{"id":509659,"date":"2025-10-19T01:07:15","date_gmt":"2025-10-19T01:07:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/509659\/"},"modified":"2025-10-19T01:07:15","modified_gmt":"2025-10-19T01:07:15","slug":"down-under-im-gewandhaus-kreuzer-online","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/509659\/","title":{"rendered":"Down Under im Gewandhaus \u2014 kreuzer online"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcnf Rentnerinnen und Rentner aus Australien sitzen am Donnerstagnachmittag im Gewandhaus. Den halben Weg um die Welt haben sie f\u00fcr Henry Handel Richardson auf sich genommen, die am Sonntag im Gewandhaus gew\u00fcrdigt werden soll. Die australische Schriftstellerin studierte einst in Leipzig, das als Kulisse ihres Deb\u00fctromans \u00bbMaurice Guest\u00ab von 1908 diente, der vor kurzem neu ins Deutsche \u00fcbersetzt wurde und bei der Connewitzer Verlagsbuchhandlung erschien. Die Reisegruppe aus Melbourne besteht aus Mitgliedern der Henry Handel Richardson Society, die sich seit 2008 dem Leben und Werk der Autorin widmet. Im Gespr\u00e4ch mit dem kreuzer erz\u00e4hlen die G\u00e4ste, warum Richardsons \u00bbMaurice Guest\u00ab noch heute von Aktualit\u00e4t ist.<\/p>\n<p>Henry Handel Richardson, die in Deutschland zwar kaum bekannt ist, in Australien jedoch zu den bedeutendsten Schriftstellenden z\u00e4hlt, kam 1888 im Alter von 18 Jahren f\u00fcr ihre musikalische Ausbildung nach Leipzig. Am K\u00f6niglichen Konservatorium \u2013 der heutigen Hochschule f\u00fcr Musik und Theater \u00bbFelix Mendelssohn Bartholdy\u00ab (HMT Leipzig) \u2013 studierte sie bis 1892 Klavier und Komposition. Ihre Leipziger Jahre verarbeitete die Australierin in jenem ersten Roman, der 1908 in England, wo Richardson sp\u00e4ter lebte, ver\u00f6ffentlicht und 1912 erstmalig ins Deutsche \u00fcbersetzt wurde. Mit ihrem Literaturdeb\u00fct entschied sich Richardson, die eigentlich Ethel Florence Lindesay Richardson hie\u00df, f\u00fcr ihren K\u00fcnstlerinnennamen: Mit einem Pseudonym habe sie ihre Privatsph\u00e4re wahren wollen, den m\u00e4nnlichen Namen habe sie gew\u00e4hlt, um ihre Chancen auf beruflichen Erfolg zu erh\u00f6hen, erz\u00e4hlt Janey Runci, die Pr\u00e4sidentin der Henry Handel Richardson Society. <\/p>\n<p>\u00bbMaurice Guest\u00ab erz\u00e4hlt von einer Gruppe englischsprachiger Musikstudierender und der obsessiven Liebesbeziehung zwischen dem Engl\u00e4nder Guest und der Australierin Louise Dufrayer in Leipzig um 1890. Mit Dufrayers Charakter stellt Richardson ihren Roman in den Kontext feministischer Emanzipation, hinterfragt durch die vermeintliche Femme fatale klassische Rollenbilder in romantischen Beziehungen und patriarchale Strukturen des Lebens am Konservatorium. \u00bbDer Roman verhandelt zahlreiche Themen, die auch heute noch relevant sind. Louise ist eine selbstbestimmte, leidenschaftliche Frau, die sich in ihrer Freiheit weder durch M\u00e4nner noch Kinder einschr\u00e4nken lassen w\u00fcrde\u00ab, sagt Runci. \u00bbZudem werden Machtstrukturen und verschiedene Formen von Liebe und Beziehungen sichtbar; Dynamiken von emotionaler Besitzergreifung und psychischer Gewalt werden aufgezeigt.\u00ab<\/p>\n<p>Insbesondere das Musikviertel mit der Musikhochschule und dem damals noch neuen Gewandhaus in der Beethovenstra\u00dfe ist Schauplatz der Geschichte. Die Protagonisten beschreiben dar\u00fcber hinaus den Bau der Bibliotheca Albertina, Abende am Br\u00fchl, Spazierg\u00e4nge im Auwald oder Wege durch die heutige Leipziger Innenstadt. Damit zeichnet Richardson nicht nur ein tragisches, f\u00fcr das fr\u00fche 20. Jahrhundert modernes Drama, sondern auch ein lebendiges Bild einer Stadt, die schon damals international anerkanntes Zentrum f\u00fcr Musik war. <\/p>\n<p>Neue Aktualit\u00e4t erhielt Richardsons Werk durch eine Neu\u00fcbersetzung ins Deutsche aus dem Jahr 2020, realisiert von der Connewitzer Verlagsbuchhandlung, dem Literaturwissenschaftler Stefan Welz und dem \u00dcbersetzer Fabian Dellemann. Die fr\u00fchere \u00dcbersetzung von 1912 habe die sprachliche Komplexit\u00e4t des Originals nicht hinreichend erfasst, schreibt Dellemann im Nachwort des Buches. Mit der Neu\u00fcbersetzung h\u00e4tten Welz und er versucht, die besondere Syntax, Zeichensetzung und Sprache Richardsons zu ber\u00fccksichtigen. In den Augen der Society h\u00e4tten es die \u00dcbersetzer damit geschafft, den Charakter des urspr\u00fcnglichen, englischen Textes von 1908 beizubehalten. <\/p>\n<p>Diesen Sonntag nun w\u00fcrdigt ein literarisch-musikalischer Abend im Mendelssohn-Saal des Gewandhauses dieses Werk und seine Autorin. Schauspieler Dominique Horwitz wird Passagen aus der neuen Leipziger \u00dcbersetzung von \u00bbMaurice Guest\u00ab lesen. Das Grieg Quartett Leipzig und die australische Pianistin Tonya Lemoh gestalten das musikalische Begleitprogramm mit Werken von Richardsons Zeitgenossen, die ebenfalls in Leipzig lebten oder wirkten: Felix Mendelssohn Bartholdy, Ethel Smyth, Robert Schumann, Edvard Grieg, Alfred Hill und Johannes Brahms. <\/p>\n<p>Auch auf eine zweite Veranstaltung zu Ehren Richardsons freuen sich die australischen G\u00e4ste: Am Montag, dem 20.10., bringen Studierende der HMT Kompositionen der Musikerin und Autorin auf die B\u00fchne. Dieser zweite Abend wird um 19:30 Uhr in der Musikhochschule stattfinden \u2013 dem Ort, an dem Henry Handel Richardson vor mehr als 130 Jahren studierte. <\/p>\n<p>&gt; \u00bbEine Australierin in Leipzig\u00ab, 19.10., 18 Uhr, Gewandhaus, Mendelsohn-Saal, Eintritt: 13\u201317\u20ac<\/p>\n<p>&gt; \u00bbLiterarisch-musikalischer Abend zu Henry Handel Richardson\u00ab, 20.10., 19:30 Uhr, HMT, Grassistra\u00dfe 8, Kammermusiksaal, Eintritt frei<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"F\u00fcnf Rentnerinnen und Rentner aus Australien sitzen am Donnerstagnachmittag im Gewandhaus. 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