{"id":510562,"date":"2025-10-19T10:06:12","date_gmt":"2025-10-19T10:06:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/510562\/"},"modified":"2025-10-19T10:06:12","modified_gmt":"2025-10-19T10:06:12","slug":"after-the-hunt-regissuer-regisseur-luca-guadagnin-dass-der-moralische-kompass-von-intellektuellen-gepraegt-wird-ist-vorbei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/510562\/","title":{"rendered":"\u201eAfter the Hunt\u201c-Regissuer Regisseur Luca Guadagnin: \u201eDass der moralische Kompass von Intellektuellen gepr\u00e4gt wird, ist vorbei\u201c"},"content":{"rendered":"<p>An seinem professoralen MeToo-Drama mit Julia Roberts und Andrew Garfield scheiden sich die Geister: Ein Gespr\u00e4ch mit dem italienischen Filmregisseur Luca Guadagnino \u00fcber die verlorene Deutungsmacht der alten Geisteselite.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Der italienische Regisseur Luca Guadagnino gilt als einer der feinf\u00fchligsten Erz\u00e4hler des zeitgen\u00f6ssischen Kinos. Seine Filme \u2013 von \u201e<a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kino\/article10522188\/Kino-Tilda-Swinton-lernt-von-italienischen-Altmeistern.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kino\/article10522188\/Kino-Tilda-Swinton-lernt-von-italienischen-Altmeistern.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">I Am Love<\/a>\u201c \u00fcber \u201e<a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kino\/article174107982\/Trailer-Kritik-Oscar-Favorit-Luca-Guadagninos-Liebesfilm-Call-Me-by-Your-Name.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kino\/article174107982\/Trailer-Kritik-Oscar-Favorit-Luca-Guadagninos-Liebesfilm-Call-Me-by-Your-Name.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Call Me by Your Name<\/a>\u201c bis zuletzt \u201e<a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article254777908\/Daniel-Craig-Nie-war-er-so-sexy-und-maennlich-wie-hier.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article254777908\/Daniel-Craig-Nie-war-er-so-sexy-und-maennlich-wie-hier.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Queer<\/a>\u201c \u2013 sind gepr\u00e4gt von einer intensiven Sinnlichkeit und einer seltenen Balance zwischen Intellekt und Emotion. In seinem neuen Film \u201eAfter the Hunt\u201c, der in diesem Jahr im Wettbewerb von Venedig au\u00dfer Konkurrenz lief, f\u00fchrt der 54-J\u00e4hrige diese Linie fort: In dem Drama geht es um Wahrheit und Wahrnehmung, als eine Studentin einen befreundeten Dozenten der sexuellen Gewalt beschuldigt und ihre Professorin sich positionieren muss. Besondere Aufmerksamkeit bekam das Werk durch Guadagninos Cast, allen voran Hauptdarstellerin Julia Roberts.\n<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Julia Roberts ist in diesem Drama nicht nur als Mittelpunkt einer elit\u00e4ren Uni-Clique die perfekte Protagonistin, sondern auch als Magnet f\u00fcr weltweite mediale Aufmerksamkeit. Was genau machte sie f\u00fcr Sie zur idealen Hauptfigur?<\/p>\n<p><b>Luca Guadagnino:<\/b> Die Figur der Alma stach im Drehbuch auf eine so kraftvolle, beharrliche Art hervor, dass sie mich an die gro\u00dfen Charaktere des klassischen Kinos erinnerte, das ich sehr liebe. Figuren, wie Joan Crawford, Bette Davis oder Faye Dunaway sie gespielt haben k\u00f6nnten. F\u00fcr mich strahlte diese Rolle sofort Ikonenhaftigkeit aus. Und Julia ist nun mal einer der gr\u00f6\u00dften Stars von Hollywood \u2013 nicht nur der Gegenwart, sondern auch in der gesamten Geschichte Hollywoods. Ich bin mit dem Kanon ihrer Filme und ihrer fast magischen Anziehungskraft aufgewachsen. Als sich mir die M\u00f6glichkeit bot, sie zu treffen und \u00fcber dieses Projekt zu sprechen, empfand ich das sofort als gro\u00dfes Gl\u00fcck. Dann stellte sich heraus, dass wir zum Drehbuch von Nora Garrett sehr \u00e4hnliche Gedanken entwickelt hatten, und daraus ergaben sich sofort tiefe, komplexe Gespr\u00e4che.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Ihre Figur Alma, eine Philosophieprofessorin in Yale, hat deutsche Wurzeln. Warum?<\/p>\n<p><b>Guadagnino: <\/b>Wir fanden eine Herkunft aus dem Land Adornos bedeutsam. Es sollte klar sein, dass sie geistig aus dieser Erblinie entstammt. Au\u00dferdem impliziert es, dass die Figur auch ein wenig entwurzelt ist, ein wenig deplatziert. Sie geh\u00f6rt dazu und dann doch wieder nicht. Das empfinde ich als etwas sehr Amerikanisches.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Ihr Film beginnt in Almas Haus, an einem Abend mit lustvoll debattierenden Intellektuellen. Portr\u00e4tieren Sie mit dieser elit\u00e4ren Blase ein Ideal? Ihr Ideal?<br \/>\n\ufffc<br \/>\n<b>Guadagnino: <\/b>Nein. Als ich \u201eI am Love\u201c drehte, glaubten viele, ich sei selbst Teil der vornehmen Mail\u00e4nder Industriellen-Bourgeoisie oder w\u00e4re zumindest in diese Welt verliebt und wollte sie glorifizieren. Dabei ist es doch schlicht das Privileg eines metteur en sc\u00e8ne, eines Regisseurs, Welten zu erschaffen. Es ist einer der gr\u00f6\u00dften Freuden meines Berufs, Menschen und Welten zum Leben zu erwecken.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Das klingt gott\u00e4hnlich. Gibt es dennoch unter den vielen Welten, die Sie erschaffen, eine bevorzugte?<\/p>\n<p><b>Guadagnino: <\/b>Es mag etwas schamlos anmuten: Aber die Welt, die ich allen anderen vorziehe, ist die Welt meines Zuhauses. Da, wo ich in der K\u00fcche stehe und f\u00fcr meine Freunde und meinen Partner koche, und wo ich sonst die Zeit ausschlie\u00dflich damit verbringe, B\u00fccher zu lesen. Das ist meine Welt.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Freundschaften, Wahlverwandtschaften haben f\u00fcr Sie selbst einen extrem hohen Stellenwert. Sie arbeiten meist mit Bekannten, um, so haben Sie gesagt, damit \u201eKonflikte am Set zu vermeiden\u201c&#8230;<\/p>\n<p><b>Guadagnino: <\/b>Konflikte entstehen nur, wenn es an Verst\u00e4ndnis und Zuh\u00f6ren mangelt. Es stimmt, ich arbeite mit einigen Personen schon seit drei Jahrzehnten zusammen. Mit diesen Vertrauten habe ich die M\u00f6glichkeiten, die das Kino dir gibt, schon so intensiv erkundet, dass es uns erlaubt, sowohl Unverst\u00e4ndnis als auch Missverst\u00e4ndnisse zu vermeiden. Wir streben gemeinsam nach Gro\u00dfartigkeit \u2013 so k\u00f6nnen wir doch ehrgeizige Ziele viel wahrscheinlicher erreichen.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Dennoch hatten Sie hier viele neue Gesichter dabei, neben Roberts auch Ayo Edebiri und Andrew Garfield. Ging es nun konfrontativer zu?<\/p>\n<p><b>Guadagnino: <\/b>Ich glaube, ich lasse mich bei den Menschen, mit denen ich gerne arbeiten m\u00f6chte, durch meine Intuition leiten \u2013 und durch Begehren. Das Begehren ist eine Kraft, die nicht kontrollierbar ist und die die Intuition leitet. Ich hoffe, dass die Intuition dieser Menschen ihnen wiederum suggeriert, dass ich der Richtige f\u00fcr sie bin. Ich sehe jemanden wie Andrew Garfield in \u201eVon L\u00f6wen und L\u00e4mmern\u201c auf der Leinwand, unter der Regie des gro\u00dfen Robert Redford, und denke in dem Moment: Diesen Schauspieler will ich unbedingt kennenlernen.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>\u201eAfter The Hunt\u201c besch\u00e4ftigt sich mit einem m\u00f6glichen sexuellen \u00dcbergriff \u2013 und heftigen Konflikten, vermeintlicher Manipulation und divergierenden Meinungen. Sie nennen es \u201esubjektive Wahrnehmungen\u201c. Ist das nach MeToo zul\u00e4ssig? Ist das Spiel mit Wahrheiten f\u00fcr Sie nur eine intellektuelle \u00dcbung<\/p>\n<p><b>Guadagnino: <\/b>Hoffentlich nicht \u2013 ich hoffe inst\u00e4ndig, nie ausschlie\u00dflich intellektuelle \u00dcbungen zu machen! Ich will Strukturen schaffen, Geschichten formen, mit den Mitteln des Kinos Impulse geben. F\u00fcr mich ist \u201eAfter the Hunt\u201c ein moralischer Thriller, ein Labyrinth aus Geheimnissen und enth\u00fcllten Wahrheiten. In dieser Dynamik muss das Publikum selbst entscheiden, was es selbst f\u00fcr die Wahrheit h\u00e4lt.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Spinnen wir den Gedanken weiter: Wenn die Wahrheit von subjektiven Wahrnehmungen ersetzt wird, wohin steuert unsere Gesellschaft? In eine \u201efake democracy\u201c?<\/p>\n<p><b>Guadagnino: <\/b>Hah! Nat\u00fcrlich ist alles komplexer. Wir leben in einer Zeit, in der der Mehrheit eine Meinung mittels Social Media als Wahrheit verkauft wird. Das 20. Jahrhundert ist vorbei, und mit ihm die Vorstellung, dass der moralische Kompass von Intellektuellen gepr\u00e4gt wird. Heute ist jede Meinung valide, auch wenn sie von der unsichtbaren Hand und einem Konsens der Mehrheiten gesteuert wird. Das gilt f\u00fcr Demokratien und Nichtdemokratien. <\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Sie denken, dass soziale Medien unseren Realit\u00e4tssinn verbiegen?<\/p>\n<p><b>Guadagnino: <\/b>Unsere Identit\u00e4ten werden von der Allgegenwart des Digitalen so stark geformt, dass wir nicht bemerken, dass wir nur noch \u201eagiert werden\u201c anstatt zu agieren. Mit k\u00fcnstlicher Intelligenz wird es noch brisanter: Wir sehen ein Video und wissen nicht mehr, ob es echt ist oder KI. Die Grenzen zwischen Wahrheit und Unwahrheit verschwimmen und verwirren immer mehr. Noch hinterfragen wir. Aber morgen vielleicht nicht mehr.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Macht Ihnen die Vorstellung Angst, dass wir das Hinterfragen aufgeben k\u00f6nnten?<\/p>\n<p><b>Guadagnino: <\/b>Ich w\u00fcnsche mir sehr, dass wir weiterhin \u2013 oder nun erst recht \u2013 das Gespr\u00e4ch suchen. Dass wir den Austausch wiederbeleben. Dass Menschen reden, ohne sich zensiert zu f\u00fchlen. Nur so bleibt Wahrheit ein Prozess f\u00fcr alle.<\/p>\n<p>\u201eAfter the Hunt\u201c ist am 16. Oktober 2025 in deutschen Kinos angelaufen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"An seinem professoralen MeToo-Drama mit Julia Roberts und Andrew Garfield scheiden sich die Geister: Ein Gespr\u00e4ch mit dem&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":510563,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1771],"tags":[96827,15323,1778,29,214,92,127100,30,1330,95,60922,1777,127101,215],"class_list":{"0":"post-510562","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kino","8":"tag-andrew","9":"tag-balken-inbox","10":"tag-cinema","11":"tag-deutschland","12":"tag-entertainment","13":"tag-film","14":"tag-garfield","15":"tag-germany","16":"tag-julia","17":"tag-kino","18":"tag-metoo-bewegung","19":"tag-movie","20":"tag-roberts","21":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115400276967327021","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/510562","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=510562"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/510562\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/510563"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=510562"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=510562"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=510562"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}