{"id":551202,"date":"2025-11-04T21:15:21","date_gmt":"2025-11-04T21:15:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/551202\/"},"modified":"2025-11-04T21:15:21","modified_gmt":"2025-11-04T21:15:21","slug":"ausstellung-strassennamen-in-berlin-wer-darf-geschichte-erzaehlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/551202\/","title":{"rendered":"Ausstellung \u2013 Stra\u00dfennamen in Berlin: Wer darf Geschichte erz\u00e4hlen?"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img313597\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/313597.jpeg\" alt=\"Nach der Wende wurden in Ostberlin zahlreiche Stra\u00dfen umbenannt.\"\/><\/p>\n<p>Nach der Wende wurden in Ostberlin zahlreiche Stra\u00dfen umbenannt.<\/p>\n<p>Foto: picture-alliance\/ZB\/Jan Bauer<\/p>\n<p>\u00bbStra\u00dfennamen stehen f\u00fcr den Willen, bestimmte Personen, Orte oder Ereignisse als besonders erinnerungsw\u00fcrdig hervorzuheben\u00ab, verk\u00fcndet die erste Tafel der Ausstellung \u00bbumbenennen?!\u00ab im Bezirksmuseum Marzahn-Hellersdorf. Ein n\u00fcchterner Satz, der zugleich Erkenntnis und Problem ist. Denn wer bestimmt, was \u00bberinnerungsw\u00fcrdig\u00ab ist?<\/p>\n<p>Das Museum widmet sich in der speziell f\u00fcr Marzahn-Hellersdorf erweiterten Ausstellung \u00fcber Stra\u00dfenumbenennungen in Berlin einem Jahrhundert autorit\u00e4rer Machtfantasien am Stadtrand. Sie zeigt, wie Ideologien durch Stra\u00dfennamen sichtbar werden und wie Herrschaft sich in Schildern und Karten einritzt. Marzahn-Hellersdorf wirkt dabei als ideales Spielfeld, schlie\u00dflich ist es Traum und Albtraum zugleich. Doch wie all die gro\u00dfen Strategen redet auch die Ausstellung meist an der Bev\u00f6lkerung schlichtweg vorbei.<\/p>\n<p>Die Geschichte entfaltet sich in zwei S\u00e4len und vier Kapiteln: Eingemeindung, Nationalsozialismus, DDR und Wiedervereinigung. <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1193532.strassenumbenennung-hunderte-feiern-die-anton-wilhelm-amo-strasse-in-berlin.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Aktuelle Debatten <\/a>werden dabei nur am Rand erw\u00e4hnt. Jedes Zeitalter hat seine Umbenennungen, seine L\u00f6schungen und seine Held*innen, die mal zu Vorbildern, mal zu Unpersonen werden. So erf\u00e4hrt man etwa, dass in Kaulsdorf einst eine Stra\u00dfe <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1190498.ferdinand-lassalle-ein-charmanter-galanter-arbeiterfuehrer.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">nach dem Sozialisten Ferdinand Lassalle<\/a> benannt war, bis die Nationalsozialisten sie nach einem deutschnationalen Lokalpolitiker umtauften. Sp\u00e4ter kam die DDR, und mit ihr kehrten Sozialisten und antifaschistische K\u00e4mpfer zur\u00fcck auf die Stra\u00dfenschilder.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfen Tafeln und kleinen Videoinstallationen f\u00fchren durch eine Geschichte voller Widerspr\u00fcche. Besonders eindr\u00fccklich ist der Abschnitt \u00fcber den Bau der Platte in den 1970er und 1980er Jahren, als aus der verschlafenen Vorstadt die \u00bbsozialistische Wohnstadt\u00ab wurde.<a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1189972.der-osten-von-berlin-marzahn-hellersdorf-gutes-leben-in-der-platte.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> Der neue Stadtteil<\/a> erhielt Namen jener, die diesen Traum zur Wirklichkeit machen sollten: etwa Allee der Kosmonauten und Maxim-Gorki-Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>Leerstellen in der Erz\u00e4hlung<\/p>\n<p>Zugleich zeigt die Ausstellung, wie die DDR-F\u00fchrung nach und nach versuchte, das Erbe des Kaiserreichs aus dem \u00f6ffentlichen Raum zu tilgen, und blickt dabei \u00fcber Namen und Bezirksgrenzen hinaus. Als Beispiel nennt sie den Abriss des Berliner Schlosses, das den neuen sozialistischen Vorstellungen weichen musste.<\/p>\n<p>Doch hier liegt eine Schwachstelle: Nicht erw\u00e4hnt wird, dass das Schloss durch den Krieg bereits schwer besch\u00e4digt war. Und ebenso fehlt <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1184095.ddr-erbe-palast-der-republik-dem-ziel-ein-stueck-naeher.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">die Geschichte des Palasts der Republik<\/a>, sein Abriss, <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1190666.berliner-stadtschloss-eine-art-kulturkampf-in-der-architektur.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">der Wiederaufbau des Schlosses<\/a> \u2013 das alles bleibt unerz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>So erscheint die Wiedervereinigung in der Ausstellung wie ein Aufwachen aus einem Albtraum. Lapidar hei\u00dft es: \u00bbViele Stra\u00dfen erhielten einfach ihren alten Namen zur\u00fcck.\u00ab Am Rande werden kleinere Konflikte erw\u00e4hnt, doch der damals schon aufkommende Trend, Symbole des Kaiserreichs wiederzubeleben, bleibt au\u00dfen vor. Zwischen den Zeilen entsteht dabei ein vertrautes Narrativ: Die Diktaturen benannten ideologisch, die Demokratie benennt vern\u00fcnftig. Das klingt sch\u00f6n, ist aber vereinfacht und teils falsch. Denn auch heutzutage ist jede Benennung ein Akt der Deutungshoheit und gerade die Art, wie die Wiedervereinigung vollzogen wurde, war f\u00fcr viele Bewohner*innen<a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1194447.ddr-und-brd-wiedervereinigung-unmenschlicher-uebergang.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> alles andere als ein demokratischer Aushandlungsprozess<\/a>.<\/p>\n<p>Bewohner*innen kommen nicht zu Wort<\/p>\n<p>So sehr die Ausstellung die Mechanismen der Geschichte seziert, so sehr wiederholt sie sie im eigenen Format. Die derzeitigen Bewohner*innen kommen nicht zu Wort. Keine Stimme aus der Allee der Kosmonauten, kein Zitat aus den Plattenbauten, kein Streit an der Stra\u00dfenecke.<\/p>\n<p>Nur eine Pinnwand am Eingang l\u00e4dt Besucher*innen ein, selbst Vorschl\u00e4ge f\u00fcr neue Stra\u00dfennamen zu machen. Nach \u00fcber einem Monat h\u00e4ngen dort ein paar Namen, etwa Clara Zetkin und <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1134799.linke-geschichte-fuer-jede-ein-foto.html?\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Klaus Baltruschat<\/a>. Letzterer wurde 1997 in seinem Buchladen in Marzahn von einem Neonazi niedergeschossen, \u00fcberlebte und verstarb im Juli 2025 im Alter von 91 Jahren. Doch daf\u00fcr, dass sich die Ausstellung bereits ihrem Ende zuneigt, wirkt diese Form der Beteiligung auffallend leer.<\/p>\n<p>Wer darf Geschichte erz\u00e4hlen?<\/p>\n<p>Das Museum beh\u00e4lt damit seinen belehrenden Charakter: Es geht darum, zu lernen und zu reflektieren, nicht zu widersprechen. Eine P\u00e4dagogik der Distanz: freundlich und wohlmeinend, doch letztlich so hierarchisch wie die Umbenennungen, die sie untersucht. Zwischen den s\u00e4uberlich geh\u00e4ngten Schautafeln bleibt sp\u00fcrbar, <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1176139.erinnerungspolitik-memory-studies-erinnern-als-wissenschaft.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">dass Erinnerungspolitik in Deutschland<\/a> noch immer ein zentralistisches Gesch\u00e4ft ist. Die gro\u00dfen Deutungen kommen aus der Mitte, die lokalen Geschichten werden von anderen erz\u00e4hlt, aber selten von den Menschen selbst.<\/p>\n<p>Die Ausstellung erz\u00e4hlt viel: \u00fcber die b\u00e4uerlichen Stra\u00dfennamen der Nationalsozialisten, \u00fcber die DDR-F\u00fchrung, die mit neuen Stra\u00dfennamen ein Gef\u00fchl von Zusammengeh\u00f6rigkeit schaffen wollte. Doch sie verf\u00e4ngt sich in den Mechanismen, die sie kritisiert. Stra\u00dfenumbenennungen bleiben ein Herrschaftsinstrument und wer \u00fcber die Geschichte erz\u00e4hlen darf, ebenso.<\/p>\n<p>Die Fragen nach demokratischer Mitbestimmung \u00fcber den \u00f6ffentlichen Raum, nach Teilhabe und Geschichtshoheit bleiben offen. Vielleicht sollte eine Fortsetzung schlicht hei\u00dfen: \u00bbMitbestimmen?!\u00ab <\/p>\n<p class=\"wp-block-ppi-ndarticlecommet\">Genauso demokratisch wie die Ausstellung selbst sind auch die \u00d6ffnungszeiten: Montag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr. An einzelnen Sonntagen ist das Museum ebenfalls ge\u00f6ffnet, aktuelle Angaben dazu gibt es <a href=\"https:\/\/www.kultur-marzahn-hellersdorf.de\/bezirksmuseum-marzahn-hellersdorf\/ausstellungen\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.kultur-marzahn-hellersdorf.de\/bezirksmuseum-marzahn-hellersdorf\/ausstellungen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Nach der Wende wurden in Ostberlin zahlreiche Stra\u00dfen umbenannt. 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