{"id":525191,"date":"2025-10-25T07:04:35","date_gmt":"2025-10-25T07:04:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/525191\/"},"modified":"2025-10-25T07:04:35","modified_gmt":"2025-10-25T07:04:35","slug":"berlin-du-oder-sie-warum-die-anrede-immer-kniffliger-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/525191\/","title":{"rendered":"Berlin | Du oder Sie? Warum die Anrede immer kniffliger wird"},"content":{"rendered":"<p>Berlin (dpa) &#8211; Siezt du noch oder duzt du schon? Ob im B\u00fcro, Caf\u00e9, beim Elternabend oder in der Nachbarschaft &#8211; die vertrauliche Anrede \u00abDu\u00bb scheint in Deutschland immer beliebter zu werden. Ist das positiv und steht f\u00fcr weniger Hierarchie und Spie\u00dfigkeit? Oder bedeutet ein spontanes \u00abDu\u00bb heute weniger Vertraulichkeit als fr\u00fcher? Nicht allein f\u00fcr Sprachwissenschaftler ist die Sache kompliziert &#8211; und spannend.\u00a0<\/p>\n<p>Als das schwedische M\u00f6belhaus Ikea vor rund 20 Jahren begann, auch deutsche Kunden in seinen Werbebotschaften konsequent zu duzen, l\u00f6ste das noch eine kleine Kulturdebatte aus. Ist das respektlos oder sympathisch? Heute geh\u00f6rt die lockere Kundenansprache oft zur Unternehmensstrategie. \u00abDie Hersteller von Seidenkrawatten und Ma\u00dfanz\u00fcgen werden weiter siezen. Aber wenn ich Sprayer-Dosen verkaufe, werde ich mit dem &#8222;Sie&#8220; nicht weit kommen\u00bb, sagt Horst Simon, Sprachforscher an der Freien Universit\u00e4t Berlin.\u00a0<\/p>\n<p>Ohne harte Regeln wird die Anrede zum Balanceakt<\/p>\n<p>Doch Simon beobachtet neben Marketing-Trends wie das Duzen in vielen Lebensbereichen in Deutschland zunimmt &#8211; und die Wahl der passenden Anrede knifflig geworden ist. Bestellen hippe junge Gro\u00dfst\u00e4dter in Berlin ihren Hafermilch-Kaffee selbstverst\u00e4ndlich per du, weichen andere G\u00e4ste auf ein \u00abhabt ihr?\u00bb aus, um das Siezen des Baristas im coolen Ambiente zu umschiffen. Denn das k\u00f6nnte ja oldschool wirken.<\/p>\n<p>\u00abEs gibt keine harten Regeln mehr\u00bb, erl\u00e4utert Simon. \u00abDas bietet uns die Chance, unsere Kommunikation so zu organisieren, wie sie uns angenehm ist.\u00bb Das schaffe Gestaltungsm\u00f6glichkeiten, verlange aber auch immer wieder neue Entscheidungen. \u00abSchwieriger, aber auch sch\u00f6ner\u00bb, findet Simon. Er merkt die Unsicherheit bei der Anrede auch, wenn Studierende Mails mit \u00abHallo Prof\u00bb beginnen. Das ist ein Fauxpas. \u00abSehr geehrter Herr Professor Doktor\u00bb ginge Simon aber schon wieder zu weit. Statt richtig oder falsch gilt beim Thema Anrede heute eher: passend oder unpassend, je nach Situation.\u00a0<\/p>\n<p>Siezen bei der Arbeit kann Schutz bieten<\/p>\n<p>Und im Job? In der neuen Arbeitswelt hat sich das Duzen nach einer repr\u00e4sentativen Forsa-Umfrage im Auftrag der Jobb\u00f6rse Jobware Anfang 2023 bisher nicht komplett durchgesetzt, aber es gibt Bewegung. 2018 wollten zwei von drei Angestellten lieber gesiezt werden. F\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter legte nur knapp jeder dritte bis vierte Befragte Wert darauf.<\/p>\n<p>Forscher Arnulf Deppermann am Leibniz-Institut f\u00fcr Deutsche Sprache sieht die Anrede in Arbeitsbeziehungen ambivalent. \u00abPositiv beim Duzen ist, dass Barrieren abgebaut werden, und es vielleicht weniger unn\u00f6tige Ehrfurcht und \u00c4ngste gibt, jemanden anzusprechen\u00bb, sagt er. Auch wenn Hierarchien oft bestehen blieben, trauten sich Arbeitnehmer mehr Initiative zu. Negativ sieht Deppermann eine m\u00f6gliche Verquickung der Rolle im Job und der privaten Ebene. \u00abDann macht Duzen ausbeutbar.\u00bb Es m\u00fcsse gar kein b\u00f6ser Wille sein. Doch per du sei es eben einfacher, um einen Gefallen zu bitten oder im Extrem sexuell \u00fcbergriffig zu werden. Das &#8222;Sie&#8220; hat eine Lizenz f\u00fcr die Berufsrolle, aber nicht dar\u00fcber hinaus. \u00abEs kann ein Schutz sein\u00bb, sagt er Forscher.\u00a0<\/p>\n<p>Beh\u00f6rden, Banken und Arztpraxen bleiben Bastionen<\/p>\n<p>Die Luft geht dem \u00abSie\u00bb bislang ohnehin nicht aus. Bei einer quantitativen Umfrage des Marktforschungsunternehmens Appinio fanden 2019 nur rund acht Prozent von rund 4.500 Bundesb\u00fcrgern zwischen 14 und 54 Jahren, dass es abgeschafft geh\u00f6re. Fast zwei Drittel verbanden mit dieser Anrede Respekt, H\u00f6flichkeit und Zur\u00fcckhaltung. Bastionen sind weiterhin Beh\u00f6rden, Banken, Arztpraxen oder Gerichte &#8211; also Orte, bei denen es um Formales, Finanzen, Fachwissen, Objektivit\u00e4t oder Neutralit\u00e4t geht.<\/p>\n<p>Lange war das private Angebot des \u00abDu\u00bb etwas Besonderes. Es gab feste Regeln, wonach es \u00c4lteren zustand, die vertrauliche Anrede J\u00fcngeren vorzuschlagen. Das war eine Art Ritterschlag und ein Vertrauensbeweis, nicht selten mit einem Gl\u00e4schen Sekt oder auch einem K\u00fcsschen auf die Wange zelebriert. \u00abDiese Rituale sind v\u00f6llig weg\u00bb, sagt FU-Wissenschaftler Simon.\u00a0<\/p>\n<p>Bruder als neue Netiquette<\/p>\n<p>Nachbarn duzen sich jetzt oft schon beim Einzug, Reise- oder Lerngruppen allen Alters oft von Anfang an. Ist dieses inflation\u00e4re \u00abDu\u00bb damit weniger wert? \u00abAus der traditionellen Perspektive und als Marker f\u00fcr soziale N\u00e4he ja\u00bb, urteilt Simon. Er beobachtet aber, wie seine Studierenden dieses offenkundige Manko mit spielerischen Zusatz-Anreden ausgleichen, die \u00fcber den \u00fcblichen Slang \u00abAlder\u00bb und \u00abDigga\u00bb hinausgehen. \u00abSie sagen Bruder, Brudi, Bro oder Herz zueinander. Das sind Nettigkeitsmarker als Ausdruck von N\u00e4he.\u00bb<\/p>\n<p>Neu ist dieses \u00abDu-Plus\u00bb nicht. Auch das Englische mache feine Unterschiede zwischen der Anrede \u00abMa`dam\u00bb und \u00abSir\u00bb am Bankschalter und \u00ablove, darling, mate, sweetie\u00bb im Pub, berichtet Simon. Die vertraulichere Anrede Bruder sei im Grunde sogar uralt: Es gab sie schon im Lateinischen als \u00abfrater\u00bb. Durch die Zeiten hat sich das soziale Leben immer auch in Anreden gespiegelt. In der streng hierarchischen St\u00e4ndegesellschaft wurde Respekt fr\u00fcher nach oben hin durch \u00abihr\u00bb oder \u00abeuer Gnaden\u00bb ausgedr\u00fcckt. Nach unten hin aber wurde lange gnadenlos geduzt &#8211; mit dem Charakter sozialer Abwertung.\u00a0<\/p>\n<p>Neue Konventionen bedeuten nicht mehr N\u00e4he<\/p>\n<p>Erst die Idee einer demokratischen Gesellschaft mit weniger sozialen Schranken er\u00f6ffnete dem Duzen eine neue Dimension. Englisch als Gesch\u00e4ftssprache bei gro\u00dfen Firmen, das Internet und Medien haben diesen Trend verst\u00e4rkt und beschleunigt.<\/p>\n<p>\u00abInsgesamt ist die Gesellschaft in Deutschland auf vielen Ebenen informeller geworden. Es gibt ja auch keinen Krawattenzwang mehr. Sprache ist ein Baustein dieser Entwicklung\u00bb, sagt Linguist Simon. Pauschal r\u00fccke die Gesellschaft dadurch aber nicht n\u00e4her zusammen. Die Leute seien deshalb nicht freundlicher zueinander. \u00abEs ist nur eine andere Konvention. Was da mitschwingt, ist, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Jugendlichkeit, Sportlichkeit und &#8222;wir sind alle Kumpels&#8220; als wichtig erachtet wird.\u00bb<\/p>\n<p>Sprachforscher Deppermann sieht Deutschland in einer \u00dcbergangsphase, in der die Richtung unklar ist. Wird es mehr Lockerung geben &#8211; oder werden die sozialen Grenzen sch\u00e4rfer gezogen? Deppermann sieht im Moment auch eine Sehnsucht nach Orientierungssicherheit und traditionellen Formen. \u00abEine R\u00fcckw\u00e4rtsbewegung ist nicht ausgeschlossen\u00bb, erg\u00e4nzt er. Sprache sei ein gro\u00dfer Teil von Identit\u00e4t &#8211; \u00abund die Anrede war immer schon ein Kampfplatz\u00bb.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Berlin (dpa) &#8211; Siezt du noch oder duzt du schon? 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