{"id":510239,"date":"2025-10-19T07:02:15","date_gmt":"2025-10-19T07:02:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/510239\/"},"modified":"2025-10-19T07:02:15","modified_gmt":"2025-10-19T07:02:15","slug":"tum-professor-ienca-erster-patient-erhaelt-hirn-computer-schnittstelle-und-steuert-roboterarm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/510239\/","title":{"rendered":"TUM-Professor Ienca: Erster Patient erh\u00e4lt Hirn-Computer-Schnittstelle und steuert Roboterarm"},"content":{"rendered":"<p>Ein Patient mit Querschnittsl\u00e4hmung hat in M\u00fcnchen eine Hirn-Computer-Schnittstelle erhalten &#8211; ein in Europa bislang einmaliger Eingriff. Damit soll er k\u00fcnftig sein Smartphone und einen Roboterarm steuern. Die Operation f\u00fchrte ein Forscherteam des Klinikums Rechts der Isar der Technischen Universit\u00e4t M\u00fcnchen (TUM) durch, das nun weitere Betroffene f\u00fcr die Studie sucht. \u00dcber die ethischen Herausforderungen, die dieser Fortschritt bereith\u00e4lt, sprach TUM-Ethikprofessor Marcello Ienca, der das Projekt eng begleitet, am Mittwoch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).<\/p>\n<p class=\"interview-frage\">Herr Ienca, welche Voraussetzungen braucht es, damit ein Patient einem solchen Eingriff informiert zustimmen kann?<\/p>\n<p>Marcello Ienca: Zentral ist, dass der Patient versteht, worum es geht: medizinisch, technisch und praktisch. Es reicht nicht, eine Einverst\u00e4ndniserkl\u00e4rung zu unterschreiben. Die Betroffenen m\u00fcssen nachvollziehen k\u00f6nnen, was die Operation bedeutet, welche Chancen realistisch sind und welche Risiken bestehen. Nur wenn diese Informationen transparent und verst\u00e4ndlich vermittelt werden, kann man von echter Selbstbestimmung sprechen. In dieser Studie ist der Aufkl\u00e4rungsprozess au\u00dfergew\u00f6hnlich gr\u00fcndlich.<\/p>\n<p class=\"interview-frage\">Wie stellt man sicher, dass die Interessen des Patienten im Fokus bleiben &#8211; und nicht nur die Forschung?<\/p>\n<p>Der Patient darf nie Mittel zum Zweck der Forschung sein. Ziel ist es immer, seine Lebensqualit\u00e4t und Selbstst\u00e4ndigkeit zu verbessern. Die Forschung steht im Dienst des Menschen. Das gelingt nur, wenn \u00c4rztinnen, Ingenieure, Ethikerinnen und Psychologen gemeinsam und im Austausch mit den Betroffenen arbeiten. Das Team trifft &#8211; nach dem Prinzip &#8222;patient first&#8220; &#8211; alle Entscheidungen im engen Austausch mit dem Patienten. Die Studie wurde von der Ethikkommission gepr\u00fcft, und die Forschenden f\u00fchren regelm\u00e4\u00dfig Gespr\u00e4che mit dem Patienten \u00fcber seine Erfahrungen und sein Wohlbefinden.<\/p>\n<p class=\"interview-frage\">Wie hoch ist das Risiko, dass die Pers\u00f6nlichkeit des Patienten durch die Schnittstelle beeinflusst wird?<\/p>\n<p>Aktuell gibt es keine sichere Hinweise, dass Brain-Computer-Interfaces die Pers\u00f6nlichkeit &#8222;ver\u00e4ndern&#8220;. Sie k\u00f6nnen jedoch das Selbstverst\u00e4ndnis des Patienten beeinflussen, etwa durch ein neues Gef\u00fchl von Kontrolle oder Abh\u00e4ngigkeit von Technik. Das erfordert eine sensible psychologische und neuroethische Begleitung. Es geht nicht darum, Angst zu sch\u00fcren, sondern Verantwortung bewusst wahrzunehmen. In der Studie gibt es psychologische Betreuung, und das Team achtet darauf, wie sich das Erleben des Patienten im Alltag ver\u00e4ndert. Ziel ist, die Autonomie zu st\u00e4rken, und nicht, sie zu gef\u00e4hrden.<\/p>\n<p class=\"interview-frage\">Wie k\u00f6nnen die sensiblen Daten gesch\u00fctzt werden, die durch die Schnittstelle anfallen?<\/p>\n<p>Diese Daten sind hochsensibel, weil sie neuronale Aktivit\u00e4t abbilden &#8211; also etwas, das mit unseren Gedanken und Handlungsabsichten verbunden ist. Sie m\u00fcssen daher mit derselben Sorgfalt behandelt werden wie genetische oder medizinische Hochrisikodaten. Die Risiken sind jedoch im au\u00dferklinischen Bereich wesentlich gr\u00f6\u00dfer. In der Biomedizin gelten besonders strenge Regeln f\u00fcr die \u00dcberwachung und den Datenschutz. Die Daten werden pseudonymisiert, verschl\u00fcsselt und ausschlie\u00dflich zu wissenschaftlichen Zwecken verarbeitet. Der Zugriff ist auf ein kleines autorisiertes Team beschr\u00e4nkt, und es gibt eine klare Trennung zwischen medizinischen, technischen und forschungsspezifischen Daten. Au\u00dferdem wird jede Nutzung der Daten kontinuierlich \u00fcberpr\u00fcft. Das entspricht dem h\u00f6chsten Standard im medizinischen Datenschutz.<\/p>\n<p class=\"interview-frage\">Bringt eine solche Technologie vor allem mehr soziale Teilhabe &#8211; oder kann sie auch zu neuen Ungleichheiten f\u00fchren?<\/p>\n<p>Sie hat ein enormes Potenzial, Teilhabe zu f\u00f6rdern. Wenn jemand, der querschnittsgel\u00e4hmt ist, wieder kommunizieren, essen oder ein Ger\u00e4t steuern kann, ist das ein Gewinn an Freiheit und Autonomie. Gleichzeitig m\u00fcssen wir daf\u00fcr sorgen, dass der Zugang zu solchen Innovationen nicht vom Einkommen oder Wohnort abh\u00e4ngt. Das Team ist sich bewusst, dass solche Technologien langfristig nur dann ethisch vertretbar sind, wenn sie auch zug\u00e4nglich bleiben. Das ist aber eine ethisch-politische, keine medizinische Frage.<\/p>\n<p class=\"interview-frage\">Wer tr\u00e4gt die Verantwortung, wenn die Schnittstelle fehlerhaft funktioniert?<\/p>\n<p>Die Verantwortung ist klar verteilt. Das System wurde nach medizinischen Standards entwickelt und implantiert. Es gibt laufende technische Kontrollen, klinische Nachsorge und ethische Begleitung. Jeder Schritt ist dokumentiert, und die Sicherheit des Patienten steht \u00fcber allem. Wichtig ist, dass es klare Sicherheitsstandards gibt und ein kontinuierliches Monitoring. Patienten d\u00fcrfen mit m\u00f6glichen Fehlfunktionen nicht alleingelassen werden.<\/p>\n<p class=\"interview-frage\">Wie ist die Spannung auszuhalten zwischen Hoffnung auf ein besseres Leben und Entt\u00e4uschung, wenn der Erfolg ausbleibt?<\/p>\n<p>Das ist eine schwierige, aber menschliche Frage. Forschung bedeutet, Hoffnung zu haben, aber auch, Ungewissheit auszuhalten. Wir m\u00fcssen offen dar\u00fcber sprechen, dass Fortschritte Zeit brauchen und nicht jeder Versuch erfolgreich sein wird. Ehrlichkeit ist hier der beste Schutz vor Entt\u00e4uschung. Das Team geht verantwortungsvoll mit dieser Dynamik um. Die Patientinnen und Patienten werden darauf vorbereitet, dass nicht jeder Fortschritt unmittelbar sp\u00fcrbar ist. Gleichzeitig ist die Hoffnung ein wichtiger Motor. Forschung lebt davon, realistische Hoffnung mit wissenschaftlicher Sorgfalt zu verbinden.<\/p>\n<p class=\"interview-frage\">Gibt es ethische Grenzen eines solchen technischen Eingriffs am Menschen?<\/p>\n<p>Ja, nat\u00fcrlich. Jede Forschung muss die W\u00fcrde, Freiheit und Integrit\u00e4t des Menschen achten. Aber solange diese Grundprinzipien gewahrt bleiben, ist es nicht nur vertretbar, sondern geradezu eine moralische Verpflichtung, solche Entwicklungen voranzutreiben. Wenn wir die M\u00f6glichkeit haben, Menschen mit schwerer Behinderung mehr Selbstbestimmung und Teilhabe zu erm\u00f6glichen, dann sollten wir das auch tun.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ein Patient mit Querschnittsl\u00e4hmung hat in M\u00fcnchen eine Hirn-Computer-Schnittstelle erhalten &#8211; ein in Europa bislang einmaliger Eingriff. 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