{"id":518141,"date":"2025-10-22T11:22:16","date_gmt":"2025-10-22T11:22:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/518141\/"},"modified":"2025-10-22T11:22:16","modified_gmt":"2025-10-22T11:22:16","slug":"todesstrafe-weltweit-grausam-und-sinnlos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/518141\/","title":{"rendered":"Todesstrafe weltweit &#8211; grausam und sinnlos"},"content":{"rendered":"<p>                    <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"internal-image\" title=\"Fu\u00dffesseln im Hinrichtungsraum des Gef\u00e4ngnisses in McAlester, Oklahoma (Aufnahme von 2014).\" alt=\"Fu\u00dffesseln im Hinrichtungsraum des Gef\u00e4ngnisses in McAlester, Oklahoma (Aufnahme von 2014).\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/todesstrafe-usa-100-1920x1080.jpg\" \/><\/p>\n<p>                  Fu\u00dffesseln im Hinrichtungsraum des Gef\u00e4ngnisses in McAlester, Oklahoma (Aufnahme von 2014). (picture alliance \/ AP Images \/ Sue Ogrocki)<\/p>\n<p>&#8222;Dead man walking&#8220;: Das ist der Ruf der Gef\u00e4ngnisw\u00e4rter, als der zum Tode verurteilte Straft\u00e4ter aus seiner Zelle zum Ort der Hinrichtung gef\u00fchrt wird. Im gleichnamigen Film von 1995 zeigt Hollywood-Star Sean Penn als inhaftierter M\u00f6rder sein ganzes K\u00f6nnen. Der T\u00e4ter wird zum Opfer eines brutalen Strafsystems, das Gerechtigkeit und Ausgleich in Rache und Vergeltung sucht.<\/p>\n<p>Der M\u00f6rder, den Penn spielt, scheint zutiefst uneinsichtig und arrogant zu sein, er leugnet die Wahrheit scheinbar reuelos \u2013 und findet dann doch noch, kurz vor dem Tod, zur Wahrheit. Der Film ist ersch\u00fctternd. Wer f\u00fcr den strauchelnden Dead Man auch nur ein klein wenig das Herz \u00f6ffnen kann, bleibt am Ende schockiert zur\u00fcck. Sein Tod macht nichts gut.<\/p>\n<p>                    <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"internal-image\" title=\"Sean Penn als Matthew Poncelet in dem Film Dead Man Walking (USA\/UK 1995).\" alt=\"Sean Penn als Matthew Poncelet in dem Film Dead Man Walking (USA\/UK 1995).\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/sean-penn-dead-man-walking-100-1280xauto.jpg\" \/><\/p>\n<p>                  Ersch\u00fctternd: Sean Penn in Dead Man Walking (1995). (picture alliance \/ Mary Evans \/ AF Archive)<\/p>\n<p>Dennoch wird in breiteren Teilen der amerikanischen Gesellschaft die Todesstrafe noch immer bef\u00fcrwortet \u2013 Angeh\u00f6rige von Opfern sprechen von Gerechtigkeit, die es nun endlich gebe, wenn wieder ein T\u00e4ter hingerichtet worden ist. Auge um Auge, Zahn um Zahn \u2026 die Todesstrafe ist ein hochemotionales Thema, das deswegen schwer verhandelbar ist.<\/p>\n<p>China ist Sch\u00e4tzungen zufolge das Land mit den meisten Hinrichtungen, doch Peking ver\u00f6ffentlicht keine Daten dazu. Die vollstreckten Todesurteile sind Staatsgeheimnis. Auch \u00fcber Exekutionen in Nordkorea und Vietnam gibt es keine Zahlen.<\/p>\n<p>                Um ihr <a title=\"Link auf: j\u00e4hrliches Lagebild\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.amnesty.de\/sites\/default\/files\/2025-04\/Amnesty-Bericht-Todesstrafe-weltweit-2024-Zahlen-und-Fakten-April-2025.pdf\" class=\"click-tracking-paragraph\" data-tracking=\"{&quot;name&quot;:&quot;Link in Beitrag&quot;,&quot;chapter1&quot;:&quot;https:\/\/www.amnesty.de\/sites\/default\/files\/2025-04\/Amnesty-Bericht-Todesstrafe-weltweit-2024-Zahlen-und-Fakten-April-2025.pdf&quot;,&quot;chapter2&quot;:&quot;j\u00e4hrliches Lagebild&quot;,&quot;chapter3&quot;:&quot;Todesstrafe - Grausam und sinnlos&quot;,&quot;level2&quot;:1}\" rel=\"noopener\">j\u00e4hrliches Lagebild<\/a> zu erstellen, greift die Menschenrechtsorganisation Amnesty International nur auf gesicherte Angaben zur\u00fcck. Demnach wurden 2024 mindestens 1.518 Menschen in 15 verschiedenen L\u00e4ndern hingerichtet, ein Gro\u00dfteil davon im Nahen Osten.<\/p>\n<p>Zwar blieb die Anzahl der Staaten, in denen Exekutionen stattfanden, auf historisch niedrigem Niveau. Zugleich gab es in einigen L\u00e4ndern aber eine massive Zunahme der Hinrichtungen.<\/p>\n<p>Insbesondere Iran, Irak und Saudi-Arabien z\u00e4hlten dazu. Der Irak vervierfachte seine Exekutionen binnen Jahresfrist (von mindestens 16 auf mindestens 63), Saudi-Arabien verdoppelte die Hinrichtungen (von 172 auf mindestens 345) und auch der Iran richtete 119 Personen mehr hin als im Vorjahr (von mindestens 853 auf mindestens 972). In den USA wurden 25 Menschen aus der Todeszelle geholt und exekutiert.<\/p>\n<p>                Die Studienlage dazu ist un\u00fcbersichtlich. Es gibt Untersuchungen, die die Frage bejahen und solche, die sie verneinen. Ein Doktorand an der rechtswissenschaftlichen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Heidelberg hat <a title=\"Link auf: 82 Studien unter die Lupe genommen\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/archiv.ub.uni-heidelberg.de\/volltextserver\/16641\/1\/Folter_Christian.pdf\" class=\"click-tracking-paragraph\" data-tracking=\"{&quot;name&quot;:&quot;Link in Beitrag&quot;,&quot;chapter1&quot;:&quot;https:\/\/archiv.ub.uni-heidelberg.de\/volltextserver\/16641\/1\/Folter_Christian.pdf&quot;,&quot;chapter2&quot;:&quot;82 Studien unter die Lupe genommen&quot;,&quot;chapter3&quot;:&quot;Todesstrafe - Grausam und sinnlos&quot;,&quot;level2&quot;:1}\" rel=\"noopener\">82 Studien unter die Lupe genommen<\/a>, 26 davon bejahten seiner Dissertation zufolge die Abschreckungswirkung der Todesstrafe. Doch viele dieser Studien wiesen erhebliche methodische M\u00e4ngel auf. Sein Fazit: Letztlich fehle es an einem belastbaren Nachweis der Abschreckungswirkung der Todesstrafe.<\/p>\n<p>In seinem Buch \u201eWenn der Staat t\u00f6tet. Eine Geschichte der Todesstrafe\u201c schreibt der Journalist Helmut Ortner, \u201edass der Vollzug der Todesstrafe nirgendwo, und zwar wissenschaftlich belegt, dazu beitr\u00e4gt, dass weniger Gewalttaten, weniger Morde, weniger Scheu\u00dflichkeiten, weniger B\u00f6ses auf dieser Welt passiert.\u201c<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite ist die Mordrate beispielsweise in Kanada \u2013 einem Land ohne Todesstrafe \u2013 sehr viel kleiner als in den USA. Dort wird die Todesstrafe noch in einigen Staaten vollstreckt. Und auch hier zeigen Statistiken, dass die Staaten mit Todesstrafe h\u00f6here Mordraten haben als jene, die keine Straft\u00e4ter hinrichten. <\/p>\n<p>Todesstrafe ja oder nein: Das ist eine ethische, moralische und auch emotionale Frage, bei der tiefe \u00dcberzeugungen eine wesentliche Rolle spielen. Bef\u00fcrworter halten die Strafe f\u00fcr gerecht und glauben, dass sie T\u00e4ter potenziell abschreckt und damit die Gesellschaft sicherer macht. Rache und Vergeltung wird eine kl\u00e4rende, bereinigende Funktion zugeschrieben: Der M\u00f6rder bezahlt mit seinem Leben, danach ist die Welt wieder im Gleichgewicht.<\/p>\n<p>                    <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"internal-image\" title=\"Elektrischer Stuhl im Texas Prison Museum in Huntsville.\" alt=\"Elektrischer Stuhl im Texas Prison Museum in Huntsville.\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/elektrischer-stuhl-100-1280xauto.jpg\" \/><\/p>\n<p>                  Bis 1964 im Einsatz: Elektrischer Stuhl im Texas Prison Museum in Huntsville. (picture alliance \/ AP Photo \/ Pat Sullivan)<\/p>\n<p>Die Gegner argumentieren, die Todesstrafe sei unmenschlich, grausam und sinnlos. Sie warnen vor Justizirrt\u00fcmern: Es gebe keine M\u00f6glichkeit, zu verhindern, dass auch Unschuldige exekutiert w\u00fcrden. <\/p>\n<p>Kein Strafsystem k\u00f6nne best\u00e4ndig und fair ausw\u00e4hlen, wer nach welchen Verbrechen am Leben bleiben d\u00fcrfe und wer nicht, betont Amnesty International. Letztlich sei sie eine Verletzung des Rechtes auf Leben und des Rechtes, keiner grausamen, unmenschlichen oder erniedrigenden Bestrafung unterworfen zu werden, wie sie die Allgemeine Erkl\u00e4rung der Menschenrechte verk\u00fcnde.<\/p>\n<p>Seit Jahrtausenden werden Menschen hingerichtet. Die Todesstrafe gebe es, seit ein gesellschaftliches Gef\u00fcge existiere, sagt der Historiker und Wissenschaftsredakteur Martin Haidinger, der ein Buch \u00fcber das Thema verfasst hat. Die \u00e4lteste Form der Todesstrafe sei das Verjagen, die Verbannung, gewesen. Wer von seinem Stamm fortgejagt wurde, hatte kaum Chancen, in der wilden Natur zu \u00fcberleben.<\/p>\n<p>Aus fr\u00fchen Hochkulturen sind Quellen bekannt, die von der Verh\u00e4ngung und Vollstreckung von Todesstrafen erz\u00e4hlen. So zum Beispiel der Codex Hammurapi, eine babylonische Sammlung von Gesetzen aus dem 18. Jahrhundert vor Christus. Dort sind Delikte wie Ehebruch oder Zauberei mit der Todesstrafe belegt.<\/p>\n<p>                Hinrichtungen werden zum Spektakel<\/p>\n<p>Auch im Alten Testament wird die Todesstrafe bef\u00fcrwortet. Und die erste Demokratie der Welt in Athen im vierten und f\u00fcnften Jahrhundert vor unserer Zeit kannte sie ebenfalls. Damals habe es noch keine Gef\u00e4ngnisse gegeben, betont Haidinger. Entweder man wurde versklavt, durch Zwangsarbeit zugrunde gerichtet oder sofort zu Tode gebracht.<\/p>\n<p>Im alten Rom bekommen Todesurteile eine andere Funktion und Bedeutung. In der Kaiserzeit werden Hinrichtungen zu einem brutalen Spektakel. In der Arena m\u00fcssen Verurteilte vor tausenden Zuschauern gegen wilde Tiere k\u00e4mpfen, das Publikum kann seiner Angstlust fr\u00f6nen.<\/p>\n<p>Im Mittelalter haben Hinrichtungen auf Marktpl\u00e4tzen ebenfalls nicht selten Volksfestcharakter. Das Christentum sorgt einerseits f\u00fcr Zweifel an der Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der Strafe, andererseits gibt es aber auch die Vorstellung, dass Hinrichtungen dazu beitragen, die g\u00f6ttliche Ordnung wiederherzustellen. In der Zeit der Aufkl\u00e4rung w\u00e4chst dann die Kritik an der Todesstrafe.<\/p>\n<p>Doch sie verschwindet nicht. Besonders autorit\u00e4re Staaten wie die Sowjetunion unter Stalin oder das nationalsozialistische Deutschland benutzen sie systematisch zum Machterhalt. In der Zeit zwischen 1933 und 1945 werden in Deutschland \u00fcber 16.000 Todesurteile gef\u00e4llt, und ungef\u00e4hr drei Viertel davon auch vollstreckt. In Westdeutschland wird die Todesstrafe 1949 aus dem Strafsystem getilgt, in der DDR erst 1987. Ihre Abschaffung ist im Art. 102 des Grundgesetzes verankert.<\/p>\n<p>Das ist ein frommer Wunsch. Der Historiker Martin Haidinger sieht Europa eher als Ausnahme bei dieser Frage. Dass ein Staat einen Menschen t\u00f6te, sei ein absurder Vorgang, sagt er. Doch zur Durchsetzung von politischer und religi\u00f6ser Macht und bei Kapitalverbrechen werde sie weiter bestehen bleiben.<\/p>\n<p>Der Historiker und Gewaltforscher J\u00fcrgen Martschukat warnt davor, sich bei dieser Frage Illusionen zu machen: \u201eWir m\u00fcssen eher darauf achten, dass wir bei uns nicht in eine Situation kommen, in der \u00fcber die Wiedereinf\u00fchrung der Todesstrafe politisch diskutiert wird\u201c, sagt er. Untersuchungen zeigten, dass die Meinung der Bev\u00f6lkerung in dieser Frage nicht verl\u00e4sslich sei, sondern in bestimmten Konstellationen schnell kippen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Ein aktuelles Meinungsbild f\u00fcr Deutschland fehlt allerdings. Einer Allensbach-Erhebung von 2016 zufolge waren rund 17 Prozent der Befragten f\u00fcr die Wiedereinf\u00fchrung der Todesstrafe hierzulande, \u00fcber dem statistischen Schnitt lagen nur die AfD-Anh\u00e4nger mit 43 Prozent. Zwei Jahre zuvor hatte immerhin noch ein Viertel der Bev\u00f6lkerung die Todesstrafe bef\u00fcrwortet.<\/p>\n<p>ahe<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Fu\u00dffesseln im Hinrichtungsraum des Gef\u00e4ngnisses in McAlester, Oklahoma (Aufnahme von 2014). 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