{"id":503335,"date":"2025-10-16T14:02:26","date_gmt":"2025-10-16T14:02:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/503335\/"},"modified":"2025-10-16T14:02:26","modified_gmt":"2025-10-16T14:02:26","slug":"ist-marine-le-pen-links-warum-eine-rechte-gerade-auf-sozial-macht-der-freitag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/503335\/","title":{"rendered":"Ist Marine Le Pen links? Warum eine Rechte gerade auf sozial macht \u2014 der Freitag"},"content":{"rendered":"<p class=\"bc-article-intro__text u-hyphens\">Sie wettert gegen Migranten, liebt aber den Staat: Marine Le Pen hat das Soziale f\u00fcr sich entdeckt. Statt Sparzwang verspricht sie Umverteilung, Rentengeschenke und Staatsjobs. Wie viel Sozialismus steckt in ihrem \u201eRassemblement National\u201c?<\/p>\n<p>        Nur weil Marine Le Pen nach links schaut, hei\u00dft es nicht, dass sie dorthin auch abbiegt<\/p>\n<p>Foto: Bertrand Guay\/AFP via Getty Images<\/p>\n<p>Angenommen, Sie verlassen morgens Ihr vom Staat gef\u00f6rdertes Eigenheim, Sie kaufen sich auf die Schnelle ein Croissant in der \u00f6rtlichen Boulangerie, Sie winken gut gelaunt dem Postmann und dem Polizisten zu (ja, hier mitten in Frankreich gibt es sie noch, die braven Staatsdiener auf dem Drahtesel und in Uniform). Dann steigen Sie in Ihren Verbrenner-Renault, fahren auf einer (endlich!) verstaatlichten Autobahn ohne Mautgeb\u00fchren vorbei an gut ausgestatteten Krankenh\u00e4usern und Schulen.<\/p>\n<p>Ihr Blick streift die Landschaft, ganz ohne Windr\u00e4der, bevor Sie Ihr mittelst\u00e4ndisches Unternehmen erreichen, in dem selbstverst\u00e4ndlich nur Menschen mit franz\u00f6sischer Staatsangeh\u00f6rigkeit arbeiten. Und am Ende des Tages schauen Sie hoffnungsfroh jenen LKWs hinterher, auf denen Ihre G\u00fcter zu g\u00fcnstigen Preisen (fast g\u00e4nzlich befreit von der Mehrwertsteuer!) in alle Ecken des Hexagons gebracht werden. Ja, wirtschaften k\u00f6nnte so einfach sein, so franz\u00f6sisch, so heimelig. Willkommen in der sch\u00f6nen, alten Welt des Rassemblement National (RN).<\/p>\n<p>Marine Le Pen pl\u00e4diert f\u00fcr einen starken \u00f6ffentlichen Dienst<\/p>\n<p>Was anekdotisch anmuten mag, k\u00f6nnte schneller aktuell werden, als gedacht. Denn die Le-Pen-Partei k\u00f6nnte eines Tages an die Macht kommen \u2013 angesichts der <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/lutz-herden\/frankreich-emmanuel-macron-hat-es-geschafft-das-land-ist-unregierbar\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">politischen Instabilit\u00e4t<\/a> ist das zumindest nicht auszuschlie\u00dfen. Derzeit reibt man sich beim Blick auf <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/thema\/frankreich\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Frankreich<\/a> die Augen: Seit den Neuwahlen im letzten Sommer steckt das Land in einer tiefsitzenden Regierungskrise; ein Premierminister folgt auf den n\u00e4chsten, und der Pr\u00e4sident ist zwar auf internationaler B\u00fchne noch gern gesehener Gast, aber im eigenen Land fast schon persona non grata. <\/p>\n<p>Zuletzt hat Emmanuel Macron den <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/linkerhand\/frankreich-und-taeglich-gruesst-der-macronist\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">zur\u00fcckgetretenen Premierminister S\u00e9bastien Lecornu einfach wiederernannt<\/a>, und dem f\u00e4llt nun die ungn\u00e4dige Aufgabe zu, einen Haushalt vorzulegen, der das Staatsdefizit nicht verschlimmert. Jetzt sind die Sozialisten das Z\u00fcnglein an der Waage und um sie zu bes\u00e4nftigen soll zun\u00e4chst mal die <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/linkerhand\/kollision-der-aufstand-in-frankreich-kann-menschenleben-kosten\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">viel kritisierte Rentenreform<\/a> bis zu den n\u00e4chsten Pr\u00e4sidentschaftswahlen ausgesetzt werden. Lecornu schl\u00e4gt ein schwer undurchsichtiges Potpourri aus Steuersenkungen, Steuererh\u00f6hungen und Ausgabenk\u00fcrzungen vor, das den einen zu links, den anderen zu rechts ist. Und so bereiten sich im Hintergrund alle Parteien ununterbrochen auf Neuwahlen vor, denn das n\u00e4chste Misstrauensvotum kommt bestimmt.<\/p>\n<p>Die Wirtschafts- und Finanzpolitik ist im hochverschuldeten Frankreich tats\u00e4chlich ein hei\u00dfes Pflaster, ein Dschungel von Positionen, in denen man auch schon mal links und rechts verwechseln kann. Denn im Gegensatz zu anderen nationalistischen Str\u00f6mungen, die den Staat m\u00f6glichst weit zur\u00fcckdr\u00e4ngen wollen, pl\u00e4dieren Marine Le Pen und ihre Truppe durchaus f\u00fcr einen starken \u00f6ffentlichen Dienst, f\u00fcr interventionistische Ma\u00dfnahmen und \u00fcppige finanzielle Zusch\u00fcsse. Anders als zum Beispiel die <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/pedram-shahyar\/wer-toetete-charlie-kirk-ueber-neue-verschwoerungsmythen-in-maga-und-echte-zweifel\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">MAGA-Bewegung in den USA <\/a>oder der Weidel-Fl\u00fcgel der AfD, die Menschen (und Unternehmen) vom Staat befreien wollen. Kann man daraus schlie\u00dfen, dass der RN in Wirtschaftsfragen eigentlich links tickt?<\/p>\n<p>Nur 21 Prozent des RN-Programms k\u00f6nnen als \u201ewirtschaftsliberal\u201c gelten<\/p>\n<p>Das zumindest behauptete 2023 Guillaume Kasparian, Abgeordneter der Macron-Partei und damals Vorsitzender der Wirtschaftskommission im Parlament, um vor den Rechtspopulisten zu warnen: \u201eDer Mechanismus der Preisbindung ist kommunistisch und marxistisch inspiriert\u201c, sagte er dort. \u201eMan kann nicht sagen, dass er einem liberalen Geist entspringt.\u201c<\/p>\n<p>Mit der Frage, wie viel sozialistische Politik bei den Nationalen zu finden ist, besch\u00e4ftigte sich 2022 schon eine <a href=\"https:\/\/www.sciencespo.fr\/cevipof\/sites\/sciencespo.fr.cevipof\/files\/NoteBaroV13_GI_socialpopulisme_mars2022_V4.pdf\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Studie des Politologen Gilles Ivaldi<\/a> von der renommierten Hochschule Sciences Po. Er kommt zu dem Ergebnis, dass 66 Prozent des Wirtschaftsprogramms des RN aus Vorschl\u00e4gen zur staatlichen Umverteilung bestehen und nur noch 21 Prozent als wirtschaftsliberal gelten k\u00f6nnten. Damit habe der RN \u00f6konomisch einen Linksruck vollzogen. Aber gerade als Deutsche sollten die Alarmglocken schrillen, wenn man uns Nationalisten als links verkaufen will, wenn man \u201enational\u201c und \u201esozialistisch\u201c in einen Topf oder in ein Wort packt.<\/p>\n<p>Die Kritik am Imperialismus allein macht noch keine linke Politik \u2013 ebenso wenig wie das Eingreifen in M\u00e4rkte und das Ankurbeln der Nachfrage durch St\u00e4rkung der Kaufkraft. Nicht erst seit Corona, als wir die negativen Ausw\u00fcchse einer globalisierten Wirtschaftsordnung schmerzhaft zu sp\u00fcren bekamen, sinniert man unter Nationalisten dar\u00fcber, wie viel freier Handel, freie M\u00e4rkte und freier Personenverkehr der heimischen Wirtschaft nun nutzen oder schaden.<\/p>\n<p>F\u00fcr Kaliber wie <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/thema\/donald-trump\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Donald Trump<\/a> geh\u00f6rt es sich, den \u00f6konomischen Patriotismus in jedes Dekret zu schreiben (auch wenn er des \u00d6fteren den Eindruck vermittelt, dass er die Folgen seines wirtschaftlichen Handelns \u2013 gerade in Zollfragen \u2013 nicht in G\u00e4nze durchblickt). Sei\u2019s drum: Durch Trump f\u00fchlen sich auch in Europa rechtskonservative Kr\u00e4fte best\u00e4rkt, mehr \u00f6konomische Abgrenzung zu fordern und auf die \u201enationale Pr\u00e4ferenz\u201c zu beharren, also den Ausschluss von Migranten aus dem Arbeitsmarkt und die Priorit\u00e4t auf das \u201eeigene Volk\u201c. In Frankreich schlagen Unternehmen jedoch Alarm.<\/p>\n<p>Emmanuel Macron bezifferte die j\u00e4hrlichen Kosten f\u00fcr das RN-Programm auf 100 Milliarden zus\u00e4tzlich<\/p>\n<p>Denn ohne Zuwanderung \u2013 ob legal oder illegal \u2013 st\u00fcnden vor allem die Baubranche, aber auch der Dienstleistungs- und Pflegesektor vor immensen Schwierigkeiten. Marine Le Pen und ihren Leuten geht es aber gar nicht um die realen wirtschaftlichen Auswirkungen, solange man auf der Welle von Fremdenhass und Rassismus reiten kann. Und wenn man sich f\u00fcr staatliche Leistungen starkmacht \u2013 angefangen von Schulen \u00fcber Krankenh\u00e4user bis zur Rente und Arbeitslosenhilfe \u2013, dann nat\u00fcrlich nur f\u00fcr jene, die den richtigen Pass besitzen.<\/p>\n<p>Seit Le Pen die Partei 2011 von ihrem Vater Jean-Marie \u00fcbernommen hat, ist sie von dessen Fetischthemen Einwanderung und innere Sicherheit abger\u00fcckt, weil man damit allein keine Mehrheiten gewinnen k\u00f6nne. Von nun an erhob sie die Kaufkraft zum wichtigsten Thema und f\u00fchrte in diesem Geist auch die letzten Wahlk\u00e4mpfe. Um die Kaufkraft zu st\u00e4rken, m\u00fcsse die Mehrwertsteuer auf Energie und Grundnahrungsmittel von 20 auf 5,5 Prozent gesenkt werden. Au\u00dferdem m\u00fcsse es zinslose Darlehen bis zu einer Grenze von 100.000 Euro geben, damit Geringverdiener sich ihr Eigenheim leisten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Auch eine Befreiung von der Einkommenssteuer f\u00fcr unter 30-J\u00e4hrige wird vorgeschlagen, sowie die Schaffung tausender neuer Stellen f\u00fcr Polizisten und Richter, die Privatisierung des \u00f6ffentlichen Rundfunks und die Verstaatlichung der Autobahnen. Sie merken schon: Es kostet. Nach Meinung vieler \u00d6konomen w\u00fcrden all diese Ma\u00dfnahmen das Staatsdefizit in die H\u00f6he treiben und k\u00f6nnten zu einer ausgewachsenen Finanzkrise f\u00fchren. Emmanuel Macron bezifferte im Wahlkampf 2024 die Kosten f\u00fcr das RN-Programm pro Jahr auf 100 Milliarden zus\u00e4tzlich. Demnach w\u00fcrde der Traum von bl\u00fchenden Landschaften schnell zu einem Alptraum werden. Aber bislang steht ja alles nur auf Papier.<\/p>\n<p>Wie reagieren die Unternehmer auf den Rassemblement National?<\/p>\n<p>Um mit diesem Wust an mitunter widerspr\u00fcchlichen Vorschl\u00e4gen die Unternehmer nicht zu verschrecken, sind Le Pen und <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/linkerhand\/jordan-bardella-will-fuer-frankreichs-rechtsnationale-die-europawahl-gewinnen\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">ihr junger Parteichef Jordan Bardella<\/a> in den letzten Jahren von der lang gehegten Idee, die Europ\u00e4ische Union zu verlassen (Frexit), abger\u00fcckt. Auch am \u201eLoi de Travail\u201c wollen sie festhalten \u2013 also der Arbeitsmarktreform aus dem Jahre 2016, was viele als eine Ann\u00e4herung an das Unternehmertum interpretieren. Das soll eine \u00d6ffnung der W\u00e4hlerschaft in Richtung Mitte erm\u00f6glichen \u2013 mit einem gewissen Erfolg, wie man feststellen kann.<\/p>\n<p>Denn auch wenn Bardella k\u00fcrzlich beim Treffen mit dem Unternehmerverband Medef sehr verhalten begr\u00fc\u00dft wurde, so hat doch in den letzten Monaten die Kritik und der Alarmismus aus dem letzten Wahlkampf sp\u00fcrbar abgenommen. Man ist eher in einer opportunistischen Habachtstellung. Denn falls die Rechtspopulisten doch eines Tages an die Macht kommen, m\u00fcsste man sich schlie\u00dflich arrangieren. Und besser als eine linke Regierung w\u00e4re es allemal. Man m\u00fcsse bei der Partei \u201enur\u201c f\u00fcr eine proeurop\u00e4ische und unternehmerfreundliche Haltung werben \u2013 und was die Migranten angeht, nun ja, auch da wird man Kompromisse finden. In Italien wurde Giorgia Meloni ja auch nicht so hei\u00df gegessen, wie gekocht&#8230;<\/p>\n<p>Anfang September versprach Bardella den Unternehmern in einem Brief, dass er Einsparungen von 100 Milliarden Euro durch Senkungen von Produktionssteuern und Abschaffung von Normen und Administration f\u00fcr sie in petto habe. Die Verf\u00fchrungsoffensive ist also in vollem Gange.<\/p>\n<p>Das franz\u00f6sische B\u00fcrgertum hat mehr Angst vor Linken als vor Rechten<\/p>\n<p>\u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich in Deutschland, wo sich Wirtschaftsbosse mehr und mehr die Frage stellen werden, wie die Wirtschaft mit einer erstarkten <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/thema\/afd\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">AfD<\/a> umgehen soll \u2013 und wer in der Partei bei diesen Fragen das Sagen hat: <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/der-freitag\/alice-weidel-will-elon-musk-gefallen-aber-gefaellt-das-dem-afd-universum\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Alice Weidel mit ihrer Liebe zum neoliberalen Selfmade-Man Elon Musk<\/a> oder die Bj\u00f6rn-H\u00f6cke-Fraktion, die noch an das Idealbild eines m\u00e4nnlichen Ern\u00e4hrers glaubt und einen \u201esolidarischen Patriotismus\u201c predigt. Es ist also kompliziert, denn einerseits braucht man die wirtschaftlichen Eliten, um glaubw\u00fcrdig und mehrheitsf\u00e4hig zu wirken, aber andererseits darf man die Stammw\u00e4hlerschaft aus den unteren Schichten nicht vergr\u00e4tzen, denen man jahrzehntelang erz\u00e4hlt hat, wie horrible eben diese Eliten sind. Das gilt in Frankreich und Deutschland gleicherma\u00dfen.<\/p>\n<p>Und nicht zuletzt schwebt \u00fcber allem die Frage: Wie realistisch ist die Umsetzung von Wirtschaftskonzepten, die sich in einer globalisierten Wirtschaftsordnung an Patriotismus und Protektionismus orientieren \u2013 es sei denn, sie gehen einher mit einer autorit\u00e4ren, vielleicht faschistischen Herrschaft? Heute ist im franz\u00f6sischen B\u00fcrgertum die Angst vor einer linken Regierung leider weiter verbreitet als die Bedenken gegen\u00fcber der extremen Rechten. Die Brandmauer der Wirtschaft in Richtung RN schwankt, denn am Ende will man nur eins: business as usual.<\/p>\n<p>\n    nterher, auf denen Ihre G\u00fcter zu g\u00fcnstigen Preisen (fast g\u00e4nzlich befreit von der Mehrwertsteuer!) in alle Ecken des Hexagons gebracht werden. Ja, wirtschaften k\u00f6nnte so einfach sein, so franz\u00f6sisch, so heimelig. Willkommen in der sch\u00f6nen, alten Welt des Rassemblement National (RN).Marine Le Pen pl\u00e4diert f\u00fcr einen starken \u00f6ffentlichen DienstWas anekdotisch anmuten mag, k\u00f6nnte schneller aktuell werden, als gedacht. Denn die Le-Pen-Partei k\u00f6nnte eines Tages an die Macht kommen \u2013 angesichts der politischen Instabilit\u00e4t ist das zumindest nicht auszuschlie\u00dfen. Derzeit reibt man sich beim Blick auf Frankreich die Augen: Seit den Neuwahlen im letzten Sommer steckt das Land in einer tiefsitzenden Regierungskrise; ein Premierminister folgt auf den n\u00e4chsten, und der Pr\u00e4sident ist zwar auf internationaler B\u00fchne noch gern gesehener Gast, aber im eigenen Land fast schon persona non grata. Zuletzt hat Emmanuel Macron den zur\u00fcckgetretenen Premierminister S\u00e9bastien Lecornu einfach wiederernannt, und dem f\u00e4llt nun die ungn\u00e4dige Aufgabe zu, einen Haushalt vorzulegen, der das Staatsdefizit nicht verschlimmert. Jetzt sind die Sozialisten das Z\u00fcnglein an der Waage und um sie zu bes\u00e4nftigen soll zun\u00e4chst mal die viel kritisierte Rentenreform bis zu den n\u00e4chsten Pr\u00e4sidentschaftswahlen ausgesetzt werden. Lecornu schl\u00e4gt ein schwer undurchsichtiges Potpourri aus Steuersenkungen, Steuererh\u00f6hungen und Ausgabenk\u00fcrzungen vor, das den einen zu links, den anderen zu rechts ist. Und so bereiten sich im Hintergrund alle Parteien ununterbrochen auf Neuwahlen vor, denn das n\u00e4chste Misstrauensvotum kommt bestimmt.Die Wirtschafts- und Finanzpolitik ist im hochverschuldeten Frankreich tats\u00e4chlich ein hei\u00dfes Pflaster, ein Dschungel von Positionen, in denen man auch schon mal links und rechts verwechseln kann. Denn im Gegensatz zu anderen nationalistischen Str\u00f6mungen, die den Staat m\u00f6glichst weit zur\u00fcckdr\u00e4ngen wollen, pl\u00e4dieren Marine Le Pen und ihre Truppe durchaus f\u00fcr einen starken \u00f6ffentlichen Dienst, f\u00fcr interventionistische Ma\u00dfnahmen und \u00fcppige finanzielle Zusch\u00fcsse. Anders als zum Beispiel die MAGA-Bewegung in den USA oder der Weidel-Fl\u00fcgel der AfD, die Menschen (und Unternehmen) vom Staat befreien wollen. Kann man daraus schlie\u00dfen, dass der RN in Wirtschaftsfragen eigentlich links tickt?Nur 21 Prozent des RN-Programms k\u00f6nnen als \u201ewirtschaftsliberal\u201c geltenDas zumindest behauptete 2023 Guillaume Kasparian, Abgeordneter der Macron-Partei und damals Vorsitzender der Wirtschaftskommission im Parlament, um vor den Rechtspopulisten zu warnen: \u201eDer Mechanismus der Preisbindung ist kommunistisch und marxistisch inspiriert\u201c, sagte er dort. \u201eMan kann nicht sagen, dass er einem liberalen Geist entspringt.\u201cMit der Frage, wie viel sozialistische Politik bei den Nationalen zu finden ist, besch\u00e4ftigte sich 2022 schon eine Studie des Politologen Gilles Ivaldi von der renommierten Hochschule Sciences Po. Er kommt zu dem Ergebnis, dass 66 Prozent des Wirtschaftsprogramms des RN aus Vorschl\u00e4gen zur staatlichen Umverteilung bestehen und nur noch 21 Prozent als wirtschaftsliberal gelten k\u00f6nnten. Damit habe der RN \u00f6konomisch einen Linksruck vollzogen. Aber gerade als Deutsche sollten die Alarmglocken schrillen, wenn man uns Nationalisten als links verkaufen will, wenn man \u201enational\u201c und \u201esozialistisch\u201c in einen Topf oder in ein Wort packt.Die Kritik am Imperialismus allein macht noch keine linke Politik \u2013 ebenso wenig wie das Eingreifen in M\u00e4rkte und das Ankurbeln der Nachfrage durch St\u00e4rkung der Kaufkraft. Nicht erst seit Corona, als wir die negativen Ausw\u00fcchse einer globalisierten Wirtschaftsordnung schmerzhaft zu sp\u00fcren bekamen, sinniert man unter Nationalisten dar\u00fcber, wie viel freier Handel, freie M\u00e4rkte und freier Personenverkehr der heimischen Wirtschaft nun nutzen oder schaden.F\u00fcr Kaliber wie Donald Trump geh\u00f6rt es sich, den \u00f6konomischen Patriotismus in jedes Dekret zu schreiben (auch wenn er des \u00d6fteren den Eindruck vermittelt, dass er die Folgen seines wirtschaftlichen Handelns \u2013 gerade in Zollfragen \u2013 nicht in G\u00e4nze durchblickt). Sei\u2019s drum: Durch Trump f\u00fchlen sich auch in Europa rechtskonservative Kr\u00e4fte best\u00e4rkt, mehr \u00f6konomische Abgrenzung zu fordern und auf die \u201enationale Pr\u00e4ferenz\u201c zu beharren, also den Ausschluss von Migranten aus dem Arbeitsmarkt und die Priorit\u00e4t auf das \u201eeigene Volk\u201c. In Frankreich schlagen Unternehmen jedoch Alarm.Emmanuel Macron bezifferte die j\u00e4hrlichen Kosten f\u00fcr das RN-Programm auf 100 Milliarden zus\u00e4tzlichDenn ohne Zuwanderung \u2013 ob legal oder illegal \u2013 st\u00fcnden vor allem die Baubranche, aber auch der Dienstleistungs- und Pflegesektor vor immensen Schwierigkeiten. Marine Le Pen und ihren Leuten geht es aber gar nicht um die realen wirtschaftlichen Auswirkungen, solange man auf der Welle von Fremdenhass und Rassismus reiten kann. Und wenn man sich f\u00fcr staatliche Leistungen starkmacht \u2013 angefangen von Schulen \u00fcber Krankenh\u00e4user bis zur Rente und Arbeitslosenhilfe \u2013, dann nat\u00fcrlich nur f\u00fcr jene, die den richtigen Pass besitzen.Seit Le Pen die Partei 2011 von ihrem Vater Jean-Marie \u00fcbernommen hat, ist sie von dessen Fetischthemen Einwanderung und innere Sicherheit abger\u00fcckt, weil man damit allein keine Mehrheiten gewinnen k\u00f6nne. Von nun an erhob sie die Kaufkraft zum wichtigsten Thema und f\u00fchrte in diesem Geist auch die letzten Wahlk\u00e4mpfe. Um die Kaufkraft zu st\u00e4rken, m\u00fcsse die Mehrwertsteuer auf Energie und Grundnahrungsmittel von 20 auf 5,5 Prozent gesenkt werden. Au\u00dferdem m\u00fcsse es zinslose Darlehen bis zu einer Grenze von 100.000 Euro geben, damit Geringverdiener sich ihr Eigenheim leisten k\u00f6nnen.Auch eine Befreiung von der Einkommenssteuer f\u00fcr unter 30-J\u00e4hrige wird vorgeschlagen, sowie die Schaffung tausender neuer Stellen f\u00fcr Polizisten und Richter, die Privatisierung des \u00f6ffentlichen Rundfunks und die Verstaatlichung der Autobahnen. Sie merken schon: Es kostet. Nach Meinung vieler \u00d6konomen w\u00fcrden all diese Ma\u00dfnahmen das Staatsdefizit in die H\u00f6he treiben und k\u00f6nnten zu einer ausgewachsenen Finanzkrise f\u00fchren. Emmanuel Macron bezifferte im Wahlkampf 2024 die Kosten f\u00fcr das RN-Programm pro Jahr auf 100 Milliarden zus\u00e4tzlich. Demnach w\u00fcrde der Traum von bl\u00fchenden Landschaften schnell zu einem Alptraum werden. Aber bislang steht ja alles nur auf Papier.Wie reagieren die Unternehmer auf den Rassemblement National?Um mit diesem Wust an mitunter widerspr\u00fcchlichen Vorschl\u00e4gen die Unternehmer nicht zu verschrecken, sind Le Pen und ihr junger Parteichef Jordan Bardella in den letzten Jahren von der lang gehegten Idee, die Europ\u00e4ische Union zu verlassen (Frexit), abger\u00fcckt. Auch am \u201eLoi de Travail\u201c wollen sie festhalten \u2013 also der Arbeitsmarktreform aus dem Jahre 2016, was viele als eine Ann\u00e4herung an das Unternehmertum interpretieren. Das soll eine \u00d6ffnung der W\u00e4hlerschaft in Richtung Mitte erm\u00f6glichen \u2013 mit einem gewissen Erfolg, wie man feststellen kann.Denn auch wenn Bardella k\u00fcrzlich beim Treffen mit dem Unternehmerverband Medef sehr verhalten begr\u00fc\u00dft wurde, so hat doch in den letzten Monaten die Kritik und der Alarmismus aus dem letzten Wahlkampf sp\u00fcrbar abgenommen. Man ist eher in einer opportunistischen Habachtstellung. Denn falls die Rechtspopulisten doch eines Tages an die Macht kommen, m\u00fcsste man sich schlie\u00dflich arrangieren. Und besser als eine linke Regierung w\u00e4re es allemal. Man m\u00fcsse bei der Partei \u201enur\u201c f\u00fcr eine proeurop\u00e4ische und unternehmerfreundliche Haltung werben \u2013 und was die Migranten angeht, nun ja, auch da wird man Kompromisse finden. In Italien wurde Giorgia Meloni ja auch nicht so hei\u00df gegessen, wie gekocht&#8230;Anfang September versprach Bardella den Unternehmern in einem Brief, dass er Einsparungen von 100 Milliarden Euro durch Senkungen von Produktionssteuern und Abschaffung von Normen und Administration f\u00fcr sie in petto habe. Die Verf\u00fchrungsoffensive ist also in vollem Gange.Das franz\u00f6sische B\u00fcrgertum hat mehr Angst vor Linken als vor Rechten\u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich in Deutschland, wo sich Wirtschaftsbosse mehr und mehr die Frage stellen werden, wie die Wirtschaft mit einer erstarkten AfD umgehen soll \u2013 und wer in der Partei bei diesen Fragen das Sagen hat: Alice Weidel mit ihrer Liebe zum neoliberalen Selfmade-Man Elon Musk oder die Bj\u00f6rn-H\u00f6cke-Fraktion, die noch an das Idealbild eines m\u00e4nnlichen Ern\u00e4hrers glaubt und einen \u201esolidarischen Patriotismus\u201c predigt. Es ist also kompliziert, denn einerseits braucht man die wirtschaftlichen Eliten, um glaubw\u00fcrdig und mehrheitsf\u00e4hig zu wirken, aber andererseits darf man die Stammw\u00e4hlerschaft aus den unteren Schichten nicht vergr\u00e4tzen, denen man jahrzehntelang erz\u00e4hlt hat, wie horrible eben diese Eliten sind. Das gilt in Frankreich und Deutschland gleicherma\u00dfen.Und nicht zuletzt schwebt \u00fcber allem die Frage: Wie realistisch ist die Umsetzung von Wirtschaftskonzepten, die sich in einer globalisierten Wirtschaftsordnung an Patriotismus und Protektionismus orientieren \u2013 es sei denn, sie gehen einher mit einer autorit\u00e4ren, vielleicht faschistischen Herrschaft? Heute ist im franz\u00f6sischen B\u00fcrgertum die Angst vor einer linken Regierung leider weiter verbreitet als die Bedenken gegen\u00fcber der extremen Rechten. 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