{"id":508255,"date":"2025-10-18T11:44:18","date_gmt":"2025-10-18T11:44:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/508255\/"},"modified":"2025-10-18T11:44:18","modified_gmt":"2025-10-18T11:44:18","slug":"zwischenbilanz-der-frankfurter-buchmesse-2025","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/508255\/","title":{"rendered":"Zwischenbilanz der Frankfurter Buchmesse 2025"},"content":{"rendered":"<p>Loch im Buch<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Im Innenhof zwischen den Hallen der <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-id=\"ecdaea0590a05afd0f98b48a24a74b6d2246e8d6\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/thema\/frankfurter-buchmesse\" title=\"Frankfurter Buchmesse\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Frankfurter Buchmesse<\/a>, der sogenannten Agora, ist eine Rakete eingeschlagen. Denkt man jedes Mal von neuem, wenn man von ganz oben, auf dem Balkon der Halle 3, hinunterschaut auf den weitl\u00e4ufigen Platz, die Imbissbuden, die Menschen \u2013 und diese wei\u00dfe Rakete. Die Deutschen Raumfahrtagentur, die zum Deutschen Zentrum f\u00fcr Luft- und Raumfahrt geh\u00f6rt, hat sie hierher transportiert, es ist die \u201eSpacebuzz One\u201c und eigentlich nur eine Kabine auf dem Anh\u00e4nger eines Lastwagens, aber wer hineingeht, und das sollen vor allem Kinder, kann f\u00fcr eine Viertelstunde per VR-Brille virtuell ins All fliegen und von viel, viel weiter oben als vom Balkon von Halle 3 auf die Menschheit hinunterschauen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Solche Brillen und die Virtual Reality sind sowieso und weiterhin ein Ding auf der Messe, der Kulturstaatsminister hat sich aber entschieden, nicht seinen Avatar nach Frankfurt zu schicken, sondern h\u00f6chstpers\u00f6nlich durch die G\u00e4nge zu schlendern, begleitet von Sicherheitsleuten, und er tut das so unbeachtet, dass eine Verlagsmitarbeiterin, an deren Stand er vorbeikommt, \u00fcbergl\u00fccklich davon erz\u00e4hlt, wie sie gleich ein Selfie mit ihm machen konnte. Am Stand von Kyss wiederum, dem Rowohlt-Imprint f\u00fcr Liebe und Romantik, k\u00f6nnen sich Besucherinnen (und die Zufallsstichprobe \u00fcber Tage hinweg zeigt, dass es wirklich nur Besucherinnen sind) eine VR-Brille aufsetzen, um so in ihre Lieblingsromane aus dem Programm von Kyss einzutauchen.<\/p>\n<p>      <img decoding=\"async\" class=\"Sonntagszeitung\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/1760787852_599_fas_latest.jpg\"\/><\/p>\n<p>Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.<\/p>\n<p>        <a href=\"https:\/\/zeitung.faz.net\/\" class=\"Button\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">&#13;<br \/>\n          &#13;<br \/>\n         <\/a><\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Das sieht toll aus, selbst wenn man nur von au\u00dfen zuschaut, diese Spannungsruhe, diese Erwartungsbelustigung, was kommt nur als n\u00e4chstes? Und einmal will ein Mitarbeiter des Verlags einer Besucherin nur vorsichtig helfen, die Brille richtig aufzusetzen, aber die ist schon so abgetaucht, in das, was sie da vor sich sieht, dass sie bei seiner Ber\u00fchrung heftig zusammenzuckt. R\u00e4tselhaft bleibt in diesen ersten Tagen einer noch mittelleeren Messe aber, was nur genau das ovale Loch in der Installation zum neuen Buch von <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-id=\"348d6a08c43ad4dce9736a715502f7a3c0390473\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/thema\/sebastian-fitzek\" title=\"Sebastian Fitzek\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Sebastian Fitzek<\/a> bedeuten soll.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">\u201eDer Nachbar\u201c hei\u00dft es: Der Verlag hat ihrem Bestsellerautor einen ganzen Stand um den Thriller herum gebaut, eine dunkelgr\u00fcne Hecke, ein Bildschirm, es geht offenbar um Beobachten und Ausspionieren von nebenan, und vermutlich sollen die Leute ihren Kopf durch das Loch in der Hecke stecken und sich selbst fotografieren, und das tun manche dann auch, ganz ohne Anleitung, aber Fitzek ist noch nicht da, dass sie ihn fragen k\u00f6nnten, ob sie ihn da richtig verstanden haben, aber diese gro\u00dfe, leere R\u00e4tselhaftigkeit dieses Stands ohne Autor hat dann auch wieder einen ganz eigenen fiktionalen Reiz.<\/p>\n<p>Tanzen<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">\u00dcber Partys wird auf der Buchmesse immer viel geredet. Diesmal ging es allerdings oft um die Partys, zu denen man nicht ging. Die vom Rowohlt-Verlag zum Beispiel. War man da nun einfach nicht eingeladen? Oder fand sie gar nicht statt? Geht es der Buchbranche nun schon so schlecht, dass das Geld zum Feiern fehlt? Das w\u00e4ren d\u00fcstere Aussichten, aber auch aus denen muss man das beste machen \u2013 und Alternativen finden: In der Bar Shuka veranstalteten am Mittwoch zwei brasilianische Verlage, Companhia das Letras und Fosforo, eine Party.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Die best\u00e4tigte gl\u00fccklicherweise das Klischee, dass die Brasilianer dann doch den besseren Musikgeschmack haben als die Deutschen. Und so tanzten wir so ausgelassen, dass das Rumstehen und Labern bei Rowohlt wie fr\u00fcher in der Schirn gar nicht fehlte. Traditionen sind sch\u00f6n, sie zu brechen aber auch.<\/p>\n<p>Unterm Regenbogen<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Den gr\u00f6\u00dften Applaus bekam beim Buchmessenempfang des <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-id=\"5e98ba056f998527b0d6ece05796fb0d68b5f9e0\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/thema\/suhrkamp\" title=\"Suhrkamp\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Suhrkamp<\/a> Verlags, dem sogenannten \u201eKritikerempfang\u201c, am Mittwochabend der Teppich. Als der Verleger Jonathan Landgrebe ihn in seiner Rede erw\u00e4hnte, begriffen die G\u00e4ste \u00fcberhaupt erst, worauf sie da standen und erkannten ihn wieder: Der Teppich stammte aus der Villa des fr\u00fcheren Verlegers Siegfried Unseld in der Frankfurter Klettenbergstra\u00dfe, wo schon die ersten Kritikerempf\u00e4nge mit Thomas Bernhard stattgefunden hatten.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Schlangestehen geh\u00f6rt zur Frankfurter Buchmesse dazu.\" height=\"1916\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/schlangestehen-gehoert-zur.jpg\" width=\"3000\" class=\"sm:w-content-sm w-full\" tabindex=\"0\"\/>Schlangestehen geh\u00f6rt zur Frankfurter Buchmesse dazu.dpa<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Das Haus wurde 2024 verkauft, die Messefest-Tradition will man dennoch aufrechterhalten, und so hatte der Verlag in das nur hundert Meter vom Ursprungsort entfernte Holzhausenschl\u00f6sschen eingeladen, dem Sitz der Frankfurter B\u00fcrgerstiftung, den Raum nostalgisch ausgelegt und \u00fcber der B\u00fchne die Suhrkamp-B\u00fccher im Design von Willy Fleckhaus als Regenbogen angeordnet. Unter den G\u00e4sten sah man die Autoren Rainald Goetz, Jina Khayyer, Thomas Meinecke und Nora Bossong, Andreas Maier, Enis Maci, Ozan Zakariya Keskink\u0131l\u0131\u00e7, den Eigent\u00fcmer des Verlags, Dirk M\u00f6hrle, und die Soziologen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey, der am Ende des Abends ein zerbrochenes Glas in Hand hielt, ganz so, als h\u00e4tte er hineingebissen. Er schien aber unversehrt zu sein.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Auf der B\u00fchne las der Literaturwissenschaftler Hans-Ulrich Gumbrecht, von allen \u201eSepp\u201c genannt, aus seinem im kommenden Fr\u00fchjahr erscheinenden autobiographischen Buch \u201eMein Leben auf Halbdistanz\u201c vor. Und verriet zum Erstaunen aller, dass er sein Leben lang \u2013 Gumbrecht lehrte an der Stanford University in Kalifornien und ist dort inzwischen emeritiert \u2013 kein leidenschaftlicher Leser gewesen sei.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Auch nach seiner Emeritierung habe er es trotz guter Vors\u00e4tze nicht geschafft, auf Hawaii Gottfried Keller zu lesen. Erst gegen Ende seiner Lehrt\u00e4tigkeit habe sich eine Gruppe mit Studierenden gebildet, die immer mehr Zulauf bekam. Sie widmete sich dem Close Reading. Gumbrecht schilderte, wie bis zur kollektiven Ersch\u00f6pfung philosophische Praxis hier zu einer Form der Existenz wurde, die auch ihn entflammte: \u201eDer Geist schien sich von seinen Herk\u00fcnften abzuheben und verselbstst\u00e4ndigte sich\u201c, sagt \u201eSepp\u201c. In Frankfurt blieben aber alle sch\u00f6n auf dem Teppich.<\/p>\n<p>Stand Israel<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Am Ende von Gang D in der internationalen Halle 6 hat das Israeli Institute for Hebrew Literature einen Pavillon eingerichtet \u2013 es ist, und nennt sich selbst so, der israelische Stand auf der Buchmesse 2025. Ein Lesesessel, Romane in hebr\u00e4ischer Sprache, in einer Ecke eine Videoinstallation, die Bilder der Geiseln zeigt, die seit dem 7. Oktober 2023 von der Hamas verschleppt oder ermordet wurden. Donnerstag, sp\u00e4ter Nachmittag, es gibt israelischen <a class=\"rtr-entity\" data-rtr-id=\"3a35274fc2f40ffb8f52a642d0a8b29c2fe244aa\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/stil\/thema\/wein\" title=\"Wein\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Wein<\/a> und Finger Food, Sigalit Gelfand, die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin des Instituts, spricht ein paar Begr\u00fc\u00dfungsworte, unter den G\u00e4sten sind Autorinnen wie Tamar Raphael und Autoren wie Assaf Gavron, der Wein ist wundervoll, die Feigen mit Waln\u00fcssen sind es auch. Dass diese Buchmessenwoche mit der Befreiung der Geiseln beginnen w\u00fcrde, sagt Sigalit Gelfand sp\u00e4ter im Gespr\u00e4ch, habe nat\u00fcrlich niemand ahnen k\u00f6nnen, und sie erw\u00e4hnt es auch gleich als erstes in ihrer Ansprache.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Entspannen auf der Buchmesse\" height=\"1999\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/entspannen-auf-der-buchmesse.jpg\" width=\"2999\" class=\"sm:w-content-sm w-full\" tabindex=\"0\"\/>Entspannen auf der BuchmesseFrank R\u00f6th<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Aus M\u00fcnchen ist Talya Lador-Fresher nach Frankfurt gekommen, die Generalkonsulin des Staates Israel f\u00fcr S\u00fcddeutschland, \u201ewir sind ein Volk des Buches\u201c, sagt sie, \u201eund wir verstehen ein bisschen was davon\u201c, sie erw\u00e4hnt die vielen B\u00fccher, die seit dem 7. Oktober in Israel \u00fcber diesen 7. Oktober erschienen sind, und sie nennt das, was da am Montag geschah und diesen leisen Moment am Ende eines Ganges einer lauten Messe pr\u00e4gt, eine \u201ePause\u201c, erhofft, ersehnt und dringend ben\u00f6tigt.<\/p>\n<p>Spannungen aushalten<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Das schrecklichste Buch dieser Messe versteckt sich in einem der interessantesten: \u201eWie konnte das geschehen?\u201c hei\u00dft dieses Buch, in dem der Historiker G\u00f6tz Aly sich noch einmal mit der Frage besch\u00e4ftigt, wie die Nationalsozialisten an die Macht kamen und warum die Deutschen so bereitwillig mitmachten bei Vernichtungskrieg und Massenmord. Um sie zu beantworten, hat er nicht nur Feldpostbriefe und Zeitzeugen\u00e4u\u00dferungen studiert, sondern auch das Tagebuch von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels. Um die komplexe Antwort zu verstehen, muss man das siebenhundert Seiten lange Alterswerk lesen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Aber die Spannung von Abscheu und Interesse, die seltsame Begeisterung f\u00fcr Goebbels\u2019 Botschaft an die Nachwelt, vermittelt sich sehr schnell bei Alys Auftritt am Donnerstag am Stand der \u201eS\u00fcddeutschen Zeitung\u201c. Wie Aly von Goebbels erz\u00e4hlt, von seinem Scheitern als Romanautor, seinem Machthunger und seiner Intelligenz, l\u00e4sst eine Neugier erkennen, die sich nicht vom Entsetzen ersticken l\u00e4sst.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Was auch f\u00fcr den Blick auf die Vorfahren gilt: Die Deutschen, sagt Aly, sind \u201eso intelligent und so moralisch gewesen wie wir auch und ein bisschen \u00f6fter in die Kirche gegangen. Das ist der wichtigste Unterschied. Wir sollen uns nicht einbilden, wir seien andere oder bessere Menschen.\u201c Dass er trotzdem eher vorsichtig ist, Vergleiche zur aktuellen Verbreitung eines autorit\u00e4ren Geistes zu ziehen, weil wir heute weit entfernt sind von der Armut und der existenziellen Not der damaligen Zeit, macht seinen Blick umso differenzierter.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Nur eine Parallele betont er: Das Tempo, mit dem die Nazis damals die Leute \u00fcberforderten, \u201eindem dieser ganze Laden st\u00e4ndig in Bewegung gehalten wird und in Drehung versetzt\u201c, erinnert ihn dann schon an Trump. \u201eFlooding the zone with shit\u201c war offenbar auch damals schon die Strategie. Im Publikum steht Ulf Poschardt und h\u00f6rt interessiert zu. Ein Autogrammj\u00e4ger h\u00e4lt ihm sein Buch \u201eShitb\u00fcrgertum\u201c hin und bittet ihn, es zu signieren. Sp\u00e4ter wird der Besucher am Stand der F.A.Z. die Buchpreisgewinnerin Dorothee Elmiger bitten, ihr Buch \u201eDie Holl\u00e4nderinnen\u201c zu signieren. Auch solche Spannungen muss man wohl aushalten.<\/p>\n<p>Gewalt aushalten<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Einen literarischen Text zu \u00fcbersetzen, bedeutet, ihn w\u00e4hrend der \u00dcbertragung in die andere Sprache zu verinnerlichen. Um dem Original treu zu bleiben, muss man die im Text dargestellte Situation nicht nur verstehen, sondern auch den geschilderten Augenblick nachempfinden. Ein guter \u00dcbersetzer hat das, was geschildert wird, durchlebt \u2013 gelingt das nicht, kommt am Ende keine gute \u00dcbersetzung dabei heraus. Texte, die von geschlechtsspezifischer Gewalt, von sexuellem Missbrauch etwa oder Femizid handeln, stellen deshalb besonders gro\u00dfe Herausforderungen an die \u00dcbersetzenden dar und bedeuten eine immense psychische Belastung.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Um die Frage, wie man sich solchen Texten n\u00e4hert und mit welchen Strategien man sie auch emotional bew\u00e4ltigen kann, ging es am Donnerstag bei der Podiumsdiskussion \u201eDie Dinge beim Namen nennen \u2013 Geschlechtsspezifische Gewalt \u00fcbersetzen\u201c im Zentrum Wort in Halle 4.1. Dort sa\u00dfen neben der Moderatorin Veronika Islinger, die in M\u00fcnchen \u00fcber die Darstellung geschlechtsspezifischer Gewalt in der Literatur promoviert, die \u00dcbersetzerinnen Johanna Schwering und Grit Weirauch auf der B\u00fchne.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Johanna Schwering hat \u201eLilianas unverg\u00e4nglicher Sommer\u201c, ein autobiographisches Memoir von Cristina Rivera Garza aus dem Spanischen ins Deutsche \u00fcbertragen. In dem Buch, das mit dem Pulitzerpreis geehrt wurde, versucht die Autorin, 29 Jahre nachdem ihre Schwester in Mexiko einem Femizid zum Opfer fiel, dem Grauen auf den Grund zu gehen. Schwering schilderte, wie sie in Ermittlerkreisen und auf Frauenrechtsdemos nach den richtigen Begrifflichkeiten recherchierte.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Im Durchgang bei Halle 5\" height=\"1996\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/im-durchgang-bei-halle-5.jpg\" width=\"3000\" class=\"sm:w-content-xs w-full\" tabindex=\"0\"\/>Im Durchgang bei Halle 5Frank R\u00f6th<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Als sie mit der \u00dcbersetzungsarbeit anfing, sprach man in Deutschland noch kaum von \u201eFemizid\u201c, sondern eher von \u201eMord aus Leidenschaft\u201c. \u201eF\u00fcr mich ist die emotionale Wucht des Textes allerdings noch herausfordernder gewesen, als die richtigen Worte zu finden\u201c, sagte sie. Grit Weirauch wiederum erz\u00e4hlte von ihren Erfahrungen mit Vanessa Schneiders Buch \u201eDie Geschichte der Maria Schneider\u201c, das ergr\u00fcndet, wie das Trauma, das Maria Schneider als junge Schauspielerin durch die improvisierte Vergewaltigungsszene bei den Dreharbeiten von \u201eDer letzte Tango von Paris\u201c erlitt, deren Leben pr\u00e4gte.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Au\u00dferdem berichtete sie von den Herausforderungen der \u00dcbersetzung von \u201eUnd ich werde Dich nie wieder Papa nennen\u201c von Caroline Darian, der Tochter von Gis\u00e8le Pelicot, das sie zusammen mit Michaela Me\u00dfner aus dem Franz\u00f6sischen ins Deutsche \u00fcbertrug. Begriffe wie \u201esoumission chimique\u201c (\u201echemische Unterwerfung\u201c), mit dem man im Franz\u00f6sischen das Wehrlos-Machen durch K.O. Tropfen bezeichnet, gibt es im Deutschen nicht.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Als Weirauch das Buch \u00fcbersetzte, war sie in Frankreich, und der Prozess lief noch. \u201eIch konnte nie l\u00e4nger als zwei Stunden pro Tag an dem Text arbeiten. Es war psychisch zu anstrengend. Es braucht sehr viel Selbstf\u00fcrsorge bei einer solchen Arbeit\u201c. Am Ende bleibt als Fazit: F\u00fcr diese Art von \u00dcbersetzungen m\u00fcsste es einen Belastungszuschlag geben.<\/p>\n<p>R\u00f6mern<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Ein letztes Mal steht Karin Schmidt-Friderichs auf der B\u00fchne im Frankfurter R\u00f6mer, um zu verk\u00fcnden, wer den diesj\u00e4hrigen Buchpreis erh\u00e4lt. Ein letztes Mal erf\u00e4hrt auch sie als Vorsteherin des B\u00f6rsenvereins des Deutschen Buchhandels erst in dem Augenblick, als sie die Urkundenmappe \u00f6ffnet, wer es geworden ist.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Sicher nicht zum letzten Mal aber wird die Mainzer Verlegerin, die ihr Amt nach sechs Jahren an den Verleger Sebastian Guggolz \u00fcbergibt, seelenruhig und selbstverst\u00e4ndlich vor der deutschsprachigen Buchbranche gendern \u2013 was, wann immer hier zuletzt dieser Preis verliehen wurde, irgendwo bei irgendwem im Publikum zu kurzem Schnauben f\u00fchrte, je nach dem, wo man sa\u00df.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Im vergangenen Jahr r\u00f6merte der leer ausgegangene Autor Clemens Meyer aus dem Kaisersaal und beschimpfte auf seinem Weg Jury und Buchpreistr\u00e4gerin Martina Hefter, die Erinnerung an diesen ekligen Augenblick hing wie ein Schatten \u00fcber der diesj\u00e4hrigen Feierstunde \u2013 aber die Stimmung blieb dann an diesem Montagabend vor der Messe konzentriert und friedlich. Auch wenn es, wie die diesj\u00e4hrige Juryvorsitzende Laura de Weck erkl\u00e4rte, in der preisgekr\u00f6nten True-Crime-Expedition \u201eDie Holl\u00e4nderinnen\u201c von Dorothee Elmiger und auch den f\u00fcnf anderen nominierten Romanen in unterschiedlichster Weise um Gewalt geht.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-f16c667d=\"\" data-v-439309db=\"\">Der Applaus f\u00fcr Thomas Melles Leben-Sterben-W\u00fcnschen-Buch \u201eHaus zur Sonne\u201c schien vielleicht ein paar Augenblicke l\u00e4nger und ein paar Grad w\u00e4rmer gewesen zu sein, als bei den anderen, bei Kaleb Erdmann (\u201eDie Ausweichschule\u201c) meldet sich ein Fanclub im Saal, in Erinnerung aber bleibt, bis zum n\u00e4chsten Jahr, vor allem der Satz der Autorin Christine Wunnicke, deren Liebesroman \u201eWachs\u201c von zwei Anatominnen im vorrevolution\u00e4ren Paris erz\u00e4hlt: \u201eJedes Buch, was in einer historischen Zeit \u00fcber Frauen schreibt, die etwas machen, was ihnen eigentlich nicht gestattet ist, ist per definitionem ein feministisches Traktat.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Loch im Buch Im Innenhof zwischen den Hallen der Frankfurter Buchmesse, der sogenannten Agora, ist eine Rakete eingeschlagen.&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":508256,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-508255","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115395000420436934","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/508255","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=508255"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/508255\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/508256"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=508255"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=508255"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=508255"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}