{"id":530288,"date":"2025-10-27T10:57:11","date_gmt":"2025-10-27T10:57:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/530288\/"},"modified":"2025-10-27T10:57:11","modified_gmt":"2025-10-27T10:57:11","slug":"berlin-offenbach-schonungslose-doku-ueber-haftbefehl-ich-war-schon-tot","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/530288\/","title":{"rendered":"Berlin\/Offenbach | Schonungslose Doku \u00fcber Haftbefehl &#8211; \u00abIch war schon tot\u00bb"},"content":{"rendered":"<p>Berlin\/Offenbach (dpa) &#8211; Stra\u00dfenkriminalit\u00e4t, Ruhm, Drogen, eine schwierige Familiengeschichte, Depression &#8211; das sind Zutaten einer Dokumentation \u00fcber den Deutsch-Rapper Haftbefehl. \u00abBabo &#8211; Die Haftbefehl-Story\u00bb ist ab Dienstag (28. Oktober) auf Netflix zu sehen. Der Film ist so gar keine bedingungslose Huldigung des 39-j\u00e4hrigen Aykut Anhan, wie Haftbefehl mit b\u00fcrgerlichem Namen hei\u00dft. Was er ist? Die erste Produktion von Elyas M`Barek.\u00a0<\/p>\n<p>Die Doku spannt einen Bogen vom Offenbacher Hochhausviertel Mainpark, in dem Anhan aufw\u00e4chst, \u00fcber seinen kometenhaften Aufstieg als Musiker bis hin zu psychischen Probleme und Drogenkonsum, die fast in den Tod f\u00fchren &#8211; schonungslos, bisweilen verst\u00f6rend, \u00e4hnlich wie seine oft brachialen Songs.\u00a0<\/p>\n<p>Von der B\u00fchne in die Therapie<\/p>\n<p>Die erste Einstellung zeigt einen schlichten Sessel vor schwarzem Hintergrund, Anhan, sichtlich gezeichnet, setzt sich, steckt eine Zigarette an. Auf die Frage, wie es ihm gehe, antwortet er: \u00abMir geht`s gut, Brudi. Ich war in Therapie\u00bb Und erg\u00e4nzt: \u00abIch war schon tot.\u00bb\u00a0<\/p>\n<p>Es folgt eine R\u00fcckblende auf ein von Br\u00fcchen durchzogenes Leben eines Menschen, der als Musiker von vielen verehrt wird, der mit dem Titel \u00abChabos wissen, wer der Babo ist\u00bb das Jugendwort des Jahres 2013 bekannt machte, n\u00e4mlich \u00abBabo\u00bb f\u00fcr Vater oder Chef. Ein Mensch, der zugleich umstritten ist, mit dem Gesetz in Konflikt kam, mit Texten wie \u00abFick deine Integration, ich lade die Kugel direkt durch dein` Sch\u00e4del\u00bb aus dem Song \u00ab069\u00bb schockierte.\u00a0<\/p>\n<p>Die Netflix-Doku nimmt mit nach Frankfurt, Istanbul, zeigt ekstatische Massen auf dem Frauenfeld-Festival in der Schweiz, l\u00e4sst andere Musik-Gr\u00f6\u00dfen zu Wort kommen &#8211; den inzwischen gestorbenen Rapper Xatar, Moses Pelham, Jan Delay. Sie attestieren Haftbefehl \u00abwahnsinnige Energie\u00bb, sprechen vom \u00abK\u00f6nig\u00bb, vom gr\u00f6\u00dften K\u00fcnstler, den die Deutschrap-Szene hervorgebracht habe.<\/p>\n<p>Mannheim als tiefer Einschnitt<\/p>\n<p>Und da sind Bilder vom schockierenden Auftritt 2022 in Mannheim, als sich Anhan kaum auf den Beinen halten kann, vom Aufwachen auf einer Intensivstation nach einem Drogenexzess, auf den kein Umdenken folgt, sondern der Griff zu den n\u00e4chsten zehn Gramm. F\u00fcr die Macher des Films war nach Mannheim erstmal nicht klar, wie es weitergeht.\u00a0<\/p>\n<p>\u00abEs ist kein Geheimnis, die Doku stand mehrere Male vor dem Abbruch\u00bb, erz\u00e4hlt Juan Moreno. Er entlarvte einst den Geschichten-F\u00e4lscher Claas Relotius, nun f\u00fchrte der in Hanau bei Offenbach aufgewachsene Moreno gemeinsam mit Sinan Sevin\u00e7 (\u00abSplit Second\u00bb) Regie. Rund zwei Jahre begleiteten die beiden Haftbefehl immer wieder mit der Kamera &#8211; bis November 2024.\u00a0<\/p>\n<p>Der Film geht tief ins Private mit Aufnahmen aus Anhans Kindheit mit seinen Eltern und Br\u00fcdern. Der Suizid seines Vaters wird thematisiert. Anhans Ehefrau berichtet vom schwierigen Familienleben mit ihm, ist oft den Tr\u00e4nen nahe, sagt: \u00abDen Aykut liebe ich, den Haftbefehl nicht.\u00bb<\/p>\n<p>\u00abDer Film nimmt einen mit, und er schockt\u00bb, sagt M`Barek (\u00abFack ju G\u00f6hte\u00bb). \u00abEs ist wahrscheinlich die schonungsloseste, direkteste Musiker-Doku, die ich kenne.\u00bb\u00a0M`Barek hat sie mit Pacco-Luca Nitsche produziert und sagt r\u00fcckblickend: \u00abWir wollten ihm ein Denkmal setzen, unsere Liebe zu ihm als K\u00fcnstler zum Ausdruck bringen, aber trotzdem das Publikum nicht bel\u00fcgen, wirklich alles auf den Tisch packen. Das war auch Aykuts Wunsch.\u00bb\u00a0<\/p>\n<p>Lichtgestalt in der Finsternis<\/p>\n<p>\u00abGef\u00fchlt haben wir einen sehr modernen Antidrogen-Film gemacht\u00bb, meint Sevin\u00e7. Im Deutsch-Rap habe sich eine Entwicklung breit gemacht, dass Kokain-Konsum cool sei. Wer, wenn nicht Aykut Anhan &#8211; \u00abdie Lichtgestalt des deutschen Hip-Hops\u00bb, wie Sevin\u00e7 ihn nennt &#8211; k\u00f6nne einen Film bringen, der Jugendliche dar\u00fcber nachdenken lasse.\u00a0<\/p>\n<p>Es brauche eine geh\u00f6rige Portion Mut, sich so offen und ehrlich vor der Kamera zu zeigen, betont Sevin\u00e7. Auch er trennt zwischen dem realen Anhan und der Kunstfigur Haftbefehl, sagt: \u00abHaftbefehl ist gef\u00e4hrlich, vor allem f\u00fcr Aykut selbst. Wenn er in diese Haftbefehl-Welt abtaucht, hat das f\u00fcr ihn keine Grenzen.\u00bb\u00a0<\/p>\n<p>In einer Szene in einem Hotelzimmer wirft Anhan das Filmteam hinaus, die Kamera l\u00e4uft weiter. Er ist zu h\u00f6ren, spricht von D\u00e4monen in seinem Kopf. \u00abAuch das ist Teil von diesem Weg, den wir begleitet haben, dass es immer absurder wurde\u00bb, erz\u00e4hlt Sevin\u00e7. \u00abDiese Szene im Hotelzimmer war f\u00fcr mich der Moment, an dem klar wurde, dass es ohne Hilfe von au\u00dfen nicht weitergeht.\u00bb\u00a0<\/p>\n<p>Radikale Ehrlichkeit<\/p>\n<p>\u00abAykut hat den Einschlag in die Hip-Hop-Welt mit seiner Musik so hinbekommen, weil er einfach radikal ehrlich war\u00bb, sagt Moreno. So ist er in der Doku auch. \u00abEr nennt Ross und Reiter\u00bb, betont Moreno. \u00abEr sagt: Seit 25 Jahren nehme ich Drogen und deswegen ist mein Gehirn Matsch.\u00bb\u00a0<\/p>\n<p>Ausgangspunkt f\u00fcr die Doku waren Drehb\u00fccher f\u00fcr eine Serie, die der Rapper vor rund vier Jahren M`Barek schickte. \u00abEr wollte sein Leben fiktional in einer Serie erz\u00e4hlen und ich sollte seinen Vater spielen\u00bb, erinnert sich M`Barek. \u00abWeil ich seine sehr tragische Familiengeschichte kannte, war mir klar, dass ich diese Rolle nicht \u00fcbernehmen kann.\u00bb\u00a0<\/p>\n<p>Er habe Anhan offen gesagt, dass er die Drehb\u00fccher nicht f\u00fcr angemessen halte, sie seiner Geschichte und ihm als K\u00fcnstler nicht gerecht w\u00fcrden. M`Barek empfahl stattdessen eine Dokumentation. \u00abEr hat sofort beschlossen, dass ich die Doku produzieren soll\u00bb, sagt M`Barek &#8211; und so kam es dann auch.\u00a0<\/p>\n<p>Gerade in der Entertainmentindustrie werde viel zu selten offen \u00fcber Themen wie Sucht oder Depression gesprochen, sagt M`Barek. \u00abWas mit Menschen passieren kann, die permanent im Rampenlicht stehen, welche Zerrei\u00dfproben damit einhergehen \u2013 das wird oft ausgeblendet. Der Film zeigt, dass hinter Glanz und Glamour oft gro\u00dfe Tragik liegt.\u00bb<\/p>\n<p>Harter Rapper, sensibler Mensch<\/p>\n<p>Der Film macht deutlich, dass hinter dem selbstbewussten Rapper ein sensibler Mensch steckt &#8211; einer, der zu k\u00e4mpfen hat, weil sein Vater bei keinem seiner Fu\u00dfballspiele f\u00fcr eine Jugendmannschaft von Kickers Offenbach war, einer, der \u00fcberrascht, weil er Musik von Reinhard Mey mag.\u00a0<\/p>\n<p>L\u00e4uft die Doku Gefahr, dass Anhans Verfehlungen entschuldigt werden mit einer schwierigen Jugend und mit seiner Sucht? Auch die beiden Regisseure haben sich dar\u00fcber Gedanken gemacht. Moreno sagt dazu: \u00abDer Erste, der diese Entschuldigung nicht akzeptiert, ist Aykut selbst.\u00bb<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Berlin\/Offenbach (dpa) &#8211; Stra\u00dfenkriminalit\u00e4t, Ruhm, Drogen, eine schwierige Familiengeschichte, Depression &#8211; das sind Zutaten einer Dokumentation \u00fcber den&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":530289,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1829],"tags":[29,441,92,2050,2051,30,40853,2052,198,2549,62,810,1897,130384],"class_list":{"0":"post-530288","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-frankfurt-am-main","8":"tag-deutschland","9":"tag-fernsehen","10":"tag-film","11":"tag-frankfurt","12":"tag-frankfurt-am-main","13":"tag-germany","14":"tag-givemeperspective","15":"tag-hessen","16":"tag-internet","17":"tag-leute","18":"tag-medien","19":"tag-musik","20":"tag-streaming","21":"tag-zum-28-oktober"},"share_on_mastodon":{"url":"","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/530288","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=530288"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/530288\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/530289"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=530288"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=530288"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=530288"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}