{"id":513728,"date":"2025-10-20T16:54:11","date_gmt":"2025-10-20T16:54:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/513728\/"},"modified":"2025-10-20T16:54:11","modified_gmt":"2025-10-20T16:54:11","slug":"max-czollek-und-hadija-haruna-oelker-das-falsche-gedaechtnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/513728\/","title":{"rendered":"Max Czollek und Hadija Haruna-Oelker \u2013 Das falsche Ged\u00e4chtnis"},"content":{"rendered":"<ol class=\"id-DonaldBreadcrumb lp_west_breadcrumb id-DonaldBreadcrumb--default\" data-k5a-pos=\"west_breadcrumb\">\n<li class=\"id-Breadcrumb-item\"><a href=\"https:\/\/www.fr.de\/\" class=\"id-Breadcrumb-link\" data-id-ec=\"{\" shn=\"\" textlink=\"\" data-k5a-pos=\"1_startseite\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Startseite<\/a><\/li>\n<li class=\"id-Breadcrumb-item\"><a href=\"https:\/\/www.fr.de\/kultur\/\" class=\"id-Breadcrumb-link\" data-id-ec=\"{\" shn=\"\" textlink=\"\" data-k5a-pos=\"2_kultur\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Kultur<\/a><\/li>\n<li class=\"id-Breadcrumb-item\"><a href=\"https:\/\/www.fr.de\/kultur\/literatur\/\" class=\"id-Breadcrumb-link\" data-id-ec=\"{\" shn=\"\" textlink=\"\" data-k5a-pos=\"3_literatur\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Literatur<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<p class=\"id-Story-timestamp id-Story-timestamp--default\">Stand: 20.10.2025, 17:24 Uhr<\/p>\n<p class=\"id-Story-authors id-Story-authors--default\">Von: <a class=\"id-Story-authors-link lp_west_author\" href=\"https:\/\/www.fr.de\/autor\/michael-hesse-cy94205b6.html\" title=\"Zur Autorenseite von Michael Hesse\" data-id-ec=\"{\" shn=\"\" author-link=\"\" hesse=\"\" data-k5a-pos=\"west_author\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Michael Hesse<\/a><\/p>\n<p class=\"id-Story-interactionBar id-Story-interactionBar--default\">DruckenTeilen<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"id-RatioPlaceholder-element wv_story_el_image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/40146103-div-archiv-04-07-2025-usa-los-angeles-demonstranten-die-gegen-die-politik-von-praesident-do.jpeg\" loading=\"eager\" fetchpriority=\"high\"   height=\"792\" width=\"1408\" alt=\"ARCHIV - 04.07.2025, USA, Los Angeles: Demonstranten, die gegen die Politik von Pr&#xE4;sident Donald Trump protestieren, h&#xF6;ren den Rednern im Grad Park gegen&#xFC;ber dem Rathaus zu. (zu dpa: &#x201E;Los Angeles ruft Notstand aus - Hilfe f&#xFC;r Migranten&#x201C;) Foto: Jill Connelly\/FR172085 AP\/dpa +++ dpa-Bildfunk +++\"\/>Niemand ist illegal: Demonstranten, die gegen die Politik von Pr\u00e4sident Donald Trump protestieren.  \u00a9\u00a0Jill Connelly\/dpa<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-leadText\">\u201eAlles auf Anfang\u201c beleuchtet, wie Erinnerungspolitik und Zugeh\u00f6rigkeit in Deutschland neu gedacht werden sollen.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Max Czollek und Hadija Haruna-Oelker schreiben gegen eine deutsche Lieblingsgewohnheit an, die sie mit h\u00f6flicher Grausamkeit freilegen: die Verwechslung von Gedenken und Selbstberuhigung. Ihre Diagnose ist unbequem, ihr Ton bewusst zweistimmig, ihr Ziel eine neue Erinnerungskultur, die nicht die triumphale Wendung zum Guten der einstigen T\u00e4tergesellschaft feiert, sondern die langen Schatten der Gewalt und die Geschichte des Widerstands zusammen denkt.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Der Text ist eine Art Logbuch der Jahre 2010 bis 2025: Sarrazin, Chemnitz, NSU-Versagen, Halle und Hanau, der 7. Oktober und die verh\u00e4rteten Positionen seither, der Aufstieg der AfD, die sprachliche Verrohung der Migrationsdebatte. Doch das Buch ist mehr als eine Chronik. Es ist von vorne bis hinten ein methodischer Vorschlag. Czollek, der vom postmigrantischen Theater her kommt, und Haruna-Oelker, die Journalistin in H\u00f6rfunk und Print (etwa der FR), lassen die Leserschaft eintauchen in einen produktiven Dialog, der politische Analyse betreibt, aber auch die private Verletzlichkeit nicht aus den Blick geraten l\u00e4sst. <\/p>\n<p>Das Buch<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-factBox-paragraph\"><strong>Max Czollek\/Hadija Haruna-Oelker: <\/strong>Alles auf Anfang. S. Fischer 2025.  240 S., 24 Euro.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Die st\u00e4rksten Passagen sind jene, in denen sie die Mechanik der deutschen Erinnerungspolitik offenlegen: die freundliche Inanspruchnahme j\u00fcdischer Stimmen zur Beglaubigung nationaler L\u00e4uterung; das Ritualisierte der gro\u00dfen S\u00e4tze (\u201eNie wieder ist jetzt\u201c), die immer dann zu einer Art Beschw\u00f6rungen werden, sobald die praktische Konsequenz ausbleibt, die Unf\u00e4higkeit, Nazismus zu erkennen, wenn er nicht in Geschichtsbildern, sondern in Beh\u00f6rdenakten, Ermittlungsroutinen und Alltagsgewalt auftritt. Diese Kritik ist nicht neu, aber selten wurde sie so klar mit einer positiven Agenda verbunden, wie man sie in dem Buch findet.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Denn Czollek und Haruna-Oelker wollen keine neue Liturgie, sie wollen eine andere Grammatik der Zugeh\u00f6rigkeit. \u201eDeutschsein\u201c erscheint hier als historisch junges, politisch aufgeladenes Konstrukt, dessen Exklusivit\u00e4t bis heute nachwirkt. Dem setzen sie keine identit\u00e4re Gegen-Essenz entgegen, sondern ein Ethos: Gleichheit im Unterschiedlichsein. Es ist der Versuch, die Errungenschaften des sogenannten postmigrantischen Jahrzehnts \u2013 dass Kultur nicht mehr erkl\u00e4rt, sondern gelebt wird \u2013 in eine politische Praxis zu \u00fcbersetzen, die ohne moralische \u00dcberheblichkeit auskommt und doch wehrhaft ist.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Sie erkl\u00e4ren nicht nur, wie das rechte Lager Diskurse verschiebt, sie zeigen, wie bereit die Mitte oft ist, diese Verschiebungen zu normalisieren. Wer heute \u201eZustrombegrenzung\u201c sagt, bekommt ein Kapitel Sprachkritik gratis dazu \u2013 eine Erinnerung daran, dass Narrative Gesellschaften ver\u00e4ndern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Das Buch schont auch die eigenen Milieus nicht. Czollek und Haruna-Oelker wissen, dass auch progressive R\u00e4ume blind sind: f\u00fcr Hierarchien, f\u00fcr Ausschl\u00fcsse, f\u00fcr eine Rhetorik der Reinheit, die B\u00fcndnisse unm\u00f6glich macht. Ihre Antwort lautet nicht: weniger Anspr\u00fcche. Ihre Antwort lautet: andere Anspr\u00fcche. Mehr Beziehungsarbeit, mehr gemeinsame Wissensspeicher \u2013 und eine juristisch n\u00fcchterne Wehrhaftigkeit, die auch das Undenkbare denkt: Institutionen umbauen, Feinde der Freiheit rechtlich begrenzen, bevor sie die Republik umbauen.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Am Ende bleibt ein Arbeitsauftrag. Eine neue Erinnerungskultur, sagen Czollek und Haruna-Oelker, muss drei Dinge zugleich k\u00f6nnen: Sie muss die Kontinuit\u00e4t der Gewalt benennen, die Traditionen des Widerstands w\u00fcrdigen und im Heute B\u00fcndnisse erm\u00f6glichen, die das Land nicht belehren, sondern ver\u00e4ndern. <\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Alles auf Anfang? Der Anfang ist nie mehr der, der er einmal war. Die Unmittelbarkeit ist verloren, daf\u00fcr gibt es einen Gewinn, die Einsicht, was alles besser h\u00e4tte sein k\u00f6nnen. Die beiden haben ein kluges Buch vorgelegt, in dem sie in einem wunderbaren Ton \u00fcber die Welt nachdenken. Empathisch und klar. Man m\u00f6chte jeder, jedem ans Herz legen, tief in das Buch hineinzulesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Startseite Kultur Literatur Stand: 20.10.2025, 17:24 Uhr Von: Michael Hesse DruckenTeilen Niemand ist illegal: Demonstranten, die gegen die&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":513729,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-513728","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115407543647832683","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/513728","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=513728"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/513728\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/513729"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=513728"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=513728"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=513728"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}