{"id":542420,"date":"2025-11-01T09:01:15","date_gmt":"2025-11-01T09:01:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/542420\/"},"modified":"2025-11-01T09:01:15","modified_gmt":"2025-11-01T09:01:15","slug":"die-algerische-revolution-hat-die-welt-zum-besseren-veraendert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/542420\/","title":{"rendered":"Die Algerische Revolution hat die Welt zum Besseren ver\u00e4ndert"},"content":{"rendered":"<p class=\"content-element base bodyText font-serif hangingCap\">Algerien zeigt sich heute der Welt gegen\u00fcber verschlossen und misstrauisch. Obwohl sein revolution\u00e4rer Staat das chaotische Ende des 20. Jahrhunderts \u00fcberlebt hat, ist das Land geplagt von Grenzkonflikten, islamistischen Aufst\u00e4nden und gro\u00dfen Jugendprotesten. Dabei ist das Verm\u00e4chtnis des algerischen Volkes und seines Befreiungsstaates so dynamisch, internationalistisch und couragiert, wie selten in der Welt \u2013 ebenb\u00fcrtig mit revolution\u00e4rem Heroismus von Kuba und Vietnam.<\/p>\n<p class=\"content-element base bodyText font-serif hangingCap\">Vor einem Jahrhundert befand sich Algerien im Herzen von Frankreichs Imperium, so zentral f\u00fcr das franz\u00f6sische imperiale Projekt wie es Indien f\u00fcr das britische war. Algerien war teilweise von wei\u00dfen Siedlern besiedelt, die es als ihr Heimatland betrachteten und sich nicht als Kaste der imperialen Administration sahen. Frankreich erhielt eine juristische Fiktion aufrecht, die Algerien als integralen Teil der Nation ansah, so wie jede andere heimische Provinz, getrennt vom Festland durch das Mittelmeer, wie Paris durch die Seine geteilt ist.<\/p>\n<p class=\"content-element base bodyText font-serif hangingCap\">Die gro\u00dfe Mehrheit der arabischen Bev\u00f6lkerung hatte einen zweitklassigen Status als Untertanen statt als B\u00fcrger. Obwohl es einer winzigen Minderheit erlaubt wurde, die franz\u00f6sische Staatsb\u00fcrgerschaft anzunehmen, wenn sie die arabische Kultur ablegte, insbesondere ihren muslimischen Glauben, waren die franz\u00f6sischen Siedler nicht an ihr interessiert. Sie wurden so weit wie m\u00f6glich segregiert und man nahm keine Notiz von ihnen, abgesehen von ihrem Nutzen als Hausbedienstete, Farmarbeiter oder als Kanonenfutter in Kriegszeiten. Sogar die industrielle Arbeiterklasse in Franz\u00f6sisch-Algerien setzte sich gr\u00f6\u00dftenteils aus wei\u00dfen Siedlern zusammen, wodurch die starke franz\u00f6sische Arbeiterbewegung auf Distanz blieb zur wirtschaftlichen Not, unter der die muslimische Bev\u00f6lkerungsmehrheit litt.<\/p>\n<p>Der fr\u00fche Nationalismus<\/p>\n<p class=\"content-element base bodyText font-serif hangingCap\">Die Algerier hatten seit Anbeginn der Kolonisierung in den 1830ern einen langen und w\u00fctenden Kampf gegen sie gef\u00fchrt. Im sp\u00e4ten 19. Jahrhundert wurden alle \u00dcberreste ihres Widerstands unterdr\u00fcckt. Wie in anderen Teilen der alten Imperien f\u00fchrte die Erfahrung, w\u00e4hrend der zwei Weltkriege in den imperialen Armeen zu k\u00e4mpfen, sowie die wechselseitige Migration zwischen der Kolonie und dem industrialisierten Mutterland dazu, dass die Algerier mit neuen ideologischen Perspektiven in Kontakt kamen. Wilsonischer Liberalismus, sowjetischer Sozialismus und die islamischen Reformbewegungen bildeten die Grundlage f\u00fcr ein neues algerisches Nationalbewusstsein.<\/p>\n<p class=\"content-element base bodyText font-serif hangingCap\">In den 1920ern griffen die liberalen Str\u00f6mungen in der algerischen Politik Woodrow Wilsons antikoloniale Deklarationen auf und argumentierten auf dieser Basis f\u00fcr eine gleiche Staatsb\u00fcrgerschaft und begrenzte Autonomie. Sie wurden jedoch verfolgt und ihre Hoffnung, in den Vereinigten Staaten endlich einen Verb\u00fcndeten gefunden zu haben, wurde schnell entt\u00e4uscht. Die \u00bbWilsonische\u00ab Selbstbestimmung war nur f\u00fcr die wei\u00dfen V\u00f6lker Europas gedacht. Der Widerstand gegen die Teilnahme der Muslime am demokratischen Leben war unter den Siedlern besonders stark. Sie dachten nicht daran, den Eroberten eine gleichberechtigte Koexistenz zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<blockquote aria-hidden=\"true\" class=\"font-headline h1 max-sm:text-[36px] xl:text-[67px] my-1em leading-1.15 col-start-4 col-span-9 lg:col-start-3 lg:col-span-10 lg:text-4vw lg:my-1.5em\"><p>\u00bbEine neue Generation von Unabh\u00e4ngigkeitsf\u00fchrern entstand aus den R\u00e4ngen der demobilisierten muslimischen Soldaten der Freien Franz\u00f6sischen Armee.  Viele davon hatten Frankreich mit Auszeichnung gedient und hatten nicht vor, in ihrem Land weiter ein Leben in gewaltvoller Unterwerfung zu f\u00fchren.\u00ab<\/p><\/blockquote>\n<p class=\"content-element base bodyText font-serif hangingCap\">Am 8. Mai 1945, dem Tag des Sieges in Europa, brachen in der Stadt S\u00e9tif Massendemonstrationen aus. Da Frankreich nun befreit war, wurde erwartet, dass bald eine Kolonial-Reform folgen w\u00fcrde. W\u00e4hrend des Krieges standen die Siedler entschieden an der Seite der Vichy-Faschisten. Ihr Widerstand gegen jegliche Reformbestrebungen nahm zu, der Demonstration wurde sofort mit Brutalit\u00e4t begegnet. Soldaten schossen ohne zu z\u00f6gern in die Menge, was Krawalle ausl\u00f6ste, die f\u00fcnf Tage enormer Repression nach sich zogen. Ebenso folgten Luftbombardements nahegelegener D\u00f6rfer und sogenannte \u00bbRattenjagd\u00ab-Pogrome gegen muslimische Siedlungen, bei denen bis zu 30.000 Menschen starben.<\/p>\n<p class=\"content-element base bodyText font-serif hangingCap\">Das Massaker von S\u00e9tif l\u00f6ste eine Schockwelle im Land aus und radikalisierte die liberale Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung. Eine neue Generation von Unabh\u00e4ngigkeitsf\u00fchrern entstand aus den R\u00e4ngen der demobilisierten muslimischen Soldaten der Freien Franz\u00f6sischen Armee. Viele davon hatten Frankreich mit Auszeichnung gedient und hatten nicht vor, in ihrem Land weiter ein Leben in gewaltvoller Unterwerfung zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Krieg an zwei Fronten<\/p>\n<p class=\"content-element base bodyText font-serif hangingCap\">Die algerische Front de Lib\u00e9ration Nationale (FLN), die sich daraufhin bildete, war eine Organisation, die Aktionen \u00fcber theoretische Nuancen und Einheit \u00fcber Unterschiede stellte. Am 1. November 1954 erkl\u00e4rte die FLN Frankreich einseitig den Krieg. Der Krieg begann, bevor die FLN \u00fcberhaupt eine konkrete politische Form angenommen hatte. Die zentrale F\u00fchrung setzte darauf, sofort die Unterst\u00fctzung der Bev\u00f6lkerung f\u00fcr den Kampf zu gewinnen. Diese Wette beruhte auf dem Wunsch der FLN-F\u00fchrung, die zumeist aus Soldaten und nicht aus Gelehrten bestand, wirkungslose Rhetorik in entschlossenes Handeln umzusetzen \u2013 und sie funktionierte.<\/p>\n<p class=\"content-element base bodyText font-serif hangingCap\">Die Franzosen reagierten auf die Herausforderung, wie sie es in der Vergangenheit immer getan hatten: mit rascher, brutaler Repression. Im neuen internationalen Kontext f\u00fchrten die alten Methoden jedoch zu diametral entgegengesetzten Ergebnissen. Die Algerier sp\u00fcrten, dass in der kolonisierten Welt ein neuer Wind wehte, und str\u00f6mten zun\u00e4chst zu Tausenden, dann zu Millionen auf die Seite der FLN. Die Franzosen reagierten mit einer versch\u00e4rften Aufstandsbek\u00e4mpfung, bei der Folter, Konzentrationslager und die Ermordung von Zivilisten zur offiziellen Politik wurden.<\/p>\n<p class=\"content-element base bodyText font-serif hangingCap\">Die FLN erkannte schnell die Bedeutung der neuen internationalen Dynamik und er\u00f6ffnete einen Krieg an zwei Fronten. Vor Ort \u00fcbernahm sie eine leninistisch-maoistische Parteiorganisation, die f\u00fcr einen langwierigen Guerillakrieg geeignet war. Sie griff zu Attentaten und Terror, wobei sie insbesondere franz\u00f6sische Verwaltungsbeamte und muslimische Kollaborateure ins Visier nahm, um die Polarisierung des Konflikts bewusst zu versch\u00e4rfen und die Bev\u00f6lkerung zu einer eindeutigen Entscheidung f\u00fcr eine der beiden Seiten zu zwingen. <\/p>\n<p class=\"content-element base bodyText font-serif hangingCap\">Au\u00dferdem bediente sie sich intensiver politischer Agitation, insbesondere unter der l\u00e4ndlichen Bev\u00f6lkerung, auf deren Schutz und Unterst\u00fctzung sie angewiesen war. Die politischen Kommissare der FLN betonten den sozialrevolution\u00e4ren Aspekt des Krieges und etablierten die Bewegung als Schattenstaat unter den Augen der Franzosen. \u00c4hnlich wie der Vietcong, von dem sie sich inspirieren lie\u00df, begann die FLN, der l\u00e4ndlichen Bev\u00f6lkerung, die von Subsistenzwirtschaft lebte, Gesundheitsversorgung, Sozialleistungen und Bildungsangebote zur Verf\u00fcgung zu stellen.<\/p>\n<p class=\"content-element base bodyText font-serif hangingCap\">Die zweite Front war international, mit einem diplomatischen Kader, an dessen Spitze charismatische Revolution\u00e4re wie Ahmed Ben Bella standen. Der Kampf wurde vom offenen Land in die Debattenr\u00e4ume der Vereinten Nationen \u00fcbertragen. Obwohl die FLN noch keinen eigenen Staat repr\u00e4sentierte, entsandte sie Delegationen zu international bedeutenden Zusammenk\u00fcnften, darunter die Bandung-Konferenz in Indonesien. In den Vereinten Nationen, in Bandung und anderswo dr\u00e4ngten sie ihre Sache den Superm\u00e4chten sowie den Gro\u00dfen und Guten der aufstrebenden Dritten Welt auf, darunter Indiens Jawaharlal Nehru, Chinas Zhou Enlai und \u00c4gyptens Gamal Abdel Nasser.<\/p>\n<p>Im Zentrum der Welt<\/p>\n<p class=\"content-element base bodyText font-serif hangingCap\">Nasser, ein Panarabist, der sich selbst als politische Galionsfigur der gesamten arabischen Welt inszenierte, war besonders daran interessiert, seine Unterst\u00fctzung f\u00fcr die FLN zu bekunden. Er wurde wiederum von den Algeriern hochgesch\u00e4tzt, die in ihm den lebenden Beweis daf\u00fcr sahen, dass eine revolution\u00e4re Selbstbefreiung in der arabischen Welt m\u00f6glich war. Der in Kairo ans\u00e4ssige Radiosender Sawt al-Arab (\u00bbStimme der Araber\u00ab) verbreitete die Propaganda der FLN im gesamten Nahen Osten und Nordafrika, verschaffte ihr eine au\u00dferordentlich gro\u00dfe globale Pr\u00e4senz und st\u00e4rkte die Legitimit\u00e4t ihrer Revolution in den Augen der Araber und Afrikaner \u00fcberall.<\/p>\n<p class=\"content-element base bodyText font-serif hangingCap\">Die \u00c4gypter fungierten auch als Vermittler f\u00fcr Waffenverk\u00e4ufe an die FLN und lieferten tschechische, jugoslawische und chinesische Waffen an die algerischen Mudschaheddin. Diese wurden zusammen mit Guerilla-Milit\u00e4rstrategien eingesetzt, die sie von den chinesischen und nordvietnamesischen Kommunisten gelernt hatten, mit denen die Algerier engen Kontakt pflegten. Marokko und Tunesien, Algeriens Nachbarn im Westen und Osten, erlaubten der FLN, ihr Territorium als Operationsbasis f\u00fcr ihr milit\u00e4risches Oberkommando zu nutzen.<\/p>\n<p class=\"content-element base bodyText font-serif hangingCap\">Die Saudis, die Nasser verabscheuten, weil sie ihn als gottlosen Sozialisten und direkte Bedrohung f\u00fcr ihren eigenen Anspruch auf die F\u00fchrungsrolle in der arabischen Welt betrachteten, wetteiferten darum, finanzielle Unterst\u00fctzung anzubieten. Sie boten auch die Verwendung saudischer P\u00e4sse an, mit denen man frei um die Welt reisen konnte, darunter auch nach New York, um an Sitzungen der Vereinten Nationen teilzunehmen. Dort hatte die FLN ein st\u00e4ndiges B\u00fcro eingerichtet, um ihren Anspruch auf einen unabh\u00e4ngigen Staat geltend zu machen.<\/p>\n<blockquote aria-hidden=\"true\" class=\"font-headline h1 max-sm:text-[36px] xl:text-[67px] my-1em leading-1.15 col-start-4 col-span-9 lg:col-start-3 lg:col-span-10 lg:text-4vw lg:my-1.5em\"><p>\u00bbIn den FLN-Lagern erhielten Revolution\u00e4re aus ganz Afrika milit\u00e4rische und politische Ausbildung. Noch bevor sie ihr eigenes Heimatland befreit hatten, hatten sich die Algerier bereits in den Mittelpunkt der panafrikanischen und globalen Politik der Dritten Welt gestellt.\u00ab<\/p><\/blockquote>\n<p class=\"content-element base bodyText font-serif hangingCap\">W\u00e4hrend die Grausamkeiten des Krieges weiter eskalierten, tat das prominent besetzte diplomatische Team der FLN alles, was in ihrer Macht stand, um die Aufmerksamkeit der Welt\u00f6ffentlichkeit auf den Konflikt zu lenken. Selbst als sich die milit\u00e4rische Lage im Land verschlechterte, verst\u00e4rkte sich der diplomatische Druck auf Frankreich, sodass die FLN ihre Hoffnungen auf eine politisch vermittelte Beendigung des Konflikts setzte.<\/p>\n<p class=\"content-element base bodyText font-serif hangingCap\">Abane Ramdane, Kommandeur der Front in Algier und einer der f\u00fchrenden Ideologen der FLN, versuchte, den Krieg an zwei Fronten zu beenden, indem er einen spektakul\u00e4ren, gro\u00df angelegten Aufstand in der Hauptstadt inszenierte. Die Schlacht um Algier, die sp\u00e4ter stark mythologisiert wurde, hatte jedoch nicht den gew\u00fcnschten Effekt und f\u00fchrte zur fast vollst\u00e4ndigen Zerschlagung der Untergrundorganisation in der Stadt. Ramdane floh kurz darauf nach Marokko und wurde dort von seinen eigenen Mitstreitern im Oberkommando ermordet.<\/p>\n<p class=\"content-element base bodyText font-serif hangingCap\">W\u00e4hrend die weltweite Faszination f\u00fcr den algerischen Kampf ihren H\u00f6hepunkt erreichte, eskalierten die Spannungen innerhalb der geheimnisumwitterten FLN-F\u00fchrung. Die Kommandeure der l\u00e4ndlichen Sektionen, die tief im Hinterland lagerten, waren ver\u00e4rgert \u00fcber die schweren Verluste, die sie hinnehmen mussten, w\u00e4hrend ihre eher luxuri\u00f6s untergebrachten Genossen die diplomatische Kampagne f\u00fchrten. Als Frankreich sowohl die marokkanische als auch die tunesische Grenze befestigte und begann, die l\u00e4ndliche Bev\u00f6lkerung in Umsiedlungslagern zusammenzutreiben, wurde die F\u00e4higkeit der Armeen im Feld, Verst\u00e4rkung und Nachschub zu erhalten, drastisch eingeschr\u00e4nkt. Doch selbst als die Franzosen begannen, aus diesen Taktiken milit\u00e4rischen Vorteil zu ziehen, sch\u00fcrte ihre wahllose Gewalt, einschlie\u00dflich der Bombardierung tunesischer D\u00f6rfer jenseits der Grenze, neue Emp\u00f6rung auf der Weltb\u00fchne.<\/p>\n<p class=\"content-element base bodyText font-serif hangingCap\">Die terroristischen Methoden, die die FLN als Reaktion darauf anwandte, wurden in den Schriften von Frantz Fanon theoretisch begr\u00fcndet. Fanon war ein Psychiater von Frankreichs Karibikinsel Martinique, der sich w\u00e4hrend seiner Arbeit in Algerien den Reihen der Befreiungskr\u00e4fte angeschlossen hatte. Fanon beschrieb den Imperialismus eloquent als extremen Rassismus, schilderte die Entmenschlichung der unterworfenen V\u00f6lker und bef\u00fcrwortete nachdr\u00fccklich revolution\u00e4re Gewalt als Form der Massenbefreiung. Fanons Ansichten deckten sich mit den vorherrschenden sozialistischen und nationalistischen Str\u00f6mungen der Befreiungsbewegung und trugen dazu bei, das ideologische Feld des gesamten Dritte-Welt-Projekts zu definieren.<\/p>\n<p class=\"content-element base bodyText font-serif hangingCap\">In den FLN-Lagern in Marokko, Tunesien und Mali erhielten Revolution\u00e4re aus ganz Afrika \u2013 darunter auch Nelson Mandela \u2013 milit\u00e4rische und politische Ausbildung. Noch bevor sie ihr eigenes Heimatland befreit hatten, hatten sich die Algerier bereits in den Mittelpunkt der panafrikanischen und globalen Politik der Dritten Welt gestellt.<\/p>\n<p>Tabula Rasa<\/p>\n<p class=\"content-element base bodyText font-serif hangingCap\">In Frankreich war die \u00d6ffentlichkeit bereits kriegsm\u00fcde. In einer Zeit dramatischer wirtschaftlicher Fortschritte im Inland verlor der durchschnittliche Franzose zunehmend das Interesse an der kolonialen Machtvergr\u00f6\u00dferung der herrschenden Klasse. Die hartn\u00e4ckigen Pied-Noirs (wie die Kolonisten oft genannt wurden) waren zu einer peinlichen und destabilisierenden Kraft in der Innenpolitik geworden und versuchten sogar einen Putsch gegen Pr\u00e4sident Charles de Gaulle, der demokratisch gew\u00e4hlt wurde, um den Krieg zu beenden.<\/p>\n<p class=\"content-element base bodyText font-serif hangingCap\">1962 brach die franz\u00f6sische Position trotz ihrer \u00fcberw\u00e4ltigenden milit\u00e4rischen \u00dcberlegenheit im Inneren der Sahara zusammen. Die Franzosen waren gefangen zwischen den unerbittlichen diplomatischen Angriffen der FLN, die sowohl in Algerien als auch in Frankreich zu anhaltenden Unruhen in den St\u00e4dten gef\u00fchrt hatten, und einer gut ausger\u00fcsteten algerischen Armee unter dem Kommando des skrupellosen Oberst Houari Boum\u00e9di\u00e8ne, die sich hinter den Grenzz\u00e4unen versammelt hatte.<\/p>\n<p class=\"content-element base bodyText font-serif hangingCap\">Ahmed Ben Bella, der gerade aus einem franz\u00f6sischen Gef\u00e4ngnis entlassen worden war, etablierte sich schnell als popul\u00e4rer und energischer nationaler F\u00fchrer, der von Boum\u00e9di\u00e8ne und dem Milit\u00e4r unterst\u00fctzt wurde. Der Krieg hatte den alten franz\u00f6sischen Kolonialstaat und die traditionelle algerische Lebensweise hinweggefegt, sodass Ben Bella und die FLN sich daran machten, ihre Revolution in einen neuen Nationalstaat zu \u00fcbersetzen.<\/p>\n<blockquote aria-hidden=\"true\" class=\"font-headline h1 max-sm:text-[36px] xl:text-[67px] my-1em leading-1.15 col-start-4 col-span-9 lg:col-start-3 lg:col-span-10 lg:text-4vw lg:my-1.5em\"><p>\u00bbDie Algerier machten keinen Hehl daraus, dass sie subversive Kr\u00e4fte in ganz Afrika unterst\u00fctzten und den Austausch von Ideen wie auch Waffen erleichterten.\u00ab<\/p><\/blockquote>\n<p class=\"content-element base bodyText font-serif hangingCap\">Ben Bella passte perfekt in das Schema eines revolution\u00e4ren Staatsmannes der Dritten Welt. Mit seiner pers\u00f6nlichen Ausstrahlung und seiner ideologischen Flexibilit\u00e4t verpflichtete er Algerien zu einer sozialen Revolution im Inland und einer aktivistischen Politik im Ausland. Als die Pied-Noirs mit den F\u00fc\u00dfen abstimmten und das Land in Scharen verlie\u00dfen, wurden ihre riesigen landwirtschaftlichen G\u00fcter, Fabriken und Unternehmen von der arabischen Bev\u00f6lkerung besetzt. Ben Bella erkannte, dass sich in weiten Teilen des Agrar- und Industriesektors de facto Arbeiterkontrolle etablierte, und hielt die FLN an der Spitze der revolution\u00e4ren Welle, indem er diese Volks\u00fcbernahmen offiziell anerkannte und bef\u00fcrwortete.<\/p>\n<p class=\"content-element base bodyText font-serif hangingCap\">Der rasche \u00dcbergang zu einer vollst\u00e4ndig sozialisierten Wirtschaft begeisterte die Sowjets, die sahen, dass Algerien auf den Spuren Kubas einen Entwicklungsweg einschlug, der den Kapitalismus g\u00e4nzlich umging. Auch unter intellektuellen Linken im weiteren Sinne sorgte dies f\u00fcr gro\u00dfe Begeisterung, da sie Ben Bellas Anerkennung und F\u00f6rderung der Kontrolle der Industrie durch das Volk als Verwirklichung der demokratischeren Bestrebungen des Sozialismus betrachteten.<\/p>\n<p class=\"content-element base bodyText font-serif hangingCap\">Algier entwickelte sich auch rasch zu einem boomenden diplomatischen Zentrum f\u00fcr alle revolution\u00e4ren Str\u00f6mungen der Welt. Die engen Beziehungen, die die FLN w\u00e4hrend ihrer Jahre des Kampfes zu anderen Befreiungsbewegungen aufgebaut hatte, wurden formalisiert, und Gruppen wie der Vietcong, der African National Congress und sogar die Black Panthers er\u00f6ffneten B\u00fcros und Botschaften. Die Algerier machten keinen Hehl daraus, dass sie subversive Kr\u00e4fte in ganz Afrika unterst\u00fctzten und den Austausch von Ideen wie auch Waffen erleichterten. Algier war in den 1960er Jahren ein Ort, an dem arabische Nationalisten, angolanische Guerillak\u00e4mpfer, franz\u00f6sische Trotzkisten und jugoslawische Diplomaten auf den Stra\u00dfen aneinander vorbeigingen, in Caf\u00e9s miteinander plauderten und heimliche Treffen in Hotelbars abhielten.<\/p>\n<p>Endspiel<\/p>\n<p class=\"content-element base bodyText font-serif hangingCap\">Am 19. Juni 1965 erwachte die Bev\u00f6lkerung des freien Algiers zum Anblick von Panzern auf den Stra\u00dfen. In den letzten Wochen hatte sich die Stadt auf die Ausrichtung einer hochkar\u00e4tigen Konferenz afrikanischer und asiatischer Staatschefs vorbereitet. Der als Bandung II angek\u00fcndigte Gipfel sollte den Ton f\u00fcr die n\u00e4chste Phase der Weltrevolution im Globalen S\u00fcden angeben. Nur wenige Tage vorher, w\u00e4hrend ausl\u00e4ndische W\u00fcrdentr\u00e4ger bereits eintrafen, schlug Boum\u00e9di\u00e8ne gegen seinen ehemaligen Verb\u00fcndeten Ben Bella zu.<\/p>\n<p class=\"content-element base bodyText font-serif hangingCap\">Die Reaktion der Bev\u00f6lkerung war verhalten. Der Putsch stellte sie vor vollendete Tatsachen. Ben Bella wurde aus seiner bescheidenen Stadtwohnung entf\u00fchrt, w\u00e4hrend er noch schlief. Die stark sichtbare Milit\u00e4rpr\u00e4senz auf den Stra\u00dfen schreckte jeden Versuch spontaner Proteste ab.<\/p>\n<p class=\"content-element base bodyText font-serif hangingCap\">Aber was genau war geschehen? Trotz der \u00dcberschw\u00e4nglichkeit der Algerischen Revolution brodelte es, wie bei allen Revolutionen, unter der Oberfl\u00e4che vor Widerspr\u00fcchen. Ben Bellas Bestrebungen, eine echte Kontrolle der Industrie durch das Volk zu f\u00f6rdern, scheiterten an den Forderungen nach einer staatlich gelenkten Modernisierung. Kleinbauern, die gerade erst begonnen hatten, echte Autonomie auszu\u00fcben, sahen sich einerseits mit Forderungen nach einer raschen Mechanisierung der Produktion konfrontiert \u2013 und andererseits mit ebenso starken Forderungen, gro\u00dfe Mengen an \u00dcbersch\u00fcssen zu produzieren, die in die industrielle Entwicklung, insbesondere im \u00d6l- und Gassektor, zur\u00fcckflie\u00dfen sollten.<\/p>\n<p class=\"content-element base bodyText font-serif hangingCap\">Dar\u00fcber hinaus wurde der Kosmopolitismus der Regierung Ben Bella von konservativen Kr\u00e4ften in der algerischen Gesellschaft, darunter auch innerhalb der FLN-Koalition selbst, zunehmend mit Feindseligkeit betrachtet. Obwohl Ben Bella sich zu einer Form des revolution\u00e4ren Nationalismus bekannte, der die arabische Identit\u00e4t mit dem Sozialismus in Einklang bringen wollte, war es offensichtlich, dass der Modernismus des Regimes den Islamismus als reaktion\u00e4re Kraft betrachtete, die es zu unterdr\u00fccken galt. <\/p>\n<p class=\"content-element base bodyText font-serif hangingCap\">Die Ausl\u00e4nder, die ins Land str\u00f6mten, seien es ideologische Mitstreiter, Journalisten oder Vertreter befreundeter Regierungen, wurden zun\u00e4chst hinter verschlossenen T\u00fcren, sp\u00e4ter dann auch offener in den konservativen Teilen der Presse ver\u00e4chtlich als Pied-Rouges bezeichnet. Vor allem innerhalb der Armee nahm der Nationalismus zunehmend fremdenfeindliche Z\u00fcge an.<\/p>\n<blockquote aria-hidden=\"true\" class=\"font-headline h1 max-sm:text-[36px] xl:text-[67px] my-1em leading-1.15 col-start-4 col-span-9 lg:col-start-3 lg:col-span-10 lg:text-4vw lg:my-1.5em\"><p>\u00bbGeografisch an der Schnittstelle zwischen Europa, Afrika und dem Nahen Osten gelegen und politisch zwischen dem kommunistischen und dem kapitalistischen Weltordnungssystem positioniert, \u00fcbertraf Algeriens internationaler Status bei weitem das, was man von einem vom Krieg zerr\u00fctteten Land mit einer so kleinen und verarmten Bev\u00f6lkerung erwarten konnte.\u00ab<\/p><\/blockquote>\n<p class=\"content-element base bodyText font-serif hangingCap\">Der geplante afro-asiatische Gipfel brachte diese unterschwelligen Spannungen innerhalb des algerischen Machtsystems zum Vorschein. Aus Ben Bellas Sicht w\u00fcrde die Konferenz seine Position als wahrhaft internationalen Staatsmann festigen und es ihm erm\u00f6glichen, seine Autorit\u00e4t sowohl \u00fcber die Algerische Revolution als auch \u00fcber seine Gegner innerhalb dieser zu behaupten. F\u00fcr Boum\u00e9di\u00e8ne, de facto Algeriens zweiter Mann, war dies der letzte Zeitpunkt, an dem Ben Bella herausgefordert werden konnte, bevor er einen gottgleichen Status \u00e0 la Castro erlangte.<\/p>\n<p class=\"content-element base bodyText font-serif hangingCap\">Im selben Jahr, in dem Ben Bella gest\u00fcrzt wurde, wurde Kwame Nkrumah in Ghana seines Amtes enthoben, und auch in Nigeria, Kongo und weiteren afrikanischen L\u00e4ndern wurden Regierungen durch Staatsstreiche gest\u00fcrzt. Kurz darauf wurde Nasser im katastrophalen Krieg gegen Israel 1967 gedem\u00fctigt, was das Ende der idealistischsten und pluralistischsten \u00c4ra der Dritten Welt einl\u00e4utete.<\/p>\n<p class=\"content-element base bodyText font-serif hangingCap\">Obwohl viele in der Dritten Welt bef\u00fcrchteten, dass Boum\u00e9di\u00e8nes Milit\u00e4rputsch eine dramatische Wende hin zur Konterrevolution und zur Ann\u00e4herung an den Westen bedeutete, war dies tats\u00e4chlich nicht der Fall. Die Sozialisierung der Wirtschaft wurde fortgesetzt, jedoch mit einer st\u00e4rkeren Ausrichtung auf eine zentralistische Planung nach sowjetischem Vorbild, die auf die Erschlie\u00dfung der enormen Kohlenwasserstoffvorkommen des Landes ausgerichtet war. Auf internationaler Ebene blieb Algerien der Blockfreiheit verpflichtet und setzte sich bei den Vereinten Nationen nachdr\u00fccklich f\u00fcr eine globale wirtschaftliche Neuordnung zugunsten der Entwicklungsl\u00e4nder ein. <\/p>\n<p class=\"content-element base bodyText font-serif hangingCap\">Doch auch dieser Internationalismus nahm zunehmend staatsorientierte Formen an und gipfelte in der Beteiligung Algeriens an der Gr\u00fcndung der Organisation erd\u00f6lexportierender L\u00e4nder (OPEC). Dem OPEC-Kartell gelang es, die Weltwirtschaft durch Manipulation der Roh\u00f6lpreise zu l\u00e4hmen, was unbeabsichtigt eine rasante Ausbreitung des Neoliberalismus im sich auf einmal deindustrialisierenden Westen ausl\u00f6ste, der sich jedoch schnell auf die Dritte Welt und den kommunistischen Block ausweitete.<\/p>\n<p class=\"content-element base bodyText font-serif hangingCap\">Die Algerische Revolution war von zentraler Bedeutung f\u00fcr die politische Landschaft der Mitte des 20. Jahrhunderts. In ihrem Rahmen spielten sich die Dynamiken der Entkolonialisierung und des Kalten Krieges in einem sichtbaren Spektakel ab. Geografisch an der Schnittstelle zwischen Europa, Afrika und dem Nahen Osten gelegen und politisch zwischen dem kommunistischen und dem kapitalistischen Weltordnungssystem positioniert, \u00fcbertraf Algeriens internationaler Status bei weitem das, was man von einem vom Krieg zerr\u00fctteten Land mit einer so kleinen und verarmten Bev\u00f6lkerung erwarten konnte.<\/p>\n<p class=\"content-element base bodyText font-serif hangingCap\">Obwohl es in den letzten Jahrzehnten aus dem globalen Rampenlicht verschwunden ist, bleibt es sowohl in Bezug auf seine Infrastruktur als auch seine Kultur einer der modernsten Staaten der arabischen Welt. Der Kampf Algeriens war lang und hart, aber deshalb nicht weniger heroisch.<\/p>\n<p>Robert Maisey ist Aktivist der Labour Party und Vertrauensmann der Eisenbahnergewerkschaft RMT. Zwischen den Z\u00fcgen lehrt er an der Birkbeck University \u00fcber das kurze 20. Jahrhundert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Algerien zeigt sich heute der Welt gegen\u00fcber verschlossen und misstrauisch. 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