{"id":506814,"date":"2025-10-17T22:03:11","date_gmt":"2025-10-17T22:03:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/506814\/"},"modified":"2025-10-17T22:03:11","modified_gmt":"2025-10-17T22:03:11","slug":"zerstoerungslust-von-amlinger-und-nachtwey","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/506814\/","title":{"rendered":"&#8222;Zerst\u00f6rungslust&#8220; von Amlinger und Nachtwey"},"content":{"rendered":"<p class=\"media-content-box-main-text\">\u201eWir leben in einer Polykrise aus Klimawandel, Kriegen, Pandemien, Inflation, weltwirtschaftlichen Verwerfungen und den von digitalen Technologien ausgehenden Ver\u00e4nderungen. Insbesondere die Klimakatastrophe steht f\u00fcr die metabolisch schwindende Zeit. Ungebremstes Wachstum ist kaum noch m\u00f6glich \u2013 und eigentlich nicht mehr w\u00fcnschenswert. Damit f\u00e4llt aber zugleich der Mechanismus aus, mit dem Konflikte in der Vergangenheit gel\u00f6st wurden: die Schaffung neuer Ressourcen und deren Verteilung. Mit dem Ende des Wachstums ver\u00e4ndert sich die Zeitwahrnehmung sp\u00e4tmoderner Gesellschaften: Eine fortschrittlichere Welt [\u2026] scheint nicht mehr m\u00f6glich. In dieser zukunftslosen Gegenwart kehrt die Vergangenheit mit besonderer Macht zur\u00fcck.\u201c\u00a0<\/p>\n<p>Analysieren die beiden Soziologen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey im ersten Kapitel ihres neuen Buches und geben damit sogleich den Ausgangspunkt ihrer Forschung vor.\u00a0\u201eZerst\u00f6rungslust\u201c ist, wenn man so will, die Fortsetzung ihres Buches \u201eGekr\u00e4nkte Freiheit\u201c, das vor drei Jahren erschien, und f\u00fcr das sie unter anderem Menschen der Querdenkerszene interviewten. Amlinger und Nachtwey bezogen sich damals auf Schriften der Frankfurter Schule, etwa auf Adornos Studie zum \u201eAutorit\u00e4ren Charakter\u201c.<\/p>\n<p>              Gefahr durch \u201edemokratischen Faschismus\u201c<\/p>\n<p>Im neuen Buch schlie\u00dfen sie daran an und analysieren die Gr\u00fcnde f\u00fcr den neuen, oder eben doch nicht so neuen Hang zum Autorit\u00e4ren.\u00a0In der ersten H\u00e4lfte geht es um das Umfeld der neuen Meinungsumbr\u00fcche \u2013 Amlinger und Nachtwey sprechen von einem \u201edemokratischen Faschismus\u201c, der heraufziehen k\u00f6nnte \u2013 ein etwas schwieriger Begriff, der aber meint: Der Wunsch nach Einschr\u00e4nkungen von Freiheitsrechten kommt aus der demokratischen Mitte der Gesellschaft.\u00a0<\/p>\n<p>Das Paradoxon dabei: Gerade Einschr\u00e4nkungen werden von jenen B\u00fcrgern, die \u201eZerst\u00f6rungslust\u201c versp\u00fcren, eigentlich abgelehnt:\u00a0etwa Veganismus und woke Gesinnungskultur, Gendern und R\u00fccksichtnahme auf fremde Kulturen, die man nicht im Land sehen will. Die Gr\u00fcnde f\u00fcr dieses Paradox analysieren die Autoren so:<\/p>\n<p class=\"media-content-box-main-text\">\u201eVielen B\u00fcrger:innen erscheint der politische Prozess opak und letztlich elit\u00e4r. Partizipationsformen wie B\u00fcrgerdialoge, die dem entgegenwirken sollen, k\u00f6nnen das generelle Misstrauen nicht aushebeln, weil sie vor allem bereits aktivierte und h\u00f6her gebildete B\u00fcrger:innen ansprechen. Viele politische Felder sind verwissenschaftlicht. [&#8230;] Das Wissen ist gewachsen, damit aber auch die Bedeutung von Experten, die mit und somit \u00fcber andere bestimmen.\u201c<\/p>\n<p>              Gr\u00fcnde f\u00fcr Radikalisierung<\/p>\n<p>Damit ist jener Zustand erreicht, den auch der amerikanische Journalist David Brooks in einem Buch beschrieb: Elite-Universit\u00e4ten h\u00e4tten das R\u00fcckgrat Amerikas gebrochen, denn ohne teuer erkaufte Ausbildung kein Aufstieg in die oberen Klassen des Landes \u2013 was viel Unzufriedenheit bei den weniger Gebildeten erzeuge. Diese Thesen sind allesamt interessant, jedoch nicht ganz neu, im Gegenteil: Sie wurden schon in etlichen B\u00fcchern dargelegt.<\/p>\n<p>Im zweiten Teil wird es da schon interessanter: Die beiden Soziologen fahnden nach den genauen Gr\u00fcnden f\u00fcr eine zunehmende Radikalisierung einiger B\u00fcrger, die mit etwa einem Viertel der Interviewten zwar eine Minderheit darstellen, aber eine sehr lautstarke. Oft w\u00e4hlen diese Interviewten laut Selbstaussage die AfD. Amlinger und Nachtwey sprechen hier in einem eigenen langen Kapitel von \u201eblockierten Leben\u201c &#8211; Biografien also, die gef\u00fchlt oder in Wirklichkeit nicht voll ausgesch\u00f6pft wurden. Und hierf\u00fcr macht man andere verantwortlich: den Staat, die Wirtschaft, Migranten oder andere Minderheiten.<\/p>\n<p>              Befreiung aus Herrschaft der Minderheiten<\/p>\n<p class=\"media-content-box-main-text\">\u201eDie Zerst\u00f6rer beschreiben sich im Vergleich st\u00e4rker als Opfer einer Tyrannei der Minderheit, gegen die sie sich nun erheben. Sie wollen die liberale Demokratie brennen sehen, weil sie aus ihrer Sicht nicht demokratisch ist. Es geht ihnen darum, dass sich die Gesellschaft \u2013 endlich \u2013 aus der Herrschaft der Minderheiten befreit und die Mehrheit ihre angestammten Rechte als eigentlich Etablierte zur\u00fcckerh\u00e4lt. [\u2026] Manche bef\u00fcrworten eher autokratische oder monarchistische Regierungsformen. Bei anderen hingegen dominiert die destruktive Lust mitzuerleben, wie die liberale Demokratie insgesamt untergeht.\u201c<\/p>\n<p>Doch wie kann man diese Menschen wieder f\u00fcr die Demokratie begeistern? Amlinger und Nachtwey betonen in ihrem lesenswerten Buch, das eine Vielzahl von Denkern, Philosophen und Soziologen zitiert, dass es gewisserma\u00dfen einer emotionalen Ansprache bedarf angesichts des Populismus allerorten.\u00a0Der als \u00fcberlegen geltende Liberalismus allein w\u00fcrde es nicht mehr richten. Die beiden Autoren variieren am Schluss ihres Buches einen Satz von Max Horkheimer: Wer \u00fcber Faschismus reden wolle, m\u00fcsse auch \u00fcber den Liberalismus und den Kapitalismus reden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u201eWir leben in einer Polykrise aus Klimawandel, Kriegen, Pandemien, Inflation, weltwirtschaftlichen Verwerfungen und den von digitalen Technologien ausgehenden&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":506815,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[186,99322,1784,1785,146,29,214,9894,30,10952,113399,215],"class_list":{"0":"post-506814","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-afd","9":"tag-autoritarismus","10":"tag-books","11":"tag-buecher","12":"tag-demokratie","13":"tag-deutschland","14":"tag-entertainment","15":"tag-faschismus","16":"tag-germany","17":"tag-liberalismus","18":"tag-radikalisierung","19":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115391772173527752","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/506814","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=506814"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/506814\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/506815"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=506814"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=506814"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=506814"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}