{"id":541794,"date":"2025-11-01T03:03:22","date_gmt":"2025-11-01T03:03:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/541794\/"},"modified":"2025-11-01T03:03:22","modified_gmt":"2025-11-01T03:03:22","slug":"stuttgart-album-zur-aids-hilfe-aids-diente-als-vorwand-fuer-hass-40-jahre-kampf-gegen-stigma-und-angst-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/541794\/","title":{"rendered":"Stuttgart-Album zur Aids-Hilfe: \u201eAids diente als Vorwand f\u00fcr Hass\u201c \u2013 40 Jahre Kampf gegen Stigma und Angst"},"content":{"rendered":"<p>Am 5. Juni 1981 berichtet das US-Gesundheitsamt von f\u00fcnf jungen M\u00e4nnern, die an einer r\u00e4tselhaften Lungenentz\u00fcndung leiden. Niemand ahnt, dass dies der Auftakt zu einer weltweiten Epidemie sein wird. Bald schon l\u00f6st die zuvor unbekannte Krankheit \u00c4ngste, Verunsicherung und tief sitzende Vorurteile, auch in Deutschland, aus. In <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Stuttgart\" title=\"Stuttgart\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stuttgart<\/a> erscheint im April 1983 ein Faltblatt der Szene-Zeitung \u201eSchwulst\u201c, das sich mit der angeblichen \u201eSchwulenseuche\u201c befasst. Besonders betroffen seien \u201ehomosexuelle M\u00e4nner mit vielen Sexualpartnern\u201c. In der Schwulen-Disco Kings Club, so schreibt die Stuttgarter Zeitung, wird <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Aids\" title=\"Aids\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Aids<\/a> damals drastisch buchstabiert: \u201eAb in den Sarg\u201c. <\/p>\n<p>Im Oktober 1984 l\u00e4dt Thomas Ott, Betreiber des <a href=\"https:\/\/www.buchladen-erlkoenig.de\/shop\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Schwulen-Buchladens Erlk\u00f6nig<\/a>, etwa 25 Personen ins Liberale Zentrum ein. \u201eDamals war das Ausma\u00df der Aids-Krise noch nicht klar\u201c, wird sich Ott sp\u00e4ter erinnern, \u201eaber wir konnten sp\u00fcren, wie Boulevard-Bl\u00e4tter Aids nutzten, um schwules Leben zu diffamieren.\u201c Die Krankheit diente als Vorwand f\u00fcr Hass und Ausgrenzung.<\/p>\n<p>  <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/media.media.5576b3f6-ff3c-44bb-9c07-ab1d4129c77e.original1024.media.jpeg\"\/>     Bei der Schillerplatz-Hocketse im Jahr 1992 war die Aids-Hilfe mit einem Stand vertreten.    Foto: Rainbow    Gr\u00fcndung der Aids-Hilfe Stuttgart: Ein Meilenstein vor 40 Jahren <\/p>\n<p>Am 13. Februar 1985 wird in den R\u00e4umen des Erlk\u00f6nigs die <a href=\"https:\/\/www.aidshilfe-stuttgart.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Aids-Hilfe Stuttgart <\/a>gegr\u00fcndet \u2013 eine der ersten ihrer Art in Baden-W\u00fcrttemberg. Eines der ersten Projekte ist ein Beratungstelefon im Caf\u00e9 der Drogenberatungsstelle Release. Im November 1985 konstituiert sich der Verein der Aids-Hilfe. Dies ist nun genau 40 Jahre her. <\/p>\n<p>Aus diesem Anlass gibt es am Mittwoch, 5. November, 19 Uhr, einen Empfang im Stuttgarter Rathaus. Der Schwulenchor Rosa Note wird auftreten. Erstmals gezeigt wird ein Kurzfilm \u00fcber die Aids-Krise der 1980er- und 1990er-Jahre in Stuttgart \u2013 eine Zeit, in der es noch keine wirksamen Medikamente gegen <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/HIV\" title=\"HIV\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HIV<\/a> gab. Produziert wurde der Film von der Arbeitsgemeinschaft Queere Erinnerungskultur <a href=\"https:\/\/der-liebe-wegen.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eDer Liebe wegen\u201c des Vereins Weissenburg<\/a>. Im Gro\u00dfraum Stuttgart, teilt die Initiative mit, verloren damals rund 600 Menschen ihr Leben an den Folgen von Aids \u2013 ein Kapitel Stuttgarter Stadtgeschichte, das bis heute nachwirkt.<\/p>\n<p>Trauer und Unwissenheit: Die ersten Jahre der Aids-Krise in Stuttgart <\/p>\n<p>Schmerzvolle Erinnerungen werden wach. Die Community st\u00fcrzt von einer Trauer in die n\u00e4chste. Cliquen wurden dezimiert. Die Telefonanrufe der Anfangszeit spiegeln die tiefe Verunsicherung wider: Viele Menschen f\u00fcrchten, infiziert zu sein, ohne die \u00dcbertragungswege zu kennen. Die Aids-Hilfe kl\u00e4rt auf: Ein Kuss oder ein Schwimmbadbesuch reiche nicht f\u00fcr eine Ansteckung.<\/p>\n<p>Kurz darauf entsteht ein Safer-Sex-Gespr\u00e4chskreis f\u00fcr schwule M\u00e4nner. Ein Teilnehmer erinnert sich sp\u00e4ter: \u201eWir, acht M\u00e4nner, trafen uns privat in Wohnungen. Einige hatten Angst, infiziert zu sein, drei waren positiv \u2013 einer gerade 20. Nach dem ersten Abend schlief ich kaum.\u201c<\/p>\n<p>Nur wenige Meter vom Erlk\u00f6nig entfernt befand sich das erste Schwulencaf\u00e9 Stuttgarts, das Jenseitz, er\u00f6ffnet 1983 von Kurt Klauser. Anfangs stie\u00dfen solche Orte auf Widerstand, doch sie wurden zu Treffpunkten f\u00fcr eine lange verborgene Gemeinschaft.<\/p>\n<p> \u201eRaus aus dem Ghetto \u2013 Rein in die Stadt\u201c: Sichtbarkeit im Jahr 1992 <\/p>\n<p>Ein besonderes Zeichen setzt die erste Schillerplatz-Hocketse 1992. Die Stuttgarter Nachrichten titeln: \u201eRaus aus dem Ghetto \u2013 Rein in die Stadt.\u201c Der Schwulenchor Rosa Note hat dort einen ihrer ersten \u00f6ffentlichen Auftritte \u2013 ein Moment der Sichtbarkeit in einer Zeit, in der viele ihre Freunde und Partner an Aids verloren haben.<\/p>\n<p>   <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/media.media.0bead6a8-3c6d-4ec7-b074-e13bd4ee73b0.original1024.media.jpeg\"\/>     Stra\u00dfenfest auf der Lautenschlagerstra\u00dfe im Jahr 1990. Auf dem Transparent am Stand der Aids-Hilfe steht: \u201eEs gibt ein Leben mit dem Tod.\u201c    Foto: Steinert    <\/p>\n<p>Viele der Infizierten sch\u00e4mten sich, dass sie HIV hatten, und wollten nicht in ihrer Heimat sterben. Sie reisten in andere St\u00e4dte, etwa nach Berlin, um ihre Krankheit vor Freunden und Familie zu verbergen. Die Stuttgarter Zeitung berichtete damals \u00fcber den \u201eSterbetourismus\u201c. <\/p>\n<p>Martin Reichert beschreibt die Zeit als traumatisierend: \u201eF\u00fcr j\u00fcngere Schwule um die zwanzig ist Aids ungef\u00e4hr so weit weg wie der Zweite Weltkrieg. (\u2026) Doch f\u00fcr mindestens eine Generation schwuler M\u00e4nner waren die achtziger und fr\u00fchen neunziger Jahre eine Zeit, die schwere Traumatisierungen hinterlassen hat.\u201c<\/p>\n<p> HIV in Stuttgart: Fortschritte und anhaltendes Stigma <\/p>\n<p>Es war ein weiter Weg, bis Menschen mit HIV ein nahezu normales Leben f\u00fchren konnten, ein Weg voller Leid, Schmerz und Trauer. Heute sind Infizierte unter Therapie nicht mehr infekti\u00f6s. Dennoch bleibt das Stigma oftmals bestehen. Etwa 3000 Langzeitpositive leben im Gro\u00dfraum Stuttgart, sch\u00e4tzt Bernd Skobowsky, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Aids-Hilfe. <\/p>\n<p>Die Arbeit des Vereins hat sich im Zeichen der Roten Schleife \u00fcber die Jahre professionalisiert. Anfangs lagen Beratung, Selbsthilfe und Aufkl\u00e4rung im Fokus. In den 1990er-Jahren r\u00fcckten psychosoziale Beratung und Pr\u00e4vention in den Vordergrund. In den 2000er- und 2010er-Jahren wurden neue Zielgruppen einbezogen, darunter Frauen, Heterosexuelle und Gefl\u00fcchtete. Heute bietet die Organisation unter anderem Schnelltests f\u00fcr HIV, Syphilis und Hepatitis C, Bildungsarbeit in Schulen und Betrieben sowie Pr\u00e4ventionsprojekte in Clubs an. Ihr Leitsatz lautet: \u201eLeben mit HIV ist m\u00f6glich \u2013 Diskriminierung nicht.\u201c<\/p>\n<p> \u201eVom Tabu zur Solidarit\u00e4t\u201c: 40 Jahre Aids-Hilfe Stuttgart <\/p>\n<p>40 Jahre Aids-Hilfe Stuttgart stehen f\u00fcr Engagement gegen Angst, Ausgrenzung und Unwissenheit, Akzeptanz und den Stolz auf Diversit\u00e4t. Vom Tabu zur Solidarit\u00e4t: Die Organisation ist heute eine wichtige Stimme f\u00fcr Aufkl\u00e4rung, Teilhabe und gesellschaftliche Verantwortung. \u201eWir feiern auch f\u00fcr jene, die nicht mehr dabei sein k\u00f6nnen \u2013 vielleicht schauen sie von einer Wolke aus zu\u201c, sagt ein Mitglied der Aids-Hilfe.<\/p>\n<p>Diskutieren Sie mit unter: <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Album.Stuttgart\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.facebook.com\/Album.Stuttgart<\/a>. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Am 5. 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