{"id":519263,"date":"2025-10-22T22:03:18","date_gmt":"2025-10-22T22:03:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/519263\/"},"modified":"2025-10-22T22:03:18","modified_gmt":"2025-10-22T22:03:18","slug":"lea-ypi-migration-ist-eine-frage-der-klasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/519263\/","title":{"rendered":"Lea Ypi: \u00abMigration ist eine Frage der Klasse\u00bb"},"content":{"rendered":"<p class=\"article-header__date\">\n<a class=\"article-header-date\" href=\"https:\/\/www.woz.ch\/2543\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Nr.\u00a043 \u2013 23. Oktober 2025<br \/>\n<\/a>      <\/p>\n<p class=\"article-header__subhead\">In ihrem neuen Buch begibt sich die albanisch-britische Philosophin Lea Ypi auf die Spuren ihrer Grossmutter. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber das Schweigen der Archive zu Frauenbiografien und die Kritik am Kapitalismus als Voraussetzung f\u00fcr W\u00fcrde. <\/p>\n<p class=\"article-header__byline\">        Interview: <a href=\"https:\/\/www.woz.ch\/p\/anna-jikhareva\" rel=\"author nofollow noopener\" hreflang=\"de\" target=\"_blank\">Anna Jikhareva<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.woz.ch\/p\/daria-wild\" rel=\"author nofollow noopener\" hreflang=\"de\" target=\"_blank\">Daria Wild<\/a>\n      <\/p>\n<p>Diesen Artikel h\u00f6ren (22:15)<\/p>\n<p>        -15<\/p>\n<p>        +15<\/p>\n<p>      -15<\/p>\n<p>\n        \/\n      <\/p>\n<p>      +15<\/p>\n<p>  Teilen<\/p>\n<p>                  <img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" loading=\"eager\" width=\"960\" height=\"640\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/20_21_Lea_Ypi.jpg\" alt=\"Portaitfoto von Lea Ypi\"\/><\/p>\n<p>          \u00abWie sind wir vom demokratischen Ideal der Staatsb\u00fcrgerschaft zu einer v\u00f6llig oligarchischen Auffassung derselben gelangt?\u00bb: Lea Ypi.\u00a0<br \/>\n              Foto: Geraint Lewis, Eyevine\u2009\/\u2009Laif\u2009\/\u2009Suhrkamp<\/p>\n<p class=\"interview-question\">WOZ: Frau Ypi, Sie haben nun schon zum zweiten Mal ein Buch \u00fcber Ihre Familie geschrieben. Was fasziniert Sie an der eigenen Geschichte?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Lea Ypi: Im Grunde genommen ist \u00abAufrecht\u00bb der Versuch, die offenen Fragen aus \u00abFrei\u00bb zu kl\u00e4ren, meine Familie ist bloss das Mittel dazu, weil sie verschiedene politische Systeme und historische Umw\u00e4lzungen erlebt hat. Das erm\u00f6glicht mir, die philosophischen Ideen, die mich interessieren, unter historischen Umst\u00e4nden zu erforschen, zu untersuchen, wie diese Ideen in Form von Dilemmata in gelebter Erfahrung auftauchen. In \u00abFrei\u00bb ging es mir um das Konzept der Freiheit, in \u00abAufrecht\u00bb geht es mir nun um W\u00fcrde.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">WOZ: Im Zentrum des Buches steht Ihre Grossmutter Leman Ypi. Warum ist sie als Figur zum Nachdenken \u00fcber W\u00fcrde besonders geeignet?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Lea Ypi: Im Vorwort heisst es: \u00abIm Reich der Zwecke hat alles entweder einen Preis oder eine W\u00fcrde.\u00bb Das ist ein Satz des Philosophen Immanuel Kant. Er war der Meinung, dass moralische Handlungsf\u00e4higkeit dem Menschen erst W\u00fcrde verleiht. Meine Grossmutter hatte diese kantsche Vorstellung von Freiheit als\u00a0moralischer Handlungsf\u00e4higkeit. Nun sind \u00dcberg\u00e4nge von einem politischen System zum anderen Extremumst\u00e4nde, in denen es schwierig ist, diese Handlungsf\u00e4higkeit aufrechtzuerhalten. Es sind Krisenmomente: der Zusammenbruch des Kommunismus in Albanien und der \u00dcbergang zum Kapitalismus, den ich erlebt habe und um den es in \u00abFrei\u00bb geht. Und genauso das Ende des Osmanischen Reiches und die Geburt von Faschismus, Nationalsozialismus und Kommunismus, die ich in \u00abAufrecht\u00bb untersuche. Meine Grossmutter durchlebte diese verschiedenen Systeme.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">WOZ: Ihr Buch ist auch sonst von vielen starken weiblichen Figuren gepr\u00e4gt. Wieso?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Lea Ypi: Ich habe mir nicht ausdr\u00fccklich vorgenommen, \u00fcber Frauen zu schreiben, sondern dachte einfach \u00fcber Menschen nach, die mich inspirierten\u00a0\u2013 und bei mir war das meine Grossmutter. Sie wiederum orientierte sich an anderen, ihrer Tante Selma etwa. Und dann gibt es noch Lemans Cousine Cocotte, die ebenfalls eine wichtige Rolle im Buch spielt. Alle drei sind auf ihre Weise Feministinnen, haben aber sehr unterschiedliche Vorstellungen von W\u00fcrde. F\u00fcr mich bot sich damit die M\u00f6glichkeit, meine eigene Sicht zu hinterfragen: Der beste Weg, philosophische Ansichten zu erforschen, ist, sie mit anderen Ansichten zu konfrontieren.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">WOZ: Was verstehen Sie eigentlich unter W\u00fcrde?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Lea Ypi: Alle im Buch diskutierten Ideologien\u00a0\u2013 Liberalismus, Faschismus, Kommunismus\u00a0\u2013 erheben Anspruch auf die W\u00fcrde des Menschen, aber alle verstehen etwas anderes darunter: Der Kommunistin geht es um die W\u00fcrde von Arbeit und Arbeiter:innenklasse, dem Faschisten um die W\u00fcrde der Nation.<\/p>\n<p>Und dann gibt es noch die individuelle Perspektive. Selma, die Tante meiner Grossmutter, hat eine Sichtweise von W\u00fcrde, die an die Philosophie der Stoiker angelehnt ist: Man behauptet seine Freiheit, indem man sich von der Natur l\u00f6st. W\u00fcrde bedeutet in diesem Sinne, den Raum zu verlassen, wenn er voller Rauch ist\u00a0\u2013 das ist eine ber\u00fchmte Metapher der Stoiker. Sie fragten sich, ob man\u00a0\u2013 wenn der Raum voller Rauch, das Leben also unertr\u00e4glich ist\u00a0\u2013\u00a0die Welt verlassen, sich also umbringen soll oder nicht. Deshalb trifft Selma im Buch eine tragische Entscheidung, als ihr Leben unaushaltbar wird. Kant wiederum war gegen Suizid: T\u00f6te man sich selbst, gebe man die ganze Menschheit und damit auch die Moral auf. Das ist die Haltung meiner Grossmutter, deshalb ist sie so w\u00fctend auf Selma. Dann gibt es noch die nietzscheanische Sichtweise, wonach es gar keine Moral, sondern nur Machtverh\u00e4ltnisse gebe. Oder die des Philosophen Epikur: Seinen Instinkten zu folgen, das Leben zu feiern\u00a0\u2013 diese Auffassung von W\u00fcrde repr\u00e4sentiert die Cousine meiner Grossmutter.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">WOZ: Und wo stehen Sie?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Lea Ypi: Im Zentrum meiner Vorstellung von W\u00fcrde steht ebenfalls die moralische Handlungsf\u00e4higkeit\u00a0\u2013 wie bei Kant. W\u00fcrde beschreibt f\u00fcr mich eine Person mit moralischem Kompass. Diesen kann man weder jemandem wegnehmen noch jemandem geben.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">WOZ: Davon ausgehend vertreten Sie die Ansicht, es brauche einen \u00abmoralischen Sozialismus\u00bb. Welche Rolle spielt W\u00fcrde darin?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Lea Ypi: In jedem politischen System gibt es eine Vorstellung davon, was die zentrale Kategorie ist, die die menschlichen Beziehungen strukturiert. Im Liberalismus ist es der Markt, im Kommunismus sind es die Arbeiter:innen, im Faschismus die Nation. Im moralischen Sozialismus, wie ich ihn mir vorstelle, steht die Menschenw\u00fcrde im Mittelpunkt. Man kann es auch radikale Demokratie oder globalen Egalitarismus nennen. Mein Verst\u00e4ndnis dieses Konzepts speist sich aus der Kritik am Kapitalismus wie am Staatssozialismus. Beide stellten die W\u00fcrde nicht ins Zentrum und sind deshalb entmenschlichend.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">WOZ: Inwiefern?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Lea Ypi: Im Kapitalismus hat alles einen Preis, auch die Menschen, es ist ein System, das auf der Kommodifizierung, dem Tauschhandel beruht\u00a0\u2013 und also eines, das zwar den Preis, aber nicht die W\u00fcrde anerkennt. Der Staatssozialismus wiederum verkannte als hierarchische, vertikale und autorit\u00e4re Gesellschaftsform die Handlungsf\u00e4higkeit des Einzelnen. Es geht mir um einen dritten Weg\u00a0\u2013 nicht zu verwechseln mit dem \u00abdritten Weg\u00bb der britischen Labour-Partei, die einfach nach einer anderen Version des Kapitalismus strebte, anstatt sich mit dessen Grenzen zu befassen. Meine Theorie gibt mir eine Methode f\u00fcr Kritik an bestehenden und vergangenen Systemen, doch sie gibt mir keinen Massstab daf\u00fcr, wie ein neues ausgestaltet sein soll.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">WOZ: Das wollten wir Sie trotzdem fragen: Gibt es Ideen, an die sich anschliessen liesse?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Lea Ypi: Mein Denken steht in der Tradition der Aufkl\u00e4rung. Sie hat den Menschen davor gewarnt, der Autorit\u00e4t von Kirche oder Monarchie zu vertrauen, und sie stellt den Menschen und seine universellen F\u00e4higkeiten ins Zentrum. Aus meiner Sicht sind das immer noch wertvolle Kriterien zur Betrachtung heutiger politischer Institutionen. Als Vorbild k\u00f6nnen auch die Dissident:innenbewegungen aus den Achtzigern dienen, Leute wie V\u00e1clav Havel, die weder den Kapitalismus wollten noch den Realsozialismus. Zu ihren Ideen zur\u00fcckzukehren, k\u00f6nnte ein Ausgangspunkt sein.<\/p>\n<p>Im Lauf der Geschichte gab es ohnehin viele progressive Momente: die antikolonialen Traditionen, die Bewegungen gegen die Sklaverei\u00a0\u2013 diese Momente, in denen der Status quo nicht bloss aus Egoismus heraus kritisiert wird. Man kann all das zum Anlass nehmen, sich die Folgen seines Handelns f\u00fcr die Welt, in der man selbst lebt, zu \u00fcberlegen. Im Grunde ist es einfach: Etwas, das nur deinem Land, deiner Klasse, deiner Nation dient, ist nicht universalisierbar und nicht inklusiv. Das hilft mir, Weltanschauungen als unmoralisch auszuschliessen. Wie das System dann konkret am besten auszugestalten ist, ist eine Frage, die demokratisch ausgehandelt werden muss.<\/p>\n<p>        Chronistin und Theoretikerin <\/p>\n<p>Lea Ypi, 1979 in Tirana geboren, ist Professorin f\u00fcr Politische Theorie an der London School of Economics. Sie befasst sich unter anderem mit Fragen der Demokratie, mit Rechtstheorie, Migration, den politischen Ideen der Aufkl\u00e4rung und dem Marxismus.<\/p>\n<p>In ihrem international gefeierten Bestseller \u00abFrei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte\u00bb\u00a0(2022, Suhrkamp) sp\u00fcrt Ypi ihrer Kindheit im sozialistischen Albanien und den Verwerfungen der Neunziger nach. \u00abFrei\u00bb wurde in mehr als 35\u00a0Sprachen \u00fcbersetzt, f\u00fcr die B\u00fchne adaptiert und preisgekr\u00f6nt.<\/p>\n<p>Im September erschien mit \u00abAufrecht\u00bb die Fortsetzung. Darin rekonstruiert Ypi die Geschichte ihrer Grosseltern zwischen Osmanischem Reich und Kommunismus. 2021 publizierte sie zudem das Theoriebuch \u00abDie Architektonik der Vernunft\u00bb \u00fcber die Einheit der Vernunft in Immanuel Kants Werk (siehe WOZ\u00a0Nr.\u00a028\/24).<\/p>\n<p class=\"interview-question\">WOZ: Eines der grossen Versprechen des liberalen Kapitalismus ist die Bewegungsfreiheit. Wie l\u00e4sst sich \u00fcber W\u00fcrde nachdenken, wenn diese Freiheit so vielen verwehrt bleibt?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Lea Ypi: Freiheit muss auch die M\u00f6glichkeit umfassen, dort zu bleiben, wo man ist. Der Kapitalismus zwingt aber viele Menschen dazu, ihr Zuhause zu verlassen, er anerkennt also bloss die Bewegungsfreiheit einiger weniger.<\/p>\n<p>Viele liberale Auffassungen von Bewegungsfreiheit sind zudem extrem zynisch und einseitig: Sie ber\u00fccksichtigen die Ausreise-, nicht aber die Einreisekomponente. Liberale Gesellschaften waren immer die ersten, die etwa das nordkoreanische Regime oder die ehemals kommunistischen Staaten daf\u00fcr kritisierten, dass sie ihre B\u00fcrger:innen zum Bleiben zwingen w\u00fcrden. Aber die Einreise haben sie verunm\u00f6glicht. Man spricht \u00fcber die Menschen, die an der Berliner Mauer get\u00f6tet wurden, weil sie aus der DDR fliehen wollten, aber nicht \u00fcber all jene, die etwa an der Mauer zwischen den USA und Mexiko sterben, weil sie an der Einreise gehindert werden sollen. Der Kapitalismus ist direkt daf\u00fcr verantwortlich, dass Menschen ihr Leben nicht leben k\u00f6nnen, dass sie nicht dort bleiben k\u00f6nnen, wo sie sind, weil sie gezwungen sind, an einem anderen Ort Arbeit zu suchen.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">WOZ: Das hat auch eine \u00f6konomische Dimension: Einerseits braucht der Kapitalismus billige Arbeitskr\u00e4fte, andererseits will er ihnen nicht die vollen Rechte gew\u00e4hren.<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Lea Ypi: Er braucht sie ja gerade rechtlos, damit\u00a0die L\u00f6hne gesenkt werden k\u00f6nnen und die Verhandlungsmacht auf der Seite der Eigent\u00fcmer, Unternehmerinnen oder Immobilienbesitzer:innen bleibt. Manchmal ziehen Linke daraus den Schluss, man solle die Bewegungsfreiheit nicht verteidigen, weil sie bloss das liberale Lager st\u00e4rke. Stattdessen sollte die Linke Migration von einer Frage der Zugeh\u00f6rigkeit zu einer sozio\u00f6konomischen machen, nicht mehr davon sprechen, woher jemand kommt, wohin er oder sie geht, ob die Person irgendwo bleiben darf. Sondern dar\u00fcber, was die Ursachen dieser asymmetrischen Migration sind. Sonst verliert sie gegen die Rechte.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">WOZ: Das kommt nat\u00fcrlich drauf an, von welcher Linken wir sprechen.<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Lea Ypi: Ich denke an eine Linke, deren Geschichte mit der Kritik am Kapitalismus begann, also sogar die Sozialdemokratie. Heute spricht sie bloss noch dar\u00fcber, wie man den Kapitalismus reformiert. Dabei ging es urspr\u00fcnglich darum, ihn zu \u00fcberwinden, weil die Sozialdemokrat:innen der Meinung waren, er sei nicht mit der Demokratie vereinbar. Damit hatten sie auch recht. Aber es gibt noch einen anderen wichtigen Punkt.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">WOZ: Welchen?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Lea Ypi: Die extreme Rechte spricht immer wieder von Grenzschliessungen, dabei waren die Grenzen f\u00fcr Reiche noch nie so offen wie jetzt. Denken wir etwa an den rechten Techmilliard\u00e4r Peter Thiel, der sich die neuseel\u00e4ndische Staatsb\u00fcrgerschaft gekauft hat. Oder an Oligarchen, die Investitionsvisa erhalten oder sich goldene P\u00e4sse kaufen k\u00f6nnen. Die Rechte ist eine grosse Verfechterin dieser Art der Freiheit. F\u00fcr andere Menschen waren die Grenzen derweil noch nie so dicht wie heute. Auch das zeigt, dass Migration keine Frage der Zugeh\u00f6rigkeit ist, sondern eine der Klasse. Also braucht man eine Analyse der Welt, die die Klasse in den Mittelpunkt stellt.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">WOZ: Ein zentrales Kampffeld ist die Staatsb\u00fcrgerschaft. In der Schweiz etwa darf ein Viertel der Einwohner:innen nicht an der Demokratie teilnehmen.<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Lea Ypi: Ja. In den Anf\u00e4ngen der Staatsb\u00fcrgerschaft entschied das Verm\u00f6gen \u00fcber das Wahlrecht, die Teilnahme an politischen Entscheidungen war auf Menschen mit Eigentum beschr\u00e4nkt. Anschliessend ging man zum allgemeinen Wahlrecht ohne Eigentumsbeschr\u00e4nkungen \u00fcber. Die heutige, ausschliessende Staatsb\u00fcrgerschaft kehrt gewissermassen wieder zu den Kriterien von damals zur\u00fcck: Menschen auszuschliessen, die nicht \u00fcber die n\u00f6tigen \u00f6konomischen Mittel verf\u00fcgen. Man beutet sie aus, ohne ihnen ein Mitspracherecht zu gew\u00e4hren. Man muss also dar\u00fcber sprechen, wie wir vom demokratischen Ideal der Staatsb\u00fcrgerschaft zu einer v\u00f6llig oligarchischen Auffassung derselben gelangt sind.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">WOZ: Wenn Sie sagen, man solle Klasse in den Mittelpunkt der Analyse stellen\u00a0\u2013 wo bleibt dann wiederum die W\u00fcrde?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Lea Ypi: Klasse ist eine empirische Kategorie: Wie ist eine Gesellschaft sozio\u00f6konomisch strukturiert, wie das Eigentum sozial verteilt? Das Konzept der Klasse hilft dabei, die Achsen der Unterdr\u00fcckung im Kapitalismus zu verstehen. Das Konzept von W\u00fcrde wiederum ist hilfreich, um eine moralische Kritik am Kapitalismus zu \u00fcben.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">WOZ: Weil Sie vorhin die rechte Darstellung von Migration angesprochen haben: Wenn wir die derzeitige politische Gemengelage betrachten, sehen wir Menschen, die sich auf der Suche nach einer politischen Alternative der extremen Rechten zuwenden. Und auch die Parteien der sogenannten Mitte arbeiten immer mehr mit den Rechten zusammen. Wo k\u00f6nnte linke Politik da ansetzen?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Lea Ypi: Die Linke verliert gerade nicht nur eine Schlacht, sondern auch den Krieg um den Diskurs. Denn glaubt man, das Problem sei Mitgliedschaft und die L\u00f6sung Nationalit\u00e4t, Ethnizit\u00e4t oder Religion, hilft das nicht, den zeitgen\u00f6ssischen Kapitalismus zu verstehen, das sind Kriterien der Rechten, die auf Identit\u00e4t basieren. Und glaubt man, die Probleme der Welt seien durch diese zu erkl\u00e4ren oder zu l\u00f6sen, hat man gegen die Rechte schon verloren, denn diese hat ein viel koh\u00e4renteres Verst\u00e4ndnis von Identit\u00e4t. Die Linke hat ja eine ganz andere Geschichte, die nicht auf dem Mythos der Vergangenheit, der Gr\u00f6sse der Zivilisation aufbaut. Bleibt sie in Identit\u00e4tsk\u00e4mpfe verstrickt, hat sie nicht die Mittel, um eine alternative Sichtweise zu entwickeln.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">WOZ: Und wirklich sehen wir ja aktuell das Erstarken autorit\u00e4rer Kr\u00e4fte. Befinden wir uns in einer dieser krisenhaften Umw\u00e4lzungen, die Sie in Ihren B\u00fcchern beschreiben?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Lea Ypi: Viele Auspr\u00e4gungen der gegenw\u00e4rtigen Krisen sind denen in meinen B\u00fcchern tats\u00e4chlich \u00e4hnlich. Wir erleben grade eine Phase der Deglobalisierung, wie sie auch nach dem Zusammenbruch von Imperien auftritt. Es gibt diesen Moment des Zerfalls der multikulturellen, kosmopolitischen Koexistenz, wie es sie auch in den neunziger Jahren in Westeuropa gab\u00a0\u2013 mit einer noch etwas offeneren Diskussion \u00fcber Migration und Identit\u00e4t. Es sind mindestens drei Krisen. Die eine ist eine politische\u00a0\u2013 die Krise der liberalen Demokratie, die nicht alle repr\u00e4sentiert. Die zweite ist \u00f6konomisch, weil die Ungleichheit zunimmt, die Menschen nicht \u00fcber die Runden kommen und zu k\u00e4mpfen haben.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">WOZ: Und die dritte?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Lea Ypi: Die dritte ist die Krise der Narrative, eine Ungewissheit, was zu tun ist. Obwohl alle diese Krisen auf ihre eigene Weise erleben, f\u00fchlen sich viele verloren und irgendwie hoffnungslos. All das war auch schon in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen so: ein Moment, in dem die liberalen Staaten keine Antworten auf die drei Krisendimensionen hatten\u00a0\u2013 und in dem die einzige Antwort dann darin bestand, Minderheiten zu d\u00e4monisieren, zu sagen, das Problem seien etwa die J\u00fcdinnen und Juden und so weiter. Heute ist es \u00e4hnlich, die Rechten schlagen vor, Gesellschaft als einen Klub aufzufassen, in dem man eine Mitgliedschaft beantragen muss.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">WOZ: Kommen wir noch einmal auf Ihr Buch zur\u00fcck. Sie sind f\u00fcr Ihre Recherchen tief in die Archive gestiegen und dabei auf Hindernisse gestossen\u00a0\u2013 etwa die Tatsache, dass es \u00fcberhaupt nur wenige Informationen \u00fcber Frauen gibt, und die Informationen, die Sie fanden, waren sehr unzuverl\u00e4ssig. Wie kam das?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Lea Ypi: Es ist schwer, Aufzeichnungen zu finden, in denen weibliche Perspektiven explizit artikuliert und analysiert werden, was daran liegt, dass Frauen in den Archiven oft gar nicht vorkommen\u00a0\u2013 meist werden die Eintr\u00e4ge unter dem Namen eines m\u00e4nnlichen Verwandten gef\u00fchrt. Da Frauen lange unter der Vormundschaft von M\u00e4nnern standen, waren sie keine eigenen Rechtspersonen, dabei basieren viele Archive auf rechtlichen Dokumenten. Das Schweigen des Archivs \u00fcber Frauen wurde zur wichtigen Ausgangsfrage f\u00fcr mich, und da kam beim Schreiben die Fiktion ins Spiel: Es gibt einen Sachbuch- und einen Romanteil, in Letzterem haben die Frauen Handlungsmacht, die Figuren f\u00fcllen die L\u00fccke des Archivs und versuchen, das Schweigen zu durchbrechen.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">WOZ: Gemeinhin geht man ja davon aus, Archive w\u00fcrden eine Art Wahrheit widerspiegeln\u00a0\u2013 dabei repr\u00e4sentieren sie oft die Sicht der herrschenden Eliten, in einem autorit\u00e4ren System erst recht. Wie\u00a0sehen Sie das Verh\u00e4ltnis zwischen Erinnerung, Fiktion und der Rekonstruktion von Wahrheiten?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Lea Ypi: Ja, viele meinen, man w\u00fcrde ins Archiv gehen und dort die Wahrheit finden, sie denken kaum \u00fcber die L\u00fccken, Verzerrungen und Unklarheiten darin nach. Alle dagegen, die in Archiven forschen, wissen von diesen L\u00fccken. Nimmt man Dokumente zur Hand, merkt man ihnen ihre Unzuverl\u00e4ssigkeit sofort an\u00a0\u2013 mehrere Schichten Kritzeleien zeugen davon, das Datum der ersten Ablage, der zweiten und so weiter. Man sieht, dass sie manipuliert wurden. Je weiter man in der Zeit zur\u00fcckgeht, desto mehr L\u00fccken gibt es.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">WOZ: Sie schreiben an einer Stelle, der \u00dcberwachungsapparat in einem sozialistischen System schenke den Menschen immer noch mehr Aufmerksamkeit als ein Konzern im Kapitalismus, der sie ausschliesslich als gesichtslose Konsument:innen betrachte.<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Lea Ypi: Im Fall des postkommunistischen Albanien tragen insbesondere die Geheimdienstarchive eine grosse emotionale Last: Es gibt so viele Projektionen, zum Beispiel die Vorstellung, man k\u00f6nne herausfinden, wer genau wen \u00fcberwacht hat. Man rekonstruiert also die Mechanismen der Unterdr\u00fcckung, um sich irgendwie mit der Vergangenheit zu vers\u00f6hnen.<\/p>\n<p>Eines ist mir direkt aufgefallen: Man findet eine Wahrheit nur, wenn man dem Mechanismus vertraut, durch den diese Wahrheit von einer Generation zur n\u00e4chsten weitergegeben wird. Ich beschloss, dem Mechanismus nicht zu vertrauen. Im Kommunismus wusste man, was die Spione berichten: Manchmal zu viel, manchmal zu wenig, manchmal sagten sie einfach etwas, um etwas zu berichten zu haben. Und manchmal sagten sie nicht so viel, weil sie mit denen, die sie verfolgten, sympathisierten und keine Informationen preisgeben wollten, die diese Menschen kompromittieren w\u00fcrden. Es gibt also immer eine menschliche Komponente.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">WOZ: Sie haben nicht nur im Archiv der albanischen Geheimpolizei Sigurimi geforscht, sondern sind auch nach Griechenland gereist. Was ist Ihnen dort aufgefallen?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Lea Ypi: Dass Eintr\u00e4ge \u00fcber das Osmanische Reich durch die verschiedenen Wellen des Nationalismus vollst\u00e4ndig zerst\u00f6rt wurden: Man war sehr darauf bedacht, Thessaloniki als griechische Stadt darzustellen, nicht als eine mit osmanischer Vergangenheit. Jede Schicht der Geschichte wird also von der n\u00e4chsten herrschenden Elite zunichtegemacht. So wird das Archiv zum Mittel, die eigene Macht zu st\u00e4rken.<\/p>\n<p class=\"interview-question\">WOZ: Und was bedeutete all das f\u00fcr Ihr Schreiben?<\/p>\n<p class=\"interview-answer\">Lea Ypi: Ich stellte fest, dass man mit dem Archiv allein keine Geschichte schreiben kann. Also suchte ich nach anderen M\u00f6glichkeiten der Auseinandersetzung mit Wahrheit und Verm\u00e4chtnis. Ich dachte, wenn man sich dem Schreiben von Belletristik mit der Integrit\u00e4t einer Wissenschaftlerin n\u00e4hert und versucht, jene Stimmen einzubeziehen, die im Archiv marginalisiert sind, erzeugt man vielleicht mehr Authentizit\u00e4t als mit der Rekonstruktion von Fakten. Ist man sensibel f\u00fcr die L\u00fccken und die Unterdr\u00fcckung, steckt in der Fiktion manchmal mehr Wahrheit als im Archiv, das sich ebenfalls als Fiktion entpuppen kann. Die vollst\u00e4ndige Wahrheit ergibt sich vermutlich aus der Zusammenf\u00fchrung beider Perspektiven.<\/p>\n<p>    <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/20_Buchcover.jpg\" width=\"201\" height=\"320\" alt=\"Buchcover von \u00abAufrecht\u00bb\"\/><\/p>\n<p>          Lea Ypi: \u00abAufrecht. \u00dcberleben im Zeitalter der Extreme\u00bb. Aus dem Englischen von Eva Bonn\u00e9. Suhrkamp Verlag. Berlin 2025. 389\u00a0Seiten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Nr.\u00a043 \u2013 23. Oktober 2025 In ihrem neuen Buch begibt sich die albanisch-britische Philosophin Lea Ypi auf die&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":519264,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-519263","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115420083776825537","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/519263","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=519263"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/519263\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/519264"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=519263"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=519263"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=519263"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}