{"id":517176,"date":"2025-10-22T01:49:24","date_gmt":"2025-10-22T01:49:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/517176\/"},"modified":"2025-10-22T01:49:24","modified_gmt":"2025-10-22T01:49:24","slug":"festival-politik-im-freien-theater-pasolinis-erben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/517176\/","title":{"rendered":"Festival Politik im Freien Theater \u2013 Pasolinis Erben"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img312956\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/312956.jpeg\" alt=\"Nur oberfl\u00e4chlich sch\u00f6n: Der westdeutsche Schlager und seine rassistischen Implikationen, die Jona Tischkau in \u00bbIch nehm dir alles weg\u00ab aufzeigt\"\/><\/p>\n<p>Nur oberfl\u00e4chlich sch\u00f6n: Der westdeutsche Schlager und seine rassistischen Implikationen, die Jona Tischkau in \u00bbIch nehm dir alles weg\u00ab aufzeigt<\/p>\n<p>Foto: Lennart Brede<\/p>\n<p>Festivals stehen f\u00fcr den kulturellen Ausnahmezustand. Ein \u00dcberangebot von Kunst und Spektakel stellt den Besucher vor eine schwer l\u00f6sbare Aufgabe: Wie soll ich mir all das ansehen? Oder sollte ich das vielleicht gar nicht? Denn, so wei\u00df der Festivalroutinier, es geht neben dem offiziellen Programm auch darum, etwas von der Stimmung mitzunehmen, dieser besonderen Festivalstimmung, nach der auch ich hier suche.<\/p>\n<p>Leipzig, das in diesem Jahr das Festival \u00bbPolitik im Freien Theater\u00ab beherbergt, macht es einem einfach. Das zutiefst unangenehme Oktoberwetter treibt einen geradezu in die Theater. In jeder Ecke der Stadt sind Spielorte zu entdecken. Bei jedem Fu\u00dfweg st\u00f6\u00dft man wie zuf\u00e4llig auf Veranstaltungen des Rahmenprogramms. Stadtteilf\u00fchrungen mit K\u00fcnstlern und Ausstellungen, Videokunst und Diskussionsrunden komplettieren das Theaterangebot. Die anderen Festivalbesucher erkennt man weithin sichtbar an ihren bunten Schals, ein Werbeaccessoire der Veranstalter, das man dieser Tage stolz bekennend wie ein Fu\u00dfballfan zur Schau stellt.<\/p>\n<p>\u00bbPolitik im Freien Theater\u00ab wird seit 1988 von der Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung ausgerichtet und findet im Dreijahresrhythmus in wechselnden St\u00e4dten statt. Aber keine Sorge, hier sorgt kein staatstragender Zensor f\u00fcr ein streng p\u00e4dagogisches oder ein vorgeblich politisch ausgewogenes Programm. Man darf sich auf Kunst einstellen.<\/p>\n<p>Der Name des Festivals umschreibt die Agenda \u2013 und wirft doch Fragen auf. Freies Theater, was soll das sein? In den 80er Jahren in der alten Bundesrepublik spielte die freie Szene eine klare Rolle. Sie war das Kontrastprogramm, auch politischer Art, zum bisweilen angestaubten Stadttheaterbetrieb. Hier wurden Experimente gewagt, Gewohnheiten aufgebrochen und das Publikum wurde herausgefordert.<\/p>\n<p>Heutzutage ist das freie Theater vielleicht gar nicht mehr so frei. Die gro\u00dfen Produktionsh\u00e4user der freien Szene finanzieren sich wie die Stadt- und Staatstheater meist durch Zusch\u00fcsse aus der \u00f6ffentlichen Hand. Die schrittweise Institutionalisierung steht auch im Widerspruch zu dem gepflegten anarchischen Image. Die Stadttheater sind gar nicht mal so bieder und die freie Szene ist weniger wild, als man erwarten w\u00fcrde. Und Grenzg\u00e4nger zwischen diesen beiden Welten gibt es mittlerweile seit Jahrzehnten. Einen konstanten Unterschied gibt es aber doch noch: Arbeiten in der freien Szene werden ohne festes Ensemble und ohne Repertoirebetrieb entwickelt. So verhilft das Festival einigen Produktionen zu einer unerwarteten Wiederaufnahme und dem Leipziger Publikum zu ganz neuen Theatererfahrungen.<\/p>\n<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img312957\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/312957.jpeg\" alt=\"Raumgreifend: Michael Turinsky in \u00bbWork Body\u00ab\"\/><\/p>\n<p>Raumgreifend: Michael Turinsky in \u00bbWork Body\u00ab<\/p>\n<p>Foto: Loizenbauer<\/p>\n<p>Der andere schwierige Begriff im Titel lautet: Politik. W\u00e4hrend die einen meinen, sobald sich jemand auf die B\u00fchne stellt, handelte es sich schon um einen politischen Akt, muss f\u00fcr andere schon ein Parteiprogramm verlesen werden, damit von politischem Theater die Rede sein kann. Die Auswahljury hat sich f\u00fcr einen Mittelweg entschieden. Rassismus und die Herausforderungen einer durchtechnologisierten Welt, Gemeinschaft und Identit\u00e4t, Krieg und gesellschaftliche Teilhabe sind die Schlagworte, mit denen man das Gastspielprogramm beschreiben k\u00f6nnte, das 16 Produktionen umfasst.<\/p>\n<p>Zu dem Gastspielprogramm z\u00e4hlt auch \u00bb[EOL]. End of Life\u00ab von dem K\u00fcnstlerkollektiv Darum, eine Produktion, die derzeit von Festival zu Festival herumgereicht wird und etwa auch beim Berliner Theatertreffen zu sehen war. Mit K\u00f6pfh\u00f6rern und VR-Brille ausgestattet, begibt man sich auf einen Trip, der nur bedingt mit Theater zu tun hat. Es handelt sich um eine Veranstaltung ohne Schauspieler, bei der man selbst das einzige Publikum ist. Technisch sehr avanciert, wird man zum Entscheider dar\u00fcber, ob virtuelle Welten, die als private Erinnerungsorte gedient haben und nun verwaist sind, zum Datenabfall zu z\u00e4hlen sind und also gel\u00f6scht geh\u00f6ren. Narrativ ger\u00e4t der verkabelte Ausflug allerdings an seine Grenzen und \u00fcbrig bleibt der Versuch, den Mitspieler moralisch in Gewahrsam zu nehmen.<\/p>\n<p>Auch Joana Tischkaus sogenanntes Schlagerballett \u00bbIch nehm dir alles weg\u00ab ist zu Gast in Leipzig, genauer: im Theater der jungen Welt, Leipzigs st\u00e4dtischem Kinder- und Jugendtheater. Tischkau zeigt uns die h\u00e4ssliche Fratze hinter dem Dauergrinsen, das wir aus dem Schlagergesch\u00e4ft kennen. Roberto Blanco und Marie Nejar, Roy Black und Billy Mo kehren untot auf die B\u00fchne zur\u00fcck. \u00bbIch bin der schw\u00e4rzeste Bayer auf der Welt\u00ab, wird da geschlagert. \u00bbSchwarzbraun ist die Haselnuss, schwarzbraun bin auch ich\u00ab, hei\u00dft es an anderer Stelle. Anhand der gutgelaunten Schlagerwelt zeigt uns Tischkau den offenen Rassismus Westdeutschlands, der heutzutage in anderer Form fortlebt. Mit Witz und treffsicher geht das \u00fcber die B\u00fchne, ger\u00e4t aber als Nummernrevue harmloser, als es eigentlich sein m\u00fcsste. <\/p>\n<p>Einen der H\u00f6hepunkte des Programms stellt sicher \u00bbWork Body\u00ab dar, das in der Diskothek, einer Nebenspielst\u00e4tte des Schauspiels Leipzig, gezeigt wird. Hinter dem 80-min\u00fctigen Abend steckt der Wiener Performer und Choreograf Michael Turinsky. Nachdem sich die Zuschauer in dem unbestuhlten Saal allm\u00e4hlich ihre Pl\u00e4tze auf dem Boden gesucht haben, kommt der k\u00f6rperbehinderte Darsteller mit einem Handhubwagen herein \u2013 und scheucht einen Teil des Publikums wieder auf. Bald schon macht Turinsky seine Runden mit dem Gef\u00e4hrt und keiner steht oder sitzt lange an einer Stelle.<\/p>\n<p>In blauer Latzhose begegnet er uns und folgt seiner Mission, schiebt hin und her, baut sich seine B\u00fchne und nimmt sich den Raum daf\u00fcr. Wie nebenbei ruft er Fragen auf \u2013 nach unserem Bild von Arbeit, nach sinnstiftender Besch\u00e4ftigung, nach Effizienz. Wir reden gerne von Toleranz in unserer offenen Gesellschaft. Turinsky will wissen, ob auch in der vom Kapital regierten Arbeitswelt Platz f\u00fcr eine Person mit Behinderung ist.<\/p>\n<p>nd.DieWoche \u2013 unser w\u00f6chentlicher Newsletter<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/312958.jpeg\" alt=\"\" title=\"\" width=\"170\"\/><\/p>\n<p>Mit unserem w\u00f6chentlichen Newsletter <strong>nd.DieWoche<\/strong> schauen Sie auf die wichtigsten Themen der Woche und lesen die <strong>Highlights<\/strong> unserer Samstagsausgabe bereits am Freitag. <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/newsletter\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Hier das kostenlose Abo holen<\/a>.<\/p>\n<p>Nach einer kurzen Weile kommt er mit einer Schubkarre zur\u00fcck in den aufgeheizten Raum. Eine Schubkarre voller Eis, darin alkoholfreies Dosenbier. Genug f\u00fcr alle. Ja, das muss sie sein: die Festivalstimmung, die einen bei dieser Performance \u00fcberkommt und die auch mich sp\u00e4testens jetzt einnimmt.<\/p>\n<p>Die Filmikone Pier Paolo Pasolini, so l\u00e4sst uns Turinsky wissen, hat ein Gedicht geschrieben mit dem Titel \u00bbGramscis Asche\u00ab. Gramsci sei k\u00f6rperlich behindert gewesen. Aber er identifizierte sich nicht als behindert, sondern als Kommunist. Ist es heute, will der Performer wissen, nicht einfacher, sich als queer oder behindert zu identifizieren denn als Kommunist?<\/p>\n<p>Und wenn man ein wenig \u00fcberw\u00e4ltigt die Performance verl\u00e4sst, wei\u00df man vielleicht auch besser, was unter politischem Theater zu verstehen ist, oder zumindest, wie es sein sollte: eine kluge und zugleich sinnliche Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen, die einen noch eine ganze Weile bannt.<\/p>\n<p class=\"wp-block-ppi-ndarticlecommet\">Die zw\u00f6lfte Ausgabe des Festivals \u00bbPolitik im Freien Theater\u00ab geht am 25. Oktober zu Ende.<a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/pift2025\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><br \/>www.bpb.de\/pift2025\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Nur oberfl\u00e4chlich sch\u00f6n: Der westdeutsche Schlager und seine rassistischen Implikationen, die Jona Tischkau in \u00bbIch nehm dir alles&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":517177,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1832],"tags":[3364,29,30,71,859,94],"class_list":{"0":"post-517176","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-leipzig","8":"tag-de","9":"tag-deutschland","10":"tag-germany","11":"tag-leipzig","12":"tag-sachsen","13":"tag-theater"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115415310149050758","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/517176","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=517176"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/517176\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/517177"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=517176"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=517176"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=517176"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}