{"id":512351,"date":"2025-10-20T03:43:11","date_gmt":"2025-10-20T03:43:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/512351\/"},"modified":"2025-10-20T03:43:11","modified_gmt":"2025-10-20T03:43:11","slug":"reform-uks-aufstieg-und-folgen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/512351\/","title":{"rendered":"Reform UKs Aufstieg und Folgen"},"content":{"rendered":"<p>Keir Starmer w\u00e4hlte markige Worte. \u201eWir k\u00f6nnen Anstand w\u00e4hlen oder Spaltung, Erneuerung oder Niedergang\u201c, sagte Gro\u00dfbritanniens Premierminister Ende September auf dem Labour-Parteitag in Liverpool. Er sprach nicht nur zu seinen Anh\u00e4ngern \u2013 seine unmissverst\u00e4ndliche Nachricht galt dem einstigen Brexit-Treiber Nigel Farage und der wachsenden Bewegung hinter dessen rechtspopulistischer Partei Reform UK. Es sei \u201eein Kampf um die Seele unseres Landes\u201c.<\/p>\n<p>\n    Starmer zeichnete eine dramatische Kon\u00adtrastlinie: zwischen einer demokratischen Mitte und einem politischen Abgrund, den er mit dem erstarkenden Rechtspopulismus verbindet. Denn die politische Tektonik im Vereinigten K\u00f6nigreich hat sich verschoben. <a class=\"linked-story\" href=\"https:\/\/www.weser-kurier.de\/politik\/ausland\/aufwind-fuer-farage-britisches-zwei-parteien-system-broeckelt-doc80ghrz0iq2c1fm0mnjpz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">In den neuesten Umfragen liegt Reform UK mit rund 30 Prozent an der Spitze. <\/a>Labour, bei den Wahlen im Juli 2024 noch klarer Sieger, f\u00e4llt auf etwa 20 Prozent zur\u00fcck. Und die Konservativen, seit dem 19. Jahrhundert das R\u00fcckgrat der britischen Politik, d\u00fcmpeln bei 17 Prozent \u2013 eine historische Dem\u00fctigung.\n<\/p>\n<p>Es droht ein Umbruch der alten Ordnung<\/p>\n<p>Was sich da zusammenbraut, ist mehr als ein m\u00f6glicher Machtwechsel. Es ist ein Umbruch, der die alte Ordnung im Vereinigten K\u00f6nigreich zu zerschlagen droht, in der die Sozialdemokraten und die Tories abwechselnd die Macht \u00fcbernahmen. \u201eGro\u00dfbritannien\u201c, so sagte es Starmer in Liverpool, \u201eGro\u00dfbritannien steht am Scheideweg.\u201c<\/p>\n<p>Doch warum erlebt Gro\u00dfbritannien den Aufstieg solcher Kr\u00e4fte nach dem Brexit? Was w\u00fcrde es f\u00fcr <a href=\"https:\/\/www.weser-kurier.de\/thema\/europa-q46\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Europa<\/a> und die <a href=\"https:\/\/www.weser-kurier.de\/thema\/ukraine-q212\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ukraine<\/a> bedeuten, wenn das Land politisch kippt? Und hat Starmer \u00fcberhaupt noch eine Chance, das Ruder herumzurei\u00dfen?<\/p>\n<p>Beantwortet werden diese Fragen unter anderem im Kleingedruckten des Wahlrechts. Denn schon der Vorsprung von nur zehn Prozentpunkten k\u00f6nnte der rechtspopulistischen Partei bei den kommenden Wahlen zu einem Sieg verhelfen. Der Grund: Entscheidend ist in Gro\u00dfbritannien nicht der landesweite Stimmenanteil, sondern es gilt das Mehrheitswahlrecht. In jedem Kreis gewinnt nur jener Kandidat, der die meisten Stimmen erh\u00e4lt. Alle anderen werden wertlos. Entsprechend k\u00f6nnte Reform UK manchen Prognosen zufolge mehr als 300 Sitze im Parlament erhalten \u2013 und damit deutlich mehr, als es der blo\u00dfe Prozentabstand vermuten l\u00e4sst. Ein Effekt, der schon den Sieg der Labour-Partei im Juli 2024 gr\u00f6\u00dfer wirken lie\u00df, als er eigentlich war.<\/p>\n<p>Tories droht das Aus<\/p>\n<p>\n    In anderen Worten: Was lange als Brandmauer gegen rechte Parteien galt, wird nun m\u00f6glicherweise zum Hebel ihrer St\u00e4rke. Reform UK profitiert dabei, wie viele vergleichbare Parteien in Europa und dar\u00fcber hinaus, vom verbreiteten Misstrauen gegen\u00fcber den etablierten Kr\u00e4ften. <a class=\"linked-story\" href=\"https:\/\/www.weser-kurier.de\/politik\/ausland\/grossbritannien-ein-jahr-nach-dem-machtwechsel-wo-bleibt-der-wandel-doc81alrvmidf7d1yr1g87\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Als Labour die zus\u00e4tzlichen Heizkostenzusch\u00fcsse f\u00fcr Rentner weitestgehend strich, stie\u00df das auf breite Kritik<\/a> \u2013 und die Ma\u00dfnahme wurde zum Symbol f\u00fcr Reform UK, eine Partei, der es an sozialer Verl\u00e4sslichkeit und klarer Linie mangelt.\n<\/p>\n<p>Besonders tief sitzt auch der Vertrauensbruch durch den im Jahr 2021 aufkeimenden \u201ePartygate\u201c-Skandal, bei dem bekannt wurde, dass Abgeordnete und Beamte der damals regierenden Tory-Partei w\u00e4hrend der strengen Corona-Lockdowns in Regierungsgeb\u00e4uden feierten. In diesem Klima wirkt Reform UK f\u00fcr manche als Ventil und als Signal des Protests. Vor allem fr\u00fchere Tory-W\u00e4hler wandern zu Reform UK; bei den Kommunalwahlen im Mai hatten die Populisten die Konservativen in zahlreichen Kreisen bereits auf Platz zwei verdr\u00e4ngt. Experten halten es inzwischen f\u00fcr m\u00f6glich, dass Reform UK die Tories de facto ersetzen k\u00f6nnte \u2013 zumal bereits etliche konservative Abgeordnete und Kommunalpolitiker zur neuen Partei \u00fcbergetreten sind.<\/p>\n<p>\n    Reform UK pr\u00e4sentiere sich als \u201eeinzige echte Alternative\u201c, erkl\u00e4rt Freddie Goff aus der englischen Gro\u00dfstadt Milton Keynes, ein junges Reform-UK-Mitglied beim Parteitag in Birmingham Anfang September. <a class=\"linked-story\" href=\"https:\/\/www.weser-kurier.de\/politik\/ausland\/proteste-und-populisten-rechtsruck-in-grossbritannien-doc824rkwa8rzsqgqmpi3q\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die Partei inszeniert sich als Bewegung, die vor allem in der Migrationspolitik einen Kurswechsel verspricht: <\/a>Dazu z\u00e4hlen die Festsetzung und R\u00fcckf\u00fchrung von Gefl\u00fcchteten, die mit Schlepperbooten von Frankreich \u00fcber den \u00c4rmelkanal nach Gro\u00dfbritannien kommen, eine h\u00e4rtere Gangart bei Abschiebungen sowie der Plan, die Europ\u00e4ische Menschenrechtskonvention zu verlassen, um diese Ma\u00dfnahmen durchzusetzen.\n<\/p>\n<p>Islamfeindliche und homophobe \u00c4u\u00dferungen<\/p>\n<p>Dass einige Parteivertreter mit islamfeindlichen oder homophoben \u00c4u\u00dferungen in die Schlagzeilen gerieten, scheint vielen Unterst\u00fctzern entgangen zu sein. Denn nach au\u00dfen setzt die Partei auf nicht offen rassistische Botschaften und nutzt soziale Medien offensiv, um diese auch jungen W\u00e4hlern nahezubringen. Mit kurzen Clips wendet sich Nigel Farage regelm\u00e4\u00dfig an seine Unterst\u00fctzer, sei es auf Youtube oder Tiktok. Aus dieser Inszenierung speist sich auch der Personenkult um ihn.<\/p>\n<p>In Birmingham dominiert der 61-J\u00e4hrige den Parteitag: Dutzende Plakate und Flyer zeigen sein Gesicht, bei Signierstunden bilden sich lange Schlangen. Als er in der Haupthalle auftritt, zischen Pyroeffekte, die Menge jubelt. Diese Showeffekte sind kein Beiwerk, sondern Strategie. Farage ist ein \u201eMeister der Inszenierung\u201c, sagt Tim Bale, Politologe an der Queen Mary University of London. Er ist witzig und wirkt authentisch; in Wahrheit spielt er wie andere Politiker eine Rolle, \u201enur eben besser\u201c. Und: Reform-Anh\u00e4nger sch\u00e4tzten charismatische, selbstbewusste, kontroverse und aggressive F\u00fchrung \u2013 exakt Farages Profil. \u201eNigel\u201c, so ist sich Freddie Goff sicher, k\u00f6nne der n\u00e4chste Premierminister werden.<\/p>\n<p>Brexit-Folgen schaden Farage nicht<\/p>\n<p>Viele Briten unterst\u00fctzen den fr\u00fcheren Brexit-Treiber enthusiastisch, obwohl der EU-Austritt klar negative Folgen hatte. Der Handel wurde komplizierter, Lieferketten teurer, und in vielen Branchen fehlt Personal. Experten sind sich einig: Der Ausstieg aus dem europ\u00e4ischen Binnenmarkt ist eine Bremse f\u00fcr das Wachstum der britischen Wirtschaft. Im politischen Umfeld von Farage h\u00e4lt sich jedoch die \u00dcberzeugung, der Austritt sei schlicht \u201enicht richtig umgesetzt\u201c worden. Diese Erz\u00e4hlung h\u00e4lt seine Anh\u00e4ngerschaft zusammen. \u201eStatt Farage zu schaden, hat der Brexit-Prozess seine Sichtbarkeit erh\u00f6ht\u201c, sagt Robert Ford, Politikwissenschaftler von der Universit\u00e4t Manchester.<\/p>\n<p>Klar ist aber auch: Die aktuellen Prozentwerte sind Momentaufnahmen. Bis zur n\u00e4chsten nationalen Wahl, die sp\u00e4testens im Sommer 2029 ansteht, bleibt noch Zeit. Labour kann in den Umfragen zulegen, wenn die Partei bei der Wirtschaft und beim angeschlagenen nationalen Gesundheitsdienst NHS sichtbare Ergebnisse liefert, so der britische Wahlforscher John Curtice. Denn in diesen Bereichen, so seine Einsch\u00e4tzung, trauen viele W\u00e4hler Reform UK wenig zu.<\/p>\n<p>Der Reform-UK-Parteitag in Birmingham offenbart zudem Positionen, die im britischen Meinungsspektrum als randst\u00e4ndig gelten. Mit festem Blick ins Publikum k\u00fcndigt der Klimaleugner Christopher Monckton \u2013 eine schillernde, aber h\u00f6chst umstrittene Pers\u00f6nlichkeit im Vereinigten K\u00f6nigreich \u2013 etwa an, \u201ebis ans Lebensende\u201c gegen den \u201eKlima-Unsinn\u201c anzutreten. Die Partei pr\u00e4sentiere sich nach au\u00dfen deutlich moderater, doch mit zunehmender Gr\u00f6\u00dfe w\u00e4chst auch die Herausforderung, die unterschiedlichen Positionen zusammenzuhalten.<\/p>\n<p>Fest steht: Ein Wahlsieg von Reform UK w\u00fcrde die Entfremdung zwischen Gro\u00dfbritannien und dem europ\u00e4ischen Festland wohl weiter vertiefen. Farages Partei tritt offen f\u00fcr eine Politik der Abschottung ein. Zu den zentralen Migrationspl\u00e4nen der Partei z\u00e4hlt die Abschiebung von mehreren Hunderttausend Menschen, insbesondere Asylbewerbern, binnen weniger Jahre. \u201eSo viele Menschen abzuschieben w\u00fcrde einen Austritt aus internationalen Vertr\u00e4gen wie der Europ\u00e4ischen Menschenrechtskonvention (EMRK) erfordern\u201c, urteilt Olivia O\u2019Sullivan von der Denkfabrik Chatham House.<\/p>\n<p>Das Problem: Das migrationsfixierte, euroskeptische Drehbuch von Reform UK liefere \u201ekeine Antworten\u201c auf die sicherheitspolitischen Herausforderungen der Gegenwart. Etwa beim sensiblen Austarieren der Beziehungen zu den USA, Europa und China. Hinzu komme, so ihre Einsch\u00e4tzung, das realistische Risiko, \u201edass die USA ihre R\u00fcckendeckung f\u00fcr die europ\u00e4ische Sicherheit ganz zur\u00fcckziehen\u201c. Es sei offen, welchen Beitrag das Vereinigte K\u00f6nigreich unter einer Reform-Regierung k\u00fcnftig zur europ\u00e4ischen Sicherheitsarchitektur leisten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Fragliche Haltung gegen\u00fcber Russland<\/p>\n<p>Zwar habe Farage zuletzt die Unterst\u00fctzung Kiews bef\u00fcrwortet, zugleich in der Vergangenheit aber erkl\u00e4rt, die Erweiterung von Nato und EU habe Russland \u201eprovoziert\u201c. Diese Widerspr\u00fcchlichkeit wirft Fragen auf: Wie klar w\u00fcrde sich der Reform-UK-Parteichef gegen\u00fcber russischer Aggression positionieren? Und w\u00e4re er bereit, sich langfristig an einer \u201eKoalition der Willigen\u201c zur Unterst\u00fctzung der Ukraine zu beteiligen?<\/p>\n<p>Ein m\u00f6glicher R\u00fcckzug aus der Europ\u00e4ischen Menschenrechtskonvention, wie ihn Reform UK vorschl\u00e4gt, h\u00e4tte \u00fcberdies weitreichende Folgen f\u00fcr Nordirland. Ein solcher Schritt k\u00f6nnte das Karfreitagsabkommen gef\u00e4hrden \u2013 jenen Friedensdeal, der 1998 in Belfast unterzeichnet wurde und den jahrzehntelangen gewaltsamen Konflikt in der Region weitgehend beendete. Der Ausstieg aus der EMRK k\u00f6nnte neue Spannungen auf der irischen Insel hervorrufen. Vor diesem Hintergrund ging Keir Starmer wohl kaum zu weit, als er Reform UK eine spaltende Wirkung attestierte \u2013 nicht nur mit Blick auf die britische Gesellschaft, sondern auch auf das empfindliche Gleichgewicht in Europa.<\/p>\n<p>                        <a href=\"https:\/\/www.weser-kurier.de\/\" id=\"home\" class=\"button primary-primary font-size-15_1 m-0a customEvent\" data-layer-event-name=\"customEvent\" data-layer-trigger=\"click\" data-layer-category=\"artikelscoring\" data-layer-action=\"startseite_button\" data-layer-label=\"doc82uv1j9tsao1k1b5xkh\" data-layer-value=\"https:\/\/www.weser-kurier.de\/politik\/ausland\/1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zur Startseite<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Keir Starmer w\u00e4hlte markige Worte. \u201eWir k\u00f6nnen Anstand w\u00e4hlen oder Spaltung, Erneuerung oder Niedergang\u201c, sagte Gro\u00dfbritanniens Premierminister Ende&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":512352,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3976],"tags":[331,332,13,14,15,12,3992,3993,3994,3995,3996,3997],"class_list":{"0":"post-512351","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-vereinigtes-koenigreich","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-headlines","11":"tag-nachrichten","12":"tag-news","13":"tag-schlagzeilen","14":"tag-uk","15":"tag-united-kingdom","16":"tag-united-kingdom-of-great-britain-and-northern-ireland","17":"tag-vereinigtes-koenigreich","18":"tag-vereinigtes-koenigreich-grossbritannien-und-nordirland","19":"tag-vereinigtes-koenigreich-von-grossbritannien-und-nordirland"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115404433254973301","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/512351","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=512351"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/512351\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/512352"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=512351"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=512351"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=512351"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}