{"id":507370,"date":"2025-10-18T03:18:13","date_gmt":"2025-10-18T03:18:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/507370\/"},"modified":"2025-10-18T03:18:13","modified_gmt":"2025-10-18T03:18:13","slug":"10-fakten-ueber-das-linke-frankfurt-der-freitag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/507370\/","title":{"rendered":"10 Fakten \u00fcber das linke Frankfurt \u2014 der Freitag"},"content":{"rendered":"<p>Awie Apfelwein<\/p>\n<p>Auch wenn eine Diskussion \u00fcber die Zukunft der Autonomen in den Neunzigern \u201eHeinz-Schenk-Debatte\u201c genannt wurde, um mit dem angestaubten Namen die R\u00fcckst\u00e4ndigkeit der deutschen Linken zu kritisieren, sollte die Bedeutung von Ebbelwoi in Bembeln (Apfelwein in traditionellen Kr\u00fcgen) f\u00fcr die Frankfurter Linke nicht untersch\u00e4tzt werden. Egal ob sauer oder s\u00fc\u00df gespritzt, war das hessische Nationalgetr\u00e4nk stets auch bei antinationalen Linken hoch im Kurs. An Orten wie dem K\u00fcnstlerkeller unter dem Karmeliterkloster traf man seit den Sechzigern auf Peter Weiss, Joschka Fischer <strong>(\u2192 Taxi) <\/strong>oder auch mal Dustin Hoffman mit einem Bembel. Im Klabunt gab sich sp\u00e4ter die Titanic-Redaktion die Klinke in die Hand, und Harry Rowohlt forderte: \u201eAlles stehen und liegen lassen, hin!\u201c Zum Ebbelwoi-Trinken selbstverst\u00e4ndlich. Nach dem Ende des Klabunt ging es im Henscheid weiter, benannt nach dem Gr\u00fcndungsmitglied der Neuen Frankfurter Schule, denn ohne linkes Ebbelwoiprojekt keine Linke in Frankfurt.<\/p>\n<p>Bwie Blockupy<\/p>\n<p>Das 2012 erstmals in Erscheinung getretene B\u00fcndnis aus Gewerkschaften, linken Parteien und globalisierungskritischen Strukturen wollte \u201eden Widerstand gegen ein Krisenregime, das Millionen Menschen in vielen L\u00e4ndern Europas in Not und Elend st\u00fcrzt, an einen seiner Ausgangspunkte tragen: mitten ins Frankfurter Bankenviertel\u201c, wie es auf seiner Webseite festhielt. Im selben Jahr begann die \u00dcberwachung durch den hessischen Verfassungsschutz, nachdem im Mai mehrere Gro\u00dfdemos \u2013 mit vielen Festnahmen \u2013 und Aktionen vor der EZB stattgefunden hatten. Im Mai 2013 und 2014 folgten Blockupy-Aktionstage, verbunden mit Auseinandersetzungen mit der Polizei. Zuletzt machte die Bewegung <strong>(\u2192 Hausbesetzung) <\/strong>2015 von sich reden, als etwa 20.000 Menschen gegen die Er\u00f6ffnung des Neubaus der Europ\u00e4ischen Zentralbank demonstrierten.<\/p>\n<p>Fwie Fassbinder<\/p>\n<p>Mitte der Siebziger schrieb Rainer Werner Fassbinder das Theaterst\u00fcck Der M\u00fcll, die Stadt und der Tod, in dessen Figur des Immobilienspekulanten, darin als der \u201ereiche Jude\u201c bezeichnet, sich Ignatz Bubis wiedererkannte, der als Investor an den Auseinandersetzungen um die Sanierung des Frankfurter Westends beteiligt war, die zum Ausgangspunkt f\u00fcr die Hausbesetzungen wurde. Die geplante Urauff\u00fchrung des St\u00fccks in Frankfurt am 31. Oktober 1985 im Schauspiel unter Regie von Dietrich Hilsdorf wurde von einer scharfen Feuilletondebatte begleitet, die FAZ schrieb vom \u201eAntisemitismus ohne Antisemiten\u201c im links-liberalen Spektrum der Stadt. Die Urauff\u00fchrung scheiterte, da die B\u00fchne von Vertretern der J\u00fcdischen Gemeinde besetzt wurde, w\u00e4hrend gleichzeitig vor dem Theater \u00fcber 1.000 Menschen gegen das St\u00fcck protestierten. Die politischen Verwerfungen und Spaltungen, ausgel\u00f6st durch den von j\u00fcdischer Seite kritisierten Antisemitismus von links, sind bis heute in der Stadt zu finden.<\/p>\n<p>Hwie Hausbesetzung<\/p>\n<p>\u201eIm Besetzen der H\u00e4user und in Mietstreiks liegt der Angelpunkt f\u00fcr den Kampf gegen das Kapital\u201c, hie\u00df es 1973 in der Sponti-Zeitschrift Proletarische Front. Zu diesem Zeitpunkt war der H\u00e4userkampf <strong>(\u2192 Fassbinder)<\/strong> im Frankfurter Westend schon in vollem Gange, im Herbst 1970 hatten dort die ersten Besetzungen in der Geschichte der BRD stattgefunden, als drei leer stehende H\u00e4user von Studierenden sowie Gastarbeiter:innen und ihren Familien bezogen wurden. Vorausgegangen war 1969 die Gr\u00fcndung der B\u00fcrgerinitiative Aktionsgemeinschaft Westend, die sich gegen Bauspekulation, Mietervertreibung und Abriss formiert hatte. Menschen aus Studentenbewegung, Kirchen und Gewerkschaften hatten sich mit den Anwohnern zusammengetan. Ab 1971 lie\u00df die Stadt die Geb\u00e4ude r\u00e4umen und es kam zu Stra\u00dfenschlachten.<\/p>\n<p>Iwie Institut<\/p>\n<p>\u201eEs gibt kein richtiges Leben im falschen\u201c, linker Demospruch, Erstsemester-Hausarbeitstitel und Toilettenkritzelei im Frankfurter Caf\u00e9 Koz: Keine linke Frankfurter Geschichte w\u00e4re vollst\u00e4ndig ohne Adorno und Horkheimer und das 1923 durch eine Stiftung von Hermann und Felix Weil gegr\u00fcndete Institut f\u00fcr Sozialforschung an der Johann Wolfgang Goethe-Universit\u00e4t. Unter Leitung von Max Horkheimer Geburtsort der Kritischen Theorie, von den Nazis in die Emigration gezwungen und in den USA gemeinsam mit Leo L\u00f6wenthal, Herbert Marcuse, Franz Neumann, Erich Fromm und anderen weitergef\u00fchrt, 1951 in Frankfurt wiederer\u00f6ffnet. Zentraler Ort kritischen Denkens in der BRD mit marxistischer Grundausbildung, j\u00fcdischem Traditionsbewusstsein und wenig Sinn f\u00fcr den Aktivismus der Studentengeneration. Adorno-Sch\u00fcler Hans-J\u00fcrgen Krahl schrieb, nachdem Adorno einen H\u00f6rsaal hatte r\u00e4umen lassen, dieser habe sich vom \u201eaufr\u00fchrerischen Revolutionsrot\u201c zum \u201espie\u00dfigen Polizeigr\u00fcn\u201c gewandelt.<\/p>\n<p>Nwie NFS<\/p>\n<p>\u201eIch hab die Zeit bei \u201aPardon\u2018 deshalb so genossen, weil ich davor in der Schule brav und angepasst war\u201c, erinnert sich F.K. Waechter an die Gr\u00fcndung der linken Satirezeitschrift im September 1962, \u201eund nun f\u00fcr das, wof\u00fcr ich in der Schule noch Ohrfeigen bezog, geliebt und get\u00e4tschelt wurde.\u201c Neben Waechter waren Robert Gernhardt, F.W. Bernstein beteiligt, auch Wilhelm Genazino war zeitweise Redaktionsmitglied. Der eigenwillige Humor des erst seit den fr\u00fchen Achtzigern \u201eNeue Frankfurter Schule\u201c genannten losen Zusammenhangs von Zeichnern und Autoren war neu in Deutschland und hat sich in der ebenfalls in Frankfurt ans\u00e4ssigen Titanic weitergetragen. \u201eDer Untergang des Abendlandes? Grad war\u2019s noch da \u2013 und dann verschwand es\u201c, so hat Bernstein, der Lyriker des Grotesken, einmal den eigenen Kulturauftrag zusammengefasst.<\/p>\n<p>Pwie Paulskirche<\/p>\n<p>Die Frankfurter Paulskirche, in der 1848 bis 1849 die Delegierten der Frankfurter Nationalversammlung und damit der ersten Volksvertretung f\u00fcr ganz Deutschland tagten, ist eines zentralen Symbole der demokratischen Bewegung. Die Kirche bot den gr\u00f6\u00dften und modernsten Saal Frankfurts und die Kirchenvertreter waren sich einig, die Demokratiebewegung unterst\u00fctzen zu wollen. Auch w\u00e4hrend des Nationalsozialismus blieb die Kirche stabil, Pfarrer Veidt wurde durch die Gestapo \u00fcberwacht, mit Redeverbot belegt und mehrfach in Haft genommen. Seit 1950 wird in der Kirche der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels vergeben. 1998 sorgte der Preistr\u00e4ger Martin Walser f\u00fcr einen Skandal, als er von der \u201eMoralkeule Auschwitz\u201c sprach und der \u201eunverg\u00e4nglichen Schande\u201c, die er nicht mehr ertragen wolle. In einem sp\u00e4teren Gespr\u00e4ch mit Ignatz Bubis, der neben<a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/lutz-herden\/aber-die-faeuste-haltet-still\" rel=\"noopener nofollow\" target=\"_blank\"> Friedrich Schorlemmer<\/a> und seiner Frau Ida als Einziger nicht applaudiert hatte, sprach Walser von der \u201eDauerpr\u00e4sentation unserer Schande\u201c. Heute sind durch die AfD solche geschichtsrevisionistischen Gedanken normalisiert.<\/p>\n<p>Swie Strassenjungs<\/p>\n<p>\u201eBankfurt, Bankfort, ich wollt, es w\u00e4r\u2019 hier jede Bank fort, es geh\u2019n so viele von dir krank fort, bald fegt den ganzen Mist der Punk fort\u201c, haben die Strassenjungs, 1976 gegr\u00fcndet und damit eine der ersten Punkbands der BRD, in ihrem Song Bankfurt gesungen. Diese Ank\u00fcndigung hat sich nicht bewahrheitet, ohnehin konnte Punk in Frankfurt nie richtig Fu\u00df fassen. Au\u00dfer den Strassenjungs und den Middle Class Fantasies gab es keine \u00fcberregional bedeutende Punkband aus der Stadt, w\u00e4hrend Punk anderswo H\u00e4userk\u00e4mpfe <strong>(\u2192 Hausbesetzung)<\/strong> organisierte und ein linkes politisches Selbstverst\u00e4ndnis aktivierte. Am anderen Ende des politischen Spektrums in Frankfurt standen die B\u00f6hsen Onkelz, die zun\u00e4chst aber noch als Weggef\u00e4hrten starteten und auf dem Punk-Sampler Soundtracks zum Untergang von 1982 gegen \u201eHippies\u201c wettern durften.<\/p>\n<\/p>\n<p>Twie Taxi<\/p>\n<p>\u201eIch habe das Leben kennengelernt, wie es wirklich ist.\u201c Seine Zeit als Taxifahrer in Frankfurt habe ihn zu einem anderen Menschen gemacht, da ist sich Joschka Fischer sicher. \u201eIm Taxi habe ich erkannt, dass der Mensch von extremer Ambivalenz ist: gro\u00dfm\u00fctig und hundsgemein in einem. Und dass sich das nie \u00e4ndern wird.\u201c Zuvor war er Mitglied der militanten Gruppe Revolution\u00e4rer Kampf gewesen, hatte Vorlesungen am <strong>\u2192 Institut <\/strong>f\u00fcr Sozialforschung besucht und bei Opel in R\u00fcsselsheim Arbeiter agitiert. Aber erst im Taxi, das er bis 1982 fuhr, \u201ewurde ich definitiv zum Realo\u201c. Fr\u00fchere Taxi-Kollegen \u2013 ein beliebter Job unter den (Post)68ern \u2013 erinnern sich oft an den unkollegialen r\u00fcden Umgang des sp\u00e4teren Au\u00dfenministers, ein echter Realo eben <strong>(\u2192 Zankfurt)<\/strong>. Dass sich der ehemalige Linksradikale Fischer inzwischen gegen Tempo 30 in der Stadt ausspricht, begr\u00fcndet er auch mit seiner Frankfurter Taxifahrerzeit: \u201eIch schaute, dass ich vorankam und Umsatz machte\u201c, hat er der FAZ gesagt. \u201eIch bin ja auch f\u00fcr L\u00e4rmschutz, aber das Leben ist nun mal, wie es ist.\u201c<\/p>\n<p>Zwie Zankfurt<\/p>\n<p>Wohl kaum ein Publikationsorgan steht so sehr f\u00fcr die Frankfurter Linke wie der Pflasterstrand, die 1976 ins Leben gerufene \u201eZeitschrift der Linksradikalen in Frankfurt\u201c. \u201eZeitung f\u00fcr Zankfurt\u201c lautete ein anderer Untertitel, und diese Streitlust ist der rote Faden der als Sprachrohr der Sponti-Szene <strong>(\u2192 Taxi) <\/strong>von Daniel Cohn-Benditherausgegebenen Zeitschrift <strong>(\u2192 NFS)<\/strong>, die in ihrer ersten Ausgabe den Anspruch formulierte, \u201eeine Darstellung und Auseinandersetzung eines Spektrums zu werden, das von den Makrobioten bis zur Revolution\u00e4ren Zelle reicht\u201c. Schaut man sich die Autoren an, die \u00fcber die Jahre f\u00fcr die \u201eZeitung f\u00fcr Stadtindianer\u201c geschrieben haben, so erscheint dieser Querfront-Anspruch erf\u00fcllt: Da findet sich zwischen Claus Leggewie oder dem Revolution\u00e4re-Zellen-Terroristen Hans-Joachim Klein auch der Name Alexander Gauland.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Awie Apfelwein Auch wenn eine Diskussion \u00fcber die Zukunft der Autonomen in den Neunzigern \u201eHeinz-Schenk-Debatte\u201c genannt wurde, um&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":507371,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1829],"tags":[29,2050,2051,30,2052],"class_list":{"0":"post-507370","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-frankfurt-am-main","8":"tag-deutschland","9":"tag-frankfurt","10":"tag-frankfurt-am-main","11":"tag-germany","12":"tag-hessen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115393010438182187","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/507370","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=507370"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/507370\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/507371"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=507370"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=507370"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=507370"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}