{"id":505784,"date":"2025-10-17T12:27:12","date_gmt":"2025-10-17T12:27:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/505784\/"},"modified":"2025-10-17T12:27:12","modified_gmt":"2025-10-17T12:27:12","slug":"adornos-buecher-sehen-nicht-mehr-aus-wie-buecher-nach-66-jahren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/505784\/","title":{"rendered":"Adornos \u201eB\u00fccher sehen nicht mehr aus wie B\u00fccher\u201c nach 66 Jahren"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Die <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-entity=\"Frankfurter Buchmesse\" data-rtr-id=\"ecdaea0590a05afd0f98b48a24a74b6d2246e8d6\" data-rtr-score=\"76.01276988726833\" data-rtr-etype=\"event\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/thema\/frankfurter-buchmesse\" title=\"Frankfurter Buchmesse\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Frankfurter Buchmesse<\/a> ist seit jeher ein Brennglas nicht nur f\u00fcr die Entwicklung des geschriebenen Wortes, sondern auch f\u00fcr die Lage des Buches als Kulturgut gewesen. In ihrer offiziellen Chronik ist nachzulesen, wie schnell sie in den ersten zehn Jahren nach der Wiederaufnahme 1949 zu einer Gro\u00dfveranstaltung mit internationaler Resonanz, stetig steigenden Besucherzahlen und gro\u00dfem Einfluss auf den Vertrieb heranwuchs.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Nicht allen konnte das gefallen. In seinen \u201eBi\u00adbliographischen Grillen\u201c, einem kurzen Text, den Theodor W. Adorno am 16. Oktober 1959 in der F.A.Z. ver\u00f6ffentlichte und sp\u00e4ter zu einem l\u00e4ngeren Aufsatz ausarbeitete, berichtet er von einem Gef\u00fchl der \u201eBeklemmung\u201c, das ihn bei seinem Besuch auf der Buchmesse ergriffen habe. Der Grund: Die B\u00fccher s\u00e4hen nicht mehr aus wie B\u00fccher. Ihre bebilderten Einb\u00e4nde, bunten Farben und modernen Formate zeugten von einem Verfall des Buches hin zur momentanen Konsumware. \u201eBucheinb\u00e4nde sind, international, zur Reklame f\u00fcr das Buch geworden\u201c, schreibt Adorno, \u201ejene W\u00fcrde des in sich Gehaltenen, Dauernden, Hermetischen, das den Leser in sich hineinnimmt, gleichsam \u00fcber ihm den Deckel schlie\u00dft wie die Buchdeckel \u00fcber dem Text\u201c, sei \u201eals unzeitgem\u00e4\u00df beseitigt\u201c. Stattdessen mache sich das Buch \u201ean den Leser heran\u201c.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">F\u00fcr Adorno spiegelte sich in der Gestaltung der B\u00fccher die Ausbreitung dessen, was er und Max Horkheimer \u201eKulturindustrie\u201c nannten: Kultur wird zur Ware, die Autonomie des Kunstwerks tritt hinter \u00f6konomischen Gesichtspunkten zur\u00fcck. Gewiss muss man diese Kritik nicht teilen \u2013 heutzutage scheint angesichts des medialen Wandels vielmehr auf dem Spiel zu stehen, ob die Menschen \u00fcberhaupt noch zum Buch greifen. Doch seine \u201eGrillen\u201c sind auch eine spielerische Beobachtung des Buches als Kulturobjekt, die zum Nachdenken anregen. Wir haben sie 66 Jahre nach ihrem ersten Erscheinen zum Anlass genommen, das Wesen des Buches etwas genauer zu betrachten.<\/p>\n<p>Ein Buch aufschlagen<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Zwei Deckel, einer oben, einer unten. Dazwischen viele Bl\u00e4tter, an einer Seite miteinander verbunden. Einigt man sich auf diese Minimaldefinition, dann hat sich seit der Geburtsstunde des physischen Buches wenig ver\u00e4ndert. Von seiner urspr\u00fcnglichen materiellen Beschaffenheit ist bis heute jedoch nur wenig geblieben.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Die Geschichte des Buches reicht zur\u00fcck bis in die Sp\u00e4tantike, als das Pergament allm\u00e4hlich den Papyrus verdr\u00e4ngte und der Kodex die Schriftrolle. Im Mittelalter waren Kl\u00f6ster die Zentren einer regen, aber aufwendigen Buchproduktion. M\u00f6nche und Nonnen beschrieben und verzierten die Kodizes in ihren Schreibstuben von Hand. Damals bestanden die Seiten noch aus Tierh\u00e4uten, die Buchdeckel aus Holz. Als das Buch in Westeuropa zum beliebtesten Informationstr\u00e4ger avancierte, war es also in der Regel um einiges wertvoller, langlebiger und dicker als heute. Oder, um mit Adorno zu sprechen: in sich gehalten, dauernd, hermetisch.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Allerdings war das mittelalterliche Buch nicht hermetisch genug, um die Seiten davor zu bewahren, Feuchtigkeit aus der Luft aufzunehmen, was sie aufquellen und wellig werden lie\u00df. Um dem entgegenzuwirken und die Buchdeckel zusammenzuhalten, brachte man Verschl\u00fcsse aus Metall an. Ganz lie\u00df sich die Feuchtigkeit dennoch nicht aufhalten. Die Seiten wurden dicker, die Schlie\u00dfen rostiger \u2013 und das \u00d6ffnen des Buches erheblich schwieriger. Doch auch daf\u00fcr fand man eine L\u00f6sung: Ein kr\u00e4ftiger Faustschlag auf den Buchdeckel lie\u00df die Verschl\u00fcsse aus den B\u00fcgeln springen. Inzwischen geh\u00f6ren Seiten aus Pergament, Buchdeckel aus Holz und handschriftliche Texte der Vergangenheit an. Doch bis heute beginnt jede Geschichte damit, dass wir ein Buch \u201eaufschlagen\u201c.<\/p>\n<p>Erste Eindr\u00fccke<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Wie fasst man ein ganzes Werk in nur wenigen Worten zusammen? Ein Geheimrezept f\u00fcr die Wahl des richtigen Titels scheint es nicht zu geben. Viele bekannte Werke sollten eigentlich ganz anders hei\u00dfen: Jane Austens \u201eStolz und Vorurteil\u201c trug in einer ersten Fassung noch den Titel \u201eFirst Impressions\u201c (dt.: erste Eindr\u00fccke). Doch bevor das Werk erscheinen konnte, kam ihr eine andere Autorin mit der Ver\u00f6ffentlichung eines gleichnamigen Werks zuvor. Ein anderer Fall: Astrid Lindgrens titelgebende Figur in \u201eMichel aus L\u00f6nneberga\u201c hei\u00dft im schwedischen Original nicht Michel, sondern Emil. In der deutschen \u00dcbersetzung entschied man sich f\u00fcr Michel, um eine Verwechslung mit Erich K\u00e4stners \u201eEmil und die Detektive\u201c zu vermeiden. Und f\u00fcr Margaret Mitchells \u201eVom Winde verweht\u201c war urspr\u00fcnglich der etwas hoffnungsvollere Titel \u201eTomorrow is another day\u201c (dt.: Morgen ist auch noch ein Tag) vorgesehen \u2013 eine Anspielung auf den ber\u00fchmten letzten Satz des Romans.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Neben kurzfristigen und strategischen \u00c4nderungen gibt es Buchtitel, die nicht l\u00e4nger sind als ein einziger Buchstabe und trotzdem mehr sagen als ein ganzer Satz: Man denke etwa an Jehona Kicajs j\u00fcngst f\u00fcr den Buchpreis nominierten Roman \u201e\u00eb\u201c, dessen namensgebender Buchstabe f\u00fcr deutsche Leser ebenso unaussprechlich ist wie die Erfahrung des Kosovokrieges f\u00fcr die Protagonistin. Bei anderen Titeln wundert man sich, dass sie \u00fcberhaupt auf den Einband passen: Dass \u201eDer Hundertj\u00e4hrige, der aus dem Fenster stieg und verschwand\u201c von Jonas Jonasson auf dem Buchr\u00fccken gleich zwei vertikale Zeilen einnimmt, ist wenig \u00fcberraschend.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Adorno w\u00e4re die L\u00e4nge des Titels vielleicht gleichg\u00fcltig gewesen, die Gestaltung h\u00e4tte ihn jedoch gewiss gest\u00f6rt. Er hegte eine \u201ealte Abneigung gegen B\u00fccher, deren Titel auf dem R\u00fccken l\u00e4ngs gedruckt sind.\u201c Sie seien \u201enur dazu da, herumzuliegen, heruntergefegt zu werden\u201c. Die Querschrift auf dem Buchr\u00fccken verleihe ihnen hingegen einen Ausdruck von Best\u00e4ndigkeit: \u201eSolid ruhen sie auf ihren F\u00fc\u00dfen, und der lesbare Titel oben ist ihr Gesicht.\u201c<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Im Vergleich zu Notens\u00e4tzen, die eine Melodie mimetisch abbilden, seien B\u00fccher weniger zug\u00e4nglich, res\u00fcmiert Adorno am Ende seines Aufsatzes.\" height=\"2197\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/im-vergleich-zu-notensaetzen.jpg\" width=\"3000\" class=\"sm:w-content-sm w-full\" tabindex=\"0\"\/>Im Vergleich zu Notens\u00e4tzen, die eine Melodie mimetisch abbilden, seien B\u00fccher weniger zug\u00e4nglich, res\u00fcmiert Adorno am Ende seines Aufsatzes.Picture Alliance<\/p>\n<p>Ein feiner Unterschied<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">\u00dcber das Verh\u00e4ltnis von Gedanke und Druck schreibt Adorno: \u201eErst in den gedruckten Lettern nehmen die Texte, wirklich oder zum Schein, jene Objektivit\u00e4t an, in der sie von ihren Autoren endg\u00fcltig sich abl\u00f6sen, und das wiederum erlaubt diesen, sie mit fremden Augen anzusehen und M\u00e4ngel aufzufinden, die sich ihnen verbargen.\u201c Aber was bestimmt, wie diese gedruckten Lettern aussehen?<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Eine grundlegende Entscheidung in der Typographie betrifft Serifen. Das sind die feinen Striche, die auch in dem Text, den Sie gerade lesen, an den Ausl\u00e4ufern jedes Buchstabens zu erkennen sind. Neben anderen gestalterischen Faktoren k\u00f6nnen sie die Lesbarkeit und die Wirkung eines Textes ma\u00dfgeblich beeinflussen. In der Gestaltung literarischer B\u00fccher sind Serifenschriften bis heute vorherrschend. Ansonsten scheinen serifenlose Schriften zu dominieren, etwa auf Verkehrsschildern, in der Werbung oder in den digitalen Medien, mitunter auch in Sachb\u00fcchern. Das hat historische, funktionale und \u00e4sthetische Ursachen. Bereits in der Antike waren die in Stein gemei\u00dfelten lateinischen Inschriften mit Serifen versehen. Eine verbreitete Erkl\u00e4rung, nach der r\u00f6mische Steinmetze die kleinen \u00fcberh\u00e4ngenden Striche aufgrund der breiten Mei\u00dfelans\u00e4tze nicht vermeiden konnten, l\u00e4sst sich nicht sicher belegen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Auch serifenlose Schriften fanden sich damals schon, popul\u00e4r wurden sie jedoch vom fr\u00fchen 19. Jahrhundert an, als im Zuge der Industrialisierung auch in der Typographie eine Rationalisierung einsetzte. Aufgrund ihrer n\u00fcchternen Form eigneten sich serifenlose Schriften besonders gut f\u00fcr die effiziente Kennzeichnung von Maschinen und Schildern. Anfang des 20. Jahrhunderts r\u00fcckte die moderne Typographie zunehmend auch in den Fokus der K\u00fcnste: Anh\u00e4nger der Neuen Sachlichkeit propagierten serifenlose Schriften als Zeichen des Fortschritts. In den Zwanziger- und Drei\u00dfigerjahren besch\u00e4ftigte sich das Bauhaus mit der Entwicklung serifenloser Typographie, bis derartige Reformbestrebungen von den Nationalsozialisten eingeschr\u00e4nkt wurden.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Heute sind die verschiedenen Schriftarten weniger ideologisch aufgeladen. Ihre Verwendung h\u00e4ngt neben individuellen gestalterischen Vorlieben vor allem von der Leserlichkeit und dem Kontext ab. Die offizielle Norm zur Leserlichkeit von Schriften (DIN 1450) empfiehlt besonders in Hinblick auf Menschen mit Sehbehinderungen, auf Serifen zu verzichten. Auch Leseanf\u00e4nger lesen besser ohne Serifen, weshalb Kinderb\u00fccher h\u00e4ufig in serifenlosen Schriften gedruckt sind.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Ansonsten ist vor allem das verwendete Medium entscheidend: Auf Bildschirmen mit niedriger Aufl\u00f6sung, kleinem Format oder Beamern sind Texte ohne Serifen besser lesbar. F\u00fcr l\u00e4ngere, gedruckte Flie\u00dftexte, wie sie in B\u00fcchern zu finden sind, sowie auf Bildschirmen mit hoher Aufl\u00f6sung gelten jedoch die g\u00e4ngigen Serifenschriften als geeigneter. Mehrere wissenschaftliche Untersuchungen deuten darauf hin, dass sie ein schnelleres Lesetempo beg\u00fcnstigen \u2013 m\u00f6glicherweise bieten die kleinen Striche unterst\u00fctzende Orientierung beim Lesen. Andere verweisen auf die pr\u00e4gende Rolle unserer Lesegewohnheiten. Das w\u00fcrde zumindest erkl\u00e4ren, warum Serifenschriften in digitalen und administrativen Kontexten h\u00e4ufig antiquiert wirken, w\u00e4hrend serifenlose Schriften in Romanen ein gewisses literarisches Flair vermissen lassen<\/p>\n<p>Seite f\u00fcr Seite<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Wenn es um B\u00fccher geht, ist der digitale Wandel der Elefant im Raum. Die Welt ist hektischer und effizienter geworden, Informationen und Reize prasseln unaufh\u00f6rlich, gleichzeitig und unmittelbar auf jeden Menschen ein, der sich in digitalen Sph\u00e4ren bewegt. Fast schon stoisch wirkt dagegen das Buch, dessen Erscheinung bereits im Regal eine Ahnung davon vermittelt, wie viel Zeit man ihm wird einr\u00e4umen m\u00fcssen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Seinerzeit sorgte sich Adorno um die Kurzlebigkeit der B\u00fccher, bedingt durch Marktmechanismen, in denen sich neue Ware immerzu \u00fcbertrumpfen m\u00fcsse. \u201eInsgesamt dr\u00e4ngt sich auf, dass die B\u00fccher sich dessen sch\u00e4men, dass sie \u00fcberhaupt noch welche sind und nicht Trickfilme oder von Neonlicht beschienene Schaufenster\u201c, schreibt er in seinen \u201eBibliographischen Grillen\u201c; dass sie \u201emit einer Zeit mitrennen, von der sie insgeheim bef\u00fcrchten, dass sie f\u00fcr sie selber keine Zeit mehr hat\u201c.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Heute konkurriert das gedruckte Buch neben anderen Unterhaltungsm\u00f6glichkeiten mit verschlankten Varianten seiner selbst: Immer st\u00e4rker dr\u00e4ngen E-Books und H\u00f6rb\u00fccher in den Buchmarkt vor. Beide sind platzsparend und jederzeit verf\u00fcgbar, H\u00f6rb\u00fccher machen das eigenst\u00e4ndige Lesen g\u00e4nzlich obsolet. Daf\u00fcr fehlt ihnen etwas, das nicht nur der Tradition, sondern auch einer internationalen Definition nach zwingend zum Buch geh\u00f6rt: die bedruckten Seiten. Laut UNESCO muss ein Buch mindestens 49 davon haben. Dass digitale Seiten nicht ber\u00fccksichtigt werden, mag allerdings der Tatsache geschuldet sein, dass E-Books bei der Ver\u00f6ffentlichung der Richtlinie im Jahr 1964 noch gar nicht existierten.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Die Entwicklung hin zum Digitalen ver\u00e4ndert nicht nur unsere Vorstellung dessen, was als Buch gilt. Sie ver\u00e4ndert auch, wie wir lesen. Das zeigt unter anderem die Stavanger-Erkl\u00e4rung von 130 Wissenschaftlern, die 2019 in der F.A.Z. ver\u00f6ffentlicht wurde. Vier Jahre lang befassten sie sich mit den Folgen der Digitalisierung auf die Lesepraxis. Unter anderem kamen die Forscher zu dem Ergebnis, dass das Lesen digitaler Texte unaufmerksames und sprunghaftes Lesen beg\u00fcnstige. Die regelm\u00e4\u00dfige Lekt\u00fcre langer Informationstexte sei jedoch essenziell f\u00fcr die Konzentration, den Wortschatz und das Ged\u00e4chtnis, weshalb f\u00fcr sie Papier der bessere Tr\u00e4ger sei. F\u00fcr narrative Texte stellten die Forscher hingegen keine bedeutenden Unterschiede fest. Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung ist, dass Erz\u00e4hltexte den Leser st\u00e4rker in ihren Bann ziehen, ganz unabh\u00e4ngig vom Medium.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Aus wissenschaftlicher Sicht spricht also nichts dagegen, Belletristik vorzugsweise auf dem E-Reader oder Tablet zu lesen. Trotzdem gibt es Aspekte des Lesens, die auch sie unm\u00f6glich ersetzen k\u00f6nnen. Zum Beispiel das befriedigende Gef\u00fchl, wenn der linke Teil eines Buches allm\u00e4hlich dicker wird und der rechte immer d\u00fcnner. Den vertrauten Geruch frisch erstandener B\u00fccher und vergilbter Erbst\u00fccke. Oder die Erinnerungen, die sich in die Seiten einschreiben, wenn Meerwasser oder Tr\u00e4nen sie Wellen schlagen lassen.<\/p>\n<p>Glaube an Best\u00e4ndigkeit<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Trotz der vielen Neuerscheinungen und Innovationen, die j\u00e4hrlich den Buchmarkt fluten, ist es der Glaube an Best\u00e4ndigkeit, der einigen Verlagen Kultstatus eingebracht hat. Beispiele wie der Z\u00fcrcher Diogenes Verlag zeigen eindr\u00fccklich, dass auch einheitliches Design \u00fcberzeugen kann: Seit mehr als 35 Jahren tragen die B\u00fccher einen wei\u00dfen Umschlag, bedruckt mit schwarzer Didotschrift und einem Bild, das aussieht, als hinge es an einer Museumswand. Durch seinen Einfall hat der Designer und Verleger Philipp Keel nicht nur einen Wiedererkennungseffekt geschaffen, sondern auch vielen B\u00fcchersammlern einen \u00e4sthetischen Gefallen getan. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr die schmalen Exem\u00adplare der Insel-B\u00fccherei, die schon seit 1912 erscheinen. Mit ihren typischen Musterpapiereinb\u00e4nden w\u00fcrde man sie tats\u00e4chlich gern an die Wand h\u00e4ngen \u2013 auch deshalb, weil sie ansonsten drohen, im Regal zwischen anderen B\u00fcchern zu verschwinden.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Deutlich sichtbarer ist dagegen Reclams Universal-Bibliothek. Zwar sind die B\u00fccher klein, g\u00fcnstig und nicht besonders robust. Trotzdem strahlen Werke wie Schillers \u201eR\u00e4uber\u201c, Goethes \u201eWerther\u201c und Kafkas \u201eVerwandlung\u201c seit nunmehr 55 Jahren im gleichen selbstbewussten Gelb aus dem Regal. Als Klassiker wissen sie, dass sie sich nicht verstecken m\u00fcssen. Auch Suhrkamp setzt schon lange bewusst auf zeitlose Werke in zeitlosem Design. In den sp\u00e4ten F\u00fcnfzigerjahren beauftragte Siegfried Unseld den Grafikdesigner Willy Fleckhaus mit der Neugestaltung der \u201eBibliothek Suhrkamp\u201c, die er betont einfach hielt: ein wei\u00dfer Untergrund, darauf Baskervilletypographie und ein farbiger Streifen, der das untere Drittel des Einbands markiert.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Die ersten B\u00e4nde im neuen Design erschienen im Herbst 1959. Auf der Frankfurter Buchmesse desselben Jahres waren sie bereits zu sehen \u2013 jener Buchmesse, die Adorno dazu veranlasste, die \u201eBibliographischen Grillen\u201c zu verfassen. Was er wohl von ihrer minimalistischen Aufmachung gehalten haben mag? Das neue Design von Willy Fleckhaus war jedenfalls keines, das \u201emit M\u00e4nnchen und Bildchen den Leser anspringt\u201c, wie Adorno es an anderen B\u00fcchern kritisierte, es verzichtete auf eine \u201e\u00dcbertreibung der Formate, auftrumpfend wie disproportional breite Autos, oder die Plakatwirkung allzu intensiver und auff\u00e4lliger Farben\u201c. Selbstverst\u00e4ndlich gebe es, \u201ebei literarisch strengen Verlagen, noch Ausnahmen\u201c, r\u00e4umte er in seinen \u201eGrillen\u201c ein. Vielleicht galt Suhrkamp Adorno als eine solche Ausnahme, immerhin betraute er den Verlag sp\u00e4ter mit seiner Gesamtausgabe.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">So einheitlich wie damals sind auch Suhrkamp-Titel heute l\u00e4ngst nicht mehr gestaltet \u2013 worin manch einer ein anhaltendes Symptom des von Adorno beklagten Verfalls sehen m\u00f6ge. Andere freuen sich m\u00f6glicherweise, wenn sie ein neues Buch f\u00fcr sich entdecken, weil es sie aufgrund seiner Gestaltung besonders anspricht. B\u00fccher seien spr\u00f6de, res\u00fcmiert Adorno am Ende seines Aufsatzes. \u201eAber der ideale Leser, den sie nicht dulden, w\u00fcsste doch, indem er den Einband in der Hand f\u00fchlt, die Figur des Titelblatts wahrnimmt und die Gestaltqualit\u00e4t der Seiten, etwas von dem, was darin steht, und ahnte, was es taugt, ohne dass er es erst zu lesen brauchte.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Frankfurter Buchmesse ist seit jeher ein Brennglas nicht nur f\u00fcr die Entwicklung des geschriebenen Wortes, sondern auch&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":505785,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-505784","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115389507257201120","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/505784","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=505784"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/505784\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/505785"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=505784"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=505784"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=505784"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}