{"id":512292,"date":"2025-10-20T03:06:13","date_gmt":"2025-10-20T03:06:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/512292\/"},"modified":"2025-10-20T03:06:13","modified_gmt":"2025-10-20T03:06:13","slug":"ein-roman-ueber-mark-twains-letzte-reise-nach-hannibal-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/512292\/","title":{"rendered":"Ein Roman \u00fcber Mark Twains letzte Reise nach Hannibal \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Wie kann man seine Verehrung f\u00fcr einen gro\u00dfen Autor besser in Worte fassen, als ein Buch zu schreiben, in dem er selbst zum Helden wird? Genau das hat Michael Klein getan. Er ist \u00dcbersetzer und Herausgeber, hat schon mehrere Kostbarkeiten aus der englischen und amerikanischen Literatur f\u00fcr deutsche Leser zug\u00e4nglich gemacht. Im Morio Verlag hat er auch ein besonderes Mark-Twain-Buch herausgebracht: \u201eMark Twain in M\u00fcnchen\u201c. Und nun hat er sich selbst hingesetzt und den gro\u00dfen Autor aus Hannibal mit einem kleinen Roman gew\u00fcrdigt.<\/p>\n<p>Und was b\u00f6te sich da aus dem Leben von Samuel Clemens (1835\u20131910), der unter seinem Pseudonym Mark Twain weltber\u00fchmt wurde, besser an als jene Reise, die Clemens im Jahr 1902 antrat, um an der Universit\u00e4t von Missouri einen Ehrendoktortitel entgegenzunehmen? Eine Gelegenheit, die Mark Twain nutzte, um auf einer Zwischenstation in seinem Kindheitsort Hannibal noch einmal auf den Spuren seiner fr\u00fchen Jahre zu wandeln.<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/477e64abb9b540958191f055f8fbc95c.gif\" alt=\"\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/10\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/10\/1\"\/><\/p>\n<p>Und damit auch auf den Spuren von Tom Sawyer und Huckleberry Finn, den beiden Burschen, die ihn weltber\u00fchmt gemacht haben. Eine Reise, die tats\u00e4chlich so stattfand und auch in Zeitungsbeitr\u00e4gen dieser Zeit bestens dokumentiert ist.<\/p>\n<p>Denn die Journalisten der \u00f6rtlichen Zeitungen nahmen die Gelegenheit nat\u00fcrlich wahr, den ber\u00fchmten Gast in diesen Tagen zu begleiten, zu interviewen und vor allem all jene Begegnungen zu schildern, in denen Sam, wie ihn Michael Klein konsequent nennt, den Menschen begegnete, die in seiner Kindheit tats\u00e4chlich seine Freunde waren und sich \u2013 literarisch verwandelt \u2013 dann in den beiden B\u00fcchern wiederfanden, mit denen Tom und Huck zu Weltruhm kamen.<\/p>\n<p>Die Orte der Kindheit<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist es so: Die besten Geschichten erleben wir alle in unserer Kindheit. Weil wir da noch f\u00fcr alles offen sind, auf jedes Abenteuer versessen, wagemutig, wie wir es nie wieder im Leben sein werden, wenn wir eventuell selbst Verantwortung f\u00fcr Familie und Kinder haben. Und so wird Sams Reise nach Hannibal, das in seinen B\u00fcchern zu St. Petersburg wurde, auch eine Reise in die wilden und \u00fcberw\u00e4ltigenden Emotionen seiner Kinderzeit.<\/p>\n<p>Alles mit ber\u00fchrenden Begegnungen, von denen der 66-J\u00e4hrige wei\u00df, dass er diese Menschen aus seiner Kindheit nun wohl zum letzten Mal sieht. Dass er nie wieder zur\u00fcckkommen wird nach Hannibal, das sich in den 50 Jahren zuvor schon gewaltig ver\u00e4ndert hat.<\/p>\n<p>Und dennoch findet er im alten Ortskern die Erinnerungsst\u00e4tten seine Kindheit vor. Selbst das kleine Haus, in dem seine Familie lebte, bevor sie der Pleite des Vaters wegen selbst dieses H\u00e4uschen verlassen musste, steht noch. Jeder Mark-Twain-Leser kennt es. Hier n\u00e4mlich beginnen \u201eTom Sawyers Abenteuer\u201c. Und da alles so s\u00e4uberlich belegt ist und Mark Twain auch in seinen Erinnerungen dar\u00fcber erz\u00e4hlte, erf\u00e4hrt man, wenn man mit Michael Klein den gealterten Autor begleitet, wie viel von Sams Kindheit tats\u00e4chlich in den beiden B\u00fcchern steckt, die ihn bis heute ber\u00fchmt machen.<\/p>\n<p>Denn es sind diese Geschichten aus der Kindheit, die uns pr\u00e4gen. Die unseren Blick sch\u00e4rfen f\u00fcr das, was wichtig ist im Leben. F\u00fcr die Macken und St\u00e4rken der Menschen. Und dazu kommt nat\u00fcrlich: Sams Geschichte ist eine Aufsteiger-Geschichte. Als er in Hannibal aufwuchs, war er der Sohn eines armen Mannes, der auch als Vater nicht f\u00e4hig war, W\u00e4rme und Gef\u00fchle zu zeigen.<\/p>\n<p>Dass der kleine Sam es schaffen w\u00fcrde, aus dieser Armut herauszukommen, war ihm nicht vorgezeichnet. Au\u00dfer dem unb\u00e4ndigen Willen, es trotzdem zu versuchen. Und so r\u00fcckt auch sein Leben auf dem Mississippi ins Bild. Noch einmal darf er sogar ans Steuer eines alten Flussdampfers.<\/p>\n<p>Dimensionen der Kindheit<\/p>\n<p>Kleins Geschichte ist durchgl\u00fcht von Erinnerungen, Melancholie und unb\u00e4ndig wieder aufbrechender Freude an den Streichen der Kindheit. Noch einmal darf Sam sich jung f\u00fchlen und den Jubel der Menschen genie\u00dfen, die l\u00e4ngst stolz sind auf diesen Sohn der Stadt, der B\u00fccher schrieb, wie sie kein anderer amerikanischer Autor zu dieser Zeit schreiben konnte.<\/p>\n<p>Weshalb ihn oberfl\u00e4chliche Journalisten nur zu oft als Humoristen abstempelten, weil sie den Ernst, die Wildheit und Rauheit des wirklichen Lebens in seinen B\u00fcchern nicht begreifen konnten. Eher den launigen Vortragsredner sahen, der Mark Twain ja auch war. Auch in Hannibal und Columbia nutzt er diese Gabe ja weidlich, um sein Publikum zu faszinieren und zu am\u00fcsieren.<\/p>\n<p>W\u00fcrden heutige Autoren gezwungen sein, sich auch in gro\u00dfen Vortragsreisen im Land behaupten zu m\u00fcssen: Die meisten w\u00fcrden besser und lebendiger schreiben. Denn Schreiben und Sprechen geh\u00f6ren zusammen. Was eigentlich jeder Leser wei\u00df. Wenn der Text nicht beim Lesen im inneren Ohr zum echten Gespr\u00e4ch des Autors wird, wird der Text dr\u00f6ge, sperrig und farblos.<\/p>\n<p>Aber wem sagt man das? Michael Klein wei\u00df es. Und nutzt die Gelegenheit ausgiebig, den Ereignissen Klang und Farbe zu geben. Manchmal kriecht er selbst in die Gedankenwelt des alten Autors, der hier mit allen Sinnen noch einmal genie\u00dft, wie frei man sein kann, wenn man in die Gef\u00fchle der eigenen Kindheit eintauchen kann.<\/p>\n<p>Denn nat\u00fcrlich liegt die ganze Zeit auch die Stimmung des Abschieds \u00fcber allem. Noch waren die Entfernungen in diesem Amerika des Jahres 1902 gewaltig, kam man nicht einfach mit dem Flugzeug in ein paar Stunden von Riverdale, New York, nach Missouri. Das brauchte schon eine zweit\u00e4gige Eisenbahnfahrt im Pullman-Wagen.<\/p>\n<p>Das dritte Buch<\/p>\n<p>Aber dazu kam dann noch, dass Sam durchaus sp\u00fcrte, dass sein Leben mit Olivia und den Kindern ebenso von Verg\u00e4nglichkeit \u00fcberschattet war. Michael Klein beendet die Reise zu Tom und Huck (die dann tats\u00e4chlich auch in den n\u00e4chtlichen Abenteuern Sams auftauchen) nicht mit dem umjubelten Abschied von St. Louis, sondern mit dem anschlie\u00dfenden Urlaub der Familie Clemens in York, Maine, wo Sam noch einmal ankn\u00fcpfen kann an seine beiden gro\u00dfen Tom-und-Huck-Romane, tats\u00e4chlich sogar einen dritten Band fast fertigstellt in einem furiosen Erinnerungsfeuer.<\/p>\n<p>Doch er wird ihn nie beenden, sondern den Flammen \u00fcbergeben. Denn in York kommt die Krankheit zu Ausbruch, die seine geliebte Livy die n\u00e4chsten Jahre belasten w\u00fcrde. Das Leben schl\u00e4gt mit aller Wucht zu. Aber wer diesen Mark Twain gelesen hat, wei\u00df, dass hinter den manchmal witzigen und humorvollen Erz\u00e4hlungen eigentlich immer der ganze Ernst des Lebens steckt, die Erfahrungen eines Jungen, der schon aus Kindheitstagen wei\u00df, wie schnell man auf der Nase liegen kann und die k\u00fchnsten Tr\u00e4ume scheitern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Genau deshalb funktionieren seine Geschichten bis heute. Kann sich jeder darin wiederentdecken. Mitsamt seinen alten \u00c4ngsten, Tr\u00e4umen, Gutgl\u00e4ubigkeiten und unerh\u00f6rten Frechheiten, aus denen f\u00fcr gew\u00f6hnlich ein echtes Jungenleben besteht. Sehr zur Verzweiflung der geliebten M\u00fctter, die um ihre Rasselbande berechtigterweise f\u00fcrchten und bangen.<\/p>\n<p>Die Landschaften unserer Gef\u00fchle<\/p>\n<p>Nur dass Sams Mutter wohl noch eine Nummer besser war und sich von ihren wilden Jungen nicht mehr wild machen lie\u00df.<\/p>\n<p>Wenn einer f\u00fcr den Galgen vorgesehen ist, wird er schon nicht ertrinken. Den Spruch glaubt man gern, und auch dass sie ihn mehrfach gesagt hat, wenn ihr Sam wieder einmal mit zerrissenen Klamotten nach Hause kam, fix und fertig von den Abenteuern am Fluss, der durch die gro\u00dfen Romane Mark Twains rauscht. So wird Kleins Roman auch \u2013 wie er selbst betont \u2013 eine Reise in die innere Topografie seines Helden.<\/p>\n<p>Denn die Orte der Kindheitsabenteuer werden nat\u00fcrlich zu den Landschaften, in denen unsere Gef\u00fchle zu Hause sind. Und wie sehr das einen alten Mann beleben kann, das merkt dieser Sam sehr bald. Der seine ganz eigenen Abenteuer erlebt, w\u00e4hrend ihn die Leute seiner Vaterstadt frenetisch feiern und bejubeln.<\/p>\n<p>Wer schon lange nicht mehr in Twains B\u00fccher geschaut hat, f\u00fcr den ist Michael Kleins kleiner Roman eine echte Einladung, es wieder zu tun, sich mit allen Sinnen einzulassen auf diesen Erz\u00e4hler, der mit seinem jungenhaften Blick ein Erz\u00e4hlen in die amerikanische Literatur gebracht hat, das es vorher nicht gab. Und das schon seine Zeitgenossen begeisterte. Und seine sp\u00e4teren Leser genauso.<\/p>\n<p><strong>Michael Klein <a href=\"https:\/\/www.lehmanns.de\/isbn\/9783949749230@liz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eLebt wohl, Tom und Huck\u201c<\/a><\/strong> Morio Verlag, Heidelberg 2025, 20 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wie kann man seine Verehrung f\u00fcr einen gro\u00dfen Autor besser in Worte fassen, als ein Buch zu schreiben,&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":512293,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,1803,1795,215,64],"class_list":{"0":"post-512292","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-rezension","14":"tag-roman","15":"tag-unterhaltung","16":"tag-usa"},"share_on_mastodon":{"url":"","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/512292","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=512292"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/512292\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/512293"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=512292"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=512292"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=512292"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}