{"id":511690,"date":"2025-10-19T20:59:13","date_gmt":"2025-10-19T20:59:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/511690\/"},"modified":"2025-10-19T20:59:13","modified_gmt":"2025-10-19T20:59:13","slug":"arturo-ui-am-schauspiel-frankfurt-im-richtigen-film","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/511690\/","title":{"rendered":"\u201eArturo Ui\u201c am Schauspiel Frankfurt \u2013 Im richtigen Film"},"content":{"rendered":"<ol class=\"id-DonaldBreadcrumb lp_west_breadcrumb id-DonaldBreadcrumb--default\" data-k5a-pos=\"west_breadcrumb\">\n<li class=\"id-Breadcrumb-item\"><a href=\"https:\/\/www.fr.de\/\" class=\"id-Breadcrumb-link\" data-id-ec=\"{\" shn=\"\" textlink=\"\" data-k5a-pos=\"1_startseite\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Startseite<\/a><\/li>\n<li class=\"id-Breadcrumb-item\"><a href=\"https:\/\/www.fr.de\/kultur\/\" class=\"id-Breadcrumb-link\" data-id-ec=\"{\" shn=\"\" textlink=\"\" data-k5a-pos=\"2_kultur\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Kultur<\/a><\/li>\n<li class=\"id-Breadcrumb-item\"><a href=\"https:\/\/www.fr.de\/kultur\/theater\/\" class=\"id-Breadcrumb-link\" data-id-ec=\"{\" shn=\"\" textlink=\"\" data-k5a-pos=\"3_theater\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Theater<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<p class=\"id-Story-timestamp id-Story-timestamp--default\">Stand: 19.10.2025, 17:34 Uhr<\/p>\n<p class=\"id-Story-authors id-Story-authors--default\">Von: <a class=\"id-Story-authors-link lp_west_author\" href=\"https:\/\/www.fr.de\/autor\/judith-von-sternburg-xaw4z3af4.html\" title=\"Zur Autorenseite von Judith von Sternburg\" data-id-ec=\"{\" shn=\"\" author-link=\"\" von=\"\" sternburg=\"\" data-k5a-pos=\"west_author\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Judith von Sternburg<\/a><\/p>\n<p class=\"id-Story-interactionBar id-Story-interactionBar--default\">DruckenTeilen<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"id-RatioPlaceholder-element wv_story_el_image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/40128061-das-ensemble-in-einer-schwarzweissen-gezeicheten-kulisse-2A7a.jpg\" loading=\"eager\" fetchpriority=\"high\"   height=\"792\" width=\"1408\" alt=\"Das Ensemble in einer schwarzwei&#xDF;en, gezeichneten Kulisse.\"\/>Der Gangster Arturo Ui im rosafarbenen Mohair und in windiger Gesellschaft. \u00a9\u00a0Thomas Aurin<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-leadText\">\u201eDer aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui\u201c von Bertolt Brecht als T\u00fcftelarbeit mit vergn\u00fcgtem Spiel und strenger Belehrung am Schauspiel Frankfurt. <\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Bertolt Brechts \u201eDer aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui\u201c ist mit ein paar Vorw\u00fcrfen behaftet. Es ist Teilen der Kritik und des Publikums seit der postumen Urauff\u00fchrung Ende der 50er Jahre mulmig dabei, dass das (1941 geschriebene, mehrfach bearbeitete) St\u00fcck Hitlers Aufstieg zwar effektvoll als Chicagoer Gangsterstory zeichnete, aber Zentrales wegblendete, vor allem die Judenverfolgung. <\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Anderen war es unangenehm, dass der D\u00e4mon Hitler hier zum Ganoven \u201everkleinert\u201c wurde, der mit seiner mafi\u00f6sen Bande und der Unterst\u00fctzung des in jeder Hinsicht \u00fcberforderten alten Dogsborough (Hindenburg) lediglich den Blumenkohl-Handel in Chicago (Deutschland) und Cicero (\u00d6sterreich) \u00fcbernimmt. <\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Dabei ist es das, was weiterhin am st\u00e4rksten z\u00fcndet: Das simpel Gestrickte, die unverhohlene Gewaltbereitschaft, mit der Arturo Ui seine Mafiainteressen durchboxt, durchboxen l\u00e4sst. Da ist gar keine Idee und sei sie noch so \u00fcbel (noch so rassistisch), da ist ausschlie\u00dflich Verbrechen. Gerade die Deutschen, die lieber auf ein Genie des B\u00f6sen reingefallen sein wollten (\u00fcberhaupt wollten sie gerne reingefallen sein und selbst wenig, nichts dazu beigetragen haben), reagierten nerv\u00f6s. Sie reagierten aber auch \u2013 das ist der \u201eDreigroschenopern\u201c-Effekt \u2013 unterhalten. Darf ein St\u00fcck \u00fcber Hitler zum Lachen sein, schon alleine, weil es die ganze Zeit um Blumenkohl geht?<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Nat\u00fcrlich ist das ein maximaler V-Effekt, wie dieses Werk auch insgesamt ein Schulbeispiel f\u00fcr episches Theater ist. Am Schauspiel Frankfurt entwickeln der Regisseur Christian Weise, die malende B\u00fchnenbildnerin Julia Oschatz und Josa Marx f\u00fcr die genialischen Kost\u00fcme eine eigene Definition davon: kesse Verfremdung, opulente Unterhaltung und ein b\u00f6ser Schluss f\u00fchren zu einem Theaterabend, den man selbst gesehen haben muss. <\/p>\n<p>Das ist ja alles v\u00f6llig flach und v\u00f6llig echt!<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Das funktioniert n\u00e4mlich so: Vorne auf der B\u00fchne des Schauspielhauses gibt es eine einfache Wand aus hellem Holz, die vorwiegend als Projektionsfl\u00e4che dient. Dahinter (nachher auch direkt im Bild) befindet sich eine schwarzwei\u00dfe Filmkulissenstadt. Ein Live-Video-Quartett filmt hier das Ensemble, die Bilder auf der Holzwand wirken wie aus einem modernen Schwarzwei\u00df-Comic, einer durchget\u00fcftelten Graphic Novel mit kuriosen 3D-Effekten. Jens Dohle steht davor in einem Ein-Mann-Orchestergraben und bringt sein Schlagzeug zum donnernden wie auch schillernden Einsatz. <\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Erst nach und nach versteht man wom\u00f6glich, dass die Bebilderung komplett echt ist, also \u201eecht\u201c, keine Computerspielerei, sondern reinstes Theater. Ein Theaterfilm vor allem, der aber vor unserer Nase entsteht. Das bietet unendliche Spielm\u00f6glichkeiten. Mal gleitet einer am Tresen ab, der blo\u00df gemalt ist. Mal bekommt Ui einen Wutanfall, weil einer die optische T\u00e4uschung versaut. Alles ist total flach. Alles ist total perfektionistisch, Oschatz hat eine Wundermaschine gebaut. Nicht umsonst gibt es in der Pause die M\u00f6glichkeit f\u00fcr eine B\u00fchnentour (die Einlass-Chips daf\u00fcr werden beim Einlass nach Zufallsprinzip verteilt, muss man Gl\u00fcck haben, hatte man nat\u00fcrlich nicht). <\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Marx\u2019 Kost\u00fcme und Per\u00fccken geben wenige Farbtupfer ins Schwarzwei\u00df und greifen das Spiel mit den Dimensionalit\u00e4ten auf. Die beiden dubiosen Gesch\u00e4ftsleute Flake und Mulberry etwa sind hier Ratten \u2013 Christina Gei\u00dfe und Mitja Over tragen ihre kleinen K\u00f6rper vor der Brust, dazu die eigenen H\u00e4nde und oben ihre eigenen K\u00f6pfe, nagetierhaft \u2013 wie so eine Verzerrungs-App f\u00fcr lustige Fotos, aber eben real. <\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Nicht nur der V-Effekt steht dabei in voller postdramatischer und doch lukullisch theatralischer Bl\u00fcte. Auch die US-Gangster-Handlung ist ganz bei sich selbst. Und schlie\u00dflich zeigt sich schon im Aufwand \u201eder gro\u00dfe Stil\u201c, den Brecht sich w\u00fcnschte, auch wenn er dabei an etwas anderes dachte. Etwas Klassischeres, Shakespearischer, zumal das Verbrechen in Jamben spricht. Der aufsteigende Arturo Ui \u2013 aufhaltsam, aber keiner h\u00e4lt ihn auf \u2013 l\u00e4sst sich von einem abgetakelten Mimen coachen: Uwe Zerwer ist der m\u00fcde Alte im elisabethanischen Wams, der Ui einige seiner gruseligen Gesten beibringt. Oder ihn zumindest nicht daran hindert, sich f\u00fcr jeden Menschen mit klarem Verstand l\u00e4cherlich zu machen. <\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Zum Ausstattungsfest, das der Frankfurter \u201eArturo Ui\u201c bietet, kommt eine darstellerische Lust, auf die bei hohem Schauwert im Theater gelegentlich verzichtet wird. Hier nicht. Dem gro\u00dfen Ensemble wird einiges abverlangt, mancher und manche verschwindet hinter der Maskerade. Es ist aber auch ein gro\u00dfes Spielen und Sich-Gehenlassen. Annie Nowak als Muskelpaket-Punk Giri (G\u00f6ring), Andreas V\u00f6gler als schlaffer, fieser, eitler Givola (Goebbels), Sebastian Kuschmann als freibeuterischer Roma (Ernst R\u00f6hm), Michael Sch\u00fctz als bucklichter Dogsborough (Hindenburg), Miguel Klein Medina als greller Ansager (nachher auch in der Tagesschau) oder selbst Heidi Ecks beim Miniauftritt als Betty Dullfeet (die Dollfu\u00df-Frau und sp\u00e4ter -Witwe) sind ausget\u00fcftelte Figuren. Keinen hier kann man als Clown abtun, und das ist auch nicht einfach Robert-Wilson-\u00c4sthetik. Es gibt eine finstere Grundierung, Unruhe und Angst liegen in der Luft.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Das liegt an Ui, dem Strippenzieher \u2013 wenn er will, dass die Wand hochgezogen wird, wird sie hochgezogen, unverz\u00fcglich. Christoph Bornm\u00fcller spielt ihn als Wicht und unheimlich auf Draht, aber eher verw\u00f6hnt als hysterisch. Josa Marx hat einen Prinz-Eisenherz-Schnitt, einen rosa Mohair-Pullover und rote B\u00e4ckchen f\u00fcr ihn. Das Hitlerb\u00e4rtchen klebt er sich selbst an. Er sieht aus wie ein genderfluider M\u00e4rchenprinz aus einem anderen Film, und sobald er markig werden will \u2013 und das will er, will er, will er \u2013, ist er peinlich. Aber er ist auch sehr fokussiert. Wenn Blicke t\u00f6ten k\u00f6nnten, w\u00e4re es um jene Person geschehen, deren Handy klingelte, w\u00e4hrend Ui gerade sprach.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Ist das zu unpolitisch? Brecht, das muss man dazusagen, wollte von seinem \u201eArturo Ui\u201c selbst mehr als lediglich eine recht einfach zu entschl\u00fcsselnde Schl\u00fcsselgeschichte. Auch hat Christian Weise den alten Theaterweggef\u00e4hrten Soeren Voima um einen neuen Epilog gebeten (Soeren Voima ist der Autorenname des Regisseurs Christian Tschirner, in Frankfurt war man im Theater am Turm um die Jahrtausendwende gemeinsam aktiv). <\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Der Scho\u00df ist fruchtbar noch, auch hier in Frankfurt, auch in den von Arturo Ui selbst gesprochenen Schlussworten. Diese sind l\u00e4nglich, machen aber einen Punkt: Freiheit, Wachstum und Sicherheit sind der gemeinsame Nenner, mit dem Ui das Publikum lockt und in Verlegenheit bringt. Da gibt es nicht nur Schnittmengen zur Gegenwart, sondern auch zu b\u00fcrgerlichen Wahlentscheidungen.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\"><strong>Schauspielhaus Frankfurt: <\/strong>22., 24., 26. Oktober, 1., 14., 23., 24. November. www.schauspielfrankfurt.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Startseite Kultur Theater Stand: 19.10.2025, 17:34 Uhr Von: Judith von Sternburg DruckenTeilen Der Gangster Arturo Ui im rosafarbenen&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":511691,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1829],"tags":[29,2050,2051,30,2052],"class_list":{"0":"post-511690","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-frankfurt-am-main","8":"tag-deutschland","9":"tag-frankfurt","10":"tag-frankfurt-am-main","11":"tag-germany","12":"tag-hessen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115402844788573454","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/511690","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=511690"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/511690\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/511691"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=511690"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=511690"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=511690"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}