{"id":547932,"date":"2025-11-03T14:48:16","date_gmt":"2025-11-03T14:48:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/547932\/"},"modified":"2025-11-03T14:48:16","modified_gmt":"2025-11-03T14:48:16","slug":"filmfestival-dok-leipzig-2025-film-mit-wermutstropfen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/547932\/","title":{"rendered":"Filmfestival \u2013 DOK Leipzig 2025: Film mit Wermutstropfen"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img313530\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/313530.jpeg\" alt=\"Der Systemwechsel hat Spuren in der Landschaft und den K\u00f6pfen hinterlassen. Szene aus \u00bbWei\u00dfer Rauch \u00fcber Schwarze Pumpe\u00ab von Martin Gressmann\"\/><\/p>\n<p>Der Systemwechsel hat Spuren in der Landschaft und den K\u00f6pfen hinterlassen. Szene aus \u00bbWei\u00dfer Rauch \u00fcber Schwarze Pumpe\u00ab von Martin Gressmann<\/p>\n<p>Foto: DOK Leipzig<\/p>\n<p>Einen (guten) Dokumentarfilm zu machen, ist nicht unbedingt leicht. Man muss daf\u00fcr aber weder weit reisen, noch sich in ein fremdes Soziotop wagen \u2013 die eigene Familie gibt schon genug Stoff her, an dem man sich abarbeiten kann. Es verwundert also nicht, dass auf dem diesj\u00e4hrigen \u00bbDOK Leipzig\u00ab (27. Oktober bis 2. November) wieder einmal viele Familienfilme gezeigt wurden. Laura Coppens etwa besch\u00e4ftigte sich in \u00bbSedimente\u00ab mit der Biografie ihres Gro\u00dfvaters, der als Arzt in der DDR mit der Stasi zusammenarbeitete. Seine Gro\u00dfmutter, die nach Jahrzehnten harter Gastarbeit wieder in ihr Heimatland Italien zog, portr\u00e4tiert Vincent Graf in \u00bbNonna\u00ab.<\/p>\n<p>In \u00bbA Scary Movie\u00ab nimmt Sergio Oksman seinen zw\u00f6lfj\u00e4hrigen Sohn Nuno, der gerade begonnen hat, sich f\u00fcr Horrorfilme zu interessieren, mit in ein verlassenes Lissaboner Hotel. Dort stellen die beiden Szenen aus Stanley Kubricks Klassiker \u00bbShining\u00ab (1980) nach. Es entsteht so eine humorvolle Reflexion auf das Horrorgenre. Oksmans Film fragt: M\u00fcssen wir die Gespenster nicht eigentlich im Allt\u00e4glichen suchen? In \u00bbThe Red Moon Eclipse\u00ab verwebt Caroline Guimbal filmisch das Leben ihrer Mutter, die unheilbar an Krebs erkrankt ist, mit ihrer eigenen Schwangerschaft. Ein ber\u00fchrender Film mit Wermutstropfen: Allzu sehr wird hier suggeriert, dass die Krankheit der Mutter auf Existenz\u00e4ngste und Gewalterfahrungen in einem patriarchalen System zur\u00fcckgeht.<\/p>\n<p>Die Familienthematik ist nicht die einzige, die sich aus dem Wettbewerbsprogramm des Festivals als Schwerpunkt herauskristallisierte. Einen weiteren bildeten etwa Filme, die Tiere, Artensterben und den Raubbau des Menschen an der Natur zum Gegenstand hatten. Nikolaus Geyrhalter zum Beispiel ist f\u00fcr seinen Film \u00bbMelt\u00ab an verschiedene Orte rund um den Globus gefahren, die (noch) ganzj\u00e4hrig von Schnee bedeckt sind, und hat mit den dort lebenden Menschen gesprochen.<\/p>\n<p>Serge-Olivier Rondeau hat einen Film, \u00bbThe Inheritors\u00ab, \u00fcber eine der weltweit gr\u00f6\u00dften Ringschnabelm\u00f6wen-Kolonien gedreht. Und Terra Long hat im Film \u00bbBAEA\u00ab den Alltag in einer Tierauffangstation in Kanada eingefangen. Das Thema Artensterben lie\u00df sich sogar im Bereich Animation finden: Der dreimin\u00fctige Essayfilm \u00bbEX-tract\u00ab mit tuschegezeichneten Tieren von Marcel Barelli erinnerte die Zuschauenden daran, dass die Menschheit \u00e4u\u00dferst vergesslich ist. Werden zuk\u00fcnftige Generationen, fragt Barelli, \u00fcberhaupt ausgestorbene Tierarten betrauern, wenn sie ihnen nie selbst begegnet sind?<\/p>\n<p>F\u00fcr die Leserinnen und Leser von \u00bbnd\u00ab d\u00fcrfte neben dem oben erw\u00e4hnten Film \u00bbSedimente\u00ab noch ein anderer im Wettbewerb gezeigter Film von besonderem Interesse sein: \u00bbWei\u00dfer Rauch \u00fcber Schwarze Pumpe\u00ab von Martin Gressmann. Er zeigt Aufnahmen eines alten Films, den Peter Badel und Dieter Chill in den Jahren 1990 und 1991 gedreht hatten, im Wechsel mit neueren Aufnahmen aus den Jahren 2019 bis 2025, die von Gressmann und Badel stammen. Es geht um das Leben in der und um die Lausitzer Kleinstadt Schwarze Pumpe, mittlerweile Ortsteil der brandenburgischen Stadt Spremberg. Nach dem Ende der DDR wurde hier die Braunkohleindustrie abgewickelt, Zehntausende verloren ihre Arbeitspl\u00e4tze. Wie geht es nun weiter?<\/p>\n<p>In den alten Aufnahmen kommen viele unterschiedliche Menschen aus der Region zu Wort. Manche sind verzweifelt, manche desillusioniert und gleichg\u00fcltig, andere hoffnungsvoll und pragmatisch. Drei Jahrzehnte sp\u00e4ter k\u00f6nnen einige von ihnen Auskunft dar\u00fcber geben, wie es ihnen ergangen ist. Und die neueren Aufnahmen zeigen, dass der Systemwechsel Spuren in der Landschaft und den K\u00f6pfen hinterlassen hat.<\/p>\n<p>Dass DOK Leipzig experimentierfreudig bleibt, zeigte sich in diesem Jahr etwa an der ersten intensiven Zusammenarbeit mit einem anderen Filmfestival. Im Rahmen einer Hommage an das international wandernde Festival \u00bbPunto y Raya\u00ab, das sich dem abstrakten Animationsfilm verschrieben hat, wurden in Leipzig Filme aus dessen Programm gezeigt. So viele psychedelische Bilder gab es in Leipziger Kinos\u00e4len vielleicht noch nie.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>&#13;<\/p>\n<p>So viele psychedelische Bilder gab es in Leipziger Kinos\u00e4len noch nie.<\/p>\n<p>&#13;\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Freilich geh\u00f6ren solche Filmreihen eher nicht zur Kulturindustrie, die die Massen anzieht. Dass sie und viele andere k\u00fcnstlerisch anspruchsvolle Filme \u00f6ffentlich gezeigt werden k\u00f6nnen, verdankt das DOK-Filmfestival auch seiner Finanzierung durch \u00f6ffentliche Gelder. Der gr\u00f6\u00dfte Teil des Budgets kommt vom Freistaat Sachsen und von der Stadt Leipzig. Doch wie sicher ist diese Finanzierung in der Zukunft? Dar\u00fcber, unter anderem, diskutierten Christoph Terhechte und Ola Staszel im Rahmen eines offenen Podiumsgespr\u00e4chs am vergangenen Donnerstag.<\/p>\n<p>Der Journalist und Filmkritiker Terhechte ist scheidender Leiter des DOK-Filmfestivals. 2020 hatte er die Leitung \u00fcbernommen, nun \u00fcbergibt er den Posten aus gesundheitlichen Gr\u00fcnden zwei Jahre fr\u00fcher als geplant. Seine designierte Nachfolgerin, die geb\u00fcrtige Polin Aleksandra \u00bbOla\u00ab Staszel, ist studierte Filmwissenschaftlerin und leitete bislang das Nei\u00dfe-Filmfestival im Dreil\u00e4ndereck Tschechien-Polen-Deutschland. Sie sieht Leipzig als Verbindungstor zwischen Ost- und Westeuropa und betonte, dass sie das Osteuropa-Programm des Festivals, das Terhechte ausgebaut hatte, weiterhin st\u00e4rken wolle.<\/p>\n<p>Staszel muss sich, wie im Gespr\u00e4ch und der anschlie\u00dfenden Diskussion mit dem Publikum deutlich wurde, auch gro\u00dfen Herausforderungen stellen. So sah der s\u00e4chsische Doppelhaushalt 2025\/2026 vor, 22 Prozent des Festivaletats zu streichen \u2013 ein Schritt, der wegen Protesten im Landtag und des Festivals dann doch nicht realisiert wurde. Wie werde es aber erst sein, wenn die AfD mitregiere, fragt ein Zuh\u00f6rer. Die Sorge ist berechtigt: Schlie\u00dflich d\u00fcrfte die Partei wenig Interesse an der Aufrechterhaltung eines Festivals haben, das sich schon allein durch sein Programm klar gegen nationalistische und konservative Werte positioniert.<\/p>\n<p>Ola Staszel, gerade erst als neue Leitung best\u00e4tigt, konnte in Bezug auf diese Problematik noch keinen \u00fcberzeugenden Plan vorlegen. Sie verwies auf die Filmfestivalbranche in den USA, wo es mehr M\u00f6glichkeiten als in Europa gebe, sich von der Privatwirtschaft finanzieren zu lassen. Sponsoren, M\u00e4zenatentum, Charity \u2013 w\u00e4re das auch was f\u00fcrs DOK Leipzig? F\u00fcr Terhechte ist das keine L\u00f6sung. Er betont, wie wichtig es sei, mit den anderen s\u00e4chsischen Filmfestivals gemeinsam vor der Politik beziehungsweise den \u00f6ffentlichen Geldgebern aufzutreten.<\/p>\n<p>Ein Zuh\u00f6rer \u00e4u\u00dfert sich vehement zustimmend: Aus progressiver Sicht m\u00fcsse f\u00fcr \u00f6ffentliche F\u00f6rderung gestritten werden. Kultur sei genauso wichtig wie die Feuerwehr oder das Stra\u00dfenverkehrsnetz. Das ist richtig \u2013 wobei es nat\u00fcrlich darauf ankommt, welche Kultur gemeint ist. Wenn es darum gehen soll, Leipzig und Sachsen insgesamt als Orte zu erhalten, die von lebhafter demokratischer Diskussion und kultureller Teilhabe aller Bev\u00f6lkerungsteile gepr\u00e4gt sind, an denen soziale Gerechtigkeit einen Stellenwert hat und Menschen verschiedenen Geschlechts, verschiedener Herkunft und verschiedenen Alters unversehrt miteinander leben k\u00f6nnen, w\u00e4re es fatal, DOK Leipzig die F\u00f6rderung zu entziehen \u2013 denn das Festival leistet hierf\u00fcr einen wichtigen Beitrag.<\/p>\n<p>Die Preise<\/p>\n<p><strong>Internationaler Dokumentarfilm:<\/strong><\/p>\n<p>Goldene Taube f\u00fcr den besten Langfilm: \u00bbPeacemaker\u00ab von Ivan Ramljak<\/p>\n<p>&#13;<br \/>\nGoldene Taube f\u00fcr den besten Kurzfilm: \u00bbAfter the Silence\u00ab von Matilde-Luna Perotti<\/p>\n<p>Silberne Taube (Nachwuchspreis) f\u00fcr den besten Langfilm: \u00bbElephants &amp; Squirrels\u00ab von Gregor Br\u00e4ndli<\/p>\n<p>&#13;<br \/>\nSilberne Taube f\u00fcr den besten Kurzfilm: \u00bbString Pieces\u00ab von Vatae Kimlee<\/p>\n<p><strong>Deutscher Dokumentarfilm:<\/strong><\/p>\n<p>Goldene Taube f\u00fcr den besten Langfilm: \u00bbActive Vocabulary\u00ab von Yulia Lokshina<\/p>\n<p>Goldene Taube f\u00fcr den besten Kurzfilm: \u00bbBoma a Bopa\u00ab von Jana Rothe<\/p>\n<p><strong>Internationaler Animationsfilm:<\/strong><\/p>\n<p>Goldene Taube f\u00fcr den besten Langfilm: \u00bbEndless Cookie\u00ab von Seth Scriver und Peter Scriver<\/p>\n<p>&#13;<br \/>\nGoldene Taube f\u00fcr den besten Kurzfilm: \u00bbParada\u00efz\u00ab von Matea Radic<\/p>\n<p><strong>Publikumswettbewerb:<\/strong><\/p>\n<p>\u00bbCutting Through Rocks\u00ab von Sara Khaki und Mohammedreza Eyni<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der Systemwechsel hat Spuren in der Landschaft und den K\u00f6pfen hinterlassen. Szene aus \u00bbWei\u00dfer Rauch \u00fcber Schwarze Pumpe\u00ab&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":547933,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1832],"tags":[3364,29,92,30,71,859],"class_list":{"0":"post-547932","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-leipzig","8":"tag-de","9":"tag-deutschland","10":"tag-film","11":"tag-germany","12":"tag-leipzig","13":"tag-sachsen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/115486321074058609","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/547932","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=547932"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/547932\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/547933"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=547932"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=547932"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=547932"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}