{"id":537138,"date":"2025-10-30T06:28:12","date_gmt":"2025-10-30T06:28:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/537138\/"},"modified":"2025-10-30T06:28:12","modified_gmt":"2025-10-30T06:28:12","slug":"barock-kleinod-frauenkirche-wie-das-wunder-von-dresden-unterging-und-nach-60-jahren-auferstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/537138\/","title":{"rendered":"Barock-Kleinod Frauenkirche: Wie das Wunder von Dresden unterging \u2013 und nach 60 Jahren auferstand"},"content":{"rendered":"<p>Am 30. Oktober 2005 wurde die wiedererrichtete Frauenkirche in Dresden feierlich eingeweiht. B\u00fcrgersinn hatte diese Leistung m\u00f6glich gemacht. Der Widerstand war erheblich und wurde von der Wirklichkeit widerlegt.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Als sich am Vormittag des 15. Februar 1945 der Qualm endlich verzog, erhob sich die Kuppel der Frauenkirche, auch das \u201eWunder von Dresden\u201c genannt, \u00fcber <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/zweiter-weltkrieg\/article161309336\/Feuersturm-1945-Warum-die-Alliierten-Dresden-bombardierten.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/zweiter-weltkrieg\/article161309336\/Feuersturm-1945-Warum-die-Alliierten-Dresden-bombardierten.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">den weitgehend vergl\u00fchten Barockvierteln der s\u00e4chsischen Residenz<\/a>. 36 Stunden hatte die Stadt seit Beginn des Luftangriffs am Abend des 13. Februars gebrannt, doch die Kuppel hatte den Feuersturm scheinbar kaum besch\u00e4digt \u00fcberstanden. Hannelore Kuhn, eine junge Frau von Anfang zwanzig, rief ihren Eltern an diesem Donnerstagmorgen zu: \u201eDie Frauenkirche steht noch!\u201c Auch der knapp 16-j\u00e4hrige Karl-Ludwig Hoch sah die ber\u00fchmte Steinerne Glocke des Baumeisters <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/daten.digitale-sammlungen.de\/0001\/bsb00016233\/images\/index.html?seite=538\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/daten.digitale-sammlungen.de\/0001\/bsb00016233\/images\/index.html?seite=538&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">George B\u00e4hr<\/a> \u00fcber dem ausgebrannten Elbpanorama. \u201eEs ist alles nicht so schlimm\u201c, sagte er daraufhin zu seiner Mutter, \u201edie Frauenkirche steht noch!\u201c<\/p>\n<p>Die Erleichterung hielt jedoch nur wenige Minuten. Denn zwischen zehn und elf Uhr vormittags (manche Zeitzeugen erinnern sich an 10.15 Uhr, andere sagen: gegen 10.45 Uhr) setzte sich die 202 Jahre alte Laterne auf der Spitze der Kuppel in Bewegung. Sp\u00e4ter rekonstruierten Bauingenieure, was genau passierte: Die Brandbomben der zweiten Welle britischer Flugzeuge, die ab 1.25 Uhr in der Nacht zum 14. Februar auf das bereits brennende Dresden fielen, hatten die Feuer um den Neumarkt angefacht. Die evangelische Hauptkirche stand inmitten alter H\u00e4user, die nun wie Zunder brennen.<\/p>\n<p>Zwar waren die meisten ihrer gro\u00dfen Fenster bereits seit Monaten vermauert, doch nicht jenes an der Nordfassade. Wie \u201efl\u00fcssige Lava\u201c, so ein Augenzeuge, ergoss sich in dieser Nacht Feuer in den Kirchenraum und entz\u00fcndete die Innenausstattung, die total verbrannte und im Inneren unter der Kuppel hohe Temperaturen entstehen lie\u00df. Doch selbst das hielt B\u00e4hrs Konstruktion aus, die schon 1760 gezielten Treffern preu\u00dfischer Kanoniere getrotzt hatte. Zum Ende der Frauenkirche f\u00fchrte erst das Abk\u00fchlen der 1938 bis 1942 zur Stabilisierung eingebauten Ringanker aus Stahlbeton am Morgen des 15. Februar: Sie zogen die gewaltige Kuppel etwas zusammen, sodass die inneren Pfeiler nun das gesamte Gewicht der Glocke aus Stein zu tragen hatten. <\/p>\n<p>Das war zu viel f\u00fcr den durch die hohen Temperaturen geschw\u00e4chten Sandstein, der  bei 500 Grad einen Gro\u00dfteil seiner Festigkeit verliert. Zuerst brach ein Pfeiler im S\u00fcdosten, und nun konnte nichts mehr die Kuppel retten: Sie presste die massiven Au\u00dfenw\u00e4nde auseinander, die aus statischen Gr\u00fcnden gar keine Last mehr trugen, und st\u00fcrzte ein. Gesteinsmassen zermalmten alles zu Staub, was unter ihnen lag. Trotzdem kam beim Einsturz kein Mensch zu Schaden: W\u00e4hrend des Feuersturms hatten sich zwar bis zu 300 Dresdner in die Keller gerettet, doch sie waren vor dem Einsturz ins brennende Chaos der Innenstadt zur\u00fcckgekehrt.<\/p>\n<p>Schon zwei Wochen sp\u00e4ter, Anfang M\u00e4rz 1945, begannen erste Sicherungen am stehengebliebenen Chor und den Mauerst\u00fcmpfen. Weitsichtigen Dresdnern war klar, dass ihre Stadt die Frauenkirche brauchte. Bereits im Herbst begann der Kampf um den Erhalt der Ruine \u2013 f\u00fcr einen k\u00fcnftigen Wiederaufbau. Erste Pl\u00e4ne wurden angefertigt,  Untersuchungen angestellt. Doch der Stadtverwaltung wurde rasch klar, dass die Rekonstruktion der Frauenkirche weitaus aufwendiger werden w\u00fcrde als der Wiederaufbau der Kreuzkirche. <\/p>\n<p>Die entscheidende Rolle in der Auseinandersetzung um Dresdens ber\u00fchmteste Kriegsruine aber spielte in den folgenden zwei Jahrzehnten nicht das Geld, sondern die Ideologie der SED. Der neue B\u00fcrgermeister der Stadt, der Kommunist Walter Weidauer, gab eine klare Linie vor: \u201eDas sozialistische Dresden braucht weder Kirchen noch Barockfassaden.\u201c  Die \u201eTradition\u201c k\u00f6nne sich als \u201eZwangsjacke\u201c f\u00fcr den neuen, den \u201esozialistischen Menschen\u201c erweisen. <\/p>\n<p>Vor allem <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.medienservice.sachsen.de\/medien\/news\/1088591\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.medienservice.sachsen.de\/medien\/news\/1088591&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Hans Nadler<\/a>, seit 1949 der oberste Denkmalpfleger f\u00fcr Sachsen, focht einen ebenso geschickten wie z\u00e4hen Kampf gegen die Abr\u00e4umer in der Dresdner SED-Bezirksleitung und im Politb\u00fcro in Ost-Berlin. Mit zahlreichen Einw\u00e4nden, Gegenargumenten und Antr\u00e4gen verz\u00f6gerte er immer wieder den geplanten Abriss der Ruine. 1966 schlie\u00dflich war er am Ziel: Die Mauerst\u00fcmpfe wurden zum Mahnmal gegen den Krieg erhoben \u2013 gedacht als Symbol der antiwestlichen Propaganda. <\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich wurde der Erhalt der Reste zur Grundlage f\u00fcr den exakten, einen \u201earch\u00e4ologischen\u201c Wiederaufbau. Nadler und andere, darunter der Dresdner Zahnarzt G\u00fcnter Voigt, der nunmehr 60-j\u00e4hrige Pfarrer Karl-Ludwig Hoch und der Trompetenvirtuose Ludwig G\u00fcttler, gingen zum 45. Jahrestag des Bombardements mit einem Aufruf \u201eRuf aus Dresden\u201c zum Wiederaufbau an die \u00d6ffentlichkeit. Die Funktion\u00e4re der S\u00e4chsischen Landeskirche lehnten den Vorschlag ab, ebenso viele (meist linksorientierte) Denkmalpfleger und Architekten. Doch der spezielle B\u00fcrgersinn der Elbstadt \u00fcberwand den Widerstand: Erst wurde der Apparat der evangelischen Kirche von den eigenen Mitgliedern \u00fcberstimmt, dann erkannten Stadt und Land  den m\u00f6glichen Mobilisierungseffekt des Projekts. <\/p>\n<p>Durch Spenden (so stiftete der Medizin-Nobelpreistr\u00e4ger G\u00fcnter Blobel den Gro\u00dfteil seines Preisgeldes) und den Verkauf von Merchandising-Produkten konnten ziemlich genau zwei Drittel der Kosten privat eingeworben werden; den Rest von 65 Millionen Euro teilten sich Dresden, Sachsen und der Bund. Ab dem 4. Januar 1993  trugen Arbeiter den Berg aus Tr\u00fcmmerschutt Stein f\u00fcr Stein ab. Ein knappes Jahr sp\u00e4ter, am 23. Dezember, kamen 50.000 Dresdner zur ersten Weihnachtsvesper seit 1944 zur Ruine \u2013 nun war der Wiederaufbau \u201eunumkehrbar\u201c, wusste Ludwig G\u00fcttler. Ende Mai 1994 konnte der Grundstein f\u00fcr die Auferstehung der Kirche gelegt werden.<\/p>\n<p>Die Bauleitung hatte der Ingenieur <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.frauenkirche-dresden.de\/dankgottesdienst\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.frauenkirche-dresden.de\/dankgottesdienst&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Eberhard Burger<\/a>, der schon seit 1980 die Restaurierung einiger historisch bedeutsamer Kirchen in Sachsen geleitet hatte. Die Frauenkirche baute er wieder auf, nicht in alten Formen neu: \u201eWir wiederholen das Konstruktionsprinzip, das George B\u00e4hr Anfang des 18. Jahrhunderts mit seinen Mannen hier umgesetzt hat,  und verbessern es lediglich.\u201c Anders als das Berliner oder auch das Potsdamer Stadtschloss handelt es sich bei der Frauenkirche nicht um einen modernen Stahlbetonbau mit vorgeblendeten Fassaden, sondern tats\u00e4chlich um ein Ergebnis traditioneller barocker Baumeisterei. <\/p>\n<p>Etwa 4500 Kubikmeter alter Steine aus dem Schutt wurden in den neuen Bau eingef\u00fcgt. \u201eIn 30 bis 50 Jahren werden die hellen neuen Steine die dunkle Patina der alten angenommen haben. Das ist eine Eigenart des Steins und hat mit Luftverschmutzung nichts zu tun\u201c, versprach Burger zur (\u00fcbrigens ein Jahr vorzeitigen) Fertigstellung der wiederauferstandenen Frauenkirche 2005.<\/p>\n<p>Im Rahmen des feierlichen Er\u00f6ffnungsgottesdiensts am 30. Oktober 2005 hielt  der Bundespr\u00e4sident eine Ansprache. <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/horst-koehler\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/horst-koehler\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Horst K\u00f6hler<\/a> w\u00fcrdigte den Wiederaufbau der Frauenkirche als Symbol f\u00fcr den Gemeinsinn der B\u00fcrger. Er sei aber auch eine gesamtdeutsche Leistung und ein Symbol f\u00fcr den Optimismus. <\/p>\n<p>\u201eWer die Zuversicht verloren hat, der gewinnt sie wieder beim Anblick der wiedererstandenen Frauenkirche\u201c, sagte das Staatsoberhaupt. Auf dem Neumarkt verfolgten rund 60.000 Menschen die Zeremonie auf Gro\u00dfleinw\u00e4nden, Millionen weitere an den Fernsehschirmen.<\/p>\n<p><a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/autor\/sven-felix-kellerhoff\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/autor\/sven-felix-kellerhoff\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><b>Sven Felix Kellerhoff<\/b><\/a><b> ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Sowohl f\u00fcr den Wiederaufbau der Frauenkirche wie f\u00fcr den Neubau des Potsdamer und des Berliner Stadtschlosses in historischen Formen hat er gespendet.<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Am 30. Oktober 2005 wurde die wiedererrichtete Frauenkirche in Dresden feierlich eingeweiht. 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