{"id":54654,"date":"2025-04-23T12:02:18","date_gmt":"2025-04-23T12:02:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/54654\/"},"modified":"2025-04-23T12:02:18","modified_gmt":"2025-04-23T12:02:18","slug":"das-buch-zum-untergegangenen-leitmedium-fernsehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/54654\/","title":{"rendered":"Das Buch zum untergegangenen Leitmedium Fernsehen"},"content":{"rendered":"<p>Andreas Maier zeigt in \u201eDer Teufel\u201c wie D\u00e4monisierung funktioniert<br \/>\nVon <a href=\"https:\/\/literaturkritik.de\/public\/mitarbeiterinfo.php?rez_id=2335\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Martina Wagner-Egelhaaf<\/a><a href=\"https:\/\/literaturkritik.de\/rss\/ma\/2335\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" height=\"16\" border=\"0\" alt=\"RSS-Newsfeed neuer Artikel von Martina Wagner-Egelhaaf\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/rss.gif\" style=\"vertical-align:bottom;margin-left:5px;\"\/><\/a><br \/>\n <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"vgw-img\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/ab3051cd1343423d82cbfcf80ff4fdef.gif\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><br \/>\n<a class=\"icon\" href=\"#biblio\">Besprochene B\u00fccher \/ Literaturhinweise<\/a><\/p>\n<p class=\"rez\">Wer die bisherigen neun B\u00e4nde von Andreas Maiers 2010 einsetzender autofiktionaler Romanserie Ortsumgehung gelesen hat, durfte gespannt sein auf Band 10 mit dem Titel Der Teufel. Mit gro\u00dfer Konsequenz hat Maier bislang sein elfb\u00e4ndiges Projekt umgesetzt, das von der Kindheit und der Jugend des Ich-Erz\u00e4hlers berichtet und das, so die Ank\u00fcndigung des Autors, mit Band 11 beim lieben Gott enden soll. Erz\u00e4hlt wird nicht nur die Geschichte einer Familie im hessischen Friedberg, erz\u00e4hlt wird zugleich ein St\u00fcck bundesdeutscher Geschichte, in dem die eigene Sozialisationsgeschichte lesen kann, wer in etwa der Generation des Autors angeh\u00f6rt. Komik und Witz gehen einher mit einem kritischen Blick auf Nichtbesprochenes und Tabuisiertes, auf Schuldzusammenh\u00e4nge der deutschen Geschichte, die in famili\u00e4re Kommunikations- und Sozialformen hineinwirken.&#13;<\/p>\n<p class=\"rez\">Der Teufel, titelgebender Bezugspunkt von Band 10 der Ortsumgehung, ist die nicht eindeutig zu identifizierende Figur auf einer Bildtafel, die dem jugendlichen Ich-Erz\u00e4hler beim Besuch der Friedberger Stadtkirche von einer Frau mit Pagenschnitt, die den F\u00fcnfzehnj\u00e4hrigen bezeichnenderweise \u201eaus der Buchhandlung\u201c kennt, gezeigt wird, eine Figur, der eine Hand, die ebenfalls nicht klar bestimmbar ist \u2013 ist es eine menschliche Hand oder Gottes Hand? \u2013 offensichtlich Einhalt gebietet. Jahre sp\u00e4ter, als die Bildtafeln restauriert werden, erh\u00e4rtet sich der Teufelsbefund nicht und wird vom mit der Restaurierung befassten Kunsthistoriker eher als heiliger Sebastian identifiziert: \u201eDer Teufel wurde meiner Kenntnis nach nie auf diesen Tafeln in Friedberg dargestellt\u201c . Nichts Genaues wei\u00df man freilich nicht, und so wird der Friedberger Teufel zu einer epistemischen Position, die mit ihrem Gegenpart, dem lieben Gott, die ganze Erz\u00e4hlung rahmt, denn: \u201eDer Teufel und der liebe Gott sehen zu, wie die Familie ins neue Haus zieht\u201c, und am Ende steht die Frage, was der Teufel und der liebe Gott \u201edamals \u00fcber mich, was \u00fcber uns ausgew\u00fcrfelt\u201c haben. Es geht um ,gut\u2018 und ,b\u00f6se\u2018, darum, wie die Welt dem Kind und dem Heranwachsenden als in die Guten, die im sog. Westen lebten, und die B\u00f6sen, die im Osten, eingeteilt erschien und man nat\u00fcrlich selber auf der Seite der Guten stand. Die Medien, insbesondere das Fernsehen, das bereits im Krankenzimmer des Kindes den \u201eBlauen Bock\u201c ausstrahlte und sp\u00e4ter mit der Tagesschau die Welt sortierte, werden als Wahrheitsmodellierer gezeigt, die Informationen so lange bearbeiten, bis sie in das duale Schema des Entweder \u2013 Oder passen. Der Einmarsch der USA nach Panama, der Irak-Krieg und die D\u00e4monisierung Saddam Husseins, aber auch die f\u00fcr das deutsche Fernsehpublikum zun\u00e4chst v\u00f6llig un\u00fcbersichtlichen Fronten im Jugoslawienkrieg bringen das auf den Pfeilern von gut und b\u00f6se aufgebaute Weltbild ins Wanken \u2013 so wie auch v\u00f6llig unklar ist, ob der Teufel auf der Bildtafel in der Friedberger Stadtkirche nicht doch ein Heiliger ist und man sich letztlich auch der eigenen Position nicht mehr sicher sein kann. Eine Traumszene, in der der Ich-Erz\u00e4hler einen Mord begeht und das Opfer unter dem elterlichen Rosenbeet entsorgt, ist hier mehr als symbolisch.&#13;<\/p>\n<p class=\"rez\">Erscheint die Botschaft der medialen Vereindeutigung und deren Kritik vielleicht allzu didaktisch, ist es doch einmal mehr die Raumerfahrung, die der gleichfalls ambigen Raummetaphorik der Ortsumgehung im Sinne eines Abschreitens, aber auch der Vermeidung eine weitere Dimension hinzuf\u00fcgt. Ausgehend von Das Zimmer (Band 1) \u2013 gemeint ist das Zimmer des in allen B\u00e4nden wiederkehrenden Onkel J., der in seiner Beeintr\u00e4chtigung \u201emit einem Fu\u00df im Paradies geblieben ist\u201c (Das Zimmer, 11) und der in Der Teufel als \u201edie einzige wahre Person im Raum\u201c (216) beschrieben wird \u2013 \u00fcber Das Haus (2011), Die Stra\u00dfe (2013) , Der Ort (2015), Der Kreis (2016) etc. zieht die Ortsumgehung immer gr\u00f6\u00dfere Kreise, die nun in Band 10 den un\u00fcbersichtlichen und unwahren Medienr\u00e4umen ein architektonisches Raumerlebnis des F\u00fcnfzehnj\u00e4hrigen in der Friedberger Stadtkirche gegen\u00fcber stellen:&#13;<\/p>\n<blockquote><p>&#13;<\/p>\n<p class=\"rez\">Es war eine Decke, ein Dach, die Unterseite eines solchem, aber obgleich es abdeckte, wuchs es doch nach oben und irgendwie himmelw\u00e4rts.&#13;<\/p>\n<p class=\"rez\">[\u2026]&#13;<\/p>\n<p class=\"rez\">Schon der seltsame Schummer, der einen umflorte, wenn man durch das Westwerk eingetreten war: So weitr\u00e4umig verteiltes und \u00fcberall verschwindendes Licht in einem so gro\u00dfen Raum mit so zahlreichen Fenstern! Ich schaute unwillk\u00fcrlich nach oben, weil meine Augen dorthin gezogen wurden. Alles zog sie nach oben. Was war das? \u2013 da\u00df etwas deinen Blick nach oben zieht? \u2013 Magie?<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"rez\">Mehr als in den fr\u00fcheren B\u00e4nden r\u00fccken die Referenzen auf das eigene Schreibprojekt in den Vordergrund. Der Zeitpunkt des Schreibens an Der Teufel wird mit der baldigen Fertigstellung der Umgehungsstra\u00dfe, dem zentralen Motiv der Ortsumgehung,in Verbindung gebracht (98), die Zeichenzahl des \u201evorliegende[n] Text[s|\u201c mit einem Siebtel der Toten im Irak-Krieg verrechnet, die Buchstaben und Satzzeichen der ersten acht B\u00e4nde Ortsumgehung entsprechen der Zahl der im Irak aufmarschierten Soldaten auf beiden Seiten der Front. So zeichnet sich allm\u00e4hlich die Poetik dieses ,wahnsinnigen\u2018 Projekts ab, die im Medium der Schrift Raum und Zeit verschr\u00e4nkt. Wie die B\u00e4nde der Ortsumgehung zwischen den Zeiten und den R\u00e4umen springen und sie auf diese Weise verbinden, macht sich eine Raum und Zeit \u00fcberw\u00f6lbende \u201eEwigkeitsanmutung\u201c geltend, die gerade in der Verr\u00e4umlichung der Zeit und der Verzeitlichung des Raums zum Motiv wird.<\/p>\n<p><a name=\"biblio\"\/><\/p>\n<tr>\n<td height=\"1\" bgcolor=\"#FF9900\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/spacer.gif\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\"\/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\">\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td height=\"1\" bgcolor=\"#FF9900\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/spacer.gif\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\"\/><\/td>\n<\/tr>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Andreas Maier zeigt in \u201eDer Teufel\u201c wie D\u00e4monisierung funktioniert Von Martina Wagner-Egelhaaf Besprochene B\u00fccher \/ Literaturhinweise Wer die&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":54655,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-54654","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114387179577516898","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/54654","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=54654"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/54654\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/54655"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=54654"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=54654"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=54654"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}