{"id":550537,"date":"2025-11-04T15:10:15","date_gmt":"2025-11-04T15:10:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/550537\/"},"modified":"2025-11-04T15:10:15","modified_gmt":"2025-11-04T15:10:15","slug":"stilgeschichte-geschmack-ist-eine-der-besten-ideen-die-europa-hervorgebracht-hat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/550537\/","title":{"rendered":"Stilgeschichte: \u201eGeschmack ist eine der besten Ideen, die Europa hervorgebracht hat\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Ist Geschmack die beste Erfindung, die Europa in den letzten drei Jahrhunderten hervorgebracht hat? Ja, glaubt der Historiker Ulrich Raulff. In seinem Buch \u201eWie es euch gef\u00e4llt\u201c zeigt er, wie man zum \u201eTastemaker\u201c wird.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Was Geist ist, meint Adorno, wird klar, sobald man mit geistlosen Leuten zu tun hat. \u00c4hnlich der Geschmack. Die unwiderstehliche Macht des Geschmacks zeigt sich, sobald man mit Geschmacklosigkeit konfrontiert wird. Geist oder Geschmack: Wer \u00fcber diese sph\u00e4rischen Dinge schreibt, exponiert sich als einer, der beansprucht, souver\u00e4n dar\u00fcber zu verf\u00fcgen, selbst geist- bzw. geschmackvoll zu sein. Wer dieses Risiko meistert, hat ein glanzvolles Buch geschrieben. Das ist Ulrich Raulff gelungen, dessen Geschichte des Geschmacks sich liest, als sei sie aus einem urbanen Franz\u00f6sisch \u00fcbertragen. Dass die W\u00fcrdigung von Roland Barthes\u2019 Theorie der Nuance am Ende steht, ist schl\u00fcssig.<\/p>\n<p>Es sind mindestens vier kluge Entscheidungen, die neben der aphorismenges\u00e4ttigten Prosa die Gelungenheit des Buches sichern: Raulff widersteht erstens der Versuchung, eine Verfallsgeschichte zu schreiben. Wer sich nach Corona durch die Fifth Avenue quetscht, wird keineswegs Givenchy-Ladies erblicken, die mit Audrey Hepburn mithalten k\u00f6nnten, deren Epiphanie zu Beginn von \u201eFr\u00fchst\u00fcck bei Tiffany\u201c das Buch als Ikone guten Geschmacks er\u00f6ffnet. Es gibt vielmehr Grausiges zu sehen, prall gef\u00fcllte Leggings, vom Ges\u00e4\u00df rutschende Jogginghosen \u2013 Midtown als gigantisches Homeoffice und Am\u00fcsiermeile; der Schlips wurde atavistisches Alleinstellungsmerkmal, Camp zur entfesselten Schlamperei. Church\u2019s gibt\u2019s nicht, nur Flipflops an schrundigen Extremit\u00e4ten. Auf die Einladung zur Weltklage antwortet Raulff gelassen mit Shakespeares Kom\u00f6die: Wie es euch gef\u00e4llt. <\/p>\n<p>Raulff bietet eine \u201eflache\u201c Theorie des Geschmacks, entwickelt aus der Unterscheidung zwischen M\u00f6gen und nicht-M\u00f6gen. Er richtet nicht, er flaniert von Winckelmann zu Vivienne Westwood, von der Pompadour zu Punk, vom Palais Royal zu den Sex Pistols, von Watteau zu Tracy Emins skandal\u00f6ser Installation \u201eMy Bed (My Bad)\u201c: \u201eKunst kennt keinen Tatortreiniger.\u201c Gefallen und Missfallen: Raulff zeichnet eine feine Ph\u00e4nomenologie der durch sublimierte Kindheitserfahrungen gepr\u00e4gten Grundimpulse. Ein heute 60-J\u00e4hriger mag Vintage-Teakm\u00f6bel auch, weil er 1970 als Kleinkind darunter mit Matchbox-Autos spielte.<\/p>\n<p>Der sinnliche Ansatz material\u00e4sthetischer Studien \u2013 Geschmack ist Zungengeschmack, Schaulust, Tastwunsch \u2013 bestimmt den Parcours durch die Theoriedebatten, der, und das ist die zweite Ma\u00dfnahme, nie staubig ger\u00e4t: Winckelmann lehrt, dass wir uns nackt mit fl\u00fcssigem Gips \u00fcbergie\u00dfen m\u00fcssen, um einen Marmorgott zu verstehen, Burke entwickelt seine \u00c4sthetik als sexuell geladener 23-J\u00e4hriger, der greise Diderot vermisst seinen alten Hausrock, f\u00fchlt sich in dem geschmackvoll neuen, den ihm eine adlige Verehrerin schenkt, wie eine Kleiderpuppe, <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article249375056\/Kant-und-sein-Diener-Ein-Holzkopf-bist-du.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article249375056\/Kant-und-sein-Diener-Ein-Holzkopf-bist-du.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kant<\/a> exorziert die Verf\u00fchrungen des platonischen Symposions, indem er nur zum Abendessen einl\u00e4dt und den Einbruch des sch\u00f6nen Alkibiades durch Lampes Dienste ersetzt. <\/p>\n<p>Bei Raulff bleibt pr\u00e4sent, dass Geschmack Sehnsucht ist: \u201eGeschmack liebt die Materie und ist doch von anderer Natur; er ist liminaler Art\u201c, Grenzg\u00e4nger zwischen Seele und Leib, instabil, anf\u00e4llig f\u00fcr die allm\u00e4chtige Trias von Markt, Gesch\u00e4ft und Geld, Shopping-Trigger und Stimulanz sensitiver Philosophien, Figur des Verlangens und \u201eStreithammel der Ideengeschichte\u201c, der die Kritik als Genre mitproduziert, weil sich endlos zanken l\u00e4sst, sinnlos und sinnvoll zugleich.<\/p>\n<p>Wie kommt es, und die Antwort bildet die dritte Linie des Buches, zu Verdichtungen des Geschmacks, zu Trends und Stilen, wie entstehen die Tastemaker von Addison \u00fcber Wedgwood bis Jacqueline Kennedy? Eine der Antworten, die Raulff gibt, besteht in der evolutionstheoretischen Deutung des transkulturellen Copy-and-paste: Materialien, Formen, Ornamente finden aus Fernost nach Europa, werden imitiert. Es kommt zu Mutationen, auch durch Fehler. Neues entsteht, das auf die Ursprungsl\u00e4nder zur\u00fcckwirkt. An Schnittstellen komplexer Transfergeschichten stehen zuweilen Individuen wie Thomas Jefferson, der \u2013 als Architekt passionierter denn als Politiker \u2013 den Klassizismus in die Neue Welt transferiert und den antiken Tempel zum Plenarsaal umfunktioniert.<\/p>\n<p>Die Spannung zwischen Shaftesbury und Shopping, Verlangen und Fragonard ern\u00fcchtert dieses Buch. Denn, und darin besteht die vierte Kardinalma\u00dfnahme des Historikers, Raulff zelebriert seine Geschmacksgeschichte nicht als Ideengeschichte, sondern erdet sie k\u00fchl im Sinne des material turn, beschreibt Geschmack als Effekt auch harter Wirtschaftsinteressen und politischer Krisen, von der Sattelzeit zur Sesselzeit: Die alten Meister gelangen nach England, weil die franz\u00f6sischen Adligen sie nach der Revolution von 1789 dorthin verkaufen m\u00fcssen, die Farbexplosion des 19. Jahrhunderts ist Produkt moderner Chemie mit ihren Anilinfarben, England f\u00f6rdert in Konkurrenz mit Frankreich massiv Arts and Crafts, etabliert sich als dominierende Geschmacksnation auf der Londoner Weltausstellung von 1851. <\/p>\n<p>Eine Geschichte des Geschmacks ist auch eine Geschichte der Gewalt, wie sich exemplarisch am Kapitel \u00fcber die englischen Blumeng\u00e4rten zeigt, deren \u00fcppiger Bestand ein Archiv der vom Empire unterworfenen L\u00e4nder des Globus bildet. Die bis heute erfolgreichen floralen Ornamente der Designs von William Morris sind auch Ausdruck eines \u201e\u00e4sthetischen Imperialismus\u201c. Gewaltges\u00e4ttigte Transnationalit\u00e4t gilt selbst f\u00fcr deutsche Bauerng\u00e4rten: Dahlien kommen aus Mexiko, Sonnenblumen aus Nordamerika, Fuchsien von Tahiti, Geranien aus dem s\u00fcdlichen Afrika. <\/p>\n<p>Geschmack ist wohl \u201eeine der besten Ideen, die die Europ\u00e4er in den letzten drei Jahrhunderten gehabt\u201c haben. Ihren Umriss zeichnet Raulff im Lichte von Max Ernsts Kunstwerk \u201eEuropa nach dem Regen\u201c faszinierend nach, ohne ihren Schatten zu tilgen. <\/p>\n<p>Ulrich Raulff: Wie es euch gef\u00e4llt. Eine Geschichte des Geschmacks. C.H. Beck, 480 Seiten 36 Euro<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ist Geschmack die beste Erfindung, die Europa in den letzten drei Jahrhunderten hervorgebracht hat? 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