{"id":522479,"date":"2025-10-24T04:40:33","date_gmt":"2025-10-24T04:40:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/522479\/"},"modified":"2025-10-24T04:40:33","modified_gmt":"2025-10-24T04:40:33","slug":"der-maler-philipp-klein-nackte-frauen-waren-sein-liebstes-motiv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/522479\/","title":{"rendered":"Der Maler Philipp Klein: Nackte Frauen waren sein liebstes Motiv"},"content":{"rendered":"<p>Die Welt ist ungerecht. Davon k\u00f6nnen auch K\u00fcnstler ein Lied singen. Der eine schafft es ins Museum. Der andere schafft es auch ins Museum, seine Werke aber versauern im Depot. Wie der Zufall bei K\u00fcnstlerkarrieren mitmischt, zeigt derzeit ein ungew\u00f6hnlicher Fall: Philipp Klein. Der Mannheimer K\u00fcnstler war vor mehr als hundert Jahren ein erfolgreicher Impressionist. Er stellte mit den ganz Gro\u00dfen wie <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.auktion-in-new-york-rekord-58-3-millionen-euro-fuer-monets-seerosen.16394d65-c13f-4a18-bbf3-1d6b61652c2c.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Claude Monet<\/a>, Wassily Kandinsky oder Edvard Munch aus. Trotzdem werden sich jetzt bei der gro\u00dfen Ausstellung in <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Mannheim\" title=\"Mannheim\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Mannheim<\/a> viele fragen: \u201eWer, bitte, ist dieser Philipp Klein?\u201c<\/p>\n<p>Er war nicht nur ein versierter, sondern auch ein durchaus witziger K\u00fcnstler, der ein wirklich bemerkenswertes Bild malte: einen Mann, der aus dem See auftaucht und nach Luft schnappt. Der Mund auf, die Augen zu \u2013 und vom Schnauzer tropft das Wasser. <\/p>\n<p>Ein gemalter Schnappschuss, wie er 1899 un\u00fcblich war. Im See planschende M\u00e4nner waren keine Motive, die in Museen hingen \u2013 selbst wenn es sich dabei um den ber\u00fchmten Maler Lovis Corinth handelte. Er war ein begeisterter Schwimmer.<\/p>\n<p>Klein wurde von der Presse gelobt, und seine Werke verkauften sich bestens <\/p>\n<p>Das Reiss-Engelhorn-Museum hat das Bild als Plakatmotiv gew\u00e4hlt, sodass der Titel \u201eAufgetaucht\u201c doppelt passt. Denn auch die Werke von Philipp Klein wurden aus der Versenkung geholt. Staunend l\u00e4uft man durch die R\u00e4ume und meint, hier einen Manet, dort einen Monet zu entdecken \u2013 aber nein, es war der Mannheimer Philipp Klein, der diese impressionistischen Bilder malte. <\/p>\n<p>Frauen, die mit ihrem H\u00fcndchen auf der Wiese spielen, Badeg\u00e4ste am Strand, junge Damen nackt auf der Chaiselongue \u2013 es sind luftige, hingetupfte Szenen von enormer Qualit\u00e4t. Deshalb sagt Andreas Krock, der Kurator der Ausstellung, auch: \u201ePhilipp Klein ist auf jeden Fall den anderen gro\u00dfen Impressionisten ebenb\u00fcrtig.\u201c<\/p>\n<p>Blo\u00df, warum verschwindet ein komplettes Werk fast vollst\u00e4ndig? Hat die Kunstgeschichte ihn vergessen, weil er nicht erfolgreich genug war? Aber woran l\u00e4sst sich Erfolg \u00fcberhaupt messen? Beim sogenannten Kunstkompass, einem Ranking der lebenden K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler der Welt, werden Ausstellungen in wichtigen Museen, Kataloge, Ank\u00e4ufe und Erw\u00e4hnungen in Kunstzeitschriften gez\u00e4hlt. Philipp Klein erf\u00fcllte all diese Kriterien: Er verkaufte bestens, stellte regelm\u00e4\u00dfig aus und bekam viel gute Presse. 1907 war er sogar mit einem Gem\u00e4lde auf der Biennale in Venedig vertreten. Und trotzdem hatte sogar die Stadt Mannheim ihren talentierten Sohn vergessen.<\/p>\n<p> Seine Heimatstadt Mannheim schien Klein zu r\u00fcckschrittlich  <\/p>\n<p>Dass er nun wieder auftaucht, ist reiner Zufall \u2013 und Barbara Hofkamp zu verdanken. Sie ist eigentlich Finanzexpertin und besch\u00e4ftigte sich in Z\u00fcrich mit Verm\u00f6gensverwaltung und Risikomanagement \u2013 bis sie ein Werk von Philipp Klein erbte. Das \u201eM\u00e4dchen im Korsett\u201c hatte im Esszimmer der Gro\u00dfeltern gehangen, bevor es auf den Dachboden kam. Als Barbara Hofkamp es erbte, weckte die Signatur ihr Interesse. Sie begann zu forschen, sichtete historische Quellen, w\u00e4lzte Ausstellungskataloge und studierte in der Bibliothek alte Zeitungsberichte.<\/p>\n<p>2021 hat Barbara Hofkamp schlie\u00dflich eine Monografie mit Werkverzeichnis ver\u00f6ffentlicht und darin zusammengetragen, was man von Philipp Klein wei\u00df. Geboren wurde er 1871 in Mannheim. Eigentlich sollte er Offizier werden, aber als ein Unfall die Pl\u00e4ne zunichtemachte, beschloss er, K\u00fcnstler zu werden. Da Mannheim ihm zu r\u00fcckschrittlich schien, zog er nach M\u00fcnchen, das damals eine pulsierende Kunstmetropole war \u2013 und f\u00fcr ihn der Inbegriff von Boh\u00e8me, Freiheit, Kunst und Sch\u00f6nheit.<\/p>\n<p> Klein malt am liebsten im Freien <\/p>\n<p>An Philipp Kleins Weg kann man viel \u00fcber die damalige Zeit erfahren. War bis dahin ein Kunststudium unerl\u00e4sslich, bewarb er sich nicht an der Akademie, die den jungen Leuten pl\u00f6tzlich elit\u00e4r und r\u00fcckw\u00e4rtsgewandt vorkam. Klein malte ohnehin lieber im Freien \u2013 wie es die franz\u00f6sischen Impressionisten vorgemacht hatten. <\/p>\n<p>Wie so viele wohlhabende M\u00fcnchner verbrachte er die Sommermonate am Chiemsee, am Ammersee oder auch am Starnberger See. Als Fabrikantensohn hatte er finanziell ausgesorgt, deshalb besa\u00df er auch in M\u00fcnchen ein Atelier und zeitweise auch noch eines in Berlin. W\u00e4hrend der Sommermonate mietete er gro\u00dfz\u00fcgige Sommerh\u00e4user an, um dort eben jene Szenen zu malen, die man eigentlich von den Franzosen kennt.<\/p>\n<p>   <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/media.media.1c3abfec-e6b6-4a52-acf0-d4093241718c.original1024.media.jpeg\"\/>     Philipp Klein malte gern wohlhabende Damen, die es sich gutgehen lassen.    Foto: Barbara Hofkamp    <\/p>\n<p>Die Frauen, die in ihren langen Kleidern im \u201eM\u00fcnchner Hofgarten im Sommer\u201c an Tischchen sitzen, h\u00e4tten 1897 auch in Paris gemalt worden sein k\u00f6nnen. Die Dame im Boot k\u00f6nnte genauso gut auf der Seine herumgeschippert sein. Und Kleins \u201eSonnenuntergang am Chiemsee\u201c von 1893 erinnert verd\u00e4chtig an Monets Bild \u201eImpression, Soleil levant\u201c von 1872, das dem Impressionismus den Namen gab. Wie die meisten Impressionisten malte Klein gern das b\u00fcrgerliche Savoir-vivre und die Sommerfrische auf dem Land. Dass das Leben dort f\u00fcr die Bewohner hart war, interessierte ihn so wenig wie die franz\u00f6sischen Kollegen. <\/p>\n<p>Dass man in Mannheim nun all diese verschollenen Bilder sehen kann, ist einem Aufruf zu verdanken, den das Mannheimer Museum \u00fcber Social Media startete. Es meldeten sich erstaunlich viele Leute. Fast 20 Werke kamen so zum Vorschein \u2013 zum Beispiel von einer Ludwigshafer Familie, in deren Wohnzimmer einst zwei Bilder hingen, an die sich die Tochter erinnerte.<\/p>\n<p> Der K\u00fcnstler soll ein humorvoller, fr\u00f6hlicher Charakter gewesen sein <\/p>\n<p>Trotzdem wei\u00df man nach wie vor wenig von Philipp Klein, weil es weder Briefe noch Tageb\u00fccher gibt. Seine Reiset\u00e4tigkeit konnte man nur anhand der Motive rekonstruiert. In Nachrufen wurde mehrfach erw\u00e4hnt, dass er ein humorvoller, fr\u00f6hlicher Charakter gewesen sei. Das best\u00e4tigt ein ungew\u00f6hnliches Selbstportr\u00e4t, auf dem er den Mund so weit aufrei\u00dft, dass man f\u00f6rmlich h\u00f6rt, wie er schallend laut herauslacht. Ein Kritiker fand das allerdings so gar nicht komisch: Es k\u00f6nne \u201eein Reklameplakat f\u00fcr Odol oder sonst ein Zahnwasser sein\u201c, schrieb er.<\/p>\n<p>Philipp Kleins allerliebstes Motiv waren aber Frauen \u2013 elegante Damen mit modischen H\u00fcten, aber auch Akte. W\u00e4hrend \u00fcber Jahrhunderte hinweg biblische oder mythologische Geschichten herhalten mussten, um nackte Frauen zeigen zu k\u00f6nnen, sind Kleins Akte nun mitten im b\u00fcrgerlichen Alltag verortet. Die Damen liegen auf dem Sofa, posieren vor dem Spiegel oder stehen auch mal nackt am Fr\u00fchst\u00fcckstisch, wo schon der Kaffee auf das Paar wartet.<\/p>\n<p>Philipp Klein war auch hier ganz Kind seiner Zeit. So ging es ihm nicht um die Frauen als Individuen oder darum, die neue Nat\u00fcrlichkeit darzustellen, sondern er suchte die Pikanterie. Der eine Generation \u00e4ltere Maler Hugo von Habermann gab noch frank und frei zu: \u201eWissen Sie, ich kann eigentlich nur was Rechtes malen, wenn ich mich erotisch angeregt f\u00fchle.\u201c Bei Klein betonen die Kollegen und Kritiker stattdessen, dass es diesem \u201ePoeten der Farbe\u201c doch nur um die Malerei selbst gegangen sei. Man w\u00fcrde \u201ezu weit gehen, wenn man behaupten wollte, Klein sei mit eigentlicher L\u00fcsternheit an die Schilderung dieser Dinge herangetreten\u201c, schrieb ein Zeitgenosse. \u201eEs waren haupts\u00e4chlich rein malerische Gr\u00fcnde, die ihm dieses Thema immer wieder anziehend machten.\u201c<\/p>\n<p> Warum hat sein Werk nicht \u00fcberdauert? <\/p>\n<p>In Folge des aufkommenden Feminismus und der Vielzahl an K\u00fcnstlerinnen, die inzwischen t\u00e4tig waren, f\u00fchlten sich die Herren offenbar gen\u00f6tigt, das bis dato \u00fcbliche sexuelle Interesse an den Aktmodellen herunterzuspielen. Entsprechend notierte ein Malerkollege zu Klein: \u201eWir kennen sie alle, die halb und ganz ausgezogenen Kinder der Grazien, deren koloristische Reize dein Malerauge immer besonders fesselten.\u201c<\/p>\n<p>Wie gut Klein diese koloristischen Reize einzufangen wusste, zeigt die Mannheimer Ausstellung an vielen Stellen, sodass man sich fragen muss, warum das Werk mancher Kollegen \u00fcberdauerte, seines aber nicht. <\/p>\n<p>Vermutlich ist Philipp Klein einfach zu fr\u00fch gestorben. Er litt unter dem R\u00f6mheld-Syndrom, einer damals noch v\u00f6llig r\u00e4tselhaften Krankheit. Dabei l\u00f6sen \u00fcberm\u00e4\u00dfig viele Gase im Darm Herzbeschwerden aus, weil sie das Zwerchfell anheben, was das Herz so bedr\u00e4ngt, dass es seiner Arbeit nicht mehr nachgehen kann. Die \u00c4rzte konnten nur hilflos zuschauen, wie dieser junge, erfolgreiche Maler im Sanatorium in Gundelsheim mit nur 36 Jahren verstarb.<\/p>\n<p> <b>Ausstellung<\/b> \u201eAufgetaucht! Philipp Klein im Kreis der Impressionisten\u201c ist bis 6. April 2026 im Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen zu sehen. \u00d6ffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Welt ist ungerecht. Davon k\u00f6nnen auch K\u00fcnstler ein Lied singen. Der eine schafft es ins Museum. 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