{"id":532764,"date":"2025-10-28T11:23:12","date_gmt":"2025-10-28T11:23:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/532764\/"},"modified":"2025-10-28T11:23:12","modified_gmt":"2025-10-28T11:23:12","slug":"m-im-kino-drohnen-ueber-depeche-mode-sterben-werden-wir-alle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/532764\/","title":{"rendered":"\u201eM\u201c im Kino: Drohnen \u00fcber Depeche Mode \u2013 Sterben werden wir alle"},"content":{"rendered":"<p>Drei Jahre nach dem Tod ihres guten Geistes Andrew Fletcher zeigen sich die \u00dcberlebenden von Depeche Mode im Kino. \u201eM\u201c ist ein Konzertfilm \u2013 und ihr Memento mori. Aus zwei Gr\u00fcnden wurde er in Mexiko gedreht.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Memento mori. Bedenke, dass du sterben wirst. Das stoische Grundprinzip wurde nach dem Tod von Andrew Fletcher im Mai 2022 zum Leitmotiv f\u00fcr die \u00fcbrig gebliebenen zwei Gr\u00fcndungsmitglieder, Dave Gahan und <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/pop\/plus244464038\/Depeche-Mode-Wir-waren-taeglich-mit-dem-Tod-konfrontiert.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/pop\/plus244464038\/Depeche-Mode-Wir-waren-taeglich-mit-dem-Tod-konfrontiert.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Martin L. Gore<\/a>, um Depeche Mode eine neue Legitimation zu geben. Das ein Jahr sp\u00e4ter erschienene Album \u201eMemento Mori\u201c schrammte mit der Eleganz eines Raumkreuzers, der etwas zu schwungvoll vom Mutterschiff abdockt, knapp am Kitsch vorbei und versammelte zw\u00f6lf Songs, die inhaltlich als Meditationen \u00fcber die brutale Gewissheit des uns alle, auch die Popstars, eines Tages ereilenden Todes gelesen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>An drei aufeinander folgenden Abenden ihrer gleichnamigen Welttournee spielten Depeche Mode im riesigen Foro Sol Stadion in Mexico City \u2013 der Kapitale eines Landes, in dem die Band, \u00e4hnlich wie in Deutschland, auf eine in Jahrzehnten gewachsene, ihr quasi religi\u00f6s ergebene Gefolgschaft blickt. Depeche Mode beauftragten den mexikanischen Regisseur Fernando Fr\u00edas, einen Konzertfilm aus mexikanischer Perspektive zu drehen.<\/p>\n<p>Das Ergebnis, schlicht <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Ju9IRHOQTkM\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Ju9IRHOQTkM&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">\u201eM\u201c betitelt<\/a> \u2013 wie \u201eMexico\u201c, \u201eMorte\u201c (Tod) oder eben \u201eMemento Mori\u201c \u2013, ist nun ein 100-min\u00fctiger Konzertfilm, der, \u00e4hnlich wie \u201eThe Last Waltz\u201c von Martin Scorsese \u00fcber das Abschiedskonzert von The Band in San Francisco aus dem Jahr 1978, alle paar Songs unterbrochen ist von kurzen, narrativen Einspielern \u2013 filmische Aphorismen \u00fcber den Tod, die Ewigkeit, die Wiedergeburt und den alles miteinander verbindenden Tanz. F\u00fcr deutschsprachige Ohren sind die in mexikanisch eingesprochenen, untertitelten Sequenzen eine Freude. Sie betten die live aufgezeichneten Songs ein in Bilder von Ekstase und Einkehr, verzerrt und immer wieder die \u00c4sthetik des Musikvideos als TV-Event der 1980er-Jahre zitierend: Auch Fernseher und TV-Formate haben eine Lebenszeit, bevor sie auf dem Schutthaufen der Geschichte verschwinden.<\/p>\n<p>Vor allem aber ist \u201eM\u201c ein monumentaler Konzertfilm, der die gigantische Kulisse von 60.000 Fans unter freiem Himmel dankbar in immer wieder derart beeindruckenden Drohnenfahrten nur knapp \u00fcber die K\u00f6pfe der Menschenmassen und zehntausende von leuchtenden Handys hinweg abfliegt, dass man bald ahnt, dass \u201eM\u201c vielleicht auch deshalb in Mexiko gedreht wurde, weil es hier weniger rigide Sicherheitsvorschriften bei Massenveranstaltungen gibt.<\/p>\n<p>Aber es sind nicht nur solche totalit\u00e4ren \u00dcberw\u00e4ltigungsmomente, die \u201eM\u201c zu einem sehenswerten Film machen. Durch eine perfide, aber \u00e4u\u00dferst wirkungsvolle Manipulation der Tonspur erschafft Fr\u00edas den artifiziellen Eindruck zweier R\u00e4ume im Film: Zum einen gibt es die B\u00fchne selbst. Im rechteckigen Schutzraum dieser B\u00fchne ist das Publikum ausgeblendete Kulisse, das Raunen, Klatschen und Ekstase sind stummgeschaltet, als Zuschauer h\u00f6rt man das Konzert wie eine Studioaufnahme.<\/p>\n<p>Immer wenn sich einer der beiden S\u00e4nger aber dem B\u00fchnenrand n\u00e4hert oder \u00fcber den Catwalk bis in die Mitte des Stadions bewegt, h\u00f6ren wir das Publikum als hyperpr\u00e4sentes, Emotionen verst\u00e4rkendes Ger\u00e4uschelement. Dieses Hin und Her zwischen den beiden Klangr\u00e4umen ist ein m\u00e4chtiges Werkzeug der Illusion, das \u201eM\u201c in seiner K\u00fcnstlichkeit von anderen Konzertfilmen im Kern unterscheidet.  <\/p>\n<p>Im Klangraum der B\u00fchne und ohne Publikumsger\u00e4usche f\u00fchrt dieser Kunstgriff dazu, dass der halb elektronischen, halb analogen Live-Musik von Depeche Mode die gr\u00f6\u00dfte Reverenz erwiesen wird: Sie wird zwar vom Korsett der Videos, der Lichtshow und des Click-Tracks in den In-Ear-Kopfh\u00f6rern der Musiker zusammengehalten, daf\u00fcr nutzen die beiden S\u00e4nger den sich ihnen bietenden Raum f\u00fcr starke und emotionale Gesangs-Performances \u2013 was sich insbesondere in neuen Songs wie \u201ePerfect Stranger\u201c, \u201eSpeak to Me\u201c oder \u201eSoul With Me\u201c, aber auch in elegisch-melancholischen Versionen von \u201eA Pain That I\u2019m Used To\u201c, \u201eWorld in My Eyes\u201coder \u201eCondemnation\u201c ausdr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Dass dieses an Fellini erinnernde Spiel mit der Illusion und dem fehlenden Klang des Publikums mitunter irritierend ist, weil Bild und Ton in Dissonanz zueinander stehen, wird indes wettgemacht durch die schonungslosen Gesichterstudien der Bandmitglieder, eingefangen von einer meisterhaften Steadycam: Das gelebte, exzessive Leben, und, im Falle von Dave Gahan, gar der erlebte Zweiminutentod 1996 nach einem drogeninduzierten Herzinfarkt, sind eingeschrieben in die m\u00fcde Mimik der zwei Hauptdarsteller. Immer wieder gehen ihre Blicke in das Nichts des Sternenhimmels, der, so suggerieren diese Blicke, vielleicht eine (und m\u00f6glicherweise allzu naheliegende) Metapher f\u00fcr die Ewigkeit sein k\u00f6nnte. <\/p>\n<p>Die Frage nach dem Tod, der uns alle gewiss ereilen wird und deshalb zu Lebzeiten bedacht werden m\u00f6ge, hat Gilgamesch, den Fr\u00edas im Film zitiert, \u00fcbrigens sehr schl\u00fcssig beantwortet: Unsterblich wird nicht derjenige, der ewig lebt, sondern derjenige, der zu Lebzeiten etwas Bleibendes hinterl\u00e4sst. So bleibt zum Schluss nur die Frage, ob \u201eM\u201c als reine, totale Konzertaufnahme nicht vielleicht einen tieferen, bleibenderen Eindruck hinterlassen h\u00e4tte, wenn der Film ohne jede Art von deepen Kalenderspr\u00fcchen ausgekommen w\u00e4re.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Drei Jahre nach dem Tod ihres guten Geistes Andrew Fletcher zeigen sich die \u00dcberlebenden von Depeche Mode im&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":532765,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1771],"tags":[1778,27958,58576,29,214,92,130851,30,130850,95,72373,49738,20926,1777,215],"class_list":{"0":"post-532764","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kino","8":"tag-cinema","9":"tag-dave","10":"tag-depeche-mode","11":"tag-deutschland","12":"tag-entertainment","13":"tag-film","14":"tag-gahan","15":"tag-germany","16":"tag-gore","17":"tag-kino","18":"tag-kinos","19":"tag-konzerte-ks","20":"tag-martin","21":"tag-movie","22":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115451540428597061","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/532764","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=532764"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/532764\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/532765"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=532764"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=532764"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=532764"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}