{"id":514590,"date":"2025-10-21T01:24:31","date_gmt":"2025-10-21T01:24:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/514590\/"},"modified":"2025-10-21T01:24:31","modified_gmt":"2025-10-21T01:24:31","slug":"schein-und-sein-im-grand-hotel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/514590\/","title":{"rendered":"Schein und Sein im Grand Hotel"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Die K\u00f6nigin des Grand Hotels&#8220; lautet der Untertitel dieses <strong>Romans<\/strong>, den <strong>Vea Kaiser<\/strong> in Wien, genauer in der Welt der Sch\u00f6nen, Reichen und M\u00e4chtigen angelegt hat. Allerdings nicht, ohne auf das Nachtleben und den W\u00fcrstelstand zu vergessen.<\/p>\n<p>Eine Frau geht ihren Weg, macht Karriere in einem <strong>Wiener Traditionshotel<\/strong> und ger\u00e4t auf die schiefe Bahn. Warum? Weil sie um das gute Leben k\u00e4mpft. Inspirieren lie\u00df sich die Autorin von einer <strong>wahren Begebenheit<\/strong>: Eine Buchhalterin brachte einst das <strong>Hotel Sacher<\/strong> um Millionen, ihre Begr\u00fcndung vor Gericht: &#8222;falsch verstandene Mutterliebe&#8220;.<\/p>\n<p>    Die freizeit bringt vorab einen Auszug aus Vea Kaisers Roman:<\/p>\n<p>Angelika hatte es endlich geschafft: Sie war drau\u00dfen. Ingi stolperte hinter ihr \u00fcber die Schwelle. Ein Sto\u00df Winterluft schlug ihnen gegen die erhitzten Gesichter.<\/p>\n<p>&#8222;Nix \u00fcber eine Luftwatsche!&#8220;, schrie Ingi \u00fcberdreht. Sie wurde von langen N\u00e4chten in jene Stimmung versetzt, in der man ganze Stadtviertel in Brand setzen will. Angelika in jene, in der z\u00e4he Friedensverhandlungen zu einem positiven Abschluss gebracht werden. Miteinander ein Land regieren, das h\u00e4tten sie nicht gekonnt, aber um im Wien der sp\u00e4ten Achtzigerjahre beste Freundinnen zu sein, reichte es.<\/p>\n<p>&#8222;Ich muss ins Bett&#8220;, sagte Angelika. Die W\u00fcrfeluhr zeigte vier Uhr. Wenn sie z\u00fcgig gingen, k\u00f6nnte Angelika duschen und drei Stunden schlafen, bevor sie zur Arbeit musste. Ingi hakte sich bei ihr unter.<\/p>\n<p>&#8222;Ja, aber vorher zum W\u00fcrstelstand.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ich muss schlafen.&#8220;<\/p>\n<p>Ingi maulte, Angelika zog sie weiter, so wie sie es die ganze Nacht schon h\u00e4tte tun sollen: &#8222;Nur noch ein Fluchtachterl! Da schau, der Branntweiner hat offen.&#8220;<\/p>\n<p>Niemand war mehr unterwegs. Angelika konzentrierte sich auf das Trottoir: Sie trug ihre neuen Stiefel, aber nicht einmal Hundehaufen lagen herum.<\/p>\n<p>&#8222;Das h\u00e4tt\u2019 ma uns heut sparen k\u00f6nnen&#8220;, murmelte Angelika und \u00e4rgerte sich \u00fcber sich selbst. Im U4 war nichts los gewesen. Schlussendlich waren sie mal wieder beim Branntweiner gelandet, wo man den sauren Wei\u00dfwein aus der Zwei-Liter-Flasche nur mit Zwetschkenschnaps hinunterbekam.<\/p>\n<p>&#8222;Jede Erfahrung erweitert den Horizont!&#8220;, murmelte die sturzbetrunkene Ingi und japste freudig, als sie um die Ecke bogen: &#8222;Da schau, da gibt\u2019s noch Debreziner.&#8220;<\/p>\n<p>Am W\u00fcrstelstand herrschte Hochbetrieb. Es war der letzte Donnerstag im Fasching \u2013 Opernball. Unter schwarzen M\u00e4nteln und Pelzen wischten die gro\u00dfen Ballroben aufgedonnerter Damen den Asphalt sauber. Sie h\u00fcllten ihre opulenten Hochsteckfrisuren in den Duft von triefenden K\u00e4sekrainern, die Herren f\u00fchrten ihren ordenbehangenen Brustk\u00f6rben zischendes Dosenbier zu. Fr\u00fcher hatte Angelika den Opernball mit ihrer Mutter und den Nachbarinnen aus dem Gemeindebau im Fernsehen verfolgt. Sie bekam einen Fingerbreit Sekt in ihren Kakaobecher und durfte aufbleiben, w\u00e4hrend die Erwachsenen \u00fcber die bessere Gesellschaft l\u00e4sterten.<\/p>\n<p>&#8222;Die Spie\u00dferia in Glanz und Gloria&#8220;, murmelte Ingi, zerrte Angelika dennoch in die Schlange vor der Ausgabe. Die Cr\u00e8me de la Cr\u00e8me der Wiener Hautevolee biss herzhaft in die W\u00fcrstelstandw\u00fcrste, als h\u00e4tte sie noch nie im Leben so etwas K\u00f6stliches gegessen. Die kleine Angelika hatte davon getr\u00e4umt, als Deb\u00fctantin den Opernball zu er\u00f6ffnen. Doch das verschwieg die erwachsene Angelika ihrer Freundin Ingi, die Debreziner, Pfefferoni und ein Dosenbier vernichtete.<\/p>\n<p>&#8222;Eat the rich&#8220;, murmelte Ingi mit vollem Mund, und: &#8222;Peinliche Affen.&#8220; Angelika fand: Die Umstehenden sahen ansteckend fr\u00f6hlich aus, w\u00e4hrend sie das bodenst\u00e4ndigste Essen der Stadt in der aufwendigsten Toilette des Jahres genossen. War das nicht das Leben in Reinform? Wenn man tat, was man wollte, egal, wie es aussah? War es nicht peinlicher, sich f\u00fcr etwas Besseres zu halten, weil man im grindigsten Branntweinlokal der Innenstadt, das seit gut zwei Jahren nicht mehr gereinigt worden war, mit Namen begr\u00fc\u00dft wurde? Ingi hatte aufgegessen und winkte ein Taxi herbei.<\/p>\n<p>&#8222;Die ganze Nacht bist mir am Oarsch gegangen, dass du heut arbeiten musst, also hoppi&#8220;, Ingi sprang auf die R\u00fcckbank, &#8222;ich zahl eh.&#8220;<\/p>\n<p>Doch nat\u00fcrlich fand sie kein Geld in ihren Taschen, als der Wagen in der Talgasse hielt. W\u00e4hrend Angelika missmutig Schillingm\u00fcnzen zusammenklaubte, erbrach Ingi ger\u00e4uschvoll in den Fu\u00dfraum. W\u00fcrstel und Pfefferoni waren noch als solche erkennbar.<\/p>\n<p>&#8222;Das wird teuer&#8220;, sagte der Taxler. Bis Ingi den Rest ihres Mageninhalts losgeworden war und ges\u00e4ubert auf Angelikas Kanapee lag, d\u00e4mmerte es. Angelika wollte duschen, aber sie war so ersch\u00f6pft, dass sie sich zuerst kurz aufs Bett setzen musste. Fr\u00fcher hatte es ihr nichts ausgemacht, nach einer Nacht ohne Schlaf arbeiten zu gehen. Aber, wie ihr Lebensabschnittspartner Berti nicht m\u00fcde wurde zu betonen: Der Drei\u00dfiger war nicht fern. (\u2026)<\/p>\n<p>Und dann wachte Angelika auf. Durch die Vorh\u00e4nge blitzte die Sonne. Der Radiowecker zeigte 8:40. Angelika fluchte. Sie war in der Ausgehkleidung des Vortages eingeschlafen! Angelika h\u00fcllte sich in einen Nebel aus Deodorant und Parf\u00fcm. Ingi wackelte nicht einmal mit dem Zeh.<\/p>\n<p>&#8222;Danke f\u00fcr nichts&#8220;, rief Angelika ihr zu, ehe sie aus der T\u00fcr und zum Taxistandplatz eilte. Der Verkehr war z\u00e4h. Im Fond des n\u00e4chsten Taxis schwor sich Angelika, die Kosten der gestrigen Nacht von Ingi einzutreiben \u2013 inklusive dieser Fahrt.<\/p>\n<p>&#8222;Sodale&#8220;, sagte der Taxler, und Angelika stellte mit Schrecken fest, dass er vor dem Haupteingang hielt und nicht auf der R\u00fcckseite, wo eine unscheinbare Holzt\u00fcr zum Personalumkleideraum im Souterrain f\u00fchrte. Der Doorman Josef \u00f6ffnete die Taxit\u00fcr.<\/p>\n<p>&#8222;Herzlich willkommen im Grand Hotel Frohner&#8220;, spulte er den in sein Blut \u00fcbergegangenen Satz ab, ehe er fl\u00fcsterte: &#8222;Fr\u00e4ulein Angelika aus der Verwaltung?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ich bin zu sp\u00e4t&#8220;, sagte Angelika, zahlte und stieg aus. Mitarbeiter durften in ziviler Kleidung nur den Personaleingang benutzen, doch den riesigen Quader zu umrunden, als welcher sich das Grand Hotel \u00fcber einen ganzen Block erhob, h\u00e4tte zu lange gedauert.<\/p>\n<p>&#8222;Geht es Ihnen gut?&#8220;, fragte Josef.<\/p>\n<p>&#8222;Es ist alles in bester Ordnung&#8220;, sagte Angelika und ging mit gro\u00dfen Schritten auf die Dreht\u00fcr zu, die sie hinein in diese andere Welt brachte. Drinnen schmerzten die schlafdeprivierten Augen vom Glanz des vierzigflammigen Lobmeyr-Lusters, der \u00fcber der Lobby leuchtete. Es war der verschlafene Vormittag nach einem Ball: Ein mond\u00e4nes Paar \u00f6ffnete seine Koffer, eine teuer gekleidete Dame wartete vor dem Concierge-Stehpult. Die Marmorfliesen gl\u00e4nzten frisch poliert, es roch nach Bienenwachs, mit dem der gewaltige Rezeptionstresen einmal pro Monat behandelt wurde. Die smaragdfarbenen Pl\u00fcschsessel, Vorh\u00e4nge, Teppiche und Uniformen der Angestellten waren makellos. Angelika meinte pl\u00f6tzlich, Ingis Erbrochenes an sich zu riechen. Sie d\u00fcnstete Alkohol und kalten Rauch aus, das Haarspray hatte Vogelnester in ihrer Dauerwelle hinterlassen, und in ihrem Gesicht klebten R\u00fcckst\u00e4nde der gestrigen Schminke.<\/p>\n<p>Angelika war zwar als vaterlose Hausbesorgerinnentochter aufgewachsen, sie waren immer nur gerade so \u00fcber die Runden gekommen, aber was ihre Mutter ihr von klein auf beigebracht hatte, war, dass einem eine Sache nie genommen werden konnte: Stolz. Wenn man ihn nicht empfand, gab es einen Zaubertrick, und dieser hie\u00df: Haltung. Schulterbl\u00e4tter nach unten, Kinn nach oben \u2013 Angelika schritt durch die Lobby, ihre Schuhe quietschten auf dem Fliesenboden. Rundherum: sch\u00f6ne Menschen. Reiche Menschen. M\u00e4chtige Menschen.<\/p>\n<p>Angelika roch ihren eigenen Schwei\u00df, aus ihren Poren drang das Ethanol. Um niemandes Blick zu begegnen, heftete sie ihre Augen auf das riesige Aquarium zwischen Lobby und Barbereich. Die Guppys schwammen heiter zwischen Seegras und Piratenschiff. Sobald einer mit dem Bauch nach oben trieb, rauschten Angestellte heran, um ihn zu entnehmen.<\/p>\n<p>Regelm\u00e4\u00dfig kam der Guppy-Z\u00fcchter mit einem Plastiksackerl vorbei, in dem frische Fische schwammen, auf dass kein Gast je merkte, dass auch im Grand Hotel Frohner die Welt im Wandel war: Hier wurde sie angehalten, hier herrschten Komfort, Glamour und Chic. Hier war alles besser, reiner, makellos. Das hatte Direktor Julius Frohner III. bei Angelikas Bewerbungsgespr\u00e4ch gesagt: Die G\u00e4ste im Grand Hotel Frohner suchten nicht die Auseinandersetzung mit der Realit\u00e4t, sondern eine Pause von derselben.<\/p>\n<p>Das Geheimnis eines jeden gro\u00dfen Hotels war, dass hinter den Kulissen Hunderte Zahnr\u00e4der reibungslos ineinandergriffen, ohne dass die G\u00e4ste etwas bemerkten, sodass sie sich willkommen f\u00fchlen und der Illusion der Perfektion hingeben konnten. Und um ihren Anteil daran beizutragen wie ein emsig umherschwimmender Guppy, tauschte Angelika in der Personalumkleide ihren Pullover gegen den smaragdgr\u00fcnen Hotel-Blazer und kam atemlos, gequ\u00e4lt von \u00dcbelkeit und Kopfschmerz, aber verzeihliche sieben Minuten zu sp\u00e4t in die Besprechung.<\/p>\n<p>    <img decoding=\"async\" class=\"lazyload author-img\" title=\"\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/46-218893282.jpg\"  data- alt=\" Vea Kaiser: &quot;Fabula Rasa oder \u2013 Die K\u00f6nigin des Grand Hotels&quot;\"\/><\/p>\n<p>         Vea Kaiser: &#8222;Fabula Rasa oder \u2013 Die K\u00f6nigin des Grand Hotels&#8220;<\/p>\n<p>\u00a0Vea Kaiser: &#8222;Fabula Rasa oder \u2013 Die K\u00f6nigin des Grand Hotels&#8220;, \u00a0576 Seiten, <a href=\"https:\/\/www.kiwi-verlag.de\/buch\/vea-kaiser-fabula-rasa-oder-die-koenigin-des-grand-hotels-9783462052343\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Kiepenheuer &amp; Witsch, ca. 26,50 \u20ac<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"&#8222;Die K\u00f6nigin des Grand Hotels&#8220; lautet der Untertitel dieses Romans, den Vea Kaiser in Wien, genauer in der&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":514591,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-514590","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115409549097441997","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/514590","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=514590"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/514590\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/514591"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=514590"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=514590"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=514590"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}