{"id":507822,"date":"2025-10-18T07:38:10","date_gmt":"2025-10-18T07:38:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/507822\/"},"modified":"2025-10-18T07:38:10","modified_gmt":"2025-10-18T07:38:10","slug":"blinde-geister-von-lina-schwenk-doch-sprechen-war-unmoeglich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/507822\/","title":{"rendered":"\u201eBlinde Geister\u201c von Lina Schwenk: Doch Sprechen war unm\u00f6glich"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">Es ist ein schmales Buch, doch darin entfaltet sich ein ganzes Frauenleben. Wie Lina Schwenk dies in ihrem Deb\u00fct \u201eBlinde Geister\u201c erz\u00e4hlerisch gelingt, ist beeindruckend. Die 1988 geborene Autorin gelangte damit auf die Longlist des Deutschen Buchpreises und ist f\u00fcr den Alfred-D\u00f6blin-Preis 2025 nominiert.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Schwenk widmet den Roman ihrer Mutter. Diese geh\u00f6rt jener Generation an, die nicht lange nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geboren wurde. Die Spuren des Kriegs sind noch \u00fcberall sicht- und sp\u00fcrbar. Die eigenen Eltern sind dabei, mittendrin gewesen. In St\u00e4dten oder auf dem Land, an der Front.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">Olivia hei\u00dft Schwenks Ich-Erz\u00e4hlerin, sie ist Jahrgang 1956. Es ist ihr Leben, das die Autorin hier verdichtet auf knapp 190 Seiten entbl\u00e4ttert. Von den Pr\u00e4gungen durch die Eltern erz\u00e4hlt sie, vom Trauma des Vaters Karl und wie dieses Trauma schlie\u00dflich weitergegeben wird an die T\u00f6chter, an die folgende Generation also, und wie es noch dar\u00fcber hinaus wirkt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-5\" pos=\"4\">Immer wieder gibt es diese \u201eTage, an denen sich die Stille ausbreitet, als schwiege das ganze Land. Als hielten die Menschen inne, angespannt, voller Angst. Dieses Warten auf etwas kann ich nicht ertragen, das konnte ich noch nie, fr\u00fcher schon nicht, wenn Karl bewegungslos im Wohnzimmer sa\u00df (\u2026) regungslos vor dem Radio\u201c, offenbart die Erz\u00e4hlerin mit Anfang zwanzig.<\/p>\n<p>Der Roman<\/p>\n<p class=\"bodytext first paragraph last\"><strong>Lina Schwenk:<\/strong> \u201eBlinde Geister\u201c. C. H. Beck, M\u00fcnchen 2025. 190 Seiten, 24 Euro<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-7\" pos=\"5\">Und die Le\u00adse\u00adr*in\u00adnen wissen bereits, dass \u201efr\u00fcher\u201c, in der Kindheit, die Familie f\u00fcr einen Tag oder eine Woche in den Keller stieg. Ohne Tageslicht, Konservennahrung, dicht beieinander, die Mutter Rita liest den T\u00f6chtern M\u00e4rchen vor, der Vater h\u00e4ngt am Radio. Ihn l\u00e4sst die Angst nicht los. Die hat er mitgebracht vom Einsatz in Russland. Mehr erf\u00e4hrt man dar\u00fcber nicht, denn mehr erf\u00e4hrt auch Olivia nicht. Ihre Fragen sto\u00dfen auf Schweigen. Seine Angst verinnerlicht sie.<\/p>\n<p>      Ambivalentes Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-9\" pos=\"7\">Schwenk erz\u00e4hlt chronologisch, zugleich episodenhaft, denn sie \u00fcberspringt zwischen den Kapiteln gro\u00dfe Zeitspannen. Sie arbeitet mit einer Verdichtung, die nichts Wesentliches wegl\u00e4sst, sondern genau darauf abzielt. In einzelnen, intensiven Szenen stecken die Details, welche die ganze Zerrissenheit des Kindes, der jungen Erwachsenen, der verliebten Frau, der Mutter einer Tochter, der Mittf\u00fcnfzigerin, der Rentnerin entfalten. Diese nie aufzul\u00f6sende Ambivalenz, in der sich Angst und Geborgenheit verbinden.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-11\" pos=\"8\">Denn die Tage im Keller sind auch Momente der Zusammengeh\u00f6rigkeit. Eine \u00dcberwindung der grundlegenden Fremdheit, die Olivia schon fr\u00fch seismografisch vom Vater \u00fcbernommen hat; eine Aufhebung des Gef\u00fchls der Ausgeschlossenheit, das die Eltern als eine undurchdringliche Einheit den T\u00f6chtern gegen\u00fcber vermitteln.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-12\" pos=\"9\">Verkn\u00fcpft mit ihrer Angst ist daher auch Olivias Ringen, Distanz und N\u00e4he in ein lebbares Verh\u00e4ltnis zu bringen. \u201eIm Bett ber\u00fchren wir uns nicht\u201c, hei\u00dft es w\u00e4hrend eines Konflikts mit ihrem Mann Paul, da ist sie Mitte f\u00fcnfzig. \u201eDabei habe ich das mit ihm \u00fcber die Jahre m\u00fchsam gelernt, das nicht zu starke An-mich-Dr\u00fccken, das nicht zu starke Weghalten. Wir leben schon so lange in einer fast normalen N\u00e4he zueinander.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-13\" pos=\"10\">Die K\u00f6rperlichkeit durchzieht den Text. In den K\u00f6rper haben sich die \u00c4ngste eingeschrieben, wenn Olivia in Gegenwart der Mutter so starr wird, wie Paul bemerkt. Aber er spendet auch Trost, Beistand. Immer wieder ber\u00fchren sich H\u00e4nde. Immer wieder taucht das Bild zweier sich aneinander schmiegender K\u00f6rper auf, Karl und Rita, Olivia und Paul.<\/p>\n<p>      Gro\u00dfer Schmerz, feinf\u00fchlig erz\u00e4hlt<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-15\" pos=\"12\">Und in einem der intensivsten Kapitel des Buchs legt sich die \u00fcber sechzigj\u00e4hrige Olivia, die Krankenschwester geworden ist, zu einem alten Patienten, der stirbt: \u201eUnd dann atme ich, so lange ich kann, die gleiche letzte Luft wie er, meine Wange fest auf seiner Brust. Ich kann nicht anders, ich wei\u00df, dass es falsch ist, aber f\u00fcr einen kurzen Moment schlie\u00dfe ich die Augen und stelle mir vor, es w\u00e4re Karl.\u201c<\/p>\n<p>\n\ue80f\n<\/p>\n<p>\n            Die Autorin schreibt nicht als einzige \u00fcber Traumata. Doch sie hat einen besonderen Zugang gefunden<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-17\" pos=\"13\">Schwenk l\u00e4sst in diesen wenigen S\u00e4tzen Olivias ganzen Schmerz aufscheinen. Der sich nicht aufl\u00f6sen kann, sich erneuert hat angesichts des Todes von Karl, der gemeinsam mit Rita gestorben ist.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-18\" pos=\"14\">Die Autorin schreibt nicht als einzige \u00fcber das Thema transgenerationale Traumata. Doch hat sie einen so besonderen, klugen und feinf\u00fchligen Zugang gefunden. Ein sch\u00f6ner erz\u00e4hlerischer Einfall ist es auch, in Prolog und Epilog der Sicht Karls und Ritas Raum zu geben.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-19\" pos=\"15\">Schwenks Hauptaugenmerk liegt auf Olivia, doch gelingt es ihr, auf wenigen Seiten Eigenschaften der Eltern zu erhellen, die der Tochter verborgen bleiben mussten. Davon zu wissen, h\u00e4tte vielleicht etwas Linderung verschafft, doch Sprechen war unm\u00f6glich. Auch von diesem Schweigen handelt Lina Schwenks wunderbares Deb\u00fct.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es ist ein schmales Buch, doch darin entfaltet sich ein ganzes Frauenleben. 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