{"id":513491,"date":"2025-10-20T14:46:18","date_gmt":"2025-10-20T14:46:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/513491\/"},"modified":"2025-10-20T14:46:18","modified_gmt":"2025-10-20T14:46:18","slug":"tomahawks-fuer-die-ukraine-staatskunst-statt-raketen-aussen-und-sicherheitspolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/513491\/","title":{"rendered":"Tomahawks f\u00fcr die Ukraine: Staatskunst statt Raketen \u2013 Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik"},"content":{"rendered":"<p>Im \u201eNebel des Krieges\u201c sind verl\u00e4ssliche Aussagen mit langer Halbwertzeit zunehmend schwierig. Vieles geschieht im Verborgenen, vieles entzieht sich eindeutigen Bewertungen oder muss auch als Beitrag zur psychologischen Kriegsf\u00fchrung verstanden werden \u2013 nicht zuletzt, um Unterst\u00fctzung der \u00d6ffentlichkeit f\u00fcr die als richtig erkannte Linie zu erhalten oder zu gewinnen. Das gilt auch f\u00fcr die Debatte um die Lieferung von weitreichenden Waffensystemen unterschiedlichster Art an die Ukraine, mit der diese in ihrem legitimen Abwehrkampf gegen die russische Aggression unterst\u00fctzt werden soll.<\/p>\n<p>In den vergangenen dreieinhalb Jahren wurden immer wieder neue Waffensysteme als potenzielle \u201eGamechanger\u201c diskutiert \u2013 Leopard-Panzer, F-16-Kampfflugzeuge sowie Raketensysteme wie ATACMS, SKALP oder Taurus und nun aktuell die US-amerikanischen Tomahawks. H\u00e4ufig dominieren dabei milit\u00e4rtechnische Fragen, w\u00e4hrend strategische Ziele und der politische Rahmen deutlich zu kurz kommen. Mehr Waffenlieferungen k\u00f6nnten die Verhandlungsposition der Ukraine verbessern, so das vorherrschende westliche Lager. Damit werde nur ein f\u00fcr die Ukraine nicht zu gewinnender Abnutzungskrieg verl\u00e4ngert, so die Minderheitenposition.<\/p>\n<p>Worum geht es also? Weitreichende Waffensysteme sollen es der Ukraine erm\u00f6glichen, nach der Logik \u201eAngriff ist die beste Verteidigung\u201c tief auf russischem Gebiet zuzuschlagen. Dies sei nicht nur politisch geboten, sondern auch v\u00f6lkerrechtlich zul\u00e4ssig, denn es gehe ja um die Wahrnehmung des legitimen Rechts auf Selbstverteidigung. Wer mit auf dem R\u00fccken gebundenen H\u00e4nden k\u00e4mpfe, k\u00f6nne nicht erfolgreich sein und es sei an der Zeit, diese Fesseln zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Diese Debatte ist alles andere als neu. Auf den letzten Metern hatte bereits die Biden-Regierung im Herbst 2024 die Entscheidung getroffen, der Ukraine den Gebrauch weitreichenderer US-Raketen auch auf russischem Territorium zuzugestehen. Dies bezog sich aber wohl vornehmlich auf Teile der von der Ukraine besetzten russischen Region Kursk \u2013 welche die Ukraine vermutlich als Faustpfand f\u00fcr Verhandlungen mit Russland unter Inkaufnahme gro\u00dfer Verluste besetzt hielt.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Allerdings h\u00e4ngt die Wirksamkeit der Raketen stark von Zielauswahl und Zielsteuerung ab.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Die Freigabe wurde auch damit begr\u00fcndet, dass Russlands durch die Stationierung von zehntausend Soldaten aus Nordkorea bereits eskaliert habe, dem setze man nun etwas entgegen. Die ATACMS-Raketen und die dazugeh\u00f6rigen bodengest\u00fctzten Tr\u00e4gersysteme werden wohl seitdem von der Ukraine eingesetzt, zunehmend auch mit taktischen Erfolgen. Ebenso wie die britischen Storm-Shadow- und die franz\u00f6sischen SKALP-Raketen, die \u2013 allerdings von Flugzeugen abgefeuert \u2013 mit bis zu 300 Kilometern eine \u00e4hnliche Reichweite wie die ATACMS haben. Mit diesen sehr wirksamen und schwer abzufangenden Raketen k\u00f6nnen feindliche Truppen, Ger\u00e4t und milit\u00e4rische Infrastruktur weit hinter der Kriegsfront effektiv bek\u00e4mpft werden. Je nach Bewaffnung auch mit Streumunition eignen sie sich zur gro\u00dffl\u00e4chigen Zerst\u00f6rung von gegnerischen Truppen. Selbst wenn die Raketen der Ukraine nur in begrenzter St\u00fcckzahl zur Verf\u00fcgung stehen, hat das die russische Kriegsf\u00fchrung durchaus beeintr\u00e4chtigt.<\/p>\n<p>Wenn Donald Trump \u2013 der in der Vergangenheit bereits mehrere 180-Grad-Wenden bez\u00fcglich seiner Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Ukraine vollzogen hat \u2013 nun tats\u00e4chlich weitreichende Waffensysteme wie Tomahawk-Raketen liefern lassen sollte, stellen sich strategische Fragen: Wird es Russland wirklich zum Einlenken bewegen? Oder verschafft es der Ukraine nur kurzfristige taktische Vorteile \u2013 mit dem Risiko, dass der Krieg eine neue Eskalationsstufe erreicht und russische Reaktionen provoziert, die sowohl der Ukraine schaden als auch einen direkten Konflikt zwischen Russland und der NATO wahrscheinlicher machen?<\/p>\n<p>Bei den aktuell diskutierten amerikanischen Tomahawk-Raketen, die eine maximale Reichweite von etwa 2 500 Kilometern haben, kommt noch hinzu: Um sie abzufeuern, braucht es Abschusseinrichtungen \u2013 klassischerweise Zerst\u00f6rer auf See oder U-Boote \u2013, \u00fcber welche die Ukraine nicht verf\u00fcgt. Die j\u00fcngst entwickelten bodengest\u00fctzten Abschusssysteme sind hingegen rar ges\u00e4t und es ist mehr als fraglich, ob diese der Ukraine zur Verf\u00fcgung gestellt werden. Sollte dies dennoch geschehen, w\u00fcrden die USA diese nicht direkt an die Ukraine liefern, sondern sie an willige europ\u00e4ische Staaten verkaufen, die sie dann an die Ukraine weitergeben. Das Risiko l\u00e4ge dann mithin, so die US-Kalkulation, bei den europ\u00e4ischen Staaten.<\/p>\n<p>Allerdings h\u00e4ngt die Wirksamkeit der Raketen stark von Zielauswahl und Zielsteuerung ab, bei der die Ukraine auf ganz unmittelbare US-Unterst\u00fctzung wie Geheimdienstinformationen und Satellitentechnik angewiesen w\u00e4re. Die Schwelle, Kriegspartei zu werden, w\u00e4re damit erreicht \u2013 in russischer Wahrnehmung, aber auch faktisch. Das Risiko, dass Russland bef\u00fcrchten k\u00f6nnte, solche Angriffe k\u00f6nnten seine strategischen Nuklearwaffen treffen und damit die eigene Zweitschlagf\u00e4higkeit unterminieren, l\u00e4sst es ohnehin unwahrscheinlich erscheinen, dass dies ein effizientes Mittel der ukrainischen Kriegsf\u00fchrung w\u00e4re.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Milit\u00e4risch sind einzelne Waffensysteme \u2013 mit Ausnahme von Nuklearwaffen \u2013 kein Gamechanger.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Aller Wahrscheinlichkeit nach w\u00fcrden die USA daher im Falle eines Einsatzes Russland eine gewisse Reaktionszeit gew\u00e4hren und die Zielauswahl vorab mitteilen. Denkbar ist jedoch, dass symbolische Ziele, etwa die Br\u00fccke von Kertsch oder kriegswichtige milit\u00e4rische Infrastruktur in Russland zerst\u00f6rt werden. Ob das Ziel, Russland damit in gewisser Weise an den Verhandlungstisch zu bomben, erreicht wird, ist ungewiss. Sicher ist jedoch, dass es der Ukraine darum geht, die Europ\u00e4er oder besser noch die USA direkt in den Krieg hineinzuziehen, weil dies aus ukrainischer Perspektive ein Weg sein k\u00f6nnte, den Krieg zu ihren Gunsten zu drehen.<\/p>\n<p>Doch milit\u00e4risch sind einzelne Waffensysteme \u2013 mit Ausnahme von Nuklearwaffen \u2013 kein Gamechanger, auch wenn die Lieferung weitreichender Raketen Russland gewiss Schaden zuf\u00fcgen w\u00fcrde. Die Falken-Fraktion in Deutschland applaudiert zwar und fordert die Bundesregierung auf \u2013 schlie\u00dflich sei Deutschland doch immer im Gleichschritt mit den USA marschiert \u2013, nun auch die deutschen Taurus-Raketen zu liefern. An der strategischen Lage der Ukraine \u00e4ndert dies jedoch absehbar nichts. Weder wird Russland damit aufh\u00f6ren, die ukrainische Energieinfrastruktur massiv anzugreifen und ukrainische St\u00e4dte zu bombardieren, noch wird es sich davon abhalten lassen, an der Front schrittweise weiter vorzur\u00fccken.<\/p>\n<p>Der Umfang der Unterst\u00fctzung westlicher Staaten bei Ausbildung und Ausr\u00fcstung der ukrainischen Soldaten wie auch die massive Hilfe bei Zielerfassung und Aufkl\u00e4rung f\u00fchren bisher nicht dazu, dass Russland von seiner Aggression abl\u00e4sst, sondern absehbar zu zweierlei: Erstens wird auch aufseiten Russlands Unterst\u00fctzung von au\u00dfen gesucht \u2013 und offenkundig auch gefunden. Die Entsendung nordkoreanischer Soldaten nach Russland ist daf\u00fcr ein Beispiel. Auch China w\u00fcrde eine russische Niederlage (nach der es aktuell aber keineswegs aussieht) vermutlich zu verhindern versuchen. Zweitens wird Russland seine Angriffe auf ukrainische Ziele weiter eskalieren. Der Abnutzungskrieg, der bisher haupts\u00e4chlich an der Front sowie mit Angriffen auf ukrainische Infrastruktur gef\u00fchrt wird, k\u00f6nnte sich zu einem noch intensiveren Zerst\u00f6rungskrieg ausweiten.<\/p>\n<p>Die alte Frage in diesem Krieg ist die nach der Eskalationsdominanz. Russland glaubt, dass sie auf seiner Seite liege; die Ukraine denkt, sie k\u00f6nne diese mit westlicher Unterst\u00fctzung erreichen. Die Eskalationsspirale dreht sich dabei munter weiter. Viele, die \u00fcber Jahre hinweg falsche Ratschl\u00e4ge gegeben und schlechte Politik betrieben haben, reden nun das Scheitern ihres eigenen Kurses sch\u00f6n oder verbreiten weiter Durchhalteparolen \u2013 und fordern gleichzeitig, auf genau diesem Weg weiterzumachen. Das ist Strategielosigkeit im schlechtesten Sinne. F\u00fcr eine wirksame Unterst\u00fctzung der Ukraine br\u00e4uchte es jedoch Bewegung auf diplomatischer Ebene. Die zentrale Frage ist, ob es ernsthafte Gespr\u00e4che \u00fcber eine L\u00f6sung oder eine Befriedung gibt \u2013 oder bald geben wird. Die USA scheinen zumindest weiter in diese Richtung zu denken. Ihrem bevorstehenden Versuch in Budapest, im Rahmen des geplanten Treffens zwischen Trump und Putin, kann man nur Erfolg w\u00fcnschen \u2013 und diese Linie unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Die Europ\u00e4er hingegen haben keine klare Vorstellung davon, wie der Krieg enden soll. Stattdessen vertreten sie unrealistische Maximalforderungen und setzen auf Durchhalteparolen. Doch wof\u00fcr soll durchgehalten werden? F\u00fcr einen politischen Kompromiss mit Russland, der eines Tages ohnehin notwendig sein wird \u2013 und f\u00fcr den es nicht tausende weiterer Tote oder das Risiko einer wom\u00f6glich nicht beherrschbaren Eskalation braucht? Um diese Frage zu beantworten, br\u00e4uchte es echte Staatskunst \u2013 nicht blo\u00df martialische Worte und symbolische Raketendiplomatie. Bem\u00fchungen in diese Richtung sind in Deutschland und Europa jedoch Mangelware.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Im \u201eNebel des Krieges\u201c sind verl\u00e4ssliche Aussagen mit langer Halbwertzeit zunehmend schwierig. 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