{"id":518847,"date":"2025-10-22T17:50:50","date_gmt":"2025-10-22T17:50:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/518847\/"},"modified":"2025-10-22T17:50:50","modified_gmt":"2025-10-22T17:50:50","slug":"dgb-aussenminister-a-d-zum-70-was-macht-eigentlich-helmut-fiedler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/518847\/","title":{"rendered":"DGB-Au\u00dfenminister a.D. zum 70.: Was macht eigentlich Helmut Fiedler?"},"content":{"rendered":"<p><b>Weiden. Vor sechs Jahren verabschiedete sich Helmut Fiedler als \u201eAu\u00dfenminister des DGB\u201c nach fast f\u00fcnf Jahrzehnten im Dienst der Arbeitnehmer in den Vorruhestand. Heute, mit 70, managt er noch immer mehr Vereine und Grenzprojekte als mancher Berufsjugendliche.<\/b><\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" class=\"block-image__image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/DGB-Helmut-Fiedler-zum-70.-Geburtstag-191025-jrh-OE-01-scaled.jpg\" alt=\"\" style=\"  object-fit: cover\"\/><\/p>\n<p>\t\t\t\tDGB-Bezirkschef a.D. Helmut Fiedler zum Kaffeeplausch im Beanery. Foto: J\u00fcrgen Herda            <\/p>\n<p>Was <strong>Helmut Fiedler<\/strong> im Weidener Beanery erz\u00e4hlt, klingt nach einem Drehbuch zwischen Malocher-Mythos und Oberpf\u00e4lzer Kabarett. \u201eMein Vater, ein geb\u00fcrtiger Gelsenkirchener, war Schalker, ich Bayern-Fan \u2013 Streit vorprogrammiert\u201c, lacht er. \u201eEr spielte f\u00fcr die Blauen in der f\u00fcnften Mannschaft, ich bin sp\u00e4ter wegen Katsche Schwarzenbeck und Sepp Maier zu den Roten \u00fcbergelaufen.\u201c<\/p>\n<p>Ein Gewerkschafter und der geldige FC Bayern? Zum einen sollte man nicht vergessen, dass die Roten f\u00fcr ihren j\u00fcdischen Pr\u00e4sidenten Kurt Landauer in der NS-Zeit immerhin phasenweise so etwas wie Zivilcourage auf den gr\u00fcnen Rasen brachten \u2013 etwa als sie zum Entsetzen der Nazis bei einem Freundschaftsspiel in der Schweiz ihrem vom Regime verfolgten Ex-Boss auf der Trib\u00fcne geschlossen applaudierten.<\/p>\n<p><strong>Der Unruhest\u00e4ndler<\/strong><\/p>\n<p>Und bei aller Fantreue hat Fiedler seinen Realit\u00e4tssinn nicht verloren: \u201eJeder soll sein Geld verdienen, aber fahr mal nach M\u00fcnchen \u2013 unter einem Hunderter geht gar nix.\u201c Deshalb engagiert er sich seit 1979 lieber in der Jugendf\u00f6rdergemeinschaft Seugast-Freihung-Kaltenbrunn, gr\u00fcndete sie sogar mit \u2013 als Finanzmanager, Organisator, Mentor. \u201eIch begleite die Jugendarbeit\u201c, sagt er n\u00fcchtern. Tats\u00e4chlich: Er lebt sie. Fu\u00dfball bleibt sein Taktgeber, ob Nationalmannschaft oder D-Jugend. <\/p>\n<p>Fiedlers Ruhestand liest sich wie das Wochenprogramm eines hyperaktiven Bezirkssekret\u00e4rs: Kassenpr\u00fcfer beim F\u00f6rderverein Freyung, Kassier im Verein B\u00f6hmisch-Bayerische Kommunikation (BoBaKom), Vorsitzender und Projektmanager, EU-Antr\u00e4ge, Gedenkfahrten, Pr\u00e4sidiumssitzungen. \u201eWir laden im November wieder Schulen nach Flossenb\u00fcrg ein\u201c, erz\u00e4hlt er. \u201eZwei Busse aus Tschechien, Auff\u00fchrungen der Sch\u00fcler.\u201c Es sind solche Gesten, die zeigen, dass Fiedler der Br\u00fcckenbauer bleibt, der er immer war: zwischen Bayern und B\u00f6hmen, Jung und Alt, Kapital und Kollektiv.<\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" class=\"block-image__image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/DGB-Abschied-Helmut-Fiedler-020419-2-scaled.jpg\" alt=\"\" style=\"  object-fit: cover\"\/><\/p>\n<p>\t\t\t\tDGB-Bezirkschef a.D. Helmut Fiedler (rechts) mit seinem damaligen Nachfolger Petr Arnican. Archivfoto: J\u00fcrgen Herda            <\/p>\n<p><strong>Diplomatie mit Dialekt<\/strong><\/p>\n<p>Als Fiedler 2019 als DGB-Abteilungsleiter f\u00fcr internationale Beziehungen in den Ruhestand ging, hinterlie\u00df er nicht nur ein Netzwerk, sondern eine Haltung: Solidarit\u00e4t endet nicht an der Grenze. 2004 hebt er Eures, ein europaweites Netzwerk, das die Mobilit\u00e4t im Arbeitsmarkt \u00fcber Grenzen hinweg f\u00f6rdert, in der Region aus der Taufe. Zehn Jahre ist er dessen Pr\u00e4sident und hilft, tschechischen Arbeitnehmern sich in deutschen Betrieben zurechtzufinden \u2013 und erkl\u00e4rt deutschen Arbeitgebern, dass Ausbeutung kein Gesch\u00e4ftsmodell ist. <\/p>\n<p>Sein Nachfolger <strong>Petr Arnican<\/strong>, selbst Tscheche und Freund, nennt ihn bis heute \u201eden letzten echten Europ\u00e4er aus der Oberpfalz\u201c. Fiedler selbst sieht\u2019s pragmatischer: \u201eIch hab\u2018 einfach erkl\u00e4rt, was Sache ist \u2013 auf beiden Seiten.\u201c Weil die deutsch-tschechischen Arbeitnehmerbeziehungen f\u00fcr den heutigen bayerischen DGB-Boss nicht mehr Chefsache sind, ist Arnican inzwischen zur IG Metall gewechselt, wo er das Amberger B\u00fcro betreut.<\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" class=\"block-image__image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/DGB-Jugend-scaled.jpg\" alt=\"\" style=\"  object-fit: cover\"\/><\/p>\n<p>\t\t\t\tBezirkstagung des DGB in Weiden im Vorjahr von Helmut Fiedlers Ruhestand. Archivfoto: J\u00fcrgen Herda            <\/p>\n<p><strong>Vom roten Schal zum grauen Bart<\/strong><\/p>\n<p>In der SPD f\u00fchlt sich Fiedler noch immer halb zu Hause, halb fremd. \u201eIch verstehe die jungen Wilden weder bei den Roten noch bei den Schwarzen\u201c, sagt er mit Blick auf den \u00fcberfl\u00fcssigen Kleinkrieg um Richterernennungen oder das angedachte Losverfahren beim \u201efreiwilligen\u201c Wehrdienst. \u201eStreit geh\u00f6rt dazu, aber intern \u2013 nicht in der Zeitung.\u201c Dann kommt der Gewerkschafter in ihm durch: \u201eWenn Vereinbarungen st\u00e4ndig gebrochen werden, geht\u2019s irgendwann nicht mehr. Der Kampf m\u00fcsste zwischen Arm und Reich gef\u00fchrt werden, nicht zwischen Jung und Alt.\u201c <\/p>\n<p>Solche S\u00e4tze sind kein Nostalgieprogramm, sondern Handlungsanweisung. Fiedler bleibt Realist mit R\u00fcckgrat \u2013 und mit Humor. \u201eIch sag\u2019 immer: Der DGB hat verlangt, dass alle Betriebe eine betriebliche Altersversorgung einf\u00fchren \u2013 nur bei sich selbst nicht. Das haben wir dann ge\u00e4ndert.\u201c Und weil vieles in seiner Person geb\u00fcndelt war \u2013 1998 bis 2018 Betriebsrat im DGB, Gesamtbetriebsrat ab 2000, ab 2005 GBA-Pr\u00e4sidium \u2013 sagte er zu seinen Leuten damals gerne ironisch: \u201eIhr habt einen Chef, zu dem k\u00f6nnt\u2019s gehen und wenn ihr euch beschweren wollt, zu dem ist\u2019s auch nicht weit.\u201c<\/p>\n<p><strong>Hautnah dem Leben<\/strong><\/p>\n<p>Dass er das alles noch erz\u00e4hlen kann, ist nicht selbstverst\u00e4ndlich. Ein schwarzer Hautkrebs zwang ihn vor sechs Jahren zum Innehalten. \u201eNoch bevor ich das Unterhemd herunten hatte, sagte die \u00c4rztin: Das muss sofort operiert werden.\u201c Zwei OPs sp\u00e4ter war klar: Der K\u00f6rper braucht Ruhe \u2013 der Geist nicht. <\/p>\n<p>Seitdem reist er lieber zur Familie ins Ruhrgebiet als zu Sitzungen nach Br\u00fcssel, genie\u00dft die Runden \u00fcber Land, besucht alte Freunde \u2013 und seine Jugendmannschaften. Heute zwackt ihn manches Zipperlein, weshalb sein schelmisches Grinsen bei einer falschen Bewegung manchmal zur Maske erstarrt: \u201eIch habe mir einen Muskelfaserriss am Bauch zugezogen\u201c, erkl\u00e4rt Fiedler und wundert sich, wo man sich \u00fcberall verletzen kann.<\/p>\n<p><strong>Der leise Stolz<\/strong><\/p>\n<p>Fiedler war nie der Mann f\u00fcr gro\u00dfe Gesten, eher f\u00fcr beharrliche Arbeit. Sein B\u00fcro war das Europa der kleinen Leute, sein Werkzeug die Sprache der Vernunft. Er hat die nordoberpf\u00e4lzische Wirtschaft durch Krisen begleitet, Gewerkschaften \u00fcber Grenzen gef\u00fchrt und gezeigt, dass Solidarit\u00e4t kein Schlagwort ist, sondern eine Lebensform.<\/p>\n<p>Vielleicht ist das der sch\u00f6nste Ruhestand, den ein Gewerkschafter haben kann: einer, der weiter wirkt. Oder, wie Fiedler sagen w\u00fcrde: \u201eIch bin ausgebucht.\u201c Und deshalb muss er jetzt auch gleich weiter. \u201eDie Jungs spielen heute.\u201c<\/p>\n<\/p>\n<p><strong>Helmut Fiedler in Zahlen und Zitaten<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>48,5 Jahre in die Rentenversicherung eingezahlt<\/li>\n<li>20 Jahre Vorstandschaft beim SV Freyung, 14 Jahre Kassier beim FC Kaltenbrunn<\/li>\n<li>10 Jahre Pr\u00e4sident des EU-Arbeitsnetzwerks Eures<\/li>\n<li>2002 Mitbegr\u00fcnder von BoBaKom e. V. \u2013 Verein f\u00fcr bayerisch-b\u00f6hmische Kommunikation<\/li>\n<li>\u201eIch verlange von meiner Gewerkschaft kein Geld \u2013 nur von den Arbeitgebern \u00fcberleg ich\u2019s mir.\u201c<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Weiden. 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