{"id":503287,"date":"2025-10-16T13:34:11","date_gmt":"2025-10-16T13:34:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/503287\/"},"modified":"2025-10-16T13:34:11","modified_gmt":"2025-10-16T13:34:11","slug":"antisemitismus-an-hochschulen-aus-euren-haaren-haben-wir-teppiche-gemacht-habe-ein-mann-auf-dem-campus-gerufen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/503287\/","title":{"rendered":"Antisemitismus an Hochschulen: \u201eAus euren Haaren haben wir Teppiche gemacht\u201c, habe ein Mann auf dem Campus gerufen"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcbergriffe, Schm\u00e4hungen, Gewaltandrohungen: Eine Erhebung der J\u00fcdischen Studierendenunion zeigt, wie weit Judenhass in die studentische Alltagskultur eindringt. Das Problem gehe aber nicht nur von Kommilitonen aus: Auch Dozenten hingen antisemitischen \u00dcberzeugungen an.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Zwei Jahre nach dem Massaker vom 7. Oktober ziehen j\u00fcdische Studenten in Deutschland Bilanz und stellen Forderungen an die hiesigen Universit\u00e4ten und Hochschulpolitik. Die J\u00fcdische Studierendenunion (JSUD) legte dazu am Donnerstag einen Ma\u00dfnahmenkatalog und eine qualitative Studie zu Antisemitismus an den Hochschulen vor. <\/p>\n<p>Unter anderem will die JSUD, dass die sogenannte <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/holocaustremembrance.com\/resources\/arbeitsdefinition-antisemitismus\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/holocaustremembrance.com\/resources\/arbeitsdefinition-antisemitismus&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">IHRA-Definition<\/a> f\u00fcr Antisemitismus, die im Gegensatz zu anderen Definitionen die D\u00e4monisierung Israels deutlich als Antisemitismus benennt, in die Hochschulverfassungen aufgenommen wird. Auf dieser Grundlage sollen etwa antisemitisch agierende Studentengruppen von Raumvergabe und Aktivit\u00e4ten auf dem Campus ferngehalten werden. Die J\u00fcdische Studierendenunion fordert auch, beispielsweise von der Wissenschaftsministerkonferenz zertifizierte und in der IHRA-Definition geschulte Antisemitismusbeauftragte f\u00fcr alle Hochschulen einzusetzen. Bund und L\u00e4nder sollen Universit\u00e4ten sanktionieren k\u00f6nnen, die j\u00fcdische Studenten nicht ausreichend sch\u00fctzen. <\/p>\n<p>An Dutzenden Hochschulen quer durch die Republik gab es seit dem 7. Oktober 2023 immer wieder antisemitische Schmierereien, Sachbesch\u00e4digungen bis hin zu gewaltt\u00e4tigen Protestaktionen unter Einsatz von \u00c4xten und Kn\u00fcppeln. Dabei wurde der Terror der Hamas verherrlicht oder zur \u201eIntifada\u201c, also zum bewaffneten Aufstand gegen Juden, aufgerufen. Es gab auch antisemitisch motivierte t\u00e4tliche Gewalt wie gegen den Berliner Studenten <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article256374110\/prozess-gegen-fu-berlin-muessen-uns-in-gruppen-organisieren-damit-wir-in-die-mensa-gehen-koennen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article256374110\/prozess-gegen-fu-berlin-muessen-uns-in-gruppen-organisieren-damit-wir-in-die-mensa-gehen-koennen.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Lahav Shapira<\/a>. <\/p>\n<p>Wie weit in die studentische Alltagskultur antij\u00fcdische Vorurteile eingedrungen sind, zeigt nun zus\u00e4tzlich eine Befragung der J\u00fcdischen Studierendenunion. An mehr als 50 Hochschulen, so JSUD-Pr\u00e4sident Ron Dekel, seien Vorf\u00e4lle bekannt geworden: \u201eDas ist kein Gro\u00dfstadtproblem, und es ist schon gar nicht ein Berlin-Problem. Es ist ein gesamtdeutsches Problem.\u201c Antisemitismus, so Dekel, \u201efindet nicht nur dort statt, wo j\u00fcdisches Leben sichtbar ist. Er zeigt sich dort, wo Hitlergr\u00fc\u00dfe aus Spa\u00df gezeigt werden, wo Hakenkreuze oder Hamas-Dreiecke in Toilettenkabinen geschmiert werden\u201c. Mit roten Dreiecken markiert die Terrororganisation feindliche Ziele, antisemitische Aktivisten nutzen sie zur Einsch\u00fcchterung. <\/p>\n<p>78 Personen von 27 Universit\u00e4ten in 15 Bundesl\u00e4ndern nahmen an der JSUD-Befragung teil. 41 gaben dabei an, j\u00fcdisch zu sein. F\u00fcr die Inklusion \u201eantisemitismus-kritischer\u201c Studenten habe man sich bewusst entschieden, so Dekel, um zu zeigen, dass Antisemitismus \u201euns alle als Gesellschaft\u201c in Gefahr bringe. \u201eEr bedroht alle Menschen, die sich extremem Gedankengut widersetzen, die sich nicht einer vermeintlichen hegemonialen Meinung an den Universit\u00e4ten anpassen wollen \u2013 einer Meinung, die in Wahrheit von einer lauten illiberalen Minderheit getragen wird.\u201c <\/p>\n<p>Die Befragten berichten unter anderem von \u201eSchmierereien in Seminarr\u00e4umen wie \u201aJuden -&gt; Gas\u2018\u201c oder erw\u00e4hnen \u201eHakenkreuze in der Uni\u201c. Die Aussagen sind  anonymisiert, R\u00fcckschl\u00fcsse auf die Hochschulen sind getilgt, NS-Vokabular kommt  h\u00e4ufiger vor. So etwa in einer ausf\u00fchrlichen Schilderung unter der \u00dcberschrift \u201eBeschimpfungen und Verleumdungen j\u00fcdisch wahrgenommener Personen, die teils im Rahmen von Demonstrationen ge\u00e4u\u00dfert wurden\u201c. <\/p>\n<p>\u201eIch selbst wurde als \u201aJude\u2018 von einem jungen Mann erkannt und bedr\u00e4ngt\u201c, hei\u00dft es darin. \u201eEr rief Dinge wie \u201aIch habe nur Verachtung f\u00fcr euch Juden\u2018, \u201aAus euren Haaren haben wir Teppiche gemacht\u2018 und weitere antisemitische Parolen.\u201c <\/p>\n<p>\u00dcbergriffe, Schm\u00e4hungen, Einsch\u00fcchterung bis zum Rausdr\u00e4ngen erlebten die Befragten aber auch im Universit\u00e4tsalltag. Eine Schilderung beginnt in einer Bibliothek, wo zwei M\u00e4nner den Davidstern der schildernden Person bemerkten. \u201eAls ich die Bibliothek verlie\u00df, folgten sie mir und begannen, mir hinterherzurennen, w\u00e4hrend sie (auf Arabisch) antisemitische Parolen zuriefen.\u201c  Eine andere Schilderung h\u00e4lt fest: \u201eF\u00fcr mich am einschneidendsten waren anonyme E-Mails mit Verleumdungen und Drohungen, die offensichtlich aus meinem Wohnheim kamen, bis ich ausgezogen bin.\u201c <\/p>\n<p>Wie diese Gesamtlage zu einem allgemeinen Unsicherheitsgef\u00fchl f\u00fchren konnte, zeigt ein weiterer Beitrag. <\/p>\n<p>\u201eDas Bedr\u00fcckendste, was ich pers\u00f6nlich erlebt habe, war, als ich einer kleinen Gruppe meiner Kommilitonen gesagt habe, dass ich j\u00fcdisch bin\u201c, hei\u00dft es dort. Sofort sei gefragt worden, ob die betreffende Person Zionist sei und einen \u201eGenozid in Gaza\u201c unterst\u00fctze. \u201eIch musste mich pl\u00f6tzlich etwa eine Stunde lang f\u00fcr den ganzen Staat rechtfertigen. Diese Interaktion hat mich durchaus eingesch\u00fcchtert\u201c. Sp\u00e4ter dann sei weitererz\u00e4hlt worden, dass die betreffende Person Jude sei. \u201eMagen-David-Kette und Kippa trage ich nicht, weil ich nicht m\u00f6chte, dass jemand mich potenziell in der \u00d6ffentlichkeit angreift. Dadurch aber, dass ich wegen dieser Weitererz\u00e4hlungen nicht mehr wei\u00df, wer mich als j\u00fcdisch kennt, ist mein urspr\u00fcngliches Sicherheitsgef\u00fchl an der Uni weg.\u201c <\/p>\n<p>\u201eUniversit\u00e4ten haben keine klaren Handlungspl\u00e4ne\u201c<\/p>\n<p>Als strukturelles Grundproblem hinter diesen Erlebnissen sieht die JSUD die in den Universit\u00e4ten verbreitete Unkenntnis dar\u00fcber, wie moderner Antisemitismus sich \u00e4u\u00dfert \u2013 eben Israel-bezogen. Au\u00dferdem bescheinigt die Organisationen vielen Hochschulleitungen Unf\u00e4higkeit bis Unwillen, sich klar dagegen zu positionieren, wenn Antisemiten in \u201epropal\u00e4stinensischem\u201c Gewand auf dem Campus agieren. Auch dazu gibt es Zitate der Befragten. <\/p>\n<p>\u201eOft werden\u201c, so eine befragte Person, \u201eantisemitische Vorf\u00e4lle und Aktionen als rein propal\u00e4stinensisch abgetan oder als \u201alegitime Kritik\u2018 verstanden\u201c und blieben ohne Konsequenz. Die Kompetenz der f\u00fcr Antidiskriminierung zust\u00e4ndigen Hochschulmitarbeiter wie Antisemitismus-Beauftragten oder Antidiskriminierungsstellen w\u00fcrden unter den Befragten im Schnitt als eher schlecht eingesch\u00e4tzt, stellt die Studie fest.<\/p>\n<p>Zudem werden Hochschuldozenten problematisiert, die selbst antisemitischen \u00dcberzeugungen anh\u00e4ngen oder Antisemitismus nicht zu erkennen verm\u00f6gen. Den Universit\u00e4ten, so Ron Dekel, falle die Grenzziehung gegen\u00fcber antisemitischen Aktionen und Vorf\u00e4llen h\u00e4ufig sehr schwer. Dabei habe Meinungsfreiheit \u201eGrenzen, n\u00e4mlich dort, wo Menschenfeindlichkeit und Antisemitismus beginnen\u201c, sagt Dekel. \u201eSeit dem 7. Oktober wurde uns immer wieder schmerzhaft vor Augen gef\u00fchrt, dass Universit\u00e4ten keine klaren Handlungspl\u00e4ne haben, dass sie nicht wissen, was zu tun ist, dass sie \u00fcberfordert sind, wenn etwas passiert.\u201c Es m\u00fcsse \u201eeindeutig geregelt werden, wie Universit\u00e4ten zu handeln haben, wenn H\u00f6rs\u00e4le besetzt, Mobiliar zerst\u00f6rt, zur Intifada, also zum Judenmord, aufgerufen oder gar Studierende t\u00e4glich angegriffen werden\u201c. <\/p>\n<p>Dekel betont, dass das Klima an Universit\u00e4ten, die eindeutig Stellung bezogen h\u00e4tten durch Bekenntnis zur IHRA-Definition oder Verurteilung der Israel-Boykott-Bewegungen, deutlich besser sei als an solchen, an denen solche Bekenntnisse fehlten, uneindeutig oder leise blieben. Zu oft, sagt Dekel, h\u00e4tten Universit\u00e4tsleitungen gegen\u00fcber \u201epropal\u00e4stinensischen\u201c Akteuren versucht, mit diesen \u201ezu reden, zu kooperieren und zu verhandeln. Und das ist nat\u00fcrlich eine Appeasement-Politik, die so nicht zielf\u00fchrend ist.\u201c <\/p>\n<p>Dekel fordert daher, neben den oben genannten Vorschl\u00e4gen und dar\u00fcber hinausgehenden Forderungen nach Gesetzen gegen \u201epropal\u00e4stinensische\u201c Protestcamps oder mehr Forschung zu islamistischem Antisemitismus: \u201eKein Verstecken der Universit\u00e4ten hinter allgemeinen Stellungnahmen von Landesregierungen oder der Hochschulenrektoren-Konferenz, sondern eigenst\u00e4ndiges, entschlossenes Handeln der Hochschulen selbst, denn das macht einen gravierenden Unterschied.\u201c <\/p>\n<p><a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/autor\/jan-alexander-casper\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/autor\/jan-alexander-casper\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\"><b>Jan Alexander Casper <\/b><\/a><b>berichtet f\u00fcr WELT \u00fcber die Gr\u00fcnen und gesellschaftspolitische Themen.<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u00dcbergriffe, Schm\u00e4hungen, Gewaltandrohungen: Eine Erhebung der J\u00fcdischen Studierendenunion zeigt, wie weit Judenhass in die studentische Alltagskultur eindringt. 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