{"id":539462,"date":"2025-10-31T04:36:16","date_gmt":"2025-10-31T04:36:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/539462\/"},"modified":"2025-10-31T04:36:16","modified_gmt":"2025-10-31T04:36:16","slug":"praegender-theatermacher-dieter-dorn-wird-90","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/539462\/","title":{"rendered":"Pr\u00e4gender Theatermacher: Dieter Dorn wird 90"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Ich glaube, dass das Altmodische der Digitalisierung und Verpixelung von Beziehungen und Gef\u00fchlen entgegenzusetzen ist.&#8220; So schrieb es Dieter Dorn 2013 in seiner Autobiografie &#8222;Spielt weiter!&#8220;. Sein Credo: Der Text steht im Mittelpunkt einer jeden Inszenierung. Aus ihm entwickelt der Regisseur seine Lesart, und st\u00fclpt nicht umgekehrt die eigenen Vorstellungen \u00fcber das Werk. Auf viele wirkte diese Auffassung sp\u00e4testens mit Beginn des 21. Jahrhunderts wie aus der Zeit gefallen. Dorn indes hielt unverbr\u00fcchlich an seinem Bekenntnis fest. M\u00f6gen ihn viele deswegen f\u00fcr altmodisch gehalten haben \u2013 egal, dann wollte er gerne altmodisch sein!<\/p>\n<p>Theater als Kunstvorgang <\/p>\n<p>Als Regisseur sei es nat\u00fcrlich leicht, beim Lesen eines St\u00fcckes all das mit der Schere wegzuschneiden, was man nicht begreife, und nur den Rest stehenzulassen, &#8222;und dann kommen ihre eigenen Obsessionen dazu, und sie legen sich die Figuren so zurecht, dass sie da reinpassen.&#8220; Diese Form von Regietheater aber, erkl\u00e4rte Dorn einmal im BR-Interview, sei &#8222;Leichenfledderei und Angeberei&#8220;, habe jedoch &#8222;mit dem Versuch, aus einem Theaterabend so was wie einen Kunstvorgang zu machen, wenig zu tun.&#8220;<\/p>\n<p>Die wei\u00dfe Brandmauer <\/p>\n<p>Aus dem Wunsch, die Konzentration auf den Text zu legen, auf das gesprochene Wort, entwickelte Dorn seine \u00c4sthetik. Charakteristisch f\u00fcr seine Inszenierungen: die bis zur wei\u00df gestrichenen Brandmauer aufgerissene B\u00fchne, vor der sich die Figuren scharf konturiert abzeichneten. \u00dcber dreieinhalb Jahrzehnte verfeinerte und vertiefter der 1935 in Leipzig geborene Theatermacher seine Handschrift, erst als Oberspielleiter, dann schon bald als Intendant der M\u00fcnchner Kammerspiele. Unmittelbar im Anschluss leitete er f\u00fcr weitere zehn Jahre das M\u00fcnchner Residenztheater, wo er sich 2011 mit einer Inszenierung von Heinrich von Kleists &#8222;K\u00e4thchen von Heilbronn&#8220; verabschiedete. <\/p>\n<p>Das sagenhafte Dorn-Ensemble <\/p>\n<p>Was diese Scharfzeichnung der Charaktere betraf, so trug dazu nat\u00fcrlich auch das bundesweit bewunderte Ensemble aus Hochkar\u00e4tern bei, das Dieter Dorn um sich versammelt hatte. Rolf Boysen und Thomas Holtzmann beispielsweise in Shakespeares &#8222;K\u00f6nig Lear&#8220;. Gisela Stein und Cornelia Froboess in &#8222;Die eine und die andere&#8220; von Botho Strau\u00df, neben Shakespeare der wohl wichtigste Dramatiker f\u00fcr Dorn. Helmut Griem als Goethes &#8222;Faust&#8220;. Oder Peter L\u00fchr als Narr in &#8222;Was ihr wollt&#8220; \u2013 um nur einige Stars und Erfolgsinszenierungen zu nennen. <\/p>\n<p>Leben mit den Toten <\/p>\n<p>Auch Edgar Selge und Franziska Walser, Axel Milberg, Sunnyi Melles, Sibylle Canonica, Anna Schudt, Stefan Hunstein oder Jens Harzer geh\u00f6rten diesem legend\u00e4ren Dorn-Ensemble an. Etliche seiner Weggef\u00e4hrten aber wie Holtzmann, Boysen, Griem, Rudolf Wessely, Gisela Stein oder Peter Herzog sind l\u00e4ngst verstorben, einige bereits w\u00e4hrend der Jahre am Residenztheater. Aber, sagt Dorn, &#8222;es ist eigentlich so, dass ich mit diesen einzelnen Menschen, die uns dann nach und nach verlassen haben, weitergelebt habe.&#8220; In Gedanken und im Geiste waren sie ihm nach wie vor pr\u00e4sent: &#8222;Die waren nicht weg.&#8220;<\/p>\n<p>Dorns Verm\u00e4chtnis <\/p>\n<p>Nach dem Ende seiner Intendanz am Resi kehrte Dieter Dorn dem Sprechtheater weitgehend den R\u00fccken und konzentriere sich auf die Opernregie. In Genf inszenierte er Wagners &#8222;Ring&#8220;, Verdis &#8222;La Traviata&#8220; in Berlin. Im Schauspiel hat er das Feld f\u00fcr andere ger\u00e4umt, denen er den Titel seiner Autobiografie gewisserma\u00dfen als Auftrag f\u00fcr die Zukunft hinterlassen hat: &#8222;Spielt weiter!&#8220; Denn das Theater ist f\u00fcr Dorn ein Instrument, das es weiter zu erhalten gilt; und dessen Reichtum gerade in seiner Einfachheit liegt: &#8222;Es reicht ein leerer Raum, wo ein Mensch vor anderen Menschen spielt. Ein einfacheres und grandioseres Zeichen kann es \u00fcberhaupt nicht geben.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"&#8222;Ich glaube, dass das Altmodische der Digitalisierung und Verpixelung von Beziehungen und Gef\u00fchlen entgegenzusetzen ist.&#8220; So schrieb es&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":539463,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1827],"tags":[772,29,75919,30,1268,38517,72871,94],"class_list":{"0":"post-539462","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-muenchen","8":"tag-bayern","9":"tag-deutschland","10":"tag-dieter-dorn","11":"tag-germany","12":"tag-muenchen","13":"tag-muenchner-kammerspiele","14":"tag-residenztheater","15":"tag-theater"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115466927194793427","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/539462","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=539462"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/539462\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/539463"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=539462"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=539462"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=539462"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}