{"id":511717,"date":"2025-10-19T21:15:12","date_gmt":"2025-10-19T21:15:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/511717\/"},"modified":"2025-10-19T21:15:12","modified_gmt":"2025-10-19T21:15:12","slug":"bericht-von-der-frankfurter-buchmesse-woher-der-wind-weht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/511717\/","title":{"rendered":"Bericht von der Frankfurter Buchmesse: Woher der Wind weht"},"content":{"rendered":"<p class=\"Initial paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">Fr\u00fcher war mehr Schnitzel, das wei\u00df, wer dieser Tage das deutsche Feuilleton durchbl\u00e4ttert. Lametta war fr\u00fcher wohl auch mehr, denn die gro\u00dfen Partys der Frankfurter Buchmesse fielen in diesem Jahr weitestgehend aus, doch es scheint vor allem das Schnitzel, traditionell aufgetischt beim Empfang der \u00f6sterreichischen Verlage, das 2025 schmerzlich vermisst wurde.<\/p>\n<p class=\"Initial paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">So ganz wird man dabei das Gef\u00fchl nicht los, es ist weniger die ersatzweise gereichte Kartoffelsuppe, die die Gem\u00fcter erregte, sondern die Vegetarisierung ganz allgemein, zumindest vermeldete man in der Welt gen\u00fcsslich, dem Kritikerbauch habe man stattdessen ein Backhendl einverleibt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">Wahrscheinlich hat die Sorge \u00fcber die karge Bewirtung jedoch einen ernsten Kern: Verliert die Kritik an Bedeutung? Der Programmleiterin des Claassen Verlags, Miryam Schellbach, zufolge spiele die Literaturkritik finanziell zumindest keine Rolle mehr.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-5\" pos=\"4\">Man erachte sie jedoch weiterhin als wichtig, sagt Schellbach bei einer Diskussionsrunde auf der Messe, weil sie \u201eGespr\u00e4che \u00fcber Literatur\u201c vitalisiere. Das Panel streift <a href=\"https:\/\/taz.de\/Hype-um-Romance-Literatur\/!6116712\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">die Reizthemen der letzten Jahre, Midcult, Booktok, Romance,<\/a> um schlie\u00dflich bei Caroline Wahl zu landen.<\/p>\n<p>      Mega geil, bekannt zu sein<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-7\" pos=\"6\">Die Bestseller-Autorin taucht denn auch regelm\u00e4\u00dfig auf auf der Messe. Am Stand der Zeit spricht sie mit Volker Weidermann \u00fcber die Kritik gegen sie und ihre B\u00fccher, \u00fcber einen Shitstorm, den keiner von beiden rekonstruieren kann. Irgendeinen \u201ebl\u00f6den Artikel\u201c habe es wohl gegeben, meint Wahl, aber es ist eigentlich auch egal. Jetzt sei sie eben noch bekannter, sagt sie, dass das Buch polarisiere, findet sie \u201emega geil\u201c.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"7\">Man ist sich nicht ganz sicher, welches Spiel Volker Weidermann spielt, ob er sich insgeheim \u00fcber Wahl lustig macht. Er lobt ihre sch\u00f6nen S\u00e4tze, insbesondere die Stelle, wo jemand in Wahls neuem Roman der \u201eAssistentin\u201c sagt, sie habe ein sch\u00f6nes Gesicht, und diese ernsthaft entgegnet: \u201eIch glaube, das ist das Romantischste, was je einer zu mir gesagt hat.\u201c Ganz geheuer scheint Weidermann die Situation jedenfalls nicht, das Gespr\u00e4ch endet nach weniger als 30 Minuten.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-10\" pos=\"8\">Den meisten Zu\u00adschaue\u00adr:in\u00adnen mit gez\u00fcckter Handykamera war es wohl ohnehin gleich, wor\u00fcber gesprochen w\u00fcrde. \u201eIch will sie nur mal sehen\u201c, sagt eine Jugendliche und bedauert, dass sie und ihre Freundinnen Nelio Biedermann verpasst haben. Biedermann hat mit \u201eL\u00e1z\u00e1r\u201c das Lieblingsbuch der Buch\u00adh\u00e4nd\u00adle\u00adr:in\u00adnen geschrieben, das sich offenbar ph\u00e4nomenal verkauft. Dass er erst 22 ist und zudem einen aristokratischen Hintergrund hat, das spielt dabei gewiss blo\u00df eine untergeordnete Rolle.<\/p>\n<p>      B\u00fccher aus dem Puppenhaus<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-12\" pos=\"10\">B\u00fccher, die sich gut verkaufen, davon gibt es einige auf der Buchmesse. Die Hallen der New-Adult-Verlage sind im wahrsten Wortsinne atemberaubend voll; \u00fcberall Schlangen an jungen Frauen. Die Dark-Romance-Autorin D. C. Odesza gibt Autogramme im Akkord. Fans haben ihren Namen schon auf einem kleinen Post-it notiert, sodass die Bestseller-Autorin blo\u00df abschreiben muss. Gerade ist Martina an der Reihe, die sich sieben Aufkleber mit Widmung f\u00fcr ihre Heimbibliothek w\u00fcnscht. Schnell noch ein Foto; das war\u2019s.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-14\" pos=\"11\"><a href=\"https:\/\/taz.de\/Bericht-von-der-Frankfurter-Buchmesse\/!6041217\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Alles bekannt und im letzten Jahr genauso beobachtet,<\/a> \u00fcber die Infantilisierung des Ganzen erschrickt man aber dann doch aufs Neue. War der Stand des Bastei-L\u00fcbbe-Imprints Lyx 2024 auch schon einem pinkfarbenen Puppenhaus nachempfunden?<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-15\" pos=\"12\">Und die M\u00e4nner? Gibt es das in Frankfurt, so richtig m\u00e4nnliche Literatur? Die rechten Verlage reisen eigentlich nicht mehr an, doch mitunter st\u00f6\u00dft man, neben Angeh\u00f6rigen christlicher Sekten, die Vorbeilaufenden Brosch\u00fcren aufn\u00f6tigen, auch auf echte Rechte im Burschenschaftler-Dress. Feixende M\u00e4nner stehen am Stand des Wiener Castrum Verlags und unterhalten sich \u00fcber \u201ekonservative \u00c4sthetik\u201c. \u201eCastrum ist rein\u201c, ist dort zu lesen. Der Verlag hat unter anderem den Incel-Fl\u00fcsterer Sebastian Schwaerzel im Programm.<\/p>\n<p>      Kampagne gegen den Verlagspreis<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-17\" pos=\"14\">\u00dcberhaupt waren die Rechten Thema auf dieser Buchmesse. Nachdem das rechte Portal Nius <a href=\"https:\/\/taz.de\/Verlagspreisverleihung-in-Frankfurt\/!6117769\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">eine Kampagne gegen den deutschen Verlagspreis losgetreten hatte,<\/a> von hohen Summen an Steuergeldern, die in die H\u00e4nde von Links\u00adex\u00adtre\u00admis\u00adt:in\u00adnen fielen, halluzinierte, griffen auch andere rechte Medien das Thema auf. Ausgezeichnet wurden mit dem Unrast und dem M\u00e4rz Verlag trotzdem zwei der Geschm\u00e4hten.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-18\" pos=\"15\">Ein Klima setzt sich aus mehreren Wetterlagen zusammen. Dass bei Kritikerempf\u00e4ngen liberalkonservative Professoren in Erinnerungen an Karl May und die Fu\u00dfball-WM 1954 (!) schwelgen (Hans Ulrich Gumbrecht), bei Verlagsabendessen missverstandene Kulturkritiker atemlose Reden \u00fcber die Aufl\u00f6sung von rechts und links als politische Kategorien schwingen d\u00fcrfen (Simon Strauss), ja, all das deutet darauf hin, dass sich die Winde gedreht haben.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-19\" pos=\"16\">Krise also, wieder mal und weiterhin? Dass der zu Recht <a href=\"https:\/\/taz.de\/Neuer-Roman-von-Dorothee-Elmiger\/!6103400\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnete Roman von Dorothee Elmiger, \u201eDie Holl\u00e4nderinnen\u201c,<\/a> wochenlang aufgrund von Engp\u00e4ssen bei den Druckereien nicht lieferbar war, mutet aberwitzig an, in Zeiten, in denen der Umsatz in der Buchbranche eher schrumpft denn w\u00e4chst, so man die Zahlen inflationsbereinigt betrachtet.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-20\" pos=\"17\">Aber nun zum Ausland. Es herrscht g\u00e4hnende Leere auf den Fluren der internationalen Verlage. Die \u00d6lstaaten protzen mit St\u00e4nden in Duty-Free-Shop-Optik, bei den Amerikanern ist nicht viel los. Besonders belebt ist es auch im luftigen Pavillon <a href=\"https:\/\/taz.de\/Buchmessen-Gastland-Philippinen-\/!6089047\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">des Gastlandes Philippinen<\/a> nicht, doch als die Journalistin <a href=\"https:\/\/taz.de\/Social-Media-auf-den-Philippinen\/!5902560\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Maria Ressa<\/a> auf der gro\u00dfen B\u00fchne im Forum spricht, sind deutlich mehr Zu\u00adschaue\u00adr:in\u00adnen als Sitzpl\u00e4tze da.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-21\" pos=\"18\">Ressa, die aufgrund ihrer Berichterstattung \u00fcber den \u201ewar on drugs\u201c ins Visier von Ex-Pr\u00e4sident Duterte geriet, scheint auch \u00fcber den neuen Staatsf\u00fchrer und Diktatorensohn Ferdinand Marcos Jr. nicht gl\u00fccklich. \u201eWir sind von der H\u00f6lle ins Fegefeuer gekommen\u201c, sagt sie. Der Inselstaat im Pazifik sei Testlabor gewesen, wie man mit Desinformationen eine Wahl \u00fcbers Internet gewinnt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-22\" pos=\"19\">Nirgendwo auf der Welt verbr\u00e4chten die Menschen so viel Zeit auf Social Media wie auf den Philippinen. Die Friedensnobelpreistr\u00e4gerin kritisiert den Suchtfaktor von Smartphone-Apps, die konstante Dopamin-Aussch\u00fcttung scharf. \u201eWir sind zur Ware geworden\u201c, so Ressa.<\/p>\n<p>      Wellengang des Betriebs<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-24\" pos=\"21\">\u00dcber die Kommodifizierung von Mensch und Welt l\u00e4sst sich auch anders sprechen. Lyrisch zum Beispiel, wie es die Autorin Natascha Gangl tut, in einem Text, der die Leistungssprache \u201eaush\u00f6hlt\u201c, wie sie sagt. Gangls B\u00fccher erscheinen bei dem \u00f6sterreichischen Ritter Verlag, einem kleinen, experimentellen Haus, und man freut sich dann doch \u00fcber den Wellengang des literarischen Betriebs, der manchmal unerwarteterweise Gew\u00e4chse wie Gangl an die Oberfl\u00e4che sp\u00fclt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-25\" pos=\"22\">Dass sie <a href=\"https:\/\/taz.de\/Natascha-Gangl-gewinnt-in-Klagenfurt\/!6094425\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">den Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb in diesem Jahr f\u00fcr sich entscheiden konnte,<\/a> ist zu verdanken, dass die Schriftstellerin nun live bei 3sat vom Arbeit geben, nehmen und wegnehmen sprechen darf, in einer Sprache, die man im Fernsehen eigentlich weder spricht noch versteht. Bei welchen Einschaltquoten allerdings, das steht auf einem anderen Blatt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Fr\u00fcher war mehr Schnitzel, das wei\u00df, wer dieser Tage das deutsche Feuilleton durchbl\u00e4ttert. 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