gropiusbau-an-eine-alte-staerke-anknuepft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/503122\/","title":{"rendered":"Fotografin Diane Arbus: Wie der Gropiusbau an eine alte St\u00e4rke ankn\u00fcpft"},"content":{"rendered":"<p>Diane Arbus ist eine der popul\u00e4rsten Fotografinnen des 20. Jahrhunderts. Einer innovativ gestalteten Retrospektive in Berlin gelingt es nun, ihr ber\u00fchrendes \u2013 und von einem ihrer prominenten Modelle angefeindetes \u2013 Werk in neues Licht zu setzen.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Die \u201eAutorin Susan Sontag mit ihrem Sohn David\u201c muss man suchen. So wie jedes andere Bild in dieser Ausstellung. Oder man st\u00f6\u00dft pl\u00f6tzlich darauf \u2013 unerwartet, zuf\u00e4llig. Die Fotografien h\u00e4ngen nicht brav an wei\u00dfen W\u00e4nden, sondern sind auf filigrane, schwarze Sprossenw\u00e4nde montiert, die den Berliner Gropius Bau in ein Labyrinth verwandeln. 454 meist quadratische Aufnahmen bilden dieses Netz: ohne Reihenfolge, ohne erkennbare Ordnung, ohne  Erkl\u00e4rung. <\/p>\n<p>Jedes Bild scheint ein Teilchen in einer visuellen Matrix, ein jedes konkurriert mit dem anderen um Aufmerksamkeit. Und jedes Bild \u2013 vor allem die vielen Portr\u00e4ts \u2013 tritt in pl\u00f6tzliche Konkurrenz mit den Gesichtern der Betrachter, die man in diesem luftigen Ausstellungsdesign anschauen kann, als seien sie selbst Exponate.<\/p>\n<p>\u201eEin Foto ist ein Geheimnis \u00fcber ein Geheimnis\u201c \u2013 dieser ber\u00fchmte Satz von Diane Arbus scheint wie ein unsichtbares Motto \u00fcber der Schau zu schweben. Arbus hat die Fotos gemacht, entstanden sind sie zwischen den sp\u00e4ten 1950er- und den fr\u00fchen 1970er-Jahren. Nachdem sie lange unter schweren Depressionen gelitten hatte, nahm sie sich am 26. Juli 1971 im Alter von 48 Jahren das Leben.<\/p>\n<p>Heute ist Diane Arbus eine der bekanntesten Fotografinnen des 20. Jahrhunderts. Viele Ausstellungen, allen voran \u201eRevelations\u201c (2003), begleitet von einem der <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/print\/die_welt\/literatur\/article106379853\/Auge-hinter-den-Spiegeln.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/print\/die_welt\/literatur\/article106379853\/Auge-hinter-den-Spiegeln.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">meistverkauften Fotob\u00fccher<\/a> \u00fcberhaupt, haben versucht, den Schleier um ihr Werk zu l\u00fcften. Vor allem Susan Sontag hatte sich fr\u00fch daran gemacht, das Geheimnis zu entzaubern \u2013 und Arbus\u2019 Werk als kalkulierte Inszenierung zu deklassieren. <\/p>\n<p>Im Essay \u201eFreak Show\u201c, der in ihrem \u00e4u\u00dferst einflussreichen Sammelband \u201e\u00dcber Fotografie\u201c erschienen war, warf sie der Fotografin vor, die historischen Menschenschauen der Jahrm\u00e4rkte von Coney Island wieder aufleben zu lassen: eine \u201eFreakshow des Mitleids\u201c. Arbus, so Sontag, \u00e4sthetisiere das H\u00e4ssliche, stelle es dem Normalen gleich und raube so dem Leid seine moralische Dimension. Ihr Blick sei distanziert, ihr Interesse k\u00fchl, ihr Status privilegiert. Sie k\u00f6nne es sich leisten, auf \u201edie Anderen\u201c herabzusehen. Arbus\u2019 Werk, so Sontag, sei Symptom f\u00fcr den \u201eVerlust moralischer Ma\u00dfst\u00e4be\u201c.<\/p>\n<p>Vielleicht war das mehr als blo\u00df ein intellektueller Beef zwischen den beiden Frauen, die sich f\u00fcr die Portr\u00e4taufnahme im Jahr 1966 im Central Park trafen. Beide geh\u00f6rten zur New Yorker Avantgarde \u2013 zwei starke Egos im Wettstreit um Wahrheit und Deutungshoheit. Die <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.berlinerfestspiele.de\/gropius-bau\/programm\/2025\/ausstellungen\/diane-arbus\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.berlinerfestspiele.de\/gropius-bau\/programm\/2025\/ausstellungen\/diane-arbus&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Schau im Gropius Bau<\/a>, die statt \u201eRevelations\u201c (Enth\u00fcllungen) nun betont neutral \u201eKonstellationen\u201c hei\u00dft, gibt wohl eher den Kritikern der Sontag\u2019schen Fundamentalabrechnung recht. <\/p>\n<p>Arbus\u2019 Interesse an den R\u00e4ndern der Gesellschaft erscheint hier als humanistischer Impuls: keine zynische Gleichmacherei, sondern radikale Gleichbehandlung. Sie fotografierte nicht heimlich, sondern in Zusammenarbeit mit ihren Modellen. Sie wollte zeigen, was die plurale Gesellschaft beinhaltet \u2013 und hat damit die Akzeptanz des Andersseins vorweggenommen. F\u00fcr Arbus war Fotografie nie Mittel der Idealisierung, sondern Medium der Wahrhaftigkeit \u2013 ein Gegenentwurf zu den Sch\u00f6nheitsnormen, die sie als Fotografin f\u00fcr Modemagazine einst bedient hatte.<\/p>\n<p>Diane Arbus: neugierig statt mitleidig<\/p>\n<p>1956 nahm sie Privatunterricht bei Lisette Model, der Grande Dame der Street Photography. Model lehrte: je spezifischer ein Bild, desto universeller seine Wirkung. Arbus nahm diesen Satz w\u00f6rtlich \u2013 und portr\u00e4tierte Sch\u00f6nheitsk\u00f6niginnen, Pfadfinder, Nudisten, Kleinganoven, Wahrsager, aber auch \u201eZwerge\u201c, \u201eTransvestiten\u201c, \u201esiamesische Zwillinge\u201c, \u201eMuskelm\u00e4nner\u201c, \u201efette M\u00e4dchen\u201c, \u201eeselgesichtige Jungen\u201c, wie sie es im damaligen Sprachgebrauch in den Bildtiteln notiert. <\/p>\n<p>Im Begleitheft zur Ausstellung wurden die deutschen \u00dcbersetzungen dem Zeitgeist angepasst, mit teils spekulativen Ergebnissen: Wenn etwa ein Mann in Frauenkleidern kurzerhand zur \u201eTrans*Frau\u201c erkl\u00e4rt wird, wirkt das eher nachtr\u00e4glich etikettiert als respektvoll.<\/p>\n<p>Arbus\u2019 Blick war nicht mitleidig im Sontag\u2019schen Sinne, sondern neugierig. Sie portr\u00e4tierte den jungen Mann nicht wegen seiner Lockenwickler, sondern wegen des Ausdrucks in seinem Gesicht. Sie fotografierte das tanzende Seniorenpaar ebenso wie den Schriftsteller Jorge Luis Borges mit seiner Frau \u2013 Bilder, die von W\u00fcrde erz\u00e4hlen, nicht von Zurschaustellung. <\/p>\n<p>Besonders bewegend sind ihre letzten Serien \u00fcber Menschen mit Behinderungen: Fotografien von ber\u00fchrender, aber nicht anbiedernder N\u00e4he, in denen sich Lebenslust abseits jeder Zuschreibung vermittelt. Von zeithistorischem Wert sind auch ihre Aufnahmen ber\u00fchmter Pers\u00f6nlichkeiten \u2013 Mae West, Jayne Mansfield, Marcel Duchamp, <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article251372990\/Frank-Stella-Der-Minimalist-der-ein-Maximalist-wurde.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article251372990\/Frank-Stella-Der-Minimalist-der-ein-Maximalist-wurde.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Frank Stella<\/a> \u2013 und das schlafende Baby, dessen Zukunft als CNN-Moderator Anderson Cooper niemand erahnen konnte.<\/p>\n<p>Jenny Schlenzka, die relativ neue Direktorin des Gropius Baus, kn\u00fcpft mit \u201eKonstellationen\u201c an eine alte St\u00e4rke des Hauses an. W\u00e4hrend der \u00c4ra ihres Vorvorg\u00e4ngers Gereon Sievernich war die Fotografie eine zentrale S\u00e4ule der Programmatik \u2013 mit gro\u00dfen Ausstellungen zu Henri Cartier-Bresson, Robert Capa, Barbara Klemm oder dem revolution\u00e4ren Modefotografen Martin Munk\u00e1csi. Schon 2012 wurde Diane Arbus hier mit einer Retrospektive geehrt. Fotografie soll in dem riesigen Berliner Ausstellungshaus, das neuerdings auch K\u00fcnstlerateliers beherbergt, nun wieder einen h\u00f6heren Stellenwert bekommen.<\/p>\n<p>Von Diane Arbus sind es diesmal doppelt so viele Werke \u2013 und sie alle stammen aus dem Fotolabor des \u201eMaster Printers\u201c Neil Selkirk, der noch bei Arbus studiert hatte und nach ihrem Tod als Einziger autorisiert war, neue Abz\u00fcge aus ihrem Nachlass herzustellen. \u00dcber drei Jahrzehnte bewahrte Selkirk je einen Abzug jeder Aufnahme auf. Diese 454 Bilder wurden 2011 von der Schweizer <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article232138949\/Maja-Hoffmanns-Luma-in-Arles-Der-wahrgewordene-Traum-einer-Milliardaerin.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article232138949\/Maja-Hoffmanns-Luma-in-Arles-Der-wahrgewordene-Traum-einer-Milliardaerin.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Sammlerin Maja Hoffmann<\/a> erworben und 2023 erstmals in deren Privatmuseum Luma im s\u00fcdfranz\u00f6sischen Arles gezeigt.<\/p>\n<p>Im Berliner Gropius Bau, in dieser bewusst hierarchielosen Pr\u00e4sentation von Luma-Kurator Matthieu Humery, tritt eine Qualit\u00e4t besonders hervor: Diane Arbus beherrschte die Schwelle zwischen dokumentarischer und inszenierter Fotografie perfekt. Ihre Bilder m\u00fcssen keine Geheimnisse preisgeben.<\/p>\n<p>\u201eDiane Arbus: Konstellationen\u201c, bis 18. Januar 2026, Gropius Bau, Berlin<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Diane Arbus ist eine der popul\u00e4rsten Fotografinnen des 20. Jahrhunderts. 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