{"id":515276,"date":"2025-10-21T08:06:15","date_gmt":"2025-10-21T08:06:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/515276\/"},"modified":"2025-10-21T08:06:15","modified_gmt":"2025-10-21T08:06:15","slug":"jenseits-von-orientklischees-kunstwerke-von-spanien-bis-indien-neu-erzaehlt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/515276\/","title":{"rendered":"Jenseits von Orientklischees: Kunstwerke von Spanien bis Indien \u2013 neu erz\u00e4hlt"},"content":{"rendered":"<p>Spiegelmosaike, arabische Schriftkunst und koloniale Kontexte: Das Museum f\u00fcr Kunst und Gewerbe Hamburg zeigt mit der neu kuratierten Sammlung SWANA, wie sich Traditionen aus S\u00fcdwestasien und Nordafrika zeitgen\u00f6ssisch erz\u00e4hlen lassen. Erste Eindr\u00fccke.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Auf dem Museumsboden ist ein Muster aus Licht zu sehen, so als schimmere die Sonne durch ein Bl\u00e4tterdach. In Wahrheit wird das Ph\u00e4nomen jedoch durch ein Kunstwerk an der Wand verursacht: Sechs geometrische Elemente, die mit einem Mosaik aus Spiegelglas verziert wurden, reflektieren die Raumbeleuchtung. Die iranische K\u00fcnstlerin Monir Shahroudy Farmanfarmaian (1922 \u2013 2019) erlernte das Kunsthandwerk der Spiegelarbeit von einem Meister. Die Technik wurde in der persischen Safawiden-Dynastie seit dem 16. Jahrhundert entwickelt, um Pal\u00e4ste zu schm\u00fccken.<\/p>\n<p>Das Museum f\u00fcr Kunst und Gewerbe hat Farmanfarmaians Spiegelmosaik erworben und stellt es im Rahmen der neu ausgerichteten Sammlungspr\u00e4sentation \u201eInspiration SWANA\u201c aus. \u201eDer Ankauf zeigt, wo wir mit der Sammlung hinwollen: Traditionen sollen neu interpretiert werden\u201c, sagt Jasmin Holtk\u00f6tter, die mit Wibke Schrape, Leiterin der Sammlung Ostasien und SWANA, die Ausstellung kuratiert hat.<\/p>\n<p>Holtk\u00f6tters Kuratorenstelle wurde eigens f\u00fcr die neu aufgestellte Abteilung geschaffen. Von ihr kam auch der Impuls zur Umbenennung der insgesamt 1000 Objekte umfassenden \u201eSammlung islamische Kunst\u201c in \u201eSammlung SWANA\u201c. Das Akronym meint die Region S\u00fcdwestasien und Nordafrika, bezieht sich also nicht auf einen kulturell-religi\u00f6sen, sondern auf einen geografischen Raum. Der Perspektivenwechsel weitet den Blick: Das Gebiet, aus der die rund 200 Ausstellungsst\u00fccke stammen, reicht von Spanien bis Indien.<\/p>\n<p>Die Kuratorinnen haben in den bestehenden Schaur\u00e4umen wenige, aber wesentliche \u00c4nderungen vorgenommen: Die Vitrinen sind lockerer best\u00fcckt, Assoziationsr\u00e4ume \u00f6ffnen sich durch die Einbeziehung von Gegenwartskunst. Zudem wurde die Beschilderung erneuert und \u00fcbermittelt nun neben den kunsthistorisch-wissenschaftlichen Fakten auch anekdotische Informationen sowie Kommentare der K\u00fcnstler: \u201eWir wollen Vielstimmigkeit ins Museum bringen\u201c, sagt Schrape. Hinweise auf die Provenienz machen dar\u00fcber hinaus deutlich, dass der Aufbau der Sammlung im 19. Jahrhundert eng mit dem Kolonialismus in der betrachteten Region verbunden war.<\/p>\n<p>Weil deren Herkunft nicht l\u00fcckenlos rekonstruiert werden kann und sich koloniale Erwerbungskontexte nicht schlie\u00dfen lassen, sammelt das Museum heute keine historischen SWANA-Objekte mehr; stattdessen soll die Sammlung in die Gegenwart fortgef\u00fchrt werden. <\/p>\n<p>Wie das aussehen kann, verdeutlichen neu eingerichtete Ausstellungskapitel, in denen es unter anderem um die Themen Schrift und Geometrie geht. Hier zeigt etwa das Hamburger Modelabel Habibi eine interaktive Installation zum arabischen Alphabet, das die Ver\u00e4nderlichkeit der Buchstaben im Schriftbild erkl\u00e4rt. Als Beispiele f\u00fcr geometrische Verzierungen, die in der Region ein charakteristisches Gestaltungselement bilden, dienen spanische Fliesen aus der Zeit um 1550. An einer Mitmachstation k\u00f6nnen die Besucher aus rautenf\u00f6rmigen Magneten selbst beliebige Muster kreieren.<\/p>\n<p>Da die Sammlung zu 70 Prozent aus Baukeramik besteht, pr\u00e4gen diese kostbaren St\u00fccke die Schau weiterhin \u2013 wie etwa der Fliesenbogen aus der Zeit der Osmanen-Dynastie um 1570, der einst einen Sultanspalast geziert hat. Den prachtvollen, tiefgr\u00fcndigen Dekoren der historischen Keramik stehen Werke zeitgen\u00f6ssischer Designer gegen\u00fcber: Amir Mahdi Moslehi aus Teheran zum Beispiel entwarf die bildhafte, \u00e4u\u00dferst \u00e4sthetische Schrift Mirza. <\/p>\n<p>Im n\u00e4chsten Raum geht es um m\u00fcndliche Traditionen und Dichtkunst, gezeigt werden reich illustrierte Manuskripte, in deren Gestaltung Wort und Bild miteinander verwoben sind. Der Gegenwartsk\u00fcnstler Homa Delvaray entwarf ein farbenfrohes Poster, das sich auf ein Gedicht des persischen Dichters Hafez bezieht: Die Buchstaben einer Gedichtzeile werden zum Bildmotiv, agieren dort wie lebendige Wesen.<\/p>\n<p>Zu den eindrucksvollsten Exponaten zum Thema Glaube und Religiosit\u00e4t z\u00e4hlen die Fliesenfragmente vom Mausoleum des Buyan Quli Khan aus Buchara, Usbekistan. In der Schau korrespondieren die Fliesen von 1359 mit historischen Fotos und einem Modell des Mausoleums von 2007, das von dem Restaurator Wolfgang-Martin Hehr gefertigt wurde. Blaue Markierungen weisen auf die einstigen Positionen der Exponate im Innen- und Au\u00dfenraum des Grabmals hin. \u201eWir haben versucht, die Texte mehr zu kontextualisieren, ohne ihnen die Sch\u00f6nheit zu nehmen\u201c, so Schrape.<\/p>\n<p>Dass kulturelles Erbe in Bewegung ist, zeigt die Ausstellung am Beispiel der kontinuierlichen Glasproduktion, die sich parallel zu kulturellen und dynastischen Ver\u00e4nderungen in der SWANA-Region entwickelt hat. F\u00fcr den Verlust von Identit\u00e4t, Geschichte und Best\u00e4ndigkeit hingegen steht die Sprengung der Buddha-Statuen von Bamiyan in Afghanistan durch die Taliban 2001: \u201eDie Zerst\u00f6rung hat Schmerz und Leerstellen hinterlassen, die Omid Arabbay in seiner Arbeit zeigt\u201c, sagt Holtk\u00f6tter. Der K\u00fcnstler fixierte den Moment der Vernichtung des Kulturerbes in einem Filmstill und schuf einen Block aus rotem Sandstein, der eine L\u00fccke aufweist.<\/p>\n<p>Gef\u00e4\u00dfkeramik aus zehn Jahrhunderten bildet den Abschluss des Rundganges. Die Kuratorinnen erz\u00e4hlen anhand repr\u00e4sentativer Objekte in der halbrunden Vitrine eine Geschichte von Vielfalt und Wechselwirkungen. Eine 2020 entstandene Position von Ibrahim Said bezieht sich auf Siebverschl\u00fcsse von Wasserkr\u00fcgen aus dem \u00c4gypten des 10. Jahrhunderts, die mit filigranen, floralen Mustern geschm\u00fcckt sind. Der K\u00fcnstler vergr\u00f6\u00dferte die Muster, \u00fcbertrug sie auf die Au\u00dfenwand seiner Gef\u00e4\u00dfe und verschaffte ihnen so Aufmerksamkeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Spiegelmosaike, arabische Schriftkunst und koloniale Kontexte: Das Museum f\u00fcr Kunst und Gewerbe Hamburg zeigt mit der neu kuratierten&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":515277,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1826],"tags":[29,30,692,95581,2147,128034],"class_list":{"0":"post-515276","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-hamburg","8":"tag-deutschland","9":"tag-germany","10":"tag-hamburg","11":"tag-kunstmuseen-ks","12":"tag-museen","13":"tag-orientalistik-ks"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115411129731323150","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/515276","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=515276"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/515276\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/515277"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=515276"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=515276"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=515276"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}