{"id":507255,"date":"2025-10-18T02:08:10","date_gmt":"2025-10-18T02:08:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/507255\/"},"modified":"2025-10-18T02:08:10","modified_gmt":"2025-10-18T02:08:10","slug":"wie-konnte-das-geschehen-der-freitag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/507255\/","title":{"rendered":"\u201eWie konnte das geschehen?\u201c \u2014 der Freitag"},"content":{"rendered":"<p>Nun also zum letzten Mal. Der Historiker G\u00f6tz Aly legt sein Alterswerk <a href=\"https:\/\/www.fischerverlage.de\/buch\/goetz-aly-wie-konnte-das-geschehen-deutschland-1933-bis-1945-9783103973648\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\">Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945<\/a> vor, sein \u2013 so nennt er es selbst \u2013 Opus magnum. Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, dem millionenfachen Mord an den europ\u00e4ischen Juden und dem grauenhaften Vernichtungskrieg im Osten ist dem 1947 geborenen Berliner Aly ein Lebensthema.<\/p>\n<p>Seit den 1980er Jahren war das der Gegenstand zahlreicher sorgf\u00e4ltig recherchierter und sachkundig verfasster B\u00fccher und Texte aus seiner Feder, die nicht selten Widerspruch aus der Zunft erfuhren. In diesem Buch flie\u00dfen all diese Ergebnisse seiner Forschung und auch der heutige Stand der historischen Wissenschaft, nun auf die Titelfrage hin akzentuiert, zusammen.<\/p>\n<p>G\u00f6tz Aly bleibt sich auch in diesem Buch treu. Es ist ihm ein pers\u00f6nliches Anliegen, die Konsensl\u00fcgen der deutschen Nachkriegsgesellschaft(en) zu ersch\u00fcttern. Wie konnte das geschehen? Das wollte man hierzulande nach 1945 gar nicht so genau wissen. Man verdr\u00e4ngte und beschwieg, sprach distanziert vom \u201eZusammenbruch\u201c und der <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/lfb\/8-mai-1945-so-erlebten-die-opfer-des-ns-die-befreiung-vor-80-jahren\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\">\u201eStunde Null\u201c.<\/a> Hitler war es gewesen, vielleicht noch eine verbrecherische NS-Elite, die die Bev\u00f6lkerung zur Duldung der Gr\u00e4uel und des Zivilisationsbruchs verf\u00fchrt oder gar unterdr\u00fcckt habe.<\/p>\n<p>G\u00f6tz Aly spricht konsequent von \u201eden Deutschen\u201c<\/p>\n<p>So wurde die eigene Verantwortung und Beteiligung abgespalten, von sich selbst wegprojiziert \u2013 auf den \u201enationalsozialistischen Wahn\u201c, auf die verf\u00fchrerische NS-Ideologie, auf F\u00fchrer und F\u00fchrung, auf \u201eBefehlsnotstand\u201c und die Sorge, selbst Opfer zu werden, oder \u2013 wie in der DDR \u2013 auf \u201eMonopolkapital und Junker\u201c. Diese Entsorgung der Vergangenheit wirkt bis heute nach. Noch immer glauben zwanzig Prozent aller Deutschen, ihre Vorfahren seien widerst\u00e4ndig gewesen oder h\u00e4tten den im \u201eDritten Reich\u201c verfolgten Menschen Hilfe geleistet. Dagegen hilft nur Aufkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Der Autor nimmt uns durch zw\u00f6lf chronologisch-thematische Kapitel mit auf den Weg, auf dem sich die deutsche Gesellschaft sukzessive aller zivilisatorischen Normen menschlichen Zusammenlebens entledigte \u2013 faktenges\u00e4ttigt, untermauert durch viele Tagebucheintr\u00e4ge und zeitgen\u00f6ssische Berichte.<\/p>\n<p>Es waren nicht nur stramme Nazis und Hitler-Apologeten, die das Deutschland von 1933 bis 1945 erm\u00f6glichten und das Regime an der Macht hielten. Konsequent spricht Aly von \u201eden Deutschen\u201c und \u201eHitlerdeutschland\u201c statt von \u201eden Nationalsozialisten\u201c, \u201eder SS\u201c oder \u201eden T\u00e4tern\u201c. Es war die Mitte der Gesellschaft. Der Nationalsozialismus hatte \u201eMillionen von passiven und aktiven Unterst\u00fctzern, von Gleichg\u00fcltigen, fungiblen Mitl\u00e4ufern und mehreren Hunderttausend an den Schreibtischen, in der Logistik und der Verwaltung sowie in den St\u00e4tten zur Menschenvernichtung t\u00e4tigen Exekutoren\u201c.<\/p>\n<p>Aly beschreibt die Verhei\u00dfungen und Sozialma\u00dfnahmen, die \u201eweichen\u201c Techniken der Herrschaft, die dem Regime in seinen ersten Jahren eine \u00fcberw\u00e4ltigende Zustimmung verschafften. Er beleuchtet die materiellen und ideologischen Mechanismen, die das volksgemeinschaftliche \u201eWir\u201c erzeugten und mit denen die Loyalit\u00e4t des Volks zur F\u00fchrung immer wieder aufs Neue situativ ausbalanciert wurde. Wir erfahren, wie mittels fortw\u00e4hrender Integrationsangebote, nur \u201egeneralpr\u00e4ventiv\u201c und punktuell durch subtilen Druck und Repression, Gefolgschaft organisiert und die Grenzen zwischen Staat und Gesellschaft beseitigt wurden.<\/p>\n<p>\u201eWie konnte das geschehen?\u201c: Der Krieg als m\u00f6rderische Konkursverschleppung<\/p>\n<p>Dass die Mitmachbereitschaft \u00fcberw\u00e4ltigend war, zeigen Einblicke in verschiedenste Milieus und soziale Schichten. Es herrschte protestantische F\u00fchrerbegeisterung, <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/karsten-krampitz\/synode-1934-die-bekennende-kirche-will-kein-vaterlandsverraeter-sein\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\">auch in der \u201eBekennenden Kirche\u201c<\/a>, die akademischen Kreise leisteten Vorschub, die Gewerkschaften wurden \u201eeingegliedert\u201c. B\u00e4uerliche Milieus wurden entlastet und die K\u00fcnste korrumpiert \u2013 auch einst linke, demokratisch-republikanische Kulturleute.<\/p>\n<p>Bei der Volksabstimmung im Saarland 1935 stimmten \u00fcber 90 Prozent f\u00fcr einen Anschluss ans Deutsche Reich, 0,4 Prozent entschieden sich f\u00fcr Frankreich. Wie fragil die Hegemonie des Regimes zeitweise allerdings auch war, beschreibt Aly am Protest des M\u00fcnsteraner Bischofs Galen gegen die Euthanasiemorde 1941. Die Predigten eines Einzelnen lie\u00dfen die F\u00fchrung <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/ulrike-baureithel\/toedliches-nichtwissenwollen\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\">die \u201eAktion T 4\u201c<\/a> stoppen.<\/p>\n<p>Um die sozialen Integrationsma\u00dfnahmen, die 1935 beginnende Aufr\u00fcstung und schlie\u00dflich den Krieg zu finanzieren, machte das Regime immer gr\u00f6\u00dfere Schulden, zu deren Begleichung es die aus der Volksgemeinschaft ausgegrenzte Bev\u00f6lkerung, allen voran die j\u00fcdische, rechtlos stellte und enteignete.<\/p>\n<p>Den Schwerpunkt der Darstellung bildet allerdings der gro\u00dfe Krieg ab 1939. Das stets kurz vor dem Bankrott man\u00f6vrierende Regime brauchte ihn dringend. Bei Aly wird er zur \u201em\u00f6rderischsten Konkursverschleppung der Menschheitsgeschichte\u201c. Wie dies in einen schon bald nicht mehr gewinnbaren Auspl\u00fcnderungs- und Vernichtungskrieg m\u00fcndete, an dem sich die Deutschen mitbereicherten, zeigen zahlreiche Beispielen. Aly urteilt nicht, er beschreibt n\u00fcchtern. Die Fakten sind ersch\u00fctternd genug.<\/p>\n<p>\u201eWie konnte das geschehen?\u201c: Der Weg in den Abgrund als experimentelles Handeln<\/p>\n<p>Ganz Empiriker widmet sich der Autor ausf\u00fchrlich der inneren Dynamik, der Atmosph\u00e4re des Tempos und der Raserei, befeuert durch Goebbels\u2019 Propaganda-Apparatur. Das volksgemeinschaftliche \u201eWir\u201c wurde bei Laune gehalten und fortschreitend sukzessive in Mitwisserschaft und Mitverantwortung f\u00fcr die begangenen Menschheitsverbrechen einbezogen.<\/p>\n<p>Vereinzelten Widerstand leugnet Aly nicht. Er bleibt in seiner Darstellung aber konsequent dabei, dass antifaschistische Helden-Erz\u00e4hlungen zum historischen Lernen nur sehr bedingt taugen. Den Weg Deutschlands in den Abgrund beschreibt er weniger als finales, konsequent ideologischen Zielen folgendes, denn als experimentelles, von den Umst\u00e4nden und Zw\u00e4ngen bestimmtes, situatives, kalkulierendes und zweckrationales Handeln.<\/p>\n<p>Aber war es tats\u00e4chlich nur das? War die nach Kriegsbeginn von der Ausgrenzung \u00fcber Deportation zum Massenmord \u00fcbergehende NS-Politik nicht auch Ausdruck von \u201eWeltanschauung\u201c? Aly r\u00e4umt in seiner Darstellung denjenigen ideologischen und theoretischen Konstrukten \u2013 insbesondere dem weitverbreiteten Antisemitismus \u2013 zu Recht breiten Raum ein, die die Ausgrenzung, Rechtlosstellung und schlie\u00dflich die Vernichtung der aus der Volksgemeinschaft ausgeschlossenen Menschengruppen erm\u00f6glichten.<\/p>\n<p>Den in Vernichtung m\u00fcndenden Antisemitismus als Form des Gruppenhasses zu sehen, f\u00fcr den als \u201eKollektivfeind\u201c auch \u201eder heterosexuelle alte wei\u00dfe Mann\u201c stehen k\u00f6nnte, d\u00fcrfte zu kurz greifen. Offen bleibt auch, weshalb die von Aly pr\u00e4zise beschriebene funktionale Dynamik, die in den Vernichtungskrieg im Osten und dem mit ihm verbundenen V\u00f6lkermord f\u00fchrte, andere, ideologische Triebkr\u00e4fte f\u00fcr diese Massenverbrechen ausschlie\u00dfen soll.<\/p>\n<p>\u201eWie konnte das geschehen?\u201c: Antisemitismus war ein Mittel der psychologischen Herrschaft<\/p>\n<p>F\u00fcr Alys Abneigung gegen holzschnittartige Erkl\u00e4rungsmuster f\u00fcr die Dynamik in Hitlerdeutschland von 1933 bis 1945 gibt es zahlreiche und sehr gute Gr\u00fcnde. Die pauschale, mitunter arg polemische Zur\u00fcckweisung jeglicher Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze, die \u00fcber rationale Zweckm\u00e4\u00dfigkeitsaspekte hinausgehen, schie\u00dft aber \u00fcber das Ziel hinaus. F\u00fcr den \u201eutopischen \u00dcberschuss\u201c in der volksgemeinschaftlichen Mobilisierung spielte der Antisemitismus eine tragende Rolle.<\/p>\n<p>Als negative Integrationsideologie und koh\u00e4rente Weltdeutung war er ein \u00e4u\u00dferst attraktives Mittel zur massenpsychologischen Herrschaftsstabilisierung \u2013 ein plausibles Erkl\u00e4rungsmuster f\u00fcr die tiefgreifenden sozialen, \u00f6konomischen und kulturellen Umbr\u00fcche, die die rasante, auch krisenhafte Entwicklung jener Jahre mit sich brachte.<\/p>\n<p>Das von Aly herausgearbeitete Gleichheitsversprechen des NS war ja kein egalit\u00e4res, sondern ordnete die Gesellschaft hierarchisch. Die atomisierten und in der Volksgemeinschaft formierten Subjekte wurden als Tr\u00e4ger von Leistung und Effizienz zugunsten \u201edes Ganzen\u201c angerufen. Sich das zu vergegenw\u00e4rtigen, macht die Lekt\u00fcre des Buches mit Blick auf die Gegenwart eher noch beunruhigender.<\/p>\n<p>Wie konnte das geschehen? In der Dichte und Detailliertheit, in der Aly beschreibt, wie die \u00fcbergro\u00dfe Mehrheit der Deutschen den Weg zu Zivilisationsbruch und nationalsozialistischem Massenmord mitgegangen ist, setzt das Buch Ma\u00dfst\u00e4be. Dieses Alterswerk des Autors wird mit gro\u00dfem Gewinn lesen, wer die darin gegebenen Antworten, mit Aly selbst, als fragmentarisch, als eine Aufforderung zur permanenten kritischen Reflexion und zum weiteren Nachdenken versteht.<\/p>\n<p><strong>Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945 <\/strong>G\u00f6tzAly S. Fischer, 768 S., 34 \u20ac<\/p>\n<p>\n     Ergebnisse seiner Forschung und auch der heutige Stand der historischen Wissenschaft, nun auf die Titelfrage hin akzentuiert, zusammen.G\u00f6tz Aly bleibt sich auch in diesem Buch treu. Es ist ihm ein pers\u00f6nliches Anliegen, die Konsensl\u00fcgen der deutschen Nachkriegsgesellschaft(en) zu ersch\u00fcttern. Wie konnte das geschehen? Das wollte man hierzulande nach 1945 gar nicht so genau wissen. Man verdr\u00e4ngte und beschwieg, sprach distanziert vom \u201eZusammenbruch\u201c und der \u201eStunde Null\u201c. Hitler war es gewesen, vielleicht noch eine verbrecherische NS-Elite, die die Bev\u00f6lkerung zur Duldung der Gr\u00e4uel und des Zivilisationsbruchs verf\u00fchrt oder gar unterdr\u00fcckt habe.G\u00f6tz Aly spricht konsequent von \u201eden Deutschen\u201cSo wurde die eigene Verantwortung und Beteiligung abgespalten, von sich selbst wegprojiziert \u2013 auf den \u201enationalsozialistischen Wahn\u201c, auf die verf\u00fchrerische NS-Ideologie, auf F\u00fchrer und F\u00fchrung, auf \u201eBefehlsnotstand\u201c und die Sorge, selbst Opfer zu werden, oder \u2013 wie in der DDR \u2013 auf \u201eMonopolkapital und Junker\u201c. Diese Entsorgung der Vergangenheit wirkt bis heute nach. Noch immer glauben zwanzig Prozent aller Deutschen, ihre Vorfahren seien widerst\u00e4ndig gewesen oder h\u00e4tten den im \u201eDritten Reich\u201c verfolgten Menschen Hilfe geleistet. Dagegen hilft nur Aufkl\u00e4rung.Der Autor nimmt uns durch zw\u00f6lf chronologisch-thematische Kapitel mit auf den Weg, auf dem sich die deutsche Gesellschaft sukzessive aller zivilisatorischen Normen menschlichen Zusammenlebens entledigte \u2013 faktenges\u00e4ttigt, untermauert durch viele Tagebucheintr\u00e4ge und zeitgen\u00f6ssische Berichte.Es waren nicht nur stramme Nazis und Hitler-Apologeten, die das Deutschland von 1933 bis 1945 erm\u00f6glichten und das Regime an der Macht hielten. Konsequent spricht Aly von \u201eden Deutschen\u201c und \u201eHitlerdeutschland\u201c statt von \u201eden Nationalsozialisten\u201c, \u201eder SS\u201c oder \u201eden T\u00e4tern\u201c. Es war die Mitte der Gesellschaft. Der Nationalsozialismus hatte \u201eMillionen von passiven und aktiven Unterst\u00fctzern, von Gleichg\u00fcltigen, fungiblen Mitl\u00e4ufern und mehreren Hunderttausend an den Schreibtischen, in der Logistik und der Verwaltung sowie in den St\u00e4tten zur Menschenvernichtung t\u00e4tigen Exekutoren\u201c.Aly beschreibt die Verhei\u00dfungen und Sozialma\u00dfnahmen, die \u201eweichen\u201c Techniken der Herrschaft, die dem Regime in seinen ersten Jahren eine \u00fcberw\u00e4ltigende Zustimmung verschafften. Er beleuchtet die materiellen und ideologischen Mechanismen, die das volksgemeinschaftliche \u201eWir\u201c erzeugten und mit denen die Loyalit\u00e4t des Volks zur F\u00fchrung immer wieder aufs Neue situativ ausbalanciert wurde. Wir erfahren, wie mittels fortw\u00e4hrender Integrationsangebote, nur \u201egeneralpr\u00e4ventiv\u201c und punktuell durch subtilen Druck und Repression, Gefolgschaft organisiert und die Grenzen zwischen Staat und Gesellschaft beseitigt wurden.\u201eWie konnte das geschehen?\u201c: Der Krieg als m\u00f6rderische KonkursverschleppungDass die Mitmachbereitschaft \u00fcberw\u00e4ltigend war, zeigen Einblicke in verschiedenste Milieus und soziale Schichten. Es herrschte protestantische F\u00fchrerbegeisterung, auch in der \u201eBekennenden Kirche\u201c, die akademischen Kreise leisteten Vorschub, die Gewerkschaften wurden \u201eeingegliedert\u201c. B\u00e4uerliche Milieus wurden entlastet und die K\u00fcnste korrumpiert \u2013 auch einst linke, demokratisch-republikanische Kulturleute.Bei der Volksabstimmung im Saarland 1935 stimmten \u00fcber 90 Prozent f\u00fcr einen Anschluss ans Deutsche Reich, 0,4 Prozent entschieden sich f\u00fcr Frankreich. Wie fragil die Hegemonie des Regimes zeitweise allerdings auch war, beschreibt Aly am Protest des M\u00fcnsteraner Bischofs Galen gegen die Euthanasiemorde 1941. Die Predigten eines Einzelnen lie\u00dfen die F\u00fchrung die \u201eAktion T 4\u201c stoppen.Um die sozialen Integrationsma\u00dfnahmen, die 1935 beginnende Aufr\u00fcstung und schlie\u00dflich den Krieg zu finanzieren, machte das Regime immer gr\u00f6\u00dfere Schulden, zu deren Begleichung es die aus der Volksgemeinschaft ausgegrenzte Bev\u00f6lkerung, allen voran die j\u00fcdische, rechtlos stellte und enteignete.Den Schwerpunkt der Darstellung bildet allerdings der gro\u00dfe Krieg ab 1939. Das stets kurz vor dem Bankrott man\u00f6vrierende Regime brauchte ihn dringend. Bei Aly wird er zur \u201em\u00f6rderischsten Konkursverschleppung der Menschheitsgeschichte\u201c. Wie dies in einen schon bald nicht mehr gewinnbaren Auspl\u00fcnderungs- und Vernichtungskrieg m\u00fcndete, an dem sich die Deutschen mitbereicherten, zeigen zahlreiche Beispielen. Aly urteilt nicht, er beschreibt n\u00fcchtern. Die Fakten sind ersch\u00fctternd genug.\u201eWie konnte das geschehen?\u201c: Der Weg in den Abgrund als experimentelles HandelnGanz Empiriker widmet sich der Autor ausf\u00fchrlich der inneren Dynamik, der Atmosph\u00e4re des Tempos und der Raserei, befeuert durch Goebbels\u2019 Propaganda-Apparatur. Das volksgemeinschaftliche \u201eWir\u201c wurde bei Laune gehalten und fortschreitend sukzessive in Mitwisserschaft und Mitverantwortung f\u00fcr die begangenen Menschheitsverbrechen einbezogen.Vereinzelten Widerstand leugnet Aly nicht. Er bleibt in seiner Darstellung aber konsequent dabei, dass antifaschistische Helden-Erz\u00e4hlungen zum historischen Lernen nur sehr bedingt taugen. Den Weg Deutschlands in den Abgrund beschreibt er weniger als finales, konsequent ideologischen Zielen folgendes, denn als experimentelles, von den Umst\u00e4nden und Zw\u00e4ngen bestimmtes, situatives, kalkulierendes und zweckrationales Handeln.Aber war es tats\u00e4chlich nur das? War die nach Kriegsbeginn von der Ausgrenzung \u00fcber Deportation zum Massenmord \u00fcbergehende NS-Politik nicht auch Ausdruck von \u201eWeltanschauung\u201c? Aly r\u00e4umt in seiner Darstellung denjenigen ideologischen und theoretischen Konstrukten \u2013 insbesondere dem weitverbreiteten Antisemitismus \u2013 zu Recht breiten Raum ein, die die Ausgrenzung, Rechtlosstellung und schlie\u00dflich die Vernichtung der aus der Volksgemeinschaft ausgeschlossenen Menschengruppen erm\u00f6glichten.Den in Vernichtung m\u00fcndenden Antisemitismus als Form des Gruppenhasses zu sehen, f\u00fcr den als \u201eKollektivfeind\u201c auch \u201eder heterosexuelle alte wei\u00dfe Mann\u201c stehen k\u00f6nnte, d\u00fcrfte zu kurz greifen. Offen bleibt auch, weshalb die von Aly pr\u00e4zise beschriebene funktionale Dynamik, die in den Vernichtungskrieg im Osten und dem mit ihm verbundenen V\u00f6lkermord f\u00fchrte, andere, ideologische Triebkr\u00e4fte f\u00fcr diese Massenverbrechen ausschlie\u00dfen soll.\u201eWie konnte das geschehen?\u201c: Antisemitismus war ein Mittel der psychologischen HerrschaftF\u00fcr Alys Abneigung gegen holzschnittartige Erkl\u00e4rungsmuster f\u00fcr die Dynamik in Hitlerdeutschland von 1933 bis 1945 gibt es zahlreiche und sehr gute Gr\u00fcnde. Die pauschale, mitunter arg polemische Zur\u00fcckweisung jeglicher Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze, die \u00fcber rationale Zweckm\u00e4\u00dfigkeitsaspekte hinausgehen, schie\u00dft aber \u00fcber das Ziel hinaus. F\u00fcr den \u201eutopischen \u00dcberschuss\u201c in der volksgemeinschaftlichen Mobilisierung spielte der Antisemitismus eine tragende Rolle.Als negative Integrationsideologie und koh\u00e4rente Weltdeutung war er ein \u00e4u\u00dferst attraktives Mittel zur massenpsychologischen Herrschaftsstabilisierung \u2013 ein plausibles Erkl\u00e4rungsmuster f\u00fcr die tiefgreifenden sozialen, \u00f6konomischen und kulturellen Umbr\u00fcche, die die rasante, auch krisenhafte Entwicklung jener Jahre mit sich brachte.Das von Aly herausgearbeitete Gleichheitsversprechen des NS war ja kein egalit\u00e4res, sondern ordnete die Gesellschaft hierarchisch. Die atomisierten und in der Volksgemeinschaft formierten Subjekte wurden als Tr\u00e4ger von Leistung und Effizienz zugunsten \u201edes Ganzen\u201c angerufen. Sich das zu vergegenw\u00e4rtigen, macht die Lekt\u00fcre des Buches mit Blick auf die Gegenwart eher noch beunruhigender.Wie konnte das geschehen? In der Dichte und Detailliertheit, in der Aly beschreibt, wie die \u00fcbergro\u00dfe Mehrheit der Deutschen den Weg zu Zivilisationsbruch und nationalsozialistischem Massenmord mitgegangen ist, setzt das Buch Ma\u00dfst\u00e4be. Dieses Alterswerk des Autors wird mit gro\u00dfem Gewinn lesen, wer die darin gegebenen Antworten, mit Aly selbst, als fragmentarisch, als eine Aufforderung zur permanenten kritischen Reflexion und zum weiteren Nachdenken versteht.\n  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Nun also zum letzten Mal. Der Historiker G\u00f6tz Aly legt sein Alterswerk Wie konnte das geschehen? 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