{"id":505494,"date":"2025-10-17T09:47:13","date_gmt":"2025-10-17T09:47:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/505494\/"},"modified":"2025-10-17T09:47:13","modified_gmt":"2025-10-17T09:47:13","slug":"ian-mcewans-was-wir-wissen-koennen-ein-roman-zwischen-rueckblick-und-zerfall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/505494\/","title":{"rendered":"Ian McEwans \u201eWas wir wissen k\u00f6nnen\u201c: Ein Roman zwischen R\u00fcckblick und Zerfall"},"content":{"rendered":"<p class=\"para_3 \">\n  Ein verschwundenes Gedicht, eine untergegangene Welt und der kluge Irrtum der Nachgeborenen.\n<\/p>\n<p class=\"para_4 \">\n  Irgendwann zwischen dem letzten Krieg und dem n\u00e4chsten Tsunami hat sich die Welt in einen Zustand begeben, den man gemeinhin \u201edanach\u201c nennt. Die Insel, auf der Thomas Metcalfe lebt, war einmal Gro\u00dfbritannien. Heute ist sie eine Ansammlung feuchtkalter F\u00e4hrverbindungen, Segelrouten und E-Bikes mit Hartholzrahmen.\n<\/p>\n<p class=\"para_5 \">\n  Metcalfe, Anfang vierzig, Professor f\u00fcr Literaturgeschichte, widmet sich dem, was \u00fcbrig ist \u2013 nicht von der Welt, sondern von ihrer Beschreibung. Sein Forschungsfeld: die englische Literatur zwischen 1990 und 2030. Eine Epoche, die aus der Distanz von hundert Jahren pl\u00f6tzlich koh\u00e4rent wirkt \u2013 wie ein Archiv, das sich durchforsten l\u00e4sst, bis etwas spricht.\n<\/p>\n<p class=\"para_6 \">\n  Etwas wie das: ein Sonettenkranz. Vorgetragen im Mai 2014, als Geburtstagsgeschenk an eine Frau namens Vivien Blundy, verfasst von ihrem Mann Francis, einem Lyriker von beinahe posthumem Rang. Danach: nichts mehr. Kein Druck, kein Manuskript, nur eine Erinnerung an etwas Einmaliges. Was davon bleibt, ist die Faszination f\u00fcr das, was fehlt \u2013 und McEwans Roman zieht daraus seine leise, aber best\u00e4ndige Spannung.\n<\/p>\n<p>  <b>Von der Eleganz des Irrtums<\/b><\/p>\n<p class=\"para_7 \">\n  Was wir wissen k\u00f6nnen ist ein Buch, das seinen Titel ernst nimmt, indem es ihn unterl\u00e4uft. Der Erz\u00e4hler \u2013 Thomas, nicht Ian \u2013 rekonstruiert nicht nur ein Gedicht, sondern eine Beziehung, eine Epoche, eine Frau. Oder glaubt es zumindest. Seine Arbeitsweise: archivgest\u00fctzt, empathisch, mit dem Selbstverst\u00e4ndnis eines Literaten, der nicht blo\u00df forscht, sondern versteht.\n<\/p>\n<p class=\"para_8 \">\n  Doch die Welt, in der er das tut, ist keine, die noch viel versteht. Die \u201eDisruption\u201c hat das Land zerlegt \u2013 \u00f6kologisch, politisch, infrastrukturell. Der Meeresspiegel hat aufger\u00e4umt, der Krieg gleich mit. Nigeria ist Weltmacht, Oxford ein Bergarchiv in Snowdonia, Metcalfes Studierende sitzen zusammengesunken am Seminartisch und blicken auf das 21. Jahrhundert wie auf eine Art Betriebsunfall.\n<\/p>\n<p class=\"para_9 \">\n  Dass der Roman trotzdem in weiten Teilen aus dieser Vergangenheit erz\u00e4hlt wird, ist kein Widerspruch. McEwan l\u00e4sst Metcalfe hineinfallen \u2013 in Briefe, Tageb\u00fccher, Messengerverl\u00e4ufe, in seine eigene Nostalgie. Vor allem aber in Vivien, die Witwe, die Dichtergattin, die sp\u00e4tere Autorin einer 170-seitigen Selbstzerschreibung, die den zweiten Teil des Romans pr\u00e4gt.\n<\/p>\n<p class=\"para_10 \">\n  Denn nat\u00fcrlich ist nichts, wie es scheint. Auch das nicht.\n<\/p>\n<p>  <b>Der Sonettenkranz als Phantomschmerz<\/b><\/p>\n<p class=\"para_11 \">\n  Francis Blundy \u2013 ein Name wie aus dem Mittelfeld der englischen Poesiegeschichte \u2013 hat mit seinem verschwundenen Gedicht ein kleines Wunder bewirkt: Jahrzehntelange Projektion. Was genau dieses Gedicht war, bleibt unklar. Eine Liebeserkl\u00e4rung? Eine \u00d6kokritik? Eine Abrechnung mit der fossil betriebenen Welt? Oder schlicht: sch\u00f6n?\n<\/p>\n<p class=\"para_12 \">\n  Metcalfe h\u00e4lt es f\u00fcr alles zugleich. Es ist das, was fehlt \u2013 und damit das, was sich mit Sinn aufladen l\u00e4sst. McEwan spielt dieses Spiel kenntnisreich aus, zitiert Fragmente, legt F\u00e4hrten, zerst\u00f6rt Erwartungen. Der Kranz bleibt ein Phantom. Doch in der Leerstelle beginnt die Erz\u00e4hlung.\n<\/p>\n<p>  <b>Vivien tritt auf<\/b><\/p>\n<p class=\"para_13 \">\n  Was der Erz\u00e4hler glaubt, \u00fcber Vivien zu wissen \u2013 ihre Ehe, ihre Hingabe, ihr R\u00fcckzug aus der akademischen Karriere \u2013, erweist sich als Konstruktion. Sp\u00e4testens mit dem Fund der Aufzeichnungen, tief im Archiv, wird deutlich: Auch Biografen irren sich. Vor allem, wenn sie mehr lieben als lesen.\n<\/p>\n<p class=\"para_14 \">\n  Vivien schreibt gegen das Bild an, das Thomas von ihr hatte. Nicht trotzig, nicht brutal, sondern schlicht pr\u00e4ziser. Ihre Erinnerungen, ihre Rache, ihre Aff\u00e4ren, ihre Schuld: nichts davon spektakul\u00e4r inszeniert, aber wirkungsvoll platziert. McEwan gelingt hier eine zweite Figur, die nicht korrigiert, sondern \u00fcberschreibt.\n<\/p>\n<p class=\"para_15 \">\n  Und pl\u00f6tzlich wird der Roman, der sich bislang zwischen Forschungsethik und postkatastrophaler Weltbeschreibung bewegte, zu einem Text \u00fcber Projektion, Begehren, Deutung. Auch \u00fcber das Versagen von Empathie als Methode historischer Erkenntnis.\n<\/p>\n<p>  <b>Die Technik der Korrektur<\/b><\/p>\n<p class=\"para_16 \">\n  McEwan ist kein Autor, der Dinge dem Zufall \u00fcberl\u00e4sst. Auch in Was wir wissen k\u00f6nnen ist das nicht anders. Die Struktur ist durchdacht, die \u00dcberg\u00e4nge gezielt rau. Dass der zweite Teil wie ein Bruch wirkt, ist gewollt. Der Erz\u00e4hler wird seiner Rolle enthoben, die Figur \u00fcbernimmt.\n<\/p>\n<p class=\"para_17 \">\n  Was sprachlich bleibt, ist eine ruhige Klarheit, ohne Pose. Robbens \u00dcbersetzung tr\u00e4gt diese Lakonie \u00fcberzeugend mit \u2013 nie angestrengt, aber auch nie belanglos. Die Zukunft ist hier nicht stilistischer Vorwand, sondern narrative Notwendigkeit.\n<\/p>\n<p class=\"para_18 \">\n  Denn nat\u00fcrlich geht es McEwan nicht um Technik oder Weltentw\u00fcrfe. Die Welt, die er beschreibt, ist ausgebeutet \u2013 \u00f6kologisch, emotional, auch literarisch. Was bleibt, ist das Erz\u00e4hlen. Und das Scheitern daran.\n<\/p>\n<p>  <b>Am Ende: ein anderes Wissen<\/b><\/p>\n<p class=\"para_19 \">\n  Was dieser Roman wei\u00df, ist weniger als das, was er vermutet. Und das ist sein Gewinn. Keine Gewissheit, keine Aufl\u00f6sung, kein Triumph der Aufkl\u00e4rung. Stattdessen: eine vorsichtige Demontage dessen, was literarische Aneignung im besten Fall sein kann \u2013 und im schlechtesten Fall ist.\n<\/p>\n<p class=\"para_20 \">\n  Der gro\u00dfe Fund ist nicht das Gedicht, sondern das Eingest\u00e4ndnis, dass ein anderes Wissen existiert. Eins, das sich nicht durch Recherche erschlie\u00dft, sondern durch das Aushalten des Nichtwissens.\n<\/p>\n<p class=\"para_21 \">\n  Dass McEwan das erz\u00e4hlt, ohne es zu verk\u00fcnden, ist seine eigentliche Kunst. Kein Roman \u00fcber Erkenntnis. Ein Roman \u00fcber die Korrektur von Annahmen. \u00dcber die L\u00fccke zwischen dem, was war, und dem, was daraus gemacht wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ein verschwundenes Gedicht, eine untergegangene Welt und der kluge Irrtum der Nachgeborenen. 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