{"id":525848,"date":"2025-10-25T13:15:13","date_gmt":"2025-10-25T13:15:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/525848\/"},"modified":"2025-10-25T13:15:13","modified_gmt":"2025-10-25T13:15:13","slug":"heroisierung-der-ukraine-im-wochenschau-jargon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/525848\/","title":{"rendered":"Heroisierung der Ukraine im Wochenschau-Jargon"},"content":{"rendered":"<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Am 19. Oktober wurde dem <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/kultur-vergnuegen\/er-hat-den-blick-auf-die-ukraine-geschaerft-friedenspreis-fuer-karl-schloegel-li.2345232\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Historiker Karl Schl\u00f6gel in der Frankfurter Paulskirche der renommierte Friedenspreis<\/a> des Deutschen Buchhandels \u00fcberreicht. Seine Dankesrede mit dem Titel \u201eVon der Ukraine lernen. Verhaltenslehren des Widerstands\u201c rief kontroverse Reaktionen hervor. In unserer Debattenreihe \u201ePro und Contra\u201c greifen wir die Auseinandersetzung auf. An dieser Stelle folgt der Beitrag des BLZ-Redakteurs Thomas Fasbender. Die Einlassung des Publizisten und Generals a.D. Klaus Wittmann zum Thema <a data-li-document-ref=\"10002501\" href=\"https:\/\/www.replace-delivery-host.com\/artikel\/ein-inbegriff-von-standhaftigkeit-der-richtige-hat-diesen-preis-erhalten-10002501\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">lesen Sie hier.<\/a><\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Welche Assoziationen weckt eine Dankesrede f\u00fcr einen <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/topics\/friedenspreis-des-deutschen-buchhandels\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Friedenspreis<\/a>, wenn sie mit den Worten \u201esiegen lernen\u201c schlie\u00dft? Gemeint ist Karl Schl\u00f6gels Ansprache nach seiner Ehrung mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2025.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Im geschichtstr\u00e4chtigen Rund der Frankfurter Paulskirche waren 700 G\u00e4ste versammelt, die Cr\u00e8me de la Cr\u00e8me der deutschen Kulturszene. Der Friedenspreis, mit dem seit 1950 anl\u00e4sslich der Frankfurter Buchmesse Pers\u00f6nlichkeiten aller Herren L\u00e4nder geehrt werden, ist ein Ritterschlag. Wessen Schulter das Schwert ber\u00fchrt, der tritt als Mitglied in den Orden der herrschenden Meinungen ein.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Damit ist der Frankfurter Friedenspreis auch ein Signalgeber f\u00fcr innerelit\u00e4re Stimmungen. Nicht ohne Grund waren die ersten beiden Preistr\u00e4ger, <a target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\" href=\"https:\/\/www.hentrichhentrich.de\/book-max-tau.html\">Max Tau<\/a> (1950) und <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/open-source\/die-unglaubliche-geschichte-von-albert-schweitzer-und-martin-niemoeller-li.2346456\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Albert Schweitzer<\/a> (1951), Sendboten der Verst\u00e4ndigung, der Vers\u00f6hnung, des Dialogs und des Pazifismus. Die letzten Bombenn\u00e4chte lagen f\u00fcnf Jahre zur\u00fcck; das Zittern steckte in den Knien. Viele Menschen empfanden Worte wie Kriegs- und Wehrt\u00fcchtigkeit als verfemt; auf den Stra\u00dfen demonstrierte die erste bundesdeutsche Friedensbewegung. Die Wiederbewaffnung stie\u00df auf harten Widerstand, und es war die Kultur \u2013 Literaten, Intellektuelle, K\u00fcnstler \u2013, die der R\u00fcckkehr von Stahlhelm, Waffe und Uniform mit der gr\u00f6\u00dften Entschiedenheit entgegentrat.<\/p>\n<p>Nur die ganz Alten erinnern sich an den Krieg<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Das hat sich binnen 75 Jahren gr\u00fcndlich ge\u00e4ndert. Deutschland ist wieder wer, sogar von milit\u00e4rischer F\u00fchrung in Europa ist die Rede. Nur die ganz Alten erinnern sich an den Krieg. Der ist zu K4-Bildern geronnen, die wir im Wechsel mit Egoshooter-Spielen am Monitor konsumieren. Allenfalls hybrid tritt er in unser Leben, wenn nach Drohnensichtungen an deutschen Flugh\u00e4fen diskutiert wird, ob es Putin oder der \u00f6rtliche Hobbypilot war.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Indem der Krieg entr\u00fcckt, schwindet die gef\u00fchlte Notwendigkeit, ihn zu verhindern. Parallel w\u00e4chst das Bewusstsein neuer Bedrohung \u2013 zumal unter den gesellschaftlichen Eliten. Deren Errungenschaften sind in Gefahr: \u201eunsere\u201c Demokratie, die europ\u00e4ischen Werte, Vielfalt und Diversit\u00e4t, die Fortschrittsgewissheit, der moralische Universalismus. Zugespitzt und auf den Punkt gebracht: Um solche Errungenschaften zu verteidigen, ist auch Krieg kein allzu hoher Preis.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Das ist die Folie f\u00fcr Karl Schl\u00f6gels Dankesrede. Was der sprachbegabte Essayist vor dem Paulskirchenpublikum formuliert, ist nichts weniger als ein Hohelied auf den Krieg \u2013 auf den ukrainischen Verteidigungskrieg. Die Ukraine ist sein kleines gallisches Dorf, das sich dem \u00fcberm\u00e4chtigen Imperium heldenhaft (und erfolgreich) widersetzt. Daran ist nichts zu bekritteln; nur sehr missg\u00fcnstige Menschen versagen dem ukrainischen Abwehrkampf ihre Anerkennung. Schl\u00f6gel aber \u00fcberdreht, seine Heroisierung der Ukraine entf\u00fchrt in die Sph\u00e4ren des Kitschs.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">\u201eAn sie soll auch der Gru\u00df von dieser Stelle ausgehen \u2013 aus der Frankfurter Paulskirche, dem Ort der deutschen Einheits- und Freiheitsbewegung (\u2026). Es ist ein Gru\u00df, hin\u00fcber zu den Verteidigern einer freien Ukraine, zu den M\u00e4nnern und Frauen, die trotz alledem ihrer Arbeit nachgehen, die ihre Kinder trotz Drohnenschw\u00e4rmen zum Unterricht bringen, zu den Einwohnern Kyjiws, die in der Metrostation ausharren, zu den Lokf\u00fchrern, die ihre Z\u00fcge p\u00fcnktlich von Iwano-Frankiwsk nach Charkiw steuern.\u201c An anderer Stelle: \u201eSie sind in einer postheroisch gewordenen Welt Helden, ohne davon Aufhebens zu machen. (\u2026) Sie helfen uns, sich auf die Zeit nach der Zeitenwende einzustellen. Sie bringen uns bei, dass Landesverteidigung nichts mit Militarismus zu tun hat. Soldaten, und erst recht Soldatinnen, werden geachtet, weil alle wissen dass sie ihre Pflicht tun und wozu sie bereit sind.\u201c<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Das ist Wochenschau-Jargon, Wochenschau-Stakkato. Auch wenn in deutschen Medien von ukrainischen Missst\u00e4nden selten die Rede ist \u2013 jeder wei\u00df von den Deserteuren, vom Ausma\u00df der Korruption, von den verschwundenen Millionen, den autorit\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen. Und die Ukrainer sind es auch nicht, denen wir Deutsche \u201eunseren\u00a0Frieden verdanken\u201c. Die Ukrainer verteidigen ihr Land, tapfer und heldenhaft, aber sie verteidigen nicht den europ\u00e4ischen Frieden, nicht unsere Freiheit und erst recht nicht \u201eunsere Demokratie\u201c.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Schl\u00f6gels pathetischer \u00dcberfrachtung des ukrainischen Verteidigungskriegs entspricht die Hybris, mit der er moralische Pflichten der Europ\u00e4er konstruiert. Unter unseren Augen w\u00fcrden ukrainische St\u00e4dte Tag f\u00fcr Tag, Nacht f\u00fcr Nacht von russischen Raketen beschossen \u2013 und \u201eEuropa scheint nicht in der Lage oder nicht willens, sie zu sch\u00fctzen\u201c.<\/p>\n<p>M\u00fcssen Europ\u00e4er h\u00f6heren Anspr\u00fcchen gen\u00fcgen?<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Womit legitimiert er diesen ma\u00dflosen Anspruch? Tag f\u00fcr Tag, Nacht f\u00fcr Nacht werden im Sudan und an anderen afrikanischen Kriegsschaupl\u00e4tzen Menschen abgeschlachtet \u2013 hat Karl Schl\u00f6gel jemals geklagt, Afrika scheine nicht in der Lage oder nicht willens, sie zu sch\u00fctzen? Ist es, weil die dortigen T\u00e4ter und Opfer \u201enur\u201c Afrikaner sind? M\u00fcssen Europ\u00e4er h\u00f6heren Anspr\u00fcchen gen\u00fcgen?<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Dabei kennt Schl\u00f6gel sich aus wie nur wenige. V\u00f6llig zu Recht bemerkt er: \u201eSehr fr\u00fch lernte ich, dass es jenseits der Teilung Europas in Ost und West, in Sozialismus und Kapitalismus, ein anderes, ein Drittes gab, das damit nicht identisch war, die verlorene Mitte Europas.\u201c Um diese Mitte Europas, die weder Ost noch West ist, geht es auch im Ukrainekrieg. Um Macht und Einfluss zwischen Ost und West.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">F\u00fcr Wladimir Putin ist alles ganz einfach. F\u00fcr Karl Schl\u00f6gel auch. Beide haben ihr Narrativ, beide lassen dasjenige des Gegners nicht gelten, und beider Anspr\u00fcche sind unvereinbar. Die \u201eOsterweiterung des Westens\u201c ist an ihre Grenzen gesto\u00dfen, nicht mehr und nicht weniger. Die alte Ordnung der 1990-er, die Spielregeln, sie gelten nicht mehr. Also herrscht Krieg.<\/p>\n<p>Abschied nehmen von einer Welt<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Schl\u00f6gels Gedanken und Argumente, stellvertretend f\u00fcr ein breites Spektrum der transatlantisch-westdeutschen \u00d6ffentlichkeit von konservativ bis linksliberal, hallen aus dem immer ferneren 20. Jahrhundert hin\u00fcber. Dabei erkennt er selbst: \u201eEs hei\u00dft soviel wie Abschied zu nehmen von einer Welt, die sich aufzul\u00f6sen begonnen hat.\u201c Abschied nehmen, das ist die Botschaft an eine Generation, die sowohl die alte als auch die neue Bundesrepublik entscheidend gepr\u00e4gt hat. An Karl Schl\u00f6gels Generation.<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">\u201eDahin ist die Gewissheit, sich verlassen zu k\u00f6nnen auf Amerika\u201c, ist eine weitere, legitime Erkenntnis. So ist es, und da bringt es wenig, vor der versammelten Kulturelite zwei D\u00e4monen in den rhetorischen Raum zu projizieren: Wladimir Putin und Donald Trump. Wird die deutsche Politik wirkm\u00e4chtiger, wenn sie sich den beiden gegen\u00fcber als haushoch \u00fcberlegen aufplustert?<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Da kann der Friedenspreistr\u00e4ger Putins Russland noch so wortreich als \u201eGestalt des B\u00f6sen\u201c d\u00e4monisieren, als Hort der Barbarei und aller vorstellbaren und unvorstellbaren Grausamkeiten. Er kommt ihm nicht bei. Und das nicht, weil Russland keine d\u00e4monischen Seiten h\u00e4tte. Sondern weil dem lendenlahmen Europa, dem alten Kontinent im Ausgang seiner Epoche, weder die Kraft noch der Wille bleibt, seinen Wertekanon \u2013 und mag er noch so fortschrittlich gl\u00e4nzen \u2013 in die Welt hinauszutragen.<\/p>\n<p>Autokratien k\u00f6nnen erfolgreich sein<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ\">Was bleibt, ist die Kraft, vor den Kulturschaffenden im gesch\u00fctzten Raum der Paulskirche Feindbilder zu malen. Etwa von Putins \u201eKrieg um die K\u00f6pfe\u201c der Deutschen, \u201emit Stimmungen, mit \u00c4ngsten, mit Ressentiments\u201c. Auch so eine Paranoia: als ob es ohne Putin keine Unzufriedenen g\u00e4be, keine AfD. Braucht es zur Unzufriedenheit einen Putin, wenn deutschen Professoren nach Postings in sozialen Netzwerken eine fr\u00fchmorgendliche Hausdurchsuchung droht?<\/p>\n<p class=\"article_paragraph__hXYKJ article_paragraph_end-of-article-icon__tzjPO\">Letztlich ist der 77-j\u00e4hrige Schl\u00f6gel ein ebensolcher Nostalgiker wie der 73-j\u00e4hrige Putin. Der eine tr\u00e4umt von der russisch-imperialen Ordnung, der andere von der liberal-universalen. Doch beide Ordnungen sind hin, vom Winde verweht. Autokratien k\u00f6nnen inzwischen erfolgreich sein, und die Demokratien verlieren an St\u00e4rke und Macht. Statt mit Pathos vom Siegen zu reden, sollten wir uns n\u00fcchtern bem\u00fchen, k\u00fcnftige Kriege zu vermeiden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Am 19. 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