{"id":532670,"date":"2025-10-28T10:21:17","date_gmt":"2025-10-28T10:21:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/532670\/"},"modified":"2025-10-28T10:21:17","modified_gmt":"2025-10-28T10:21:17","slug":"napoleon-in-russland-diese-krankheiten-brachten-die-grande-armee-zu-fall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/532670\/","title":{"rendered":"Napoleon in Russland: Diese Krankheiten brachten die \u201eGrande Arm\u00e9e\u201c zu Fall"},"content":{"rendered":"<p>Eisige Temperaturen und schlechte Ausr\u00fcstung \u2013 darunter litten Napoleons Soldaten beim Angriff auf Moskau. Doch nicht nur das. Forscher haben nun herausgefunden, was den Russlandfeldzug der \u201eGrande Arm\u00e9e\u201c im Jahr 1812 in eine t\u00f6dliche Trag\u00f6die verwandelte.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Auf dem Boden lagen Tote und Sterbende nebeneinander. Der Gestank war unertr\u00e4glich. Einige riefen nach Wasser, andere beteten, viele schrien nur noch. \u201eKein Arzt, kein Brot, kein Stroh.\u201c In dieser Tagebuchnotiz beschreibt Franz R\u00f6der, Leutnant der Hessischen Leibgarde, was er 1812 in einem \u201eHaus, das man als Lazarett bezeichnete\u201c, in Wilna, dem heutigen Vilnius beobachtet hatte. R\u00f6der \u00fcberlebte diesen Krieg, und sein posthum ver\u00f6ffentlichter Augenzeugenbericht gilt als eine der authentischsten Schilderungen des Russlandfeldzugs von Napoleon Bonaparte. <\/p>\n<p>Im Sommer 1812 hatte der franz\u00f6sische Kaiser mehr als 500.000 Soldaten der verschiedensten Nationalit\u00e4ten angef\u00fchrt, um das russische Zarenreich zu erobern. Trotz zahlreicher Verluste konnte Napoleon in Moskau einmarschieren, musste sich aber nach verheerenden Br\u00e4nden am 19. Oktober aus der isolierten Stadt und dem Land zur\u00fcckziehen \u2013 weit nach Westen. Im Dezember lebte nur noch ein Bruchteil seiner \u201eGrande Arm\u00e9e\u201c. <\/p>\n<p>Im Multikulti-Heer von Napoleon I. haben Anhaltiner, Badener und W\u00fcrttemberger, Bayern, Hessen, Sachsen und Westfalen neben Hanseaten, Italienern, Mecklenburgern, Polen und Schweizern mit den Franzosen gedient. Nicht zu vergessen, die bergischen Truppen sowie das preu\u00dfische Hilfscorps und <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/dn790002.ca.archive.org\/0\/items\/diedeutscheninru00holz\/diedeutscheninru00holz.pdf\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/dn790002.ca.archive.org\/0\/items\/diedeutscheninru00holz\/diedeutscheninru00holz.pdf&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">etliche weitere mehr<\/a>.<\/p>\n<p>Kam mit dem \u201eLagerfieber\u201c der Tod?<\/p>\n<p>Historische Aufzeichnungen deuten darauf hin, dass weniger die gegnerischen Streitkr\u00e4fte zum Tode von hunderttausenden Soldaten gef\u00fchrt hatten, sondern Hunger, K\u00e4lte \u2013 und Krankheiten. Die \u00c4rzte dokumentierten Fieber, Durchf\u00e4lle, Ruhr, Lungenentz\u00fcndungen. Vor allem Typhus, das von L\u00e4usen \u00fcbertragene \u201eLagerfieber\u201c, wurde f\u00fcr das Desaster verantwortlich gemacht. \u00a0<\/p>\n<p>\u201eIch hatte zehn Tage kein Hemd gewechselt. Die L\u00e4use krochen in solcher Menge, dass ich sie mit den Fingern zerdr\u00fccken musste. In der Nacht konnte ich nicht schlafen vor dem Jucken, und das Feuer, in das ich mein Hemd warf, knisterte, als ob man kleine Sch\u00fcsse h\u00f6rte.\u201c Aus R\u00f6ders Beschreibung geht zweifellos hervor, dass die blutsaugenden Insekten nicht nur die einfachen Soldaten plagten, sondern auch ihre Offiziere. Als Winterquartier im R\u00fcckzug war die Stadt Wilna an der Neris vorgesehen, was sich als fataler Fehler erweisen sollte. Unter Hunger und erbarmungsloser K\u00e4lte litten sie dort alle.  <\/p>\n<p>\u201eAm 8. Dezember erreichten wir endlich Wilna. Wir glaubten, hier Ruhe, Brot und W\u00e4rme zu finden \u2013 doch es war der Vorhof der H\u00f6lle. Die Stra\u00dfen waren verstopft von Wagen, Verwundeten und Leichen; Pferde brachen unter der Last zusammen, und Menschen st\u00fcrzten in den Schnee und blieben liegen.\u201c Was R\u00f6der (1774\u20131840) so eindr\u00fccklich beschreibt, bereichert heute das <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/landesarchiv.hessen.de\/ueber-uns\/hessisches-staatsarchiv-darmstadt\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/landesarchiv.hessen.de\/ueber-uns\/hessisches-staatsarchiv-darmstadt&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Hessische Staatsarchiv<\/a> in Darmstadt. <\/p>\n<p>Dort wird das Originaltagebuch aufbewahrt. Sein Sohn Karl lie\u00df aber 1848 eine Abschrift der Notizen <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.buchfreund.de\/de\/d\/p\/71986900\/der-kriegszug-napoleons-gegen-russland-im-jahr\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.buchfreund.de\/de\/d\/p\/71986900\/der-kriegszug-napoleons-gegen-russland-im-jahr&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">in kleiner Auflage<\/a> drucken, und 1960 <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Kriegszug-Napoleons-gegen-Russland-1812\/dp\/1018210792\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.amazon.de\/Kriegszug-Napoleons-gegen-Russland-1812\/dp\/1018210792&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">ver\u00f6ffentlichte<\/a> sein Urenkel Johann Philipp eine \u00fcberarbeitete Fassung \u2013 als Familienzeugnis und historische Quelle f\u00fcr ein breiteres Publikum. <\/p>\n<blockquote class=\"c-citation__body\">\n<p class=\"c-citation__text\">Die Stra\u00dfen waren verstopft von Wagen, Verwundeten und Leichen<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>\u201eKein Regiment, keine Ordnung war mehr zu erkennen. Jeder suchte nur noch Feuer, Brot, ein Dach. In den H\u00e4usern dr\u00e4ngten sich Franzosen, Deutsche, Polen und Italiener; viele erfroren an den T\u00fcren, w\u00e4hrend andere das wenige Brot, das sie fanden, mit den Bajonetten verteidigten.\u201c Zehntausende Soldaten starben innerhalb kurzer Zeit und wurden an mehreren Orten verscharrt.<\/p>\n<p>Auf eines dieser Massengr\u00e4ber waren Bauarbeiter 2001 im Norden der litauischen Hauptstadt Vilnius  gesto\u00dfen. Arch\u00e4ologen konnten es der Zeit von Napoleons R\u00fcckzug im Winter 1812 zuordnen. Bei sp\u00e4teren Ausgrabungen eines franz\u00f6sisch-litauischen Teams legten Anthropologen die Gebeine von Soldaten frei, deren Leichname offensichtlich steif gefroren waren, als man sie im Dezember 1812 beerdigte: Damals fielen die Temperaturen nachts unter minus 30 Grad Celsius. Die Zahl der Toten in diesem Grab wird auf mehr als 3200 <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.sciencedirect.com\/science\/article\/pii\/S163106830400065X\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.sciencedirect.com\/science\/article\/pii\/S163106830400065X&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">gesch\u00e4tzt<\/a>.<\/p>\n<p>Franz\u00f6sische Forscher der Universit\u00e9 d\u2018Aix-Marseille fanden au\u00dferdem die Reste von typischen Uniformen \u2013 und von L\u00e4usen. Auch konnten sie die DNA-Spuren von zwei bakteriellen Krankheitserregern nachweisen: Bartonella quintana, f\u00fchrt zum \u201eSch\u00fctzengrabenfieber\u201c, und Rickettsia prowazekii, Ausl\u00f6ser des von L\u00e4usen \u00fcbertragenen Fleckfiebers, sprich <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.cdc.gov\/typhus\/about\/epidemic.html\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.cdc.gov\/typhus\/about\/epidemic.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">epidemischer Typhus<\/a>. <\/p>\n<p>Dieser <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/academic.oup.com\/jid\/article-abstract\/193\/1\/112\/863741?redirectedFrom=fulltext&amp;login=false\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/academic.oup.com\/jid\/article-abstract\/193\/1\/112\/863741?redirectedFrom=fulltext&amp;login=false&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Befund <\/a>aus dem Jahr 2006 lie\u00df sich in den neuen Analysen anderer Gebeine aus dem Massengrab allerdings nicht best\u00e4tigen. Ein Team um Nicol\u00e1s Rascovan, Leiter der \u201eMicrobiologic Paleogenomic Unit\u201c am <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.pasteur.fr\/en\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.pasteur.fr\/en&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Institut Pasteur<\/a> in Paris stie\u00df aber auf zwei andere Erreger. Wie die sieben Arch\u00e4ologen, Anthropologen und Palaeogenetiker jetzt im Fachjournal \u201eCurrent Biology\u201c <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/doi.org\/10.1016\/j.cub.2025.09.047\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/doi.org\/10.1016\/j.cub.2025.09.047&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">berichten<\/a>, haben sie in den von ihnen untersuchten Proben keinerlei Hinweise auf Typhus gefunden. <\/p>\n<p>Ihnen gelang es stattdessen, Erbinformationen zu gewinnen, die von Salmonella enterica Paratyphi C und Borrelia recurrentis stammen. Diese Bakterien sind daf\u00fcr bekannt, enterisches Fieber, auch Paratyphus genannt, beziehungsweise R\u00fcckfallfieber zu verursachen. Zu letzterem<a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.rki.de\/DE\/Aktuelles\/Publikationen\/Epidemiologisches-Bulletin\/2000\/44_00.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=1\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.rki.de\/DE\/Aktuelles\/Publikationen\/Epidemiologisches-Bulletin\/2000\/44_00.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=1&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\"> informiert<\/a> das Robert-Koch-Institut in Berlin unter anderem dar\u00fcber, dass es sich bei dieser nicht-einheimischen Infektionskrankheit um eine Zoonose handelt.  <\/p>\n<p>Deren Erreger geh\u00f6ren zur Bakterien-Gattung Borrelia, und je nach beteiligtem Vektor werden unterschiedene Formen unterschieden, wichtig f\u00fcr diesen Fall: \u201e\u00dcbertr\u00e4ger ist die Kleiderlaus. Der Mensch \u2013 f\u00fcr Borrelia recurrentis der einzige Wirt \u2013 wird nicht beim Biss der Laus infiziert, sondern dadurch, dass (&#8230;) ihre K\u00f6rperfl\u00fcssigkeit in die Haut eingekratzt wird.\u201c<\/p>\n<p>Die Symptome der beiden nun aufgesp\u00fcrten Infektionskrankheiten \u00e4hneln sich: hohes Fieber, Ersch\u00f6pfung und Magen-Darm-Beschwerden, und sie setzten 1812 wahrscheinlich den ohnehin geschw\u00e4chten Soldaten zu \u2013 M\u00e4nner, die unter Eisesk\u00e4lte, Hunger und katastrophalen Hygienebedingungen litten.<\/p>\n<p>\u201eEs ist sehr aufregend, heute eine Technologie zu nutzen, um etwas zu erkennen und zu diagnostizieren, das 200 Jahre lang im Boden lag\u201c, sagt Nicol\u00e1s Rascovan. Mit seinen Kollegen untersuchte er die Z\u00e4hne von 13 Soldaten, die das Team aus dem Massengrab in Vilnius bergen konnte. \u201eDas Fehlen von Typhus-DNA in unserer Studie bedeutet jedoch nicht, dass Typhus w\u00e4hrend Napoleons Feldzug nicht in Erscheinung getreten ist\u201c, betont Postdoktorand R\u00e9mi Barbieri, Erstautor der aktuellen Studie. \u201eUnsere Ergebnisse widerlegen die Typhus-Hypothese nicht \u2013 sie erg\u00e4nzen und vertiefen diese.\u201c<\/p>\n<p>Die Erhaltung der Erbinformationen in alten Skeletten h\u00e4nge von mehreren Faktoren ab, etwa den Bestattungsbedingungen, der Bodenchemie \u2013 und Zeit. \u201eWir hatten die Gelegenheit, an der Fundstelle in Vilnius zu arbeiten, einem au\u00dfergew\u00f6hnlich gut erhaltenen und arch\u00e4ologisch hervorragend dokumentierten Ort\u201c, sagt Barbieri. Dennoch sei es sehr gut m\u00f6glich, dass die DNA von Rickettsia prowazekii in den jetzt geborgenen Proben einfach bereits so stark zerfallen ist, dass sie nicht mehr nachweisbar war, erkl\u00e4rt der Forscher. \u201eOder dass die von uns untersuchten Soldaten stattdessen an anderen Krankheiten litten.\u201c <\/p>\n<p>Die Ergebnisse erg\u00e4nzen das historische Bild<\/p>\n<p>\u201eZeitgen\u00f6ssische Berichte beschreiben eindeutig Symptome von Typhus, und die <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/academic.oup.com\/jid\/article-abstract\/193\/1\/112\/863741?redirectedFrom=fulltext&amp;login=false\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/academic.oup.com\/jid\/article-abstract\/193\/1\/112\/863741?redirectedFrom=fulltext&amp;login=false&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Studie<\/a> aus dem Jahr 2006 konnte tats\u00e4chlich Rickettsia prowazekii bei anderen Soldaten nachweisen, die an derselben Fundstelle in Vilnius bestattet waren\u201c, sagt der franz\u00f6sische Pal\u00e4ogenetiker, der inzwischen als Postdoktorand an der Universit\u00e4t von Tartu in Estland forscht. \u201eWahrscheinlich traten sowohl Typhus als auch andere Infektionskrankheiten auf, gleichzeitig, nebeneinander, und unsere Ergebnisse erg\u00e4nzen das Bild um zwei neue Erreger, anstatt die fr\u00fcher vermuteten auszuschlie\u00dfen.\u201c Somit waren es also mindestens vier.<\/p>\n<p>Daraus ergibt sich eine neue historische Perspektive, aus der sich die Katastrophe von 1812 jetzt betrachten l\u00e4sst. Es war eben nicht die eine Seuche, die Napoleons Grande Arm\u00e9e zu Fall brachte, sondern eine komplexe Gesundheitskrise aufgrund mehrerer Faktoren\u2013 ein \u201eSturm\u201c, so formuliert es R\u00e9mi Barbieri, aus sich \u00fcberlagernden Epidemien unter extremen Umweltbedingungen.<\/p>\n<p>Zugleich zeigt die Studie, wie moderne Genanalysen bisher unsichtbare biologische Zusammenh\u00e4nge aufdecken k\u00f6nnen, die Historikerinnen und Historikern \u00fcber mehr als zwei Jahrhunderte verborgen geblieben waren. Die sogenannte ancient DNA (aDNA) wird im Laufe der Jahre abgebaut und zerf\u00e4llt in Fragmente, die f\u00fcr eine Vervielf\u00e4ltigung per PCR-Verfahren zu klein sind. \u201eUnsere Methode kann ein viel gr\u00f6\u00dferes Spektrum an DNA-Quellen erfassen, indem sie diese sehr kurzen, alten Sequenzen erkennt\u201c, erkl\u00e4rt Rascovan.<\/p>\n<p>\u201eEiner der entscheidenden Vorteile unseres Ansatzes liegt darin, dass er nicht auf bestimmte Erreger ausgerichtet ist: Wir haben alle bekannten Krankheitserreger des Menschen untersucht, anstatt uns \u2013 wie fr\u00fchere Studien \u2013 auf ein oder zwei Bakterien zu beschr\u00e4nken\u201c, erl\u00e4utert Barbieri. S\u00e4mtliche gewonnenen, oft ultrakurzen DNA-Fragmente wurden mit einer umfassenden Datenbank menschlicher Krankheitserreger abgleichen, darunter 185 Bakterien, die als pathogen f\u00fcr den Menschen gelten.<\/p>\n<p>\u201eZudem suchten wir nach Spuren von Parasiten und DNA-Viren. Doch nur bei zwei Bakterienarten war das Signal der \u201aaDNA\u2018 stark und eindeutig genug, um eine Infektion zweifelsfrei nachzuweisen\u201c, so Barbieri. Im Gegensatz zur fr\u00fcheren Technik erm\u00f6glicht die neue Methode, die auf \u201eShotgun-Sequenzierung\u201c basiert, den Forschern alle Erbinformationen ohne ein bestimmtes, vorgegebenes Ziel zu erfassen. <\/p>\n<p>Auf diese Weise lassen sich selbst stark zerfallene oder v\u00f6llig unerwartete Krankheitserreger nachweisen, aber sie ist weniger empfindlich als das PCR-Verfahren, wenn die Ziel-DNA nur in sehr geringer Menge vorhanden ist. \u201eTyphus k\u00f6nnte also durchaus vorhanden gewesen sein, lag aber m\u00f6glicherweise unterhalb unserer Nachweisgrenze\u201c, sagt Barbieri. In Kombination mit computergest\u00fctzten Analysen er\u00f6ffne dieser Ansatz einen breiteren und objektiveren Blick auf das Infektionsgeschehen, das Napoleons Armee w\u00e4hrend des Russlandfeldzugs heimsuchte.<\/p>\n<p>Zudem erlaubt die Gesamtheit aller Fragmente eine pr\u00e4zisere Identifizierung von Erregern. So lie\u00df sich der nun entdeckte Borrelia-Stamm zu einer Linie zur\u00fcckverfolgen, die bereits bei 2000 Jahre alten Proben aus Gro\u00dfbritannien nachgewiesen wurde, demnach schon ziemlich lange in Europa kursiert.\u00a0\u201eDas zeigt, welche Kraft die Analyse von aDNA hat \u2013 sie l\u00e4sst uns die Geschichte von Infektionskrankheiten rekonstruieren, die wir mit modernen Proben allein nie nachvollziehen k\u00f6nnten\u201c, sagt Rascovan. <\/p>\n<p>Die Erschlie\u00dfung der Genom-Daten von Erregern, die in historischen Populationen zirkulierten, helfe ihnen, zu verstehen, wie Infektionskrankheiten sich im Laufe der Zeit entwickelten, ausbreiteten und verschwanden. Rascovan erg\u00e4nzt: \u201eUnd welche sozialen oder Umweltzusammenh\u00e4nge dabei eine Rolle spielten.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAls ich Wilna verlie\u00df, blieb hinter mir ein Meer von Toten. Die Kranken, die man zur\u00fccklie\u00df, riefen vergebens um Hilfe. Ich wusste, dass keiner von ihnen \u00fcberleben w\u00fcrde. Wir marschierten weiter, mehr Schatten als Menschen. Die, welche noch gingen, schleppten sich im Schnee, und viele fielen, ohne ein Wort zu sagen.\u201c R\u00f6der selbst starb erst 1840, aber das von ihm dokumentierte Leid und Elend der Soldaten ist nicht auf das Jahr 1812 beschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p>\n<b>Seit mehr als 25 Jahren verfolgt <\/b><a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/autor\/sonja-kastilan\/\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/autor\/sonja-kastilan\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\"><b>Sonja Kastilan<\/b><\/a><b> als Wissenschaftsjournalistin ein breites Themenspektrum aus Medizin und Lebenswissenschaften: von Aids und Demenz \u00fcber Evolutionsbiologie und Neandertaler hin zu Stammzellen und Zika.<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Eisige Temperaturen und schlechte Ausr\u00fcstung \u2013 darunter litten Napoleons Soldaten beim Angriff auf Moskau. 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