{"id":537438,"date":"2025-10-30T09:18:13","date_gmt":"2025-10-30T09:18:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/537438\/"},"modified":"2025-10-30T09:18:13","modified_gmt":"2025-10-30T09:18:13","slug":"ein-anderer-rhythmus-kreuzer-online","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/537438\/","title":{"rendered":"Ein anderer Rhythmus \u2014 kreuzer online"},"content":{"rendered":"<p>\u00bbBeat-Freund! Wir finden uns am Sonntag, den 31.10.65 10 Uhr Leuschnerplatz zum Protestmarsch ein.\u00ab \u2013 Keine Forderungen, keine Parolen, kein grafischer Schnickschnack, nur ein Zettel mit Schrift. Drei Jugendliche stellen diesen aus dem Set eines DDR-Kinderdruckkastens her, eigentlich zur Herstellung von Stempeln bestimmt. 174 Flugbl\u00e4tter entstehen so, die sie in den Abendstunden des 25. Oktobers 1965 in Wiederitzsch und im Leipziger Zentrum durch \u00bbAnkleben, Abwerfen und Weitergeben\u00ab verbreiten. Der Stasibericht vom 9. November 1965 beschreibt pingelig genau, woher die Jugendlichen stammen, dass sie alle ohne Vater aufgewachsen sind, auch dass sie selbst gar nicht an der Demonstration teilgenommen haben, da es ihnen zu gef\u00e4hrlich schien.<\/p>\n<p>Dieser unscheinbare Zettel l\u00f6st gemeinsam mit der Staatsmacht aus Polizei und Lehrerschaft, die davon in Kenntnis gesetzt im Vorfeld Jugendliche in Schulen und Berufsschulen vor der Teilnahme warnen, eine der gr\u00f6\u00dften nichtgenehmigten Demonstrationen in der DDR aus: die sogenannte Beatdemo. F\u00fcr die Jugendlichen geht es dabei um ein Lebensgef\u00fchl. Der Staat will sie vor westlichem Einfluss \u00bbbesch\u00fctzen\u00ab.<\/p>\n<p>\u00bbDabei geht es ausgesprochen manierlich zu\u00ab<\/p>\n<p>Das Politb\u00fcro der SED proklamiert 1963 mit dem zweiten Jugendkommuniqu\u00e9 eine tolerante Haltung gegen\u00fcber Beatmusik und Rock\u2019n\u2019Roll. In Leipzig entstehen zehn Jugendklubh\u00e4user, 25 Jugendklubs in Wohngebieten und f\u00fcnf Clubs an k\u00fcnstlerischen Einrichtungen. Hier soll mittels eigenverantwortlicher Programmgestaltung die Freizeit verlebt werden. Bands gr\u00fcnden sich. Klaus Jentzsch (1942\u20132006) beispielsweise initiiert 1958 die Klaus Renft Combo, die 1962 ihre Einstufung am Kabinett f\u00fcr Kulturarbeit Leipzig als Klaus Renft Quintett erh\u00e4lt und schon ein Jahr sp\u00e4ter Spielverbot erh\u00e4lt. 1964 tritt Jentzsch mit seiner neuen Band The Butlers beim Deutschlandtreffen der FDJ auf, bei dem auch das Jugendradio DT64 gegr\u00fcndet wird. Die offizielle Beat-Anerkennung folgt in den Medien. So beschreibt Heinz Stern im Neuen Deutschland: \u00bbEs ist eine andere Generation, die hier tanzt, eine Generation mit einem anderen Rhythmus. Dabei geht es ausgesprochen manierlich zu. Der Tanz bildet heute ein Grenzgebiet mit der sportlichen Gymnastik. Die Atmosph\u00e4re ist sauber und anst\u00e4ndig.\u00ab Stern kommt zu dem Schluss: \u00bbIch glaube, man kann Tanzmusik nicht in imperialistische und sozialistische unterteilen.\u00ab Diese durchaus liberale Einstellung kam auf der Funktion\u00e4rsebene nicht \u00fcberall gut an. <\/p>\n<p>Gegen die \u00c4ngste vor der sich anders als gew\u00fcnscht uniform auftretenden jungen Generation und nach den Bildern von der verw\u00fcsteten Westberliner Waldb\u00fchne nach dem Auftritt der Rolling Stones am 15. September 1965 wurden Disziplinierungsstrategien entwickelt. <\/p>\n<p>Beschluss gegen selbstbestimmte Jugendkultur<\/p>\n<p>Erich Honecker, zu der Zeit im Politb\u00fcro der SED f\u00fcr Sicherheitsfragen zust\u00e4ndig, argumentiert mit zunehmender \u2013 imaginierter \u2013 Jugendkriminalit\u00e4t, um einer selbstbestimmten Jugendkultur den Riegel vorzuschieben. Das Feindbild des \u00bbRowdy\u00ab als Schl\u00e4ger wird popul\u00e4r gemacht, obwohl das Wort bereits seit 1887 im Duden steht. Vor diesen Szenarien von Kontrollverlust\u00e4ngsten gegen\u00fcber den jungen Menschen verabschiedet das Sekretariat des ZK der SED am 11. Oktober 1965 einen Beschluss gegen selbstbestimmte Jugendkultur. Der Bericht der st\u00e4ndigen Kommission f\u00fcr Jugendfragen des Bezirks Leipzig vom 20. Oktober 1965 bietet f\u00fcr die Stereotypisierung noch die zugeh\u00f6rigen Beschreibungen. Die Sprache ist von \u00bbGammlern\u00ab mit \u00bblangen, zotteligen Haaren, abnorm, ungesund und unmenschlich ihr Gebaren wie Affen, verrenken Gliedma\u00dfen auf unsittliche Art.\u00ab Das schade dem \u00bbsauberen und anst\u00e4ndigen\u00ab Staat DDR und: \u00bbWer die Lust und Freude junger Menschen an Tanz und Musik missbraucht, der muss damit rechnen, dass er in der sozialistischen Gesellschaft keinerlei Verst\u00e4ndnis findet.\u00ab<\/p>\n<p>Konkret bedeutet das f\u00fcr die Musikgruppen, die als die Ausl\u00f6ser \u00bbunsauberen\u00ab Verhaltens ausgemacht werden, eine strenge staatliche \u00dcberpr\u00fcfung: Ende Oktober m\u00fcssen sie Nachweise f\u00fcr Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse oder Studentenausweise vorlegen, wie auch ihre Steuerb\u00fccher, die letzten zehn Vertragsabschl\u00fcsse f\u00fcr Tanzveranstaltungen sowie Repertoirelisten.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/21761731159783463-upload.jpg\" data-image-link=\"image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/21761731159783463-upload.jpg\" alt=\"Wasserwerfer auf dem Markt am 31. Oktober 1965\" data-rotate=\"\" data-image-link=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/21761731159783463-upload.jpg\" data-proportion=\"true\" data-align=\"center\" data-size=\",\" data-percentage=\"auto,auto\" data-file-name=\"21761731159783463-upload.jpg\" data-file-size=\"0\" data-origin=\",\" origin-size=\"2020,1368\" style=\"\"\/><\/a><\/p>\n<p>Wasserwerfer auf dem Markt am 31. Oktober 1965 | Foto: ABL<\/p>\n<p>Friedlich demonstrieren vs. H\u00e4rte demonstrieren<\/p>\n<p>Das eingangs beschriebene Flugblatt entsteht, um gegen diese Beschr\u00e4nkungen zu protestieren. Die Staatsorgane sind informiert. In den Schulen und Berufsschulen finden Belehrungen statt, dass die Jugendlichen auf keinen Fall an diesem Sonntag, dem 31. Oktober, um 10 Uhr auf den Wilhelm-Leuschner-Platz gehen sollen. Wer also bisher nichts von den Flugbl\u00e4ttern oder der Drangsalierung der Beatgruppen wusste, war sp\u00e4testens jetzt informiert. <\/p>\n<p>An jenem Sonntag finden sich 500 bis 800 jugendliche Erwachsene auf dem Leuschner-Platz ein. Eine konkrete Planung f\u00fcr den Protest gibt es nicht. Die zahlreich anwesende Staatsmacht in Uniform und Zivil hat hingegen sehr wohl eine: Wasserwerfer werden eingesetzt, um H\u00e4rte f\u00fcr den \u00bbsauberen und anst\u00e4ndigen\u00ab Staat zu demonstrieren \u2013 au\u00dfer auf dem Leuschner-Platz auch auf dem Markt und vor dem Lichtspieltheater \u00bbCapitol\u00ab in der Petersstra\u00dfe, wo sich ebenfalls Jugendliche befanden. Die staatliche Repression trifft auf v\u00f6llig unvorbereitete Jugendliche \u2013 267 von ihnen werden verhaftet, 162 erhalten Straf- und Erziehungsma\u00dfnahmen. Die Mehrzahl von ihnen geht \u2013 mit abgeschnittenen Haaren \u2013 f\u00fcr zwei bis drei Wochen ins Arbeitserziehungslager Gleisbau in der Tagebaugrube des VEB BKW Regis. Vereinzelt werden Haftstrafen verh\u00e4ngt. Die Stasi ermittelt zudem gegen 31 Jugendliche im Alter von 16 bis 21 Jahren. Einen Tag sp\u00e4ter titelt die LVZ auf Seite 2, ohne einen Autorennamen zu nennen und jenseits der Realit\u00e4t: \u00bbRuhest\u00f6rern und Rowdys das Handwerk gelegt\u00ab. Das SED-Hausblatt will wissen, dass die \u00bbAnf\u00fchrer teils Diebe, Arbeitsbummelanten und asoziale Elemente\u00ab sind, die ihren \u00bbLebensunterhalt auf eine Weise bestreiten, die jeden ehrlichen B\u00fcrger emp\u00f6rt\u00ab. Daher scheint es ganz geradlinig und zielf\u00fchrend zu sein: \u00bbDie Anf\u00fchrer der Ausschreitungen sind einer Arbeit zugef\u00fchrt worden, bei der sie lernen k\u00f6nnen, wie man sich in unserer Republik zu bewegen und aufzuf\u00fchren hat.\u00ab<\/p>\n<p>Bandverbote und Jugendklubs auf Linie<\/p>\n<p>Vater Staat in seinem Element \u2013 und ohne die Realit\u00e4t anzuerkennen, dass diese Jugendlichen in der DDR, mit allen g\u00e4ngigen Mitgliedschaften, sozialisiert sind. In Bezug auf die Musikgruppen werden von 49 Bands in Leipzig 44 verboten \u2013 unter anderem The Butlers, The Shatters, The Towers und The Guitar Men.<\/p>\n<p>Nach dem 31. Oktober 1965 werden die Jugendklubs neu auf Linie gebracht mit st\u00e4rkeren Kontrollen, ob die politisch-ideologische Arbeit nicht zu kurz kommt. Als Alternative zu den Beatgruppen werden innerhalb der FDJ die Singeklubs etabliert. 1968 nimmt das Strafgesetzbuch der DDR in den Paragrafen 215 und 216 Rowdytum als Straftatbestand auf: mit Haftstrafen von f\u00fcnf und mehr Jahren. <\/p>\n<p>Erinnerungskultur findet den Beat<\/p>\n<p>Im \u00f6ffentlichen Ged\u00e4chtnis der Stadt spielte die Beatdemo kaum eine Rolle. Die offizielle Erz\u00e4hlweise der DDR schien auch nach 1989 zu wirken. Im Jahr 2022 stellen die Gr\u00fcnen im Stadtrat den Antrag, dass die Beatdemo Eingang in die st\u00e4dtische Erinnerungskultur finden soll. Dem stimmt der Stadtrat zu und beauftragt das Archiv B\u00fcrgerbewegung, eine \u00f6ffentliche Erinnerung daran zu entwickeln. Das Archiv hatte bereits zum 40. Geburtstag 2005 eine erste detaillierte Ausstellung organisiert und mit 15 Zeitzeuginnen und Zeitzeugen gesprochen. Es entstand zudem die Publikation \u00bbAll you need is Beat \u2013 Jugendsubkultur in Leipzig 1957\u20131968\u00ab (Leipzig 2005).<\/p>\n<p>Zum 60. Geburtstag f\u00fchrte das Archiv in diesem Jahr nochmals Videointerviews mit 15 Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die samt Transkriptionen im Archiv B\u00fcrgerbewegung einsehbar sind. Juliane Thieme vom Archiv erkl\u00e4rt dazu: \u00bbDie Beatdemo von 1965 ist kaum im \u00f6ffentlichen Bewusstsein der Leipzigerinnen und Leipziger, wir wollen sie mit verschiedenen Formaten st\u00e4rker ins historische Ged\u00e4chtnis der Stadt holen.\u00ab Daher finden rund um den 31. Oktober Audio-Walks sowie Gespr\u00e4che mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen statt. Ihnen steht eine von staatlicher Seite sehr gut dokumentierte Aktion im Stasi- und Staatsarchiv gegen\u00fcber. Daraus entwickelte das Archiv auch Material zur Bildungsarbeit auf der Lernplattform \u00bbDie andere DDR-Jugend: Unangepasst, eigensinnig, anders\u00ab, um Jugendliche multiperspektivisch mit der Beatdemo wie auch anderen Subkulturen bekannt zu machen. Dabei geht es nicht nur um die historischen Ereignisse, sondern auch darum, wie heute mit dem Wissen um Vergangenes Protest artikuliert werden kann. <\/p>\n<p>&gt; <a href=\"http:\/\/www.dieanderejugend.de\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">www.dieanderejugend.de<\/a>\u200b<\/p>\n<p><strong><br \/><\/strong>Veranstaltungen<\/p>\n<p>&gt; Ausstellung von drei Gro\u00dffotografien auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz: 27.10.\u201314.11.<\/p>\n<p>&gt; Konzert mit The Butlers \u00bbAll you need is Beat \u2013 60 Jahre Leipziger Beatdemo und Verbot von The Butlers\u00ab: 30.10., 20 Uhr, Lindensaal Markkleeberg (ausverkauft)<\/p>\n<p>&gt; Rundgang durch die Innenstadt zu Orten der Beatdemo mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, Live-Beatmusik und Ausschnitten aus dem neuen Audiowalk von Diana Wesser \u00bbFreiheit f\u00fcr alle Beatfans\u00ab: 31.10., 11 u. 14 Uhr, Treff: B\u00fchne, Wilhelm-Leuschner-Platz, Anmeldung an bildung@archiv-buergerbewegung.de<\/p>\n<p>&gt; \u00bbFreiheit f\u00fcr alle Beatfans! 60 Jahre Leipziger Beatdemo!\u00ab Empfang, Pr\u00e4sentation und Austausch: 31.10., 17 Uhr, Schulmuseum \u2013 Werkstatt f\u00fcr Schulgeschichte Leipzig, Goerdelerring 20, Ausstellung bis 7.11.<\/p>\n<p>&gt; \u00bbMediengeschichte des Protests #4: Beatdemo. Politik und Musik damals und heute\u00ab: 31.10., 19.30 Uhr, Stasi-Unterlagen-Archiv Leipzig \u2013 Kooperation von Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung, Deutsches Buch- und Schriftmuseum der DNB und Archiv B\u00fcrgerbewegung Leipzig<\/p>\n<p>&gt; \u00bbFreiheit f\u00fcr alle Beatfans!\u00ab Audio-Walk von und mit Diana Wesser durch die Leipziger Innenstadt, 2.11., 14 Uhr, Treffpunkt: Gro\u00dffotos, Wilhelm-Leuschner-Platz, Anmeldung an bildung@archiv-buergerbewegung.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u00bbBeat-Freund! 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