{"id":541755,"date":"2025-11-01T02:41:13","date_gmt":"2025-11-01T02:41:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/541755\/"},"modified":"2025-11-01T02:41:13","modified_gmt":"2025-11-01T02:41:13","slug":"juedische-kulturwochen-ausstellung-im-stuttgarter-rathaus-zeigt-wie-juedisch-deutsch-ist-startseite","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/541755\/","title":{"rendered":"J\u00fcdische Kulturwochen: Ausstellung im Stuttgarter Rathaus zeigt, wie j\u00fcdisch Deutsch ist &#8211; Startseite"},"content":{"rendered":"\n<p> Das Massel ist der Gl\u00fccksstern, das Schlamassel ein Dilemma, Pech und Ungl\u00fcck. Authentisch oder zurecht geschliffen wurden sie seit Jahrhunderten in den deutschen Wortschatz \u00fcbernommen und sind der Beweis f\u00fcr die engen kulturellen Verflechtungen mit dem j\u00fcdischen Leben. Denn wir benutzen sie ganz selbstverst\u00e4ndlich. Das zeigt auch die Ausstellung <a href=\"https:\/\/www.krzbb.de\/inhalt.juedische-kulturwochen-wir-sind-in-stuttgart-angekommen.f20270d9-c3e1-4134-9e1b-abad88448b1d.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">im Rahmen der J\u00fcdischen Kulturwochen<\/a> und als Best\u00e4tigung ihres Mottos \u201eMitten dabei\u201c. <\/p>\n<p>Jetzt aber mal tacheles geredet   <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/media.media.98518a23-c2a4-4685-953b-7046defdaf1c.original1024.media.jpeg\"\/>     Ein Flyer der Ausstellung \u201eSchlamassel Tov\u201c, die ab dem 3. November im Stuttgarter Rathaus zu sehen ist.    Foto: Dominique Brewing    <\/p>\n<p>\u201eJetzt aber mal tacheles\u201c steht in blauen Lettern vor pinkfarbenem Hintergrund auf einem der zehn Plakate in un\u00fcbersehbar gro\u00dfem Format. Erg\u00e4nzt in kreidewei\u00dfer Handschrift mit dem Wort tachlis, der jiddischen Bezeichnung f\u00fcr Endzweck, Vollkommenheit. \u201eBlo\u00df kein Zoff\u201c, ein weiteres Motiv, braucht keine \u00dcbersetzung, das Wort f\u00fcr \u00c4rger, Streit und Zank kommt aus dem hebr\u00e4ischen Wort f\u00fcr mieses Ende. Dagegen ist der Zorres, hier als S\u00fc\u00dfes oder Saures \u00fcbersetzt, ein fast harmloser \u00c4rger.<\/p>\n<p>Wer malocht, \u00fcbernommen von melochnen f\u00fcr arbeiten, braucht auch mal ein Sabbatical, eine l\u00e4ngst \u00fcbliche Anleihe in Englisch vom Schabbatjahr. Stuss (Schtus f\u00fcr Unsinn und dummes Zeug) soll man nicht labern und jeden Schmu (Schmuo f\u00fcr Gerede und Geschw\u00e4tz) nicht glauben. Dreiste Unversch\u00e4mtheiten lassen sich am treffendsten als \u201eChuzpe\u201c, jiddisch chuzpo, anprangern. Das Kompliment, jemanden dufte zu finden, hat rein gar nichts mit Wohlger\u00fcchen zu tun, sondern mit dem Wort toffte f\u00fcr wunderbar und toll. Und auch das Kaff, meist absch\u00e4tzig gebraucht f\u00fcr ein Kuhdorf und das allerletzte Langeweiler-Nest, kommt ganz wertfrei vom hebr\u00e4ischen Wort kefar f\u00fcr Dorf.<\/p>\n<p>Soweit die kurze Lektion in Jiddisch, die nur einen Bruchteil des entsprechenden Vokabulars darstellt. Wer neugierig geworden ist und seinen Wortschatz daraufhin \u00fcberpr\u00fcft, hat Aha-Erlebnisse: Dass die Pleite von pleto, dem Ausdruck f\u00fcr die Flucht vor Gl\u00e4ubigern kommt, der Hals- und Beinbruch die Verballhornung von hasloche und broche, Erfolg und Segen, darstellt, und betucht auf betuch f\u00fcr sicher zur\u00fcckgeht.<\/p>\n<p>Jiddisch als Mischung aus Deutsch und Hebr\u00e4isch <\/p>\n<p>Jiddisch ist im Mittelalter entstanden. Anfang des 13. Jahrhunderts durften Juden in Deutschland nur in Ghettos wohnen. In dieser Isolation mischten sich hebr\u00e4ische und deutsche Sprache zu einem Dialekt, der sich auch nach Osteuropa ausbreitete, slawische Einfl\u00fcsse \u00fcbernahm, dort zu einer autonomen Sprache geworden ist und vor allem in der Schtetl-Kultur zuhause war.<\/p>\n<p>\u201eDoch es geht um mehr als Worte\u201c, sagt Maria Ernst von der KulturRegion <a href=\"https:\/\/www.krzbb.de\/thema\/Stuttgart\" title=\"Stuttgart\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Stuttgart<\/a>, die diese Plakat-Kampagne als Teil und Abschluss des auf zwei Jahre angelegten Projektes \u201eJ\u00fcdisches Leben in der Region Stuttgart\u201c entwickelt hat. \u201eJ\u00fcdinnen und Juden pr\u00e4gen seit mehr als 1700 Jahren als Teil der Kulturlandschaft Mitteleuropas Wissenschaft, Kunst, Politik und besonders die Sprache\u201c, so Maria Ernst. \u201eWir wollten zeigen, wie Sprache zum Spiegel geteilter Geschichte wird. Und die Neugier darauf wecken.\u201c Die Motive, grafisch gestaltet von der Agentur Niessner Design, habe man in einem offenen kreativen Prozess entwickelt.<\/p>\n<p> Schlamassel-Tov: Mit dem Widerspruch leben <\/p>\n<p>Hintergr\u00fcndige, tiefsinnige, poetische und sehr pers\u00f6nliche Texte verschiedener Autoren zu den einzelnen Begriffen erg\u00e4nzen die Ausstellung. \u201eZorres\u201c, schreibt Ramona Ambs, \u201ekann jedem mal passieren.\u201c Aber sein Zwilling sei Riesches, was dem deutschen Wort Bosheit entspreche. Und im Jiddischen nichts anderes als Antisemitismus bedeute. \u201eMach mir kein Zorres und kein Riesches, pflegte meine Gro\u00dfmutter zu sagen, wenn ich das Haus verlie\u00df.\u201c \u201eDufte find ich Dich. Und schnieke und schejn\u201c, macht Lior Smith, wem auch immer, eine Liebeserkl\u00e4rung. <\/p>\n<p>Und Debora Antmann liefert die Erkl\u00e4rung f\u00fcr den scheinbar widerspr\u00fcchlichen Titel der Ausstellung, wenn sie \u00fcber ihr J\u00fcdisch-Sein nachdenkt: \u201eWas ist das J\u00fcdische an mir, wenn ich nicht religi\u00f6s bin, nicht Hebr\u00e4isch sprechen, am Samstag arbeite und Schwein esse? So ein Schlamassel.\u201c Und kommt zu dem Schluss: \u201eEs sind die j\u00fcdischen Wurzeln, die mich fest in meiner Welt verankern. Mein J\u00fcdisch-Sein: Schlamassel-Tov.\u201c Ein Dilemma, aber ein gutes? \u201eTov\u201c, das hebr\u00e4ische Wort f\u00fcr gut, zeigt, dass genau in dieser gegenseitigen Pr\u00e4gung das Sch\u00f6ne liegt,\u201c kl\u00e4rt der Publizist Robert Ogmann im Begleittext auf. \u201eEs steht f\u00fcr diese komplexe, manchmal chaotische, aber untrennbare Verbindung \u2013 eine Verflechtung, die nicht aufl\u00f6sbar ist.\u201c Das gilt nicht nur f\u00fcr die Sprache.<\/p>\n<p> \u201eSchlamassel Tov\u201c <\/p>\n<p class=\"infobox\"> <strong>Ausstellung<\/strong><br \/>\u201eSchlamassel Tov\u201c: Er\u00f6ffnung am Montag, 3. November, 17 Uhr, im Rathaus. Bis 16. November.<\/p>\n<p class=\"infobox\"> <strong>Infos<\/strong><br \/>Die Begleittexte sind \u00fcber die QR-Codes oder auf www.kulturregion-stuttgart.de zu finden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Das Massel ist der Gl\u00fccksstern, das Schlamassel ein Dilemma, Pech und Ungl\u00fcck. 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