{"id":531839,"date":"2025-10-28T01:49:27","date_gmt":"2025-10-28T01:49:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/531839\/"},"modified":"2025-10-28T01:49:27","modified_gmt":"2025-10-28T01:49:27","slug":"genau-jetzt-koennte-europa-zeigen-was-es-kann-diepresse-com","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/531839\/","title":{"rendered":"Genau jetzt k\u00f6nnte Europa zeigen, was es kann \u2013 DiePresse.com"},"content":{"rendered":"<p>Geo\u00f6konomie. Die neue Ordnung wird politisch gepr\u00e4gt und fragiler als bisher sein. Sie bietet aber auch eine gro\u00dfe Chance f\u00fcr die Europ\u00e4er. <\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.diepresse.com\/thema\/jamieson-greer\" data-tracking=\"at-link\" data-tracking-data=\"{\" event=\"\" click=\"\" article=\"\" jetzt=\"\" k=\"\" europa=\"\" zeigen=\"\" was=\"\" es=\"\" kann=\"\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Jamieson Greer<\/a>, Handelsbeauftragter von Donald Trump, macht Druck. China stehe kurz vor einer\u00a0\u201eMachtergreifung\u00a0der globalen Lieferkette\u201c, warnt er. Kurz zuvor hatte Peking die Ausfuhr seiner Seltenen Erden weiter beschr\u00e4nkt. Die Amerikaner drohten daraufhin mit einem sagenhaften Zollsatz von 100 Prozent. Die beiden Gorillas der Weltwirtschaft, Washington und Peking, fletschen die Z\u00e4hne. Bei\u00dft der eine zu, wird der andere zur\u00fcckbei\u00dfen. <\/p>\n<p>Der Werkzeugkasten der Kontrahenten ist gut gef\u00fcllt. Autokraten und Regierungen, die wirtschaftliche Verflechtungen als Druckmittel einsetzen wollen, stehen Sanktionen, Embargos, Blockaden zur Verf\u00fcgung. Z\u00f6lle, oft spezifisch auf G\u00fctergruppen oder Regionen zielend, und Handelsabkommen z\u00e4hlen dazu. \u00dcber Export-, Import- und Investitionskontrollen kann man Mauern errichten. Das gelingt auch mit nichttarif\u00e4ren Handelshemmnissen, wie der verschleppten Abfertigung ausl\u00e4ndischer G\u00fcter, die in Containern verrotten. Auch die Entwicklungs- und Katastrophenhilfe wird zum Erreichen geopolitischer Ziele genutzt. Die flie\u00dfende Grenze von einem Handelskrieg zum offenen Krieg wird bei Spionage, Sabotage, hybriden Angriffen auf Cyberstruktur oder Finanzmarkt gestreift oder gar \u00fcberschritten. Auch das Verunsichern von Bev\u00f6lkerung, etwa durch Drohnen, geh\u00f6rt in dieses Feld. <\/p>\n<p>Der Versuch, wirtschaftliche Beziehungen zum einseitigen Vorteil zu nutzen, sie gar einzusetzen, um Staaten zu zerst\u00f6ren, ist so alt wie die Menschheit. Zwei deutsche National\u00f6konomen gaben der Strategie, Geopolitik und Wirtschaft zusammenzudenken, einen Namen: Ohne von den Arbeiten des anderen zu wissen, f\u00fchrten Arthur Dix und Wilhelm R\u00f6pke vor 100 Jahren den Begriff \u201eGeo\u00f6konomie\u201c ein. Dix machte das Wortunget\u00fcm 1925 erstmals zum Titel eines Wirtschaftsbuches. R\u00f6pke brachte den Begriff schon 1922 zu Papier. <\/p>\n<p>              Hinweis: <\/p>\n<p>Gastkommentare und Beitr\u00e4ge von externen Autoren und Autorinnen m\u00fcssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.diepresse.com\/meinung\/gastkommentar\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&gt;&gt;&gt; Mehr Gastkommentare<\/a><\/p>\n<p>Die beiden Denker konnten unterschiedlicher kaum sein: Dix\u2019 Rat war bei Konservativen, Kolonisatoren und Imperialisten der Weimarer Jahre gefragt. Sp\u00e4ter verfasste er eine Eloge auf Adolf Hitler, in der er ihn einen Propheten nannte. Dix schreibt: \u201eGeo\u00f6konomisches Denken erkennt es objektiv als schwerste Sch\u00e4digung der Weltwirtschaft, da\u00df einem durch seine geographischen Lebensbedingungen zu h\u00f6chster Energieentfaltung erzogenen Volke der freie Zugang zu unentbehrlichen Rohstoffgebieten entzogen, die selbstst\u00e4ndige Fortentwicklung durch tausend Fesseln gehemmt, die Aufnahmef\u00e4higkeit gegen\u00fcber dem Weltmarkt durch untragbare Lasten genommen ist.\u201c <\/p>\n<p>R\u00f6pke wurde im Jahr, als Dix\u2019 \u201eGeo\u00f6konomie\u201c erschien, mit 24 Jahren Deutschlands j\u00fcngster Professor. Von den Nazis wurde der liberale Hochschullehrer sofort entlassen, floh in die T\u00fcrkei und lehrte sp\u00e4ter in Genf. Er glaubte, dass Globalisierung allen Menschen diene, weil sie zur weltumspannenden Integration f\u00fchre. Durch \u201eprotektionistischen Autarkismus\u201c lasse sie sich nicht aufhalten. Schlie\u00dflich sprach der sp\u00e4tere Exilant dann von den \u201edurch das goldene Band der Weltwirtschaft verbundenen V\u00f6lker(n)\u201c.<\/p>\n<p>Das \u201egoldene Band\u201c, nun Globalisierung genannt, hat im vorigen Jahrhundert hunderte Millionen aus der Armut gef\u00fchrt. F\u00fcr viele wirkte es, als n\u00e4hmen globale Konflikte ab. Wo sie noch waberten, sollte \u201eWandel durch Handel\u201c greifen. Es war eine sch\u00f6n klingende\u00a0Illusion vor allem europ\u00e4ischer Demokratien, mit der sich \u2014 auf Kosten anderer \u2014 f\u00fcr eine Zeit gut leben lie\u00df.<\/p>\n<p>Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation (2001), Putins Angriff auf die Ukraine (2022), Trumps zweite Amts\u00fcbernahme (2025) markierten Wendepunkte. Die Geo\u00f6konomie steht wieder hoch im Kurs. \u201eWas wir als internationale Ordnung f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich hielten, hat sich innerhalb k\u00fcrzester Zeit in internationale Unordnung verwandelt. Die Welt ist erneut gepr\u00e4gt von imperialem Machtstreben und imperialen Kriegen. Von autorit\u00e4ren M\u00e4chten, die bereit sind, unsere Differenzen oder Abh\u00e4ngigkeiten schonungslos auszunutzen\u201c, warnt <a href=\"https:\/\/www.diepresse.com\/thema\/eu\" data-tracking=\"at-link\" data-tracking-data=\"{\" event=\"\" click=\"\" article=\"\" jetzt=\"\" k=\"\" europa=\"\" zeigen=\"\" was=\"\" es=\"\" kann=\"\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">EU<\/a>-Kommissionspr\u00e4sidentin Ursula von der Leyen.<\/p>\n<p>Angesichts des heraufgezogenen Endes der pax americana wird eine neue Ordnung wesentlich st\u00e4rker als bislang politisch gepr\u00e4gt sein, fragiler, von wechselnden Interessen bestimmt werden. Dagegen hilft nur eines: nicht nur Politiker, auch Wirtschaftsf\u00fchrer m\u00fcssen geo\u00f6konomisch denken. Denn jeder Schnitt in die weltweite Vernetzung, jede Blockade \u2013 gewollt durch Z\u00f6lle oder Sanktionen, oder ungewollt, wie etwa durch einen Unfall im Suezkanal \u2013 f\u00fchrt in diesem System zu schmerzlichen Ausf\u00e4llen, die zu Katastrophen wachsen k\u00f6nnen.\u00a0Wirtschaftliche St\u00e4rke bildet die wichtigste Grundlage, um Einfluss zu erlangen. Erst wirtschaftspolitische Spielr\u00e4ume erlauben politisches Handeln. <\/p>\n<p>Genau in dieser Zeit aber ist die EU zerstritten, belastet von Schuldenpaketen, \u00e4chzend unter dem Druck nationaler Bewegungen. Dabei h\u00e4tte sie genau jetzt ihre Chance. Denn je mehr die USA mit Zollbarrieren Partner vergrault, je st\u00e4rker China sein wahres, autokratisches Gesicht zeigt, umso attraktiver kann Europa erscheinen. Immer mehr L\u00e4nder auf der Welt suchen Partner. Der \u201ealte Kontinent\u201c aber wirkt nur glaubhaft, wenn Br\u00fcssel sein Lastenheft weiter abarbeitet. Die EU muss neue M\u00e4rkte \u00f6ffnen, etwa durch abgespeckte Freihandelsvertr\u00e4ge. Br\u00fcssel arbeitet sich voran, will nach Mercosur und Indonesien auch Australien, Malaysia und v. a. Indien gewinnen. Das ist Schwerstarbeit: Es geht nur ohne erhobenen Zeigefinger und mit Zugest\u00e4ndnissen. Afrika, Zentralasien und der arabische Raum m\u00fcssen st\u00e4rker ins Auge gefasst werden. Zeitgleich m\u00fcssen Forschung und Entwicklung in Europa unter Hochdruck ausgebaut werden, auch durch das Anlocken von Wissenschaftlern, die die USA verlassen.<\/p>\n<p>Auch Unternehmen k\u00f6nnen versuchen, Zollschranken durch Investitionen in den USA zu vermeiden oder tiefer in Drittl\u00e4nder vorzudringen. Ein europ\u00e4ischer Rohstofffonds muss rasch in Fahrt kommen. Anspruchsvoll, aber von extremer Bedeutung sind\u00a0die Lagerhaltung unter den neuen Vorzeichen, sowie das Aufrechterhalten von Lieferketten. R\u00fcstung und KI sind Zukunftsfelder, die in alle Branchen abstrahlen. Sie brauchen Start-up-Kapital, Fachkr\u00e4fte, ein verl\u00e4ssliches regulatorisches Umfeld \u2013 das muss Europa bieten. Dabei k\u00f6nnte die Wirtschaft auf Vorhandenes aufsatteln: viele europ\u00e4ische Unternehmen haben international einen guten Ruf, ihre Produkte sind teuer, aber hoch angesehen. Eink\u00e4ufer und Ingenieure sind bestens ausgebildet und vernetzt. Viele mittelst\u00e4ndische Firmen sind seit Jahren weltweit unterwegs. Genau jetzt k\u00f6nnten die Europ\u00e4er mit diesen Pfunden wuchern. Wenn sie die Dringlichkeit erkennen und sich aufstellen f\u00fcr eine andere Welt. <\/p>\n<p>Dann k\u00f6nnte Europa eine regelbasierte Ordnung neu gestalten. Nat\u00fcrlich wird es nicht ohne die USA oder China gehen. Da sich Europa aber weder auf Trump noch auf Xi wird verlassen k\u00f6nnen, dr\u00e4ngt die Ann\u00e4herung an S\u00fcdost- und Zentralasien, an Afrika, an den erstarkenden Globalen S\u00fcden. Europa bietet einen riesigen, kaufkr\u00e4ftigen Markt, Innovationskraft, Rechtssicherheit, Vielfalt. Es hat das R\u00fcstzeug, in einer aus den Fugen geratenen Welt relevant zu bleiben. <\/p>\n<p>                               <img decoding=\"async\" class=\"figure__image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Christoph_Hein_c_Markus_Kirchgessner_160852.jpg\" alt=\"&lt;strong&gt;Der Autor: Christoph Hein&lt;\/strong&gt; (*1960) ist Autor und Journalist, 25 Jahre lang war er Wirtschaftskorrespondent der \u201eFrankfurter Allgemeine Zeitung\u201c in Asien. Heute leitet er den Newsletter \u201eF.A.Z. PRO Weltwirtschaft\u201c. 2025 neu erschienen: \u201eUnsere Wirtschaft neu denken\u201c (Brandst\u00e4tter).\" width=\"1000\" height=\"600\" loading=\"lazy\" fetchpriority=\"low\"\/>                                     <\/p>\n<p><strong>Der Autor: Christoph Hein<\/strong> (*1960) ist Autor und Journalist, 25 Jahre lang war er Wirtschaftskorrespondent der \u201eFrankfurter Allgemeine Zeitung\u201c in Asien. Heute leitet er den Newsletter \u201eF.A.Z. PRO Weltwirtschaft\u201c. 2025 neu erschienen: \u201eUnsere Wirtschaft neu denken\u201c (Brandst\u00e4tter).\u2003Markus Kirchgessner<\/p>\n<p>    Lesen Sie mehr zu diesen Themen:<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Geo\u00f6konomie. Die neue Ordnung wird politisch gepr\u00e4gt und fragiler als bisher sein. 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