{"id":531071,"date":"2025-10-27T18:17:13","date_gmt":"2025-10-27T18:17:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/531071\/"},"modified":"2025-10-27T18:17:13","modified_gmt":"2025-10-27T18:17:13","slug":"italiens-beruehmter-cold-case-spektakulaere-wendung-im-mafia-mord-an-mattarella","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/531071\/","title":{"rendered":"Italiens ber\u00fchmter Cold Case: Spektakul\u00e4re Wendung im Mafia-Mord an Mattarella"},"content":{"rendered":"<p><strong>Vor mehr als 45 Jahren wird der Politiker Piersanti Mattarella in Italien ermordet. Schnell gilt die Mafia als Auftraggeber, doch wer den Abzug dr\u00fcckte, ist bis heute ein R\u00e4tsel. Nun nehmen die Ermittler einen ehemaligen Polizisten fest. Er steht im Verdacht, wichtige Beweise verschleiert zu haben.<\/strong><\/p>\n<p>6. Januar, 1980, Dreik\u00f6nigstag, Vormittag. Der Politiker Piersanti Mattarella sitzt im Auto vor seiner Wohnung. Er will mit seiner Frau, seiner Tochter und seiner Schwiegermutter in die Kirche fahren. Doch ein Mann n\u00e4hert sich seiner Wagenseite, dann feuert er mehrmals durch das Fenster, direkt auf Mattarella. Wenige Minuten sp\u00e4ter stirbt dieser in den Armen seines Bruders Sergio.<\/p>\n<p>Von dieser qualvollen Szene gibt es ein ber\u00fchmtes Foto der Fotografin Letizia Battaglia. Denn der Tote ist seit M\u00e4rz 1978 Pr\u00e4sident der Region Sizilien. Sein Bruder Sergio ist heute Italiens Staatsoberhaupt.<\/p>\n<p>45 Jahre sind seit dem Attentat verstrichen. 1995 wurden die Mafiabosse Tot\u00f2 Riina, Michele Greco und Nino Madonia als Auftraggeber verurteilt. Der M\u00f6rder ist aber bis heute unbekannt. Nicht wegen schlampiger Ermittlungen, sondern weil diese immer wieder gezielt verhindert und in die falsche Richtung gef\u00fchrt wurden, wie der damalige Ermittler Pietro Grasso der Tageszeitung &#8222;La Repubblica&#8220; sagte.<\/p>\n<p>Festnahme nach 45 Jahren<\/p>\n<p>Nichtsdestotrotz gab man die Ermittlungen nie auf &#8211; offenbar mit Erfolg: Vergangenen Freitag wurde der ehemalige Polizist und heute 74-j\u00e4hrige Rentner Filippo Piritore in Haft genommen. Wegen seines Alters bedeutet dies, dass er unter Hausarrest gestellt wurde. Piritore, der es bis zum Pr\u00e4fekten gebracht hat, soll von Tag eins an bewusst falsche F\u00e4hrten gelegt haben. Das nehmen Staatsanwalt Maurizio De Lucia und zwei Stellvertreter an. Allerdings haben sie keine handfesten Beweise, es gilt die Unschuldsvermutung. <\/p>\n<p>Was dem ehemaligen Polizisten jedoch zum Verh\u00e4ngnis werden k\u00f6nnte, ist ein Handschuh, der damals in einem Auto gefunden wurde, in dem der M\u00f6rder nach seiner Tat gefl\u00fcchtet sein soll. Dem Handschuh wurde damals wenig Aufmerksamkeit geschenkt, wahrscheinlich weil die technischen Analyseinstrumente, die eine DNA-Zuordnung erm\u00f6glicht h\u00e4tten, noch fehlten. Als es schlie\u00dflich M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Analysen gab, war der Handschuh verschwunden. <\/p>\n<p>Daf\u00fcr gibt es Anmerkungen und Notizen von Piritore. In diesen hei\u00dft es, er habe dem Kollegen aus der Kriminalabteilung, Giuseppe Di Natale, den Handschuh mit der Anweisung \u00fcbergeben, ihn Staatsanwalt Pietro Grasso auszuh\u00e4ndigen. Sowohl Di Natale wie Grasso bestritten diese Behauptung. Au\u00dferdem gibt es Ungereimtheiten: Wie die Tageszeitung &#8222;Corriere della Sera&#8220; schreibt, arbeitete Di Natale ausschlie\u00dflich im Labor. Obendrein war er an jenem Tag krankgeschrieben. Und warum sollte der Handschuh \u00fcberhaupt zuerst dem Staatsanwalt gegeben, anstatt gleich zur kriminaltechnischen Untersuchung weitergeleitet zu werden? Eine Frage, die sich auch der Staatsanwalt Grasso, heute in Rente, stellt. &#8222;Allein vom investigativen Standpunkt her h\u00e4tte es daf\u00fcr \u00fcberhaupt keinen Grund gegeben.&#8220;<\/p>\n<p> Kampf gegen Mafia-Verfilzungen<\/p>\n<p>Mattarella war ein angesehener, aber auch unbequemer Spitzenpolitiker der Christdemokratischen Partei Democrazia Cristiana (DC). Eine Partei, die auch Beziehungen zu der Mafia hatte, basierend auf dem Prinzip &#8222;eine Hand w\u00e4scht die andere&#8220;: Die Cosa Nostra bekam die lukrativsten \u00f6ffentlichen Auftr\u00e4ge und im Gegenzug sicherten die Mafiabosse der DC die n\u00f6tigen Stimmen bei den Wahlen. Mattarella wollte diesen Verfilzungen ein Ende setzen. Die Mafia h\u00e4tte also ein Interesse gehabt, den Mann aus der Welt zu schaffen. Mit ihm als Pr\u00e4sident der Region waren ihre Gesch\u00e4fte in Gefahr. <\/p>\n<p>Mattarella war aber nicht nur der Cosa Nostra ein Dorn im Auge. Auch ein Teil der DC haderte mit seinen ethischen Prinzipien, sowie mit seiner Bef\u00fcrwortung, dass sich die Partei nach links \u00f6ffnen sollte. Das k\u00f6nnte der Grund sein, warum die Ermittler auch auf Personen aus der neofaschistischen Szene gesto\u00dfen sind.<\/p>\n<p>Piritores Vorgesetzter war damals Bruno Contrada, ein schillernder Staatsdiener, der sp\u00e4ter selbst wegen externen Mitwirkens bei Cosa Nostra zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde. Contrada ermittelte im Fall Mattarella, pflegte aber gleichzeitig den Kontakt zu den Mafiabossen Greco und Riina. Wenige Monate nach dem Mord flog Contrada nach London. Er wollte Irma Chiazzese, die Witwe, treffen und ihr Fotos des Mafioso Salvatore Inzerillo zeigen. In diesem sollte sie den M\u00f6rder ihres Mannes wiedererkennen.<\/p>\n<p>Mord aus Gef\u00e4lligkeit? <\/p>\n<p>Chiazzese verneinte dies jedoch. Sie sa\u00df bei dem Mord neben ihrem Mann. Sie war sich stattdessen sicher, den T\u00e4ter in dem Neofaschisten Valerio Fioravanti zu erkennen. Dieser soll in jenen Tagen in Palermo gewesen sein. Die Aussage der Witwe wurde aber als unzureichend f\u00fcr einen Haftbefehl bewertet. In Italien wird der Name Fioravanti vor allem mit dem Attentat vom 2. August 1980 am Bahnhof von Bologna in Verbindung gebracht. Es starben 85 Menschen und Fioravanti bekam zusammen mit seiner Frau lebensl\u00e4nglich.<\/p>\n<p>Einer, der bis heute davon \u00fcberzeugt ist, dass Mattarellas M\u00f6rder Fioravanti war, ist der ehemalige Staatsanwalt Leonardo Agueci, heute 75 Jahre alt. F\u00fcr ihn bleibt es unbegreiflich, wie man die Aussage der Witwe als unzureichend behandeln konnte.<\/p>\n<p>Aber warum sollte sich die Mafia eines externen M\u00f6rders bedienen? Es k\u00f6nnte sich um einen Austausch von Gef\u00e4lligkeiten gehandelt, sagte Agueci im Interview mit dem &#8222;Corriere della Sera&#8220;. Die Cosa Nostra k\u00f6nnte versprochen haben, dem Neofaschisten Pierluigi Concutelli bei der Flucht aus dem Gef\u00e4ngnis von Palermo zu helfen. Im Gegenzug sollte Mattarella aus dem Weg geschafft werden.<\/p>\n<p>Und dann gibt es noch einen weiteren Grund. In einem Interview mit der Tageszeitung &#8222;La Stampa&#8220; erinnert der ehemalige Staatsanwalt Felice Casson an eine damalige Anweisung der CIA, laut der man Terrorgruppen, egal aus welchem Lager, f\u00fcr seine eigenen Interessen benutzen sollte, um einen Linksrutsch zu vermeiden. Und Mattarella galt damals als einer, der diesen Linksrutsch befeuerte. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Vor mehr als 45 Jahren wird der Politiker Piersanti Mattarella in Italien ermordet. 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